21.01.1980

„Aggression mit Grausamkeit beantwortet“

Dokumente über Kriegsverbrechen an Deutschen im Zweiten Weltkrieg Eine Dienststelle des Oberkommandos der Wehrmacht untersuchte gewissenhaft Meldungen über Kriegsverbrechen an deutschen Soldaten und Zivilisten. Was nun ein amerikanischer Historiker bei der Auswertung der Originalakten fand, belegt Völkerrechtsverletzungen und „Grausamkeit im Einzelfall“ durch die Alliierten.
Leutnant Heinze, Abteilung I c beim Armeeoberkommando 6, erstattete am 1. Juli 1941 um 16 Uhr Feindlagemeldung: "In Skomorochy wurden bestialisch verstümmelte Leichen eines deutschen Majors, eines Oberleutnants, eines Oberfeldwebels und anderer Soldaten gefunden."
Unteroffizier Eduard Sandner gab am 30. Juli 1944 zu Protokoll: "Ich habe am 27. Juli 1944 um 8.20 Uhr folgenden russischen Funkspruch, der im Klartext gesandt war und Teil eines Gesprächs zwischen zwei russischen Offizieren bildete, aufgenommen: ''Ich habe einen Gefangenen, der dem I. R. 68 der 23. I. D. angehört.'' Die Antwort der vorgesetzten Dienststelle lautete: ''Machen Sie mir keine Meldungen über Gefangene. Sie sind alle zu erschießen.''"
Sanitätsoberfeldwebel Reimann, am 31. Januar 1944 bei Isola Bella im Anzio-Brückenkopf von den Amerikanern gefangengenommen, schrieb seine Beschwerde im Kriegsgefangenenlazarett 131 in Nordafrika:
" ... stand dort ein amerikanischer Soldat, der mich durch Handbewegungen anwies, mich an die Wand zu stellen; es waren etwa 5 m Abstand. Als ich dieses ausgeführt hatte, fiel auch schon ein Schuß aus dessen im Hüftanschlag befindlichen Gewehr und traf mich im rechten Oberschenkel. Ich fiel um und war besinnungslos."
Meldungen solcher Art kamen von allen Fronten der deutschen Wehrmacht. Manche, grausam, handelten von ausgestochenen Augen und abgeschnittenen Nasen, andere, profan, von Diebstahl durch Feindeshand.
Rapport des Bürgermeisters im holländischen Axel Mitte Mai 1940: "Entwendet durch unbekannte Täter: ein Kölner Topf mit 8 Pfund Butter ... eine Schüssel mit 4 Pfund Schweineschmalz."
Empfänger all der Anzeigen, teils beweisbar richtig, teils in der ersten Aufregung oder nach nur flüchtigem Augenschein nicht ganz oder ganz und gar nicht zutreffend abgesetzt, war eine Dienststelle beim Oberkommando der Wehrmacht (OKW), die "Wehrmacht-Untersuchungsstelle für Verletzungen des Völkerrechts" (WUSt). Einmal traf von der Ostfront dort sogar ein Glas mit zwei abgehackten Fingern ein. Doch "wegen des Fehlens von Vitalzeichen", hieß es in einer Aktennotiz, konnte nicht mehr geklärt werden, ob sie "bei Lebzeiten oder nach dem Tode abgetrennt wurden".
Die OKW-Dienststelle war gleich nach Kriegsbeginn im September 1939 gebildet worden. Sie sollte "die von den gegnerischen Militär- und Zivilpersonen gegen deutsche Wehrmachtsangehörige begangenen Verstöße gegen das Völkerrecht feststellen und zugleich die vom Ausland gegen die deutsche Wehrmacht in dieser Hinsicht erhobenen Anschuldigungen aufklären".
226 Aktenbände der bisher weithin unbekannt gebliebenen Behörde hat der amerikanische Historiker und Völkerrechtler Alfred Maurice de Zayas im Freiburger Bundesarchiv ausgegraben und nach dreijähriger wissenschaftlicher Prüfung zusammen mit dem holländischen Völkerrechtler Walter Rabin in einem Buch beschrieben, das jetzt erschienen ist.
( Alfred M. de Zayas: "Die ) ( Wehrmacht-Untersuchungsstelle". ) ( Universitäts-Verlag/Langen Müller, ) ( München; 477 Seiten; 29,80 Mark. )
"Die traurige Forschung" betrieb Harvard-Absolvent de Zayas, 32, der mit einer Dissertation über "Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen" in Göttingen promoviert hat, als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Völkerrecht der Universität Göttingen mit zunächst heftigem Mißtrauen in die Glaubwürdigkeit der großdeutschen Papiere.
Um nicht noch im nachhinein nationalsozialistischer Propaganda aufzusitzen, prüfte de Zayas "die innere Folgerichtigkeit der Akten" und verglich die darin geschilderten Vorgänge mit einschlägigen Materialien in Bonner, Londoner, amerikanischen und schweizerischen Archiven. Er machte Hunderte von Zeugen ausfindig, darunter rund 150 ehemalige Heeres-, Marine- und S.78 Luftwaffenrichter, die er nach dem Zustandekommen der Dokumente befragte.
Manche reagierten gereizt: "Ich verstehe nicht, welcher Grund dafür bestehen könnte, daß solche Dokumente der Verifizierung bedürfen. Halten Sie die Kriegsrichter für potentielle Dokumentenfälscher?"
Manche bestätigten mit der Bitte, den "vollen Namen nicht zu veröffentlichen", schlicht, daß alles seine Richtigkeit habe. Andere wiederum hielten es für wenig sinnvoll, "nach so langer Zeit Dinge anzurühren, die Haß wieder aufkommen lassen können". Ein Richter gab knapp telephonisch Bescheid: "Ihre Unterlagen habe ich ins Feuer geschmissen."
Am Ende stand für de Zayas fest, "daß die Wehrmacht-Untersuchungsstelle eine gewissenhafte justizkonforme Dokumentation betrieben hat", dies erklärbar womöglich schon dadurch, daß der Behördenleiter Johannes Goldsche und sein Vorgesetzter Rudolf Lehmann, Chef der Wehrmachtrechtsabteilung, "alte Richter waren, die ... der NSDAP nicht angehörten und dem Gedankengut des Nationalismus fernstanden".
Andererseits bestätigten die Dokumente die "Tatsache", daß Streitkräfte der Versuchung unterliegen, sich über völkerrechtliche Schranken hinwegzusetzen und die Regeln der Menschlichkeit zu mißachten, wenn erst einmal der Krieg entfesselt ist. So etwas "passierte häufiger, als ich dachte", sah Autor de Zayas ein, und es passierte an allen Fronten, auf beiden Seiten und nicht erst im letzten Weltkrieg.
Eine "Militär-Untersuchungsstelle für Verletzungen des Kriegsrechts" hatte im preußischen Kriegsministerium deshalb schon während des Ersten Weltkriegs "schwarze Listen" über Völkerrechtswidrigkeiten geführt, in denen etwa ein britischer Oberstleutnant Bryant notiert war: "Er behandelte im August und Sept. 14 die Deutschen i. Togo schlecht."
Stellvertretender Leiter der preußischen Behörde war derselbe Berliner Rechtsanwalt und Notar Goldsche, der S.79 25 Jahre später als Oberkriegsgerichtsrat der Reserve die Geschäfte der OKW-Dienststelle übernahm.
Unbestechlich wie ein königlichpreußisches Amtsgericht verfuhr das Amt offenbar auch mit den Tatarenmeldungen, die ihm aus allen Himmelsrichtungen von den Kriegsschauplätzen zugingen. Der amerikanische Autor lobt jedenfalls, "wie penibel" da gearbeitet worden sei, "mit welcher Vorsicht man protokolliert hat".
Gelegentlich wurde der Dienststelle zwar Material anderer Behörden --Amt Auslands-Abwehr, Wehrmachtsführungsstab, Auswärtiges Amt -überstellt. In der Regel aber recherchierte es die Fälle selbst. Richter wurden beauftragt, die Tatorte aufzusuchen und Zeugen einzuvernehmen, sogar Gerichtsmediziner in Marsch gesetzt, um beispielsweise feststellen zu lassen, ob Verstümmelungen im Gefecht entstanden oder Verwundeten und Gefallenen etwa absichtlich -- oder auch gar nicht -- zugefügt worden waren.
Beweise gab es für beides. Mal mußte die eidliche Aussage eines Oberarztes zu den Akten genommen werden: "Ich kam gegen Mittag zu der Stelle, wo wir die Verwundeten zurückgelassen hatten. Alle 6 waren von den Russen ermordet worden. Dem ersten, der einen Armschuß gehabt hatte, waren beide Augen ausgestochen worden ... und es unterliegt keinem Zweifel, daß die Augen mit einem spitzen Gegenstand völlig herausgeschält worden sind."
Mal, nach einem Partisanenangriff in Jugoslawien, ergab "der sehr klare truppenärztliche Leichenschaubericht ... einwandfrei, daß die vermeintlichen Verstümmelungen nicht bestanden haben ... Der unversehrte Zustand der Geschlechtsteile ist lichtbildlich belegt".
Mitunter wurden Meldungen der Truppe über Verstöße gegen das Kriegsrecht nach ausgiebigen Ermittlungen als unbegründet zurückgewiesen und aus dem Material, das für Weißbücher und Protestnoten der Reichsregierung gesammelt wurde, ausgesondert.
So wurde dem Oberkommando der Kriegsmarine mitgeteilt, "daß der Angriff von USA-Bombern auf das in Gotenhafen liegende Lazarettschiff ''Stuttgart'' am 9. September 1943 in die hier übersandte Aufstellung nicht aufgenommen worden ist, weil die ''Stuttgart'' ... nach der Seeseite zu mit Sackleinen getarnt war und infolgedessen den Schutz des Haager Abkommens ... nicht genossen hat".
Fallschirmjäger, die sich beschwert hatten, sie seien beim Absprung über Kreta beschossen worden, "obwohl sie wehrlos" waren, mußten sich belehren lassen, daß es sich um "normale Kampfhandlungen" gehandelt habe und auch sie bereits aus der Luft geschossen hätten.
"Völkerrechtsverletzungen der britischen Streitkräfte und der Zivilbevölkerung auf Kreta" (Titel eines deutschen Weißbuchs vom November 1942) waren gleichwohl nachweisbar, und dem Londoner Foreign Office, laut Aktenvermerk, "erschien eine Zahl von Fällen ziemlich begründet zu sein". Auch das amerikanische Kriegsministerium sah sich auf eine deutsche Protestnote hin, die Angriffe auf Lazarette in Italien im Herbst 1944 zum Inhalt hatte, "nicht in der Lage, die Richtigkeit der Behauptungen zu widerlegen".
Was de Zayas in den WUSt-Akten fand, belegt Völkerrechtsverletzungen alliierter Truppen, wie sie an allen Fronten Zivilisten und Soldaten trafen:
* In Polen starben Hunderte von Volksdeutschen, viele waren nach Zeugenaussagen "mit Brechstangen, Seitengewehren, Gewehrkolben und Knüppeln zusammengeschlagen" und "bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt" worden.
* In Frankreich exekutierten britische und französische Soldaten deutsche Landser, obschon sie sich ergeben hatten; Piloten wurden beim Absprung aus ihren getroffenen Maschinen in der Luft beschossen.
* Britische Kriegsmarine schoß nach der Versenkung deutscher Schiffe in der Ägäis auf schwimmende Flüchtlinge, an Leichen deutscher Soldaten auf Kreta stellten WUSt-Ermittler Verstümmelungen fest.
* In Rußland wurden deutsche Truppenangehörige erschossen, nachdem sie sich ergeben hatten, Lazarettschwestern wurden vergewaltigt und ermordet.
Der Richter bei der 333. Infanteriedivision Willi Knobloch, der durch Zeugen von russischen Greueltaten in Grischino erfahren hatte, nahm den Tatort nach der Rückeroberung durch deutsche Truppen persönlich in Augenschein. "Ich habe z. B. in einem Haus liegende Frauen mit gespreizten Beinen gesehen. Nach den Uniformteilen waren es offenbar Rote-Kreuz-Schwestern gewesen, denen man teilweise in einer geradezu viehischen Weise Brüste abzuschneiden versucht hatte."
Im richterlichen Abschlußbericht über Völkerrechtsverletzungen an volksdeutschen Zivilisten und Reservisten in der polnischen Provinz Posen heißt es: " Ganze Familien sind ausgerottet worden, die Menschen sind " " nicht immer erschossen, sondern häufig mit allen möglichen " " Werkzeugen z. B. vor den Augen ihrer Angehörigen und anderer " " Personen, denen ebenfalls ihre Ermordung angekündigt war, " " erschlagen worden. Eine große Zahl der Leichen ist mit " " schweren Verstümmelungen aufgefunden worden ... Bei Tarlowa " " in der Nähe von Kolo hat das polnische Militär auf eine große " " Anzahl Volksdeutscher geradezu eine Treibjagd mit " " Maschinengewehren veranstaltet. Man fand etwa 130 Tote, die " " nach den Zeugenaussagen wie die Hasen bei einer Treibjagd " " über ein Feld verstreut waren. "
Auch in Frankreich wurden deutsche Soldaten, die längst aufgegeben hatten, exekutiert. In den WUSt-Denkschriften über "Tötungen und Verwundungen Wehrloser" belegt beispielsweise die Aussage des Schützen Wilhelm Ermlich die Erschießung von vier Landsern, "obwohl wir mit erhobenen Händen dastanden". Ermlich überlebte, S.80 weil er sich fallen ließ und unter den Leichen seiner Kameraden mit einem Schuß in den Oberschenkel davonkam.
In den WUSt-Akten über das Seegefecht vor der norwegischen Hafenstadt Narvik im April 1940 sind völkerrechtswidrige Angriffe durch Engländer auf Schiffbrüchige belegt. Der Maschinenobergefreite Heinz Backus vom deutschen Zerstörer "Erich Giese" will "selbst gesehen" haben, "wie ein Kamerad im Wasser von einem Schuß getroffen wurde und plötzlich den Kopf sinken ließ und nicht mehr weiterschwamm". Die Flüchtenden waren fassungslos, "da wir selbst drei Tage zuvor ... zwanzig treibende Engländer gerettet haben".
Unter Eid bezeugten Soldaten, wie Fallschirmjäger, die im Mai 1941 "ei Castelli auf Kreta gelandet waren, verstümmelt wurden: Ein " " Zivilist rollte den Feldwebel von mir herunter, nahm ein " " Dolchmesser und stach auf ihn ein. Ich habe mit eigenen Augen " " sehen müssen, wie er dem Feldwebel die Augen ausstach. Er " " stach erst einmal daneben, beim zweiten Mal traf er mitten " " hinein. Er drehte das Messer zwei bis dreimal in der " " Augenhöhle herum und zog es dann heraus. Mit dem anderen Auge " " machte er es genauso. "
Rund 4000 derartige "Fallkomplexe" sind in den 226 verfügten Aktenbänden der Wehrmacht-Untersuchungsstelle enthalten. Nur ein Band davon allerdings behandelt Rechtsverstöße deutscher Truppen und zusammenhängend auch nur einen einzigen solchen Fall -- die britische Anschuldigung nämlich, Soldaten der Wehrmacht hätten im April 1943 in Nordafrika drei wehrlose britische Kriegsgefangene erschossen. Nach einem halben Jahr teilte der Oberbefehlshaber Süd jedoch mit, der Vorfall lasse sich nun "nicht mehr aufklären".
"Einige tausend Berichte" betreffen die Tötung deutscher Kriegsgefangener, vor allem zurückgelassener Verwundeter an der Ostfront. Sie verdeutlichen "in aller Schärfe", schließt de Zayas, "mit welcher Grausamkeit die deutsche Aggression beantwortet wurde" -- beispielhaft dafür die Fälle Broniki und Feodosia.
Am 1. Juli 1941, der Krieg gegen Rußland hatte gerade acht Tage vorher begonnen, gerieten auf der Straße Klewan-Broniki in der Ukraine etwa 180 deutsche Soldaten meist unverwundet in sowjetische Gefangenschaft. Einen Tag später, auf dem weiteren Vormarsch, wurden 165 von ihnen erschossen aufgefunden.
Was geschehen war, schilderte ein Oberschütze, der fliehen konnte: "Die Russen nahmen uns alles, was wir besaßen, ab, Ringe, Uhren, Geldbeutel, die Abzeichen von der Uniform, schließlich zogen sie uns Rock und Hemd und Schuhe und Strümpfe aus. Sie fingen danach an, die einzelnen Gruppen mit S.81 Handgranaten und Gewehrfeuer zu vernichten."
Die Untersuchung des Falles Broniki und anderer ähnlicher Fälle gab bald Anlaß zu der Vermutung, daß die Erschießung deutscher Kriegsgefangener womöglich auf höheren Befehl erfolgte, zumindest war sie, belegt de Zayas anhand der Akten, "keine Einzelerscheinung". So lautete etwa ein erbeuteter Operationsbericht des Stabs der 26. sowjetischen Division vom 13. Juli 1941: "Auf dem Schlachtfeld ließ der Gegner ungefähr 400 Tote zurück. Etwa 80 Mann hatten sich ergeben, die erschossen wurden."
Funkspruch von Rosa an Salut auf Welle 2333 Kilohertz am 7. Juli 1943, 11.45 Uhr: "Gefangene haben wir keine. Alle wurden vernichtet."
Ein gefangener russischer Leutnant sagte dazu aus: "In der Behandlung wird scharf unterschieden zwischen denen, die sich ergeben, und denen, die erst nach dem Kampf in sowjetische Hände fallen. Erstere werden gut behandelt, letztere können ohne Befehl sofort erschossen werden."
Aber es gab wohl auch andere Regeln: "... haben wir drei Panzerschützen gefangengenommen, die aber erschossen wurden, da es an Zeit fehlte, sie mitzunehmen." Oder: "Beim dritten ist es nicht gelungen, Aussagen zu erhalten. Wir mußten ihn erschießen."
Ungeklärt blieb, ob es einen Stalin-Befehl gab, "daß keine deutschen Gefangenen mehr gemacht werden dürfen", wie ein russischer Kriegsgefangener im Dezember 1941 zu Protokoll gab, oder ob eine Stalin-Rede am 7. November jenes Jahres auf dem Roten Platz in Moskau ("Für die völlige Vernichtung der deutschen Eindringlinge. Tod den deutschen Okkupanten") lediglich so interpretiert wurde, als habe Stalin damit auch die Tötung von Kriegsgefangenen angeordnet. "Ein zweifelsfrei originaler Wortlaut" Stalins dazu liegt, so die Nachforschungen von de Zayas, nicht mehr vor.
Was immer Stalin gesagt oder gemeint haben mag -- kurz nach seiner Moskauer Rede Anfang Januar 1942 brachten in Feodosia Rotarmisten schwerverwundete Deutsche gleich scharenweise um.
Am 28. Dezember 1941 waren starke sowjetische Streitkräfte auf der Halbinsel Kertsch gelandet. Sie zwangen die deutschen Truppen zum Rückzug auch aus der Stadt Feodosia. Dabei mußten etwa 160 Schwerverwundete im Feldlazarett Feodosia zurückgelassen werden.
Als die Stadt am 18. Januar 1942 wiedererobert wurde, lebte von ihnen keiner mehr. Sie waren erschossen oder aus dem Fenster geworfen oder mit Wasser übergossen worden und erfroren. Viele waren, offenbar bei lebendigem Leib und bei 15 bis 20 Grad Kälte, ans Ufer in die Brandung des Schwarzen Meeres gelegt worden.
Die Ermittlungen der Wehrmacht-Untersuchungsstelle dauerten nahezu zwei Jahre und ließen keinen Zweifel am Hergang des Massakers, das jedenfalls nicht durch "eine Kette von bedauerlichen Irrtümern" (de Zayas) verursacht worden war wie, auf einem anderen Kriegsschauplatz, die Versenkung des deutschen Lazarettschiffs "Tübingen" durch zwei britische Bomber am 18. November 1944 bei Pola in der Adria.
Die "Tübingen", von den Engländern als Lazarettschiff anerkannt, war bei klarem und ruhigem Wetter von Bombern vom Typ "Boston 3" mit Raketenbomben und Bordwaffen angegriffen worden und sank binnen zwanzig Minuten. Es gab vier Tote und 16 Verwundete.
Das britische Luftwaffenhauptquartier im Mittelmeer telegraphierte nach London: "Der Zwischenfall war das Ergebnis einer merkwürdigen Mischung von Unglück und Dummheit", von, so das Original, "bad luck and stupidity".
Ob es sich mal um Kopflosigkeit, mal um Tücke handelte -- was immer die Wehrmacht-Untersuchungsstelle prüfte und de Zayas in deren Akten fand, erreichte, "bei aller Grausamkeit im Einzelfall", doch nirgends "die Ebene des organisierten Völkermords", wie Professor Dietrich Rauschnigg, Direktor des Göttinger Universitäts-Instituts für Völkerrecht, an dem de Zayas arbeitete, in einem Vorwort festhielt: "Ein Vergleich mit dieser Dimension verbietet sich."
Auch de Zayas will seine Veröffentlichung keineswegs als "Anrechnung gegen Holocaust" verstanden wissen und wendet sich vorsorglich gegen "Beifall von der falschen Seite". Aber: "Wenn das nun mal alles so stimmt, muß man auch darüber reden können."
S.79
Ganze Familien sind ausgerottet worden, die Menschen sind nicht
immer erschossen, sondern häufig mit allen möglichen Werkzeugen z.
B. vor den Augen ihrer Angehörigen und anderer Personen, denen
ebenfalls ihre Ermordung angekündigt war, erschlagen worden. Eine
große Zahl der Leichen ist mit schweren Verstümmelungen aufgefunden
worden ... Bei Tarlowa in der Nähe von Kolo hat das polnische
Militär auf eine große Anzahl Volksdeutscher geradezu eine Treibjagd
mit Maschinengewehren veranstaltet. Man fand etwa 130 Tote, die nach
den Zeugenaussagen wie die Hasen bei einer Treibjagd über ein Feld
verstreut waren.
*
S.80
Ein Zivilist rollte den Feldwebel von mir herunter, nahm ein
Dolchmesser und stach auf ihn ein. Ich habe mit eigenen Augen sehen
müssen, wie er dem Feldwebel die Augen ausstach. Er stach erst
einmal daneben, beim zweiten Mal traf er mitten hinein. Er drehte
das Messer zwei bis dreimal in der Augenhöhle herum und zog es dann
heraus. Mit dem anderen Auge machte er es genauso.
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S.77 Alfred M. de Zayas: "Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle". Universitäts-Verlag/Langen Müller, München; 477 Seiten; 29,80 Mark. * 1942 in Feodosia. *

DER SPIEGEL 4/1980
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