21.01.1980

ATTENTATEMeisterhaft verwischt

War es ein jugoslawisches Killer-Kommando, das den Exilkroaten Milicevic ermordete? Es wäre ein Schlag gegen ein Stillhalteabkommen zwischen Bonn und Belgrad.
Wie immer, wenn der Exilkroate Nikola Milicevic ausging, ließ er Ehefrau Ljubica und die fünf Kinder im unklaren über Ziele, Absichten und Geschäfte. Gegen 16 Uhr, am Sonnabend vorletzter Woche, verließ er seine Wohnung in der Frankfurter Ostendstraße 12; zwei Stunden später tauchte er in dem jugoslawischen Restaurant "Osijek" auf.
Andere Gäste erinnern sich: Bis lange nach Mitternacht habe Nikola (Spitzname: "Beban") in dem Lokal mit Landsleuten geplaudert, Sprudel getrunken S.34 und wohl auch ein wenig gezockt. Dann sei er alleine, ohne Mantel in seinen hellblauen Mercedes gestiegen. Es war minus sechs Grad.
Zwischen 2.20 und 3 Uhr hörte ein Mieter des Wohnsilos in der Ostendstraße 12 kurz nacheinander drei Schüsse und dachte sich "nichts Besonderes dabei". Morgens um 8.45 Uhr fand ein Passant auf dem Parkplatz am Haus neben dem verschlossenen Mercedes die starr gefrorene Leiche des Nikola Milicevic, 42. Sechs Kugeln, Kaliber 7,65, wahrscheinlich abgegeben aus zwei verschiedenen Waffen, hatten den Körper durchsiebt.
Politisches Attentat oder High-noon im Alltag der Bahnhofszocker? Von wem, in wessen Auftrag der Mord geschah, blieb mysteriös bis zum Freitag vergangener Woche, als man "Beban" zu Grabe trug. Auffallend waren die Versuche von Staatsschützern, die Hintergründe ins Beiläufige zu reden: von "hohen Spielschulden" oder "Eifersucht als Motiv" wurde gesprochen, auch von "Rivalitäten unter Kroaten".
Doch Stjepan Bilandzic aus Köln, ein Führer der Exilkroaten in der Bundesrepublik, wußte es anders. Kampfgenosse Milicevic sei, wie schon so mancher Exilkroate vordem, "ein Opfer des jugoslawischen Geheimdienstes geworden". Und für diese Deutung spricht manches.
Hat Bilandzic recht und stand tatsächlich die Regierung des todkranken Marschalls Tito hinter den Schüssen im Frankfurter Ostend, wäre ein mühsam vereinbartes Friedensabkommen zwischen Bonn und Belgrad ausgerechnet in schärfster jugoslawischer Krisenzeit vom Geheimdienst "Udba" gebrochen worden.
Noch Anfang November hatte der Belgrader Innenminister Franjo Herljevic seinem bundesdeutschen Kollegen Gerhart Baum überschwenglich die Hand geschüttelt und weiteres Wohlverhalten der "Udba"-Leute in der Bundesrepublik versprochen: "Sie sehen, bitte schön, daß die mit Maihofer getroffenen Abmachungen strikt befolgt werden."
Auf westdeutschem Boden war vor zwei Jahren ein blutiger Krieg zwischen Exilkroaten und Belgrads Agenten ausgesetzt worden, der schon an die sechs Jahrzehnte währt. Seit ein selbständiger kroatischer Staat -- kurz in den vierziger Jahren im Schutze der Nazis erblüht -- wieder untergegangen ist, träumen etliche der rund drei Millionen Exilkroaten von der unabhängigen Republik Kroatien.
In Guerilla-Manier sprengten Kroaten, teils aus Westdeutschland eingeschleust, für diesen Traum Bahnlinien, Postämter und Strandcafes an der Adria in die Luft. Der jugoslawische Vizekonsul Edvin Zdovc wurde beim Abschließen seiner Garage erschossen. Jugoslawische Geheimagenten der "Udba" übten im Gegenzug Rache. Mal schwamm ein toter Kroate im Rhein, mal verblutete ein Geheimbündler vor seiner Wohnungstür, andere starben an Gift.
Während die Kroaten dem jugoslawischen Geheimdienst um die vierzig Morde allein in der Bundesrepublik anlasten, nennt eine Bilanz des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden 65 Tote -- aber auf beiden Seiten. Um des Killer-Krieges Herr zu werden, stockte das BKA sein Jugoslawen-Referat auf mehr als 50 Beamte auf.
Nikola Milicevic war in der Sicht des Bundeskriminalamtes ein "Spieler und Bankrotteur", der auch schon einmal wegen einschlägiger Aktivitäten gegen das Tito-Regime in Haft geriet. Im Mai 1978 -- gerade waren die mutmaßlichen Schleyer-Entführer Wagner, Boock, Mohnhaupt und Hofmann im Zagreber Hotel "Esplanade" von jugoslawischer Polizei verhaftet worden -klopften deutsche Kriminalbeamte zu später Stunde an Milicevics Frankfurter Tür und hielten ihm in einem Haftbefehl Anwürfe vor, die einem Telex aus Belgrad entnommen waren: Er habe einen Gesinnungsgenossen "mit 17 Zeitminen" nach Jugoslawien eingeschleust und den "Mord an einem Konsul in Frankfurt ... organisiert."
Noch sieben andere Exilkroaten, darunter Bilandzic, standen auf Belgrads Liste. Tito wollte sie im Austausch gegen das deutsche Terroristenquartett haben -- ein Handel, der dann freilich nicht lief.
Bonns Baum und der Kollege Herljevic versöhnten sich nach einer Phase beidseitiger Verstimmung wieder. Aber unterdessen -- da sind sich Fahnder sicher -- haben "Udba"-Leute die Emigranten-Zirkel der Kroaten in der Bundesrepublik infiltriert. Unter den rund 1500 aktiven Exilkroaten säßen heute "Verräter", so heißt es, die "ihre Spuren meisterhaft zu verwischen verstehen".
Gleichwohl geben sich die BKA-Männer vorsichtig. "Gefühlsmäßig und auch bei einigem Nachdenken", meint einer, "müßte man sagen, das waren Udba-Leute", doch: "Wir haben noch keine Beweise."
Für Frankfurter Kripo-Beamte deuten die großkalibrige Waffe, die kaltblütige Art der Ausführung und die "absolute Spurenlosigkeit" jedenfalls auf einen "geplanten, gezielten Mord".
Zweifelhaft erscheint BKA-Fahndern, daß ein Killer-Kommando mit Auftrag von oben unterwegs war; wahrscheinlicher ist ihnen, daß untergeordnete "Udba"-Leute aus dem Lager der Falken selbständig operiert haben. Die Kriminalisten wollen aber auch nicht ausschließen, daß rivalisierende Exilkroaten gerade jetzt, in jugoslawischer Notzeit, die Landsleute mit einem Mord provozieren und dem "Udba" die neue Greueltat unterschieben wollen -- Stimmungsmache für die Zeit nach Tito.
Kroatenführer Bilandzic ist sicher, daß Geld mit im Spiel ist. Auf Milicevics Kopf, sagt er, seien "100 000 Mark ausgesetzt" gewesen. In Karlsruhe habe er, Bilandzic, sich noch am Mittwoch letzter Woche mit dem Landsmann Jozo Sunko in einem Lokal getroffen und dabei erfahren, daß wieder einmal eine Reihe von Attentaten anstehe -"auf zehn Leute".
Untergrund-Dschungel: Sunko will einer von denen sein, die ein gewisser Ivan Buzov, seit Dezember in Karlsruhe in Haft, als Killer zu dingen versucht haben soll. Für deutsche Fahnder scheint das in gewisser Weise eine deprimierende Vorstellung zu sein. "Wenn die von der Udba", so höhnte ein Baum-Berater, "schon solche Scheißhansel einsetzen müssen, dann sind die am Ende."
Gleichwohl bestätigte die Bundesanwaltschaft, daß in einem Ermittlungsverfahren gegen Buzov "von der Liquidierung irgendwelcher Exilkroaten oder sonstiger, vielleicht dem jugoslawischen Geheimdienst mißliebiger Personen" die Rede sei. Mancher Gefährdete, so Staatsanwalt Prechtel, stehe auf einer Art Todesliste -- doch: "Dieser Name Milicevic war nicht dabei."
So gilt offiziell die Version weiter, es handle sich um einen Todesfall im Frankfurter Kriminalmilieu. Exilkroate Bilandzic weiß indessen schon, wo bald neue Schüsse fallen: "Ich bin der nächste." 150 000 Mark seien auf seinen Kopf ausgesetzt, aber "unterzutauchen hat keinen Zweck, ich habe noch Familie, und ewig kann man nicht weglaufen".

DER SPIEGEL 4/1980
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