17.03.1980

Nur bedingt einsatzbereit

Mit militärischen Mitteln will US-Präsident Carter der Sowjet-Union entgegentreten, wenn amerikanische Interessen gefährdet sind. Um diese neue Doktrin durchzuführen, soll eine Spezialtruppe aufgestellt werden. Bis dahin sind die Vereinigten Staaten auf ihre Freiwilligen-Armee angewiesen, deren Ausbildungsniveau ungenügend ist.
Der russische Bär ist aus dem Käfig", verkündete Dale W. Church, Unterstaatssekretär im amerikanischen Verteidigungsministerium, "und wir müssen reagieren."
Der russische Bär hatte Afghanistan überfallen, und Amerikas Antwort war kriegerisch: In seiner Rede zur Lage der Nation verkündete US-Präsident Jimmy Carter am 23. Januar 1980, daß die Vereinigten Staaten jedem Angriff auf ihre eigenen vitalen Interessen mit allen Mitteln entgegentreten würden -auch mit militärischen. Die Carter-Doktrin war geboren.
Nur wenige Tage später mußte Carter einräumen, daß die USA derzeit gar nicht in der Lage wären, die Sowjets am Persischen Golf zu stoppen. Die "Washington Post" brachte daraufhin eine Karikatur, in der Jimmy Carter aus einer überdimensionalen Säbelscheide ein winziges Taschenmesser zückte. Der Kolumnist Joseph Kraft rügte, Jimmy Carter hätte einen "bedeutungslosen Kriegstanz" aufgeführt.
Ganz und gar bedeutungslos freilich war er nicht. Das Verteidigungsministerium rechnete den Zweiflern vor, daß es in rund zwei Wochen 25 000 bestausgerüstete Soldaten an das Westufer des Persischen Golfes verfrachten könnte.
Doch dieser US-Streitmacht stünden -- im Nordkaukasus, Transkaukasus in Turkistan und nunmehr auch in Afghanistan -- 24 sowjetische motorisierte Divisionen mit Panzerausstattung gegenüber. Zusammen 200 000 Mann, 70 Kampfflugzeuge und 193 Langstreckenbomber.
Um im Ernstfall bestehen zu können, arbeiten die Amerikaner seit gut einem Jahr am Ausbau der Eingreiftruppe Rapid Deployment Force (RDF), die 110 000 Soldaten in kürzester Zeit an Krisenherden in aller Welt einsetzen könnte. Doch diese amerikanische Krisenfeuerwehr ist noch "zehn Milliarden Dollar und fünf Jahre" ("Newsweek") von ihrer Verwirklichung entfernt.
Selbst die Grundkonzeption dieser RDF-Truppe ist umstritten. Denn überall, wo es die RDF mit der Sowjet-Union oder ihren Alliierten zu tun bekäme, träfen die amerikanischen Truppen auf einen motorisierten und mit Panzern ausgerüsteten Gegner. Und dafür wären die Fallschirmjäger und Marine-Corps-Divisionen, die das Rückgrat der RDF bilden sollen, weder ausgebildet noch ausgerüstet.
Es könnte also sein, schreibt der Verteidigungsexperte Jeffrey Record, daß die Regierung in Washington mit ihrem Zehn-Milliarden-Dollar-Plan nichts anderes erreichen wird, als die "Ankunft der Falschen im Kriegsgebiet zu beschleunigen".
Als Ergänzung der Rapid Deployment Force fordert Record daher eine Rückkehr zur alten amerikanischen Stützpunktpolitik. Für den Nahen und Mittleren Osten würde dieses eine Kette von amerikanischen Basen bedeuten, in denen "ständig taktische Luftstreitkräfte und Ausrüstungen für ausgewählte, schwere Bodentruppen stationiert werden könnten". Das ginge weit hinaus über die begrenzte Mitbenutzung von Basen in Oman, Kenia und Somalia, über die die Amerikaner derzeit verhandeln.
Doch selbst wenn die Amerikaner genügend Truppen vor Ort hätten, ist ihr Wert höchst zweifelhaft. Denn noch immer beschäftigt die Planer im Pentagon die Analyse eines Manövers, das der größten Militärmacht des Westens die vernichtende Zensur erteilte: bedingt einsatzbereit.
Am 10. Oktober 1978 versammelten sich im strengbewachten "War Room" des Pentagon 19 Spitzenpolitiker und Topstrategen zum Planspiel "Nifty Nugget" (schmuckes Goldkorn). Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg machte Amerika mobil. Allerdings nur im Sandkasten -- mit Hilfe von Computern, von 1000 Offizieren und Zivilisten in 27 Ministerien und Regierungsstellen.
Das Szenario: Nach Monaten verschärfter Ost-West-Spannungen wurden die Nato-Truppen in Europa von S.27 denen des Warschauer Paktes auf breiter Front mit konventionellen Waffen angegriffen. Für die Spieler im Kriegsraum ging es nicht darum, diesen Krieg zu führen, sondern lediglich, die Mobilmachung zu organisieren und die gesamte Maschinerie der Logistik in Gang zu bringen.
Das Ergebnis war ein komplettes Chaos. 130 000 Soldaten waren innerhalb von Tagen tot. Jeder vierte von ihnen starb nur deshalb, weil er nicht in einem europäischen Lazarett versorgt werden konnte, sondern in hastig requirierten, aber medizinisch unversorgten Passagierflugzeugen in die USA zurücktransportiert werden mußte.
Aus der Reserve sollten 200 000 erfahrene Soldaten einberufen werden, vor allem als Panzerbesatzungen und Infanteristen. Doch ein System, diese Männer ausfindig zu machen, gab es nicht.
Der Nachschub per Flugzeug brach zusammen. So standen zum Beispiel alsbald reihenweise die C-5-A-Transporter, die als einzige je Flugzeug zwei Panzer oder aber Artillerie, Hubschrauber und sperrige Radaranlagen transportieren können, auf europäischen Flugplätzen herum, weil die Air Force vergessen hatte, Ersatzteile für ihre Großtransporter einzulagern.
Überall gab es Mängel und Engpässe. In den USA waren 300 Eisenbahnwaggons nicht aufzutreiben, mit denen die in Europa dringend benötigten M-60-Panzer in die Verschiffungshäfen an der Ostküste transportiert werden sollten.
Für die Nachschubtruppen gab es keine Uniformen mehr: "Die letzten mußten wir einfach in ihren Jeans von der Straße wegmobilisieren", sagte ein Planungsstäbler. "Es war weiß Gott nicht die am besten aussehende Army, die wir losgeschickt haben."
"Erschreckend" nannte der republikanische Abgeordnete Robin Beard das Ergebnis des Sandkastenspiels. Senator Sam Nunn fragte: "Ist dieses Land wirklich für den Notfall vorbereitet?" Und Verteidigungsminister Harold Brown mußte einräumen, daß "Nifty Nugget" in der Tat schwerwiegende Mängel bei einer raschen Mobilisierung offengelegt hätte.
Die meisten dieser Mängel, konstatierte kürzlich das Nachrichtenmagazin "US News & World Report", seien bis heute nicht behoben. Im Planspiel "Nifty Nugget" wurde aber nur die Mobilmachung und der Nachschub probiert, nicht hingegen der Kampf. Für den scheinen die USA auch schlecht gerüstet zu sein.
Fast jeder dritte amerikanische Panzerschütze -- dazu kam eine unveröffentlichte Studie der Armee -- wußte nicht, wo er unter Gefechtsbedingungen hinzielen sollte. Bei Schießübungen lagen die Leistungen bis zu 50 Prozent unter den Normen, die die Armee als "combat readiness" (Gefechtsbereitschaft) gesetzt hat.
Die zur Wartung der Panzer eingesetzten Soldaten konnten häufig Mängel an den Fahrzeugen nicht feststellen. Und wenn sie sie erkannten, wußten sie nicht, sie zu beheben.
Als Ausbilder eingesetzte Unteroffiziere konnten ihren Schützlingen in der Regel zu wenig beibringen, "weil ihnen selbst vielfach das technische Wissen fehlte", heißt es in der Studie. Anfang vorigen Jahres mußten deshalb auf Anordnung des damaligen Generalstabschefs Bernard Rogers sämtliche Armee-Handbücher auf das Leseniveau von S.28 14jährigen Hauptschülern umgeschrieben werden.
Hinter den Leseschwierigkeiten der Rekruten stecken die Probleme der amerikanischen Berufsarmee. Ihre Mitglieder sind nur auf dem Papier Freiwillige. In Wahrheit treibt sie Arbeitslosigkeit und der Wunsch, ihrem Getto zu entkommen, in den Dienst.
1973 war in Amerika die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft worden. In einem der "größten Abenteuer ihrer jüngsten Geschichte" -- so der damalige Verteidigungsminister Melvin Laird -- machten sich die USA daran, eine Freiwilligen-Armee zu schaffen. Sie sollte auf einem Stand von etwa 2,5 Millionen Mann gehalten werden und sich durch einen hohen professionellen Standard auszeichnen.
Doch alle vier Waffengattungen hatten von Beginn an Rekrutierungsschwierigkeiten: Mit rund zwei Millionen Soldaten liegt die US-Armee heute etwa 20 Prozent unter ihrem Soll. Und die Probleme wachsen, denn der Anteil der 18- bis 24jährigen an der Bevölkerung, aus der die meisten Rekruten kommen, sinkt.
Der US-Armee gelingt es auch nicht, ihre Soldaten zu halten. Im Unterschied zur Wehrpflichtigen-Armee kann jeder vorzeitig seinen Abschied nehmen, und das tun viele: 40 Prozent der Rekruten beenden nicht die drei Jahre, für die sie sich verpflichtet haben.
Besonders schwerwiegend ist die große Zahl der Abgänge in den oberen Rängen, wo es auf spezialisiertes Wissen ankommt. Bei der Luftwaffe fehlen zur Zeit etwa 2000 Piloten und 900 Techniker. Freie Stellen müssen häufig mit niederen Chargen besetzt werden -- ein Verlust an Erfahrung, den der Luftwaffengeneral Lawrence A. Skantze als "katastrophal" bezeichnet.
Bei der Air Force, aber auch bei den anderen Streitkräften liegen die Ursachen des Personalmangels vor allem in der Besoldung. Die Luftlinien-Piloten verdienen mindestens dreimal soviel wie ihre Militärkollegen. Den unteren Dienstgraden zahlt die Armee nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn. Gut 100 000 Soldaten-Familien sind daher berechtigt, Wohlfahrtsunterstützung zu beziehen.
Düster ist das Bild auch in der Reserve, bei jenen Soldaten, die im Krieg Gefallene und Verletzte ersetzen sollen. Sie umfaßt heute nur noch 360 000 Mann, fast eine Million sollte es sein. Der Mangel macht es -- so der damalige Verteidigungsminister Melvin Laird -- "buchstäblich unmöglich, daß die Armee einen konventionellen Krieg in Europa auch nur über kurze Zeit hin führen kann".
"Das Konzept der Freiwilligen-Armee kann nicht aufrechterhalten werden", urteilt Senator Nunn. "Wir müssen einfach etwas unternehmen. Jetzt befindet sich die Armee haarscharf am Rand ihrer Lebensfähigkeit."

DER SPIEGEL 12/1980
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