17.03.1980

„Ich bin der Kaspar“

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Franz Josef Strauß in den USA
Am fünften Tag seiner Amerika-Reise hat der Kanzler-Kandidat der Union, Franz Josef Strauß, so heftig gelacht, daß alle schon dachten, es komme von Herzen. Da hatten ihm nämlich die Starschreiber der berühmten Zeitung "Washington Post" ein "historical first" bescheinigt. Und historische Bestleistungen, egal welche, sind allemal nach dem Geschmack des leistungsbewußten Bayern.
So war er denn also der erste Diskussionsgast der Redakteure, der am vergangenen Mittwoch in zwei Stunden zwei Teller voll Roastbeef und Kartoffeln ratzekahl blank putzte; zugleich beantwortete er einprägsam, wenn auch etwas "falkig" (hawkish) ihre Fragen. "Wow, he is a mensch", staunten da die Amerikaner, und prompt protzte Strauß: "Wer nicht anständig essen und trinken kann, ist kein richtiger Mann."
Das war aber schiere Irreführung. Denn der CSU-Politiker pflegt nach eigenem Eingeständnis immer dann hemmungslos einzuschaufeln, wenn er sich ärgert und unter Druck ist.
Beides traf zu. Denn nicht der urige Mensch Franz Josef Strauß war in Washington gefragt, sondern eigentlich der Staatsmann. Den im Bundestag vorzuführen oder Aschermittwoch in Passau, ist eine Sache. Aber in der New Yorker Uno, im Capitol und Weißen Haus von Washington sind die Vergleichsmaßstäbe anspruchsvoller. Da gab es zusätzliche Schwierigkeiten zuhauf.
Wie immer und überall war der Bayer selbst sein Haupthindernis. Er hatte nämlich keine Lust, nach Amerika zu fahren; viel lieber wäre er nach China oder Afrika gereist, anstatt dieses Kandidaten-"Ritual" zu absolvieren, nölte er schon auf dem Hinflug.
Zu Carter trieb ihn schon gar nichts. Wo immer es "noch kleine Unterschiede zu Helmut Schmidt" geben mag, wie Strauß behauptet -- bei der Beurteilung des Mannes aus Georgia sicher nicht. Den hält er für so dilettantisch, daß ihm bei öffentlichen Reden vielsagend die Stimme versagt, wenn er beschreiben will, wie er diesen Präsidenten findet: einen Präsidenten, der über Nacht die Gefährlichkeit des Kreml entdeckt, weil ihm der sowjetische Botschafter ins Gesicht gelogen hat.
Da wird das Schweigen des CSU-Mannes so beredt, daß selbst der Kanzler vermutlich "pscht" gemacht hätte. "Unberechenbar" aber hat er Carter nie genannt, das weist Strauß zurück: "Da verwechseln Sie mich wohl."
Unerfreulich aber war der Besuch in Washington jetzt, weil ein paar Tage vor ihm Helmut Schmidt zum Wahlkampf gegen seinen CSU-Herausforderer in die USA geflogen war. So sah es Strauß wenigstens. "Billig" nennt er das, weil sich nämlich der Kanzler erst nachträglich vor seinen Trip gedrängt habe.
Mit vielen Worten mußte Strauß unentwegt "ich auch" oder "ich nicht" sagen, wurde zeitlich und politisch zum Zweitbesucher.
Wo immer der Bayer hintrat, hatte der mit der Mütze schon gestanden. Wen immer er traf, der hatte noch Schmidts Worte im Ohr. Jede Frage begann mit oft ausführlicher, Strauß nervender Beschreibung, was Schmidt zu diesem und jenem Thema gesagt habe -- und wolle man nun doch mal wissen, was der andere, Franz Josef Strauß nämlich, dazu mitzuteilen habe.
Das war aber nicht alles. "Zeitgeschichtliche Ereignisse" (Strauß) machten ihm zusätzlich zu schaffen. Kaum hatte er bei Generalsekretär Kurt Waldheim in der Uno Platz genommen, da wurde er ans Telephon gerufen: Persien, das Außenministerium. Außer ein paar Erleuchtungen über Zimbabwe wurde Strauß beim Uno-Direktor nichts mehr los.
In Washington war kaum der Redetext für den einzigen großen öffentlichen Auftritt, im National Press Club, redigiert, da berief Carter eine Krisensitzung über die Inflation ein und hatte für Strauß nur noch zu einer Stunde Zeit, als der eigentlich reden wollte.
Um das Maß voll zu machen, hatte Strauß auch noch ständig zwei Unionskollegen am Hals, neben dem sich spreizenden niedersächsischen Finanzminister und Amerika-Experten Walther Leisler Kiep auch noch den farblosen Fraktionsspezialisten für Außenpolitik Alois Mertes.
Die hatte Helmut Kohl mitgeschickt, weil das auch zu einer Kanzlerkandidaten-Reise gehört, und von Aufpassen könne keine Rede sein, sagen die Herren. Höchstens "neutralisieren" wollte Kiep ein bißchen, wenn Straußens "Spitzen" zu sehr hervorstächen.
Erst scherzte Strauß noch säuerlich. "Wie ein Triptychon" komme er sich vor, ließ er sie wissen, als sich die beiden neben ihm zum Gruppenphoto aufbauten. Auch die Heiligen Drei Könige fielen ihm ein, mit eigener Hauptrolle: "Ich bin der Kaspar."
Aber als in Washington dann gar der Präsident während der Strauß-Audienz den Hannoveraner Kiep wegen dessen Türkei-Hilfen -- die er im Auftrag von Schmidt hatte machen dürfen -- belobigte, da war für Strauß das Maß voll: "Dies ist meine Reise", pochte er vor der Presse auf sein Kandidaten-Monopol. Kiep konnte nicht widersprechen, denn "folkloristische Übungen" wie diese Pressekonferenz schenkte er sich.
Eingezwängt von Personal und Politik, reagiert Strauß in den ersten Tagen S.32 hin und her. Nichts Eigenes kommt zustande. Gehetzt und ängstlich wirkt er manchmal, dann wieder bitterböse.
Er schnauzt gegen Helmut Schmidt, den Vagen und Feigen. Er schüttelt sich vor Entrüstung über die Ratlosigkeit der amerikanischen Parlamentarier: "Uncertainty, uncertainty, uncertainty, uncertainty." Das sei alles, was sie sagen.
Unkonzentriert läßt er sich von einem britischen Fernsehkorrespondenten von seinem Carter schonenden Konzept weglocken -- "Vergangenheit muß vergessen sein" -- und protestiert heftig gegen die listige Unterstellung, er sei wohl von des Amerikaners Außenpolitik begeistert: "Wie kommen Sie denn auf die Idee?" Botschaftsmenschen und Begleiter sind ständige verbale Zielscheiben. Immer kommt tausendmal Durchgekautes, manchmal schlichter Unsinn: "Wenn man Entspannungspolitik mit einem Orgelkonzert vergleicht, dann gibt es natürlich Verdauungsschwierigkeiten."
Gut sah er nicht aus, der Staatsmann Strauß, als er sich am Donnerstag endlich laut und überschwenglich bei Carter bedanken durfte für die Ehre, von ihm empfangen zu werden.
Aber als er dann nach einer dreiviertel Stunde durch den Regen vor dem Weißen Haus auf die Mikrophone etwa von Bayern 3 zueilte, da ging er gleich ganz anders. Da wippte er wieder auf den Ballen, da hatte er auch wieder Saft in der Stimme: Die Deutschen daheim hatten ihn wieder, den souveränen Staatsmann aus Bayern. Der formulierte wie der Staatsmann Helmut Schmidt -- in Form und Inhalt, nur nicht so lang.
Endlich konnten auch seine bayrischen Begleiter aufatmen, die bis dahin pausenlos herumhuschten, um die mitreisenden Journalisten zu richtigen Fragen zu verleiten oder sicherzustellen, daß aus den Antworten nicht etwa ein "verzerrtes Bild" ihres Chefs deutlich wird.
Denn für diese Helfer des Kandidaten hatte jeder Mitreisende seinen Stellenwert an Strauß-Treue. Und die Kriterien waren nicht so lax wie die zur Auslese von Radikalen aus dem öffentlichen Dienst. Nicht einmal beim SPIEGEL mußte einer sein; es reichte, mit so einem zu reden, um gleich eingereiht zu werden "in die sozialistische Einheitsfront".
Diese wackeren Männer konnten sich, nach der Carter-Visite, darauf konzentrieren, ihren eifersüchtigen Streit untereinander auszutragen, wer dem Meister am besten diene. Denn der brauchte ihren Schutz nicht mehr, nur ihre Kratzfüße. Nach der Audienz war Strauß als Staatsmann unantastbar, in "fast" nahtloser Übereinstimmung mit Helmut Schmidt, Jimmy Carter und Helmut Kohl, vor allem aber mit sich selbst.
S.29 Mit dem niedersächsischen Finanzminister Walther Leisler Kiep. *
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 12/1980
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