04.08.1980

BEAMTEAm leeren Schreibtisch

Egon Franke schickte seinen Berliner Spitzenbeamten und Parteifreund Hermann Kreutzer in Urlaub.
Der Ministerialdirektor fühlte sich von seinem Chef verfolgt -- und suchte Schutz bei guten Freunden. Aus "Welt" und "FAZ" erfuhr Egon Franke am Donnerstag letzter Woche, was er seinem Untergebenen, dem Leiter der Berliner Verbindungsstelle des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen, Hermann Kreutzer, angetan habe.
Der Minister, so klagte SPD-Mann Kreutzer über SPD-Mann Franke, wolle sein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung behindern und habe ihm untersagt, sich "in der Öffentlichkeit über Begebenheiten und Ereignisse aus meiner politischen Haftzeit in der Sowjetischen Besatzungszone zu äußern, weil dadurch die 'Gestaltung der innerdeutschen Beziehungen beeinflußt werden' könnte".
Schriftlich erbat sich der rechte Sozialdemokrat, durch jahrelangen Kleinkrieg mit linken Genossen im Verfassen offener Briefe geübt, Beistand vom Bundestag. Noch bevor das Schreiben die Adressaten im Parlament erreichte, stand die Kreutzer-Post in der rechten Presse -- mit dem vom Autor gewünschten Erfolg. S.23
Vier Wochen vor dem Treffen des Bundeskanzlers mit SED-Chef Erich Honecker kommt den Bonner Deutschlandpolitikern die Affäre ungelegen. Denn der Opposition lieferte Kreutzer einen willkommenen Vorwand, den Sozialdemokraten wieder einmal allzu große Rücksichtnahme auf ostdeutsche Empfindlichkeiten nachzusagen.
"Das war ein gezielter Anschlag, der Zeitpunkt ist geschickt gewählt", erboste sich ein Franke-Berater. Und der Minister selbst, auf Urlaub daheim in Hannover, schimpfte: "Ungeheuerlich, daß der Mann in dieser Weise vorgeht."
Doch ganz so überraschend, wie Franke tat, kam die Attacke nicht. Von ihrem Kreutzer sind die Sozialdemokraten allerhand gewohnt -- verwunderlich nur, daß der unbotmäßige Beamte nicht längst gefeuert worden ist.
1967 hatte Herbert Wehner, Gesamtdeutscher Minister in der Großen Koalition, den Genossen, damals Sozialstadtrat in Berlin-Tempelhof, als Abteilungsleiter für Politik und Öffentlichkeitsarbeit nach Bonn geholt.
Eine krasse Fehlbesetzung, wie sich rasch herausstellte. Denn Kreutzer, zusammen mit seinem Vater und seiner späteren Frau wegen sozialdemokratischer Widerstandsaktivitäten jahrelang in ostdeutschen Zuchthäusern inhaftiert, konnte sein persönliches DDR-Trauma nie überwinden. Statt die SPD-Politik einer vorsichtigen Öffnung nach Osten mitzutragen, bekämpfte er alles, was er als prokommunistisch verdächtigte.
Kreutzer war dabei, als rechte Berliner Genossen sich im Kurt-Schumacher-Kreis organisierten, und machte mit beim "Arbeitskreis 1951", dem die Handhabung des Radikalenerlasses nicht scharf genug war. Aus der ÖTV trat er nach 29 Jahren mit der Begründung aus, Klunckers Vorstand sei der "dümmste" in der mehr als 100jährigen Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung.
Der Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Waldemar Schulze über Kreutzer: "Der steht so weit rechts, so weit kann man gar nicht gucken."
1976, wenige Tage nach der Bundestagswahl, gerieten Kreutzers Querelen zum Politikum: Der Ministerialdirektor empörte sich darüber, daß der damalige Ständige Vertreter der DDR, Michael Kohl, auf der Wahlparty der SPD mitgefeiert hatte. Denn Kohl habe einst als Student in Jena für die sowjetische Geheimpolizei Spitzeldienste geleistet und viele Sozialdemokraten ins Gefängnis gebracht.
Die Beschuldigung ließ sich nicht belegen, andere Kommilitonen aus Jena, wie der damalige West-Berliner Senator Horst Korber, hatten über Kohl nie dergleichen gehört.
Zwangsläufig holte sich Kreutzer einen Anpfiff von seinem Dienstherrn: Er hätte die Vorwürfe nicht öffentlich erheben dürfen, ohne seine Vorgesetzten zu unterrichten.
Doch Kreutzer ließ sich nicht stillegen. Mehrfach offerierten ihm Genossen Jobs in anderen Ministerien. Aber der streitbare Beamte harrte auf seinem Berliner Posten hinter einem leeren Schreibtisch aus; was aus Bonn an Akten kam, wurde an Kreutzer vorbeigeschleust, direkt an den Berliner Bundesbevollmächtigten Dietrich Spangenberg.
Franke gelobte, Kreutzers Dienststelle in der Bundesallee 216 nicht zu betreten, "solange der dort sitzt". Der Minister über das Verhältnis zu seinem Abteilungsleiter: "Eine wenig erfreuliche Zusammenarbeit, mehr oder weniger gar keine."
Im März 1979 schlug Kreutzer wieder zu. Im ultrarechten "Deutschland-Magazin" behauptete er, in der SPD gebe es eine "Fünfte Kolonne" der SED: "Ich halte sie für viel gefährlicher als die etwa 4000 Spione in der Bundesrepublik Deutschland."
Die unsinnige Beschuldigung trug dem Beamten ein Disziplinarverfahren ein. Linke SPD-Abgeordnete wie Egon Lutz, Rudolf Schöfberger und Karl-Heinz Hansen, von Kreutzer später als Beispiele für "Einflußagenten" genannt, legten Dienstaufsichtsbeschwerde ein.
Ein Parteiausschluß-Verfahren endete zwar unerwartet glimpflich mit einer bloßen Rüge. Man wolle, so die interne Begründung, "keinen Märtyrer" schaffen.
Doch Kreutzer wußte, daß er um eine Disziplinarstrafe nicht mehr herumkommen würde. Vergangene Woche trat er die Flucht nach vorn an und mobilisierte die Opposition.
Ein Schachzug, der die Genossen noch in arge Verlegenheit bringen könnte. Denn je entschiedener die Union Kreutzer die Stange hält, um so schwerer wird es Bundespräsident Karl Carstens fallen, dem zu erwartenden Antrag Frankes stattzugeben und den 56jährigen in den einstweiligen Ruhestand zu versetzen -- zumal Franke sich schon einmal eine Abfuhr holte: Kurz vor Ende seiner Amtszeit hatte sich Carstens-Vorgänger Walter Scheel geweigert, Kreutzer vorzeitig in Pension zu schicken.

DER SPIEGEL 32/1980
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