17.03.1980

MANAGERMein Freund Zahn

Bei Manager-Treffen der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung drängeln sich die Stars der deutschen Wirtschaft. Der CDU-Wirtschaftsrat wird inzwischen gemieden.
Wolfgang Schieren, Chef des Münchner Versicherungskonzerns Allianz, bekam Post von der SPD. Er gehöre zu einem "ausgewählten Auditorium" und sei daher eingeladen, schrieb Ex-Schatzmeister Alfred Nau, an einer exklusiven Veranstaltung am 12. März in Bonn teilzunehmen. Der S.34 Manager sagte zu, und mit ihm rund 140 Bankiers und Industrielle.
Selbst eine Tagung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) hätte kaum mehr Prominenz anlocken können, als Nau am vergangenen Mittwochabend in der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung begrüßen konnte. Die Chefs der umsatzstärksten Konzerne waren gekommen, um Gastredner Helmut Schmidt zu hören.
In Sechser-Reihen quer zum Vorstandstisch hatten sich versammelt die Ruhr-Dynasten Jörg Henle (Klöckner) und Berthold Beitz (Krupp), die Chemieführer Rolf Sammet (Hoechst) und Rudolf von Bennigsen-Foerder (Veba), die Versand- und Warenhaus-Chefs Hans Dedi (Quelle) und Walter Deuss (Karstadt) sowie der Elektro-Vorstand Karlheinz Kaske (Siemens). Das Geldgewerbe vertraten Johannes Völling von der Westdeutschen Landesbank und Commerzbankier Paul Lichtenberg.
Mit am Tisch saßen die Ölkonzern-Chefs Wolfgang Oehme (Esso) und Helmuth Buddenberg (BP), die sich noch vor gut drei Wochen bei einem Privatbesuch im Hause des Hamburger Bankiers Alwin Münchmeyer um den Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß geschart hatten.
Vergebens hatte der Bayer bei dem Münchmeyer-Treffen um die Sympathie der hanseatischen Unternehmerschaft geworben (SPIEGEL 10/1980). Vergebens auch hatte CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber Anfang Februar die Unternehmerschaft aufgefordert, vom Spitzenmann der SPD abzurücken.
Das Interesse an dem Kanzlerabend bei der Ebert-Stiftung war so groß, daß einige nicht geladene Industrielle noch am Vormittag telephonisch bei Nau um Einlaß nachsuchten.
Den Zuhörern ging es nicht darum, vom Bundeskanzler Sensationelles zu erfahren. Denn für Vertrauliches war der Kreis ohnehin zu groß.
Wichtig war den Managern der Plausch danach. Im Anschluß an den offiziellen Teil zog die Runde vom backsteinroten Kasten an der Godesberger Allee in das nahe Gästehaus der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zu einem Zwiegespräch mit dem Kanzler hatten dort auch jene Zuhörer Gelegenheit, die anders als etwa BP-Chef Buddenberg in der großen Diskussionsrunde nicht durch Eigenbeiträge hatten auffallen wollen.
Bei Bier und Brötchen diskutierte das Kränzchen noch stundenlang weiter, den Kanzler bis morgens um halb zwei in der Mitte. Nach der Regieanweisung von Stiftungschef Nau durfte jeder Gast nur begrenzte Zeit am Tisch von Schmidt verweilen.
Das Ritual wurde in vielen Jahren eingeübt. Schon seit Mitte 1972 treffen sich monatlich geladene Unternehmer mit Ministern und ranghohen SPD-Funktionären.
Diesem "Gesprächskreis Wirtschaft" der Stiftung gehören "nur Leute an", so Nau, "die in ihrer Firma eine Gesamtverantwortung haben". Damit wollten die Initiatoren, Stiftungschef Nau und der inzwischen verstorbene Ruhr-Manager Ernst Wolf Mommsen, den erlauchten Zirkel gegen den Zulauf unterer Chargen abschotten.
Der Anfang war schwer. Zu den Gästen der ersten Stunde zählten nur Sozi-Manager wie die Vorstandsmitglieder Peter Frerk von VW und Edzard Reuter von Daimler-Benz.
Schon bald tauchten auch die Chefs der von Bonn abhängigen Konzerne wie Christdemokrat Rudolf von Bennigsen-Foerder von Veba und Karlheinz Bund von der Ruhrkohle auf.
Siemens-Chef Bernhard Plettner, der alljährlich mit Milliarden-Aufträgen von Bahn und Post bedacht wird und auch aus dem Etat des Forschungsministeriums im Jahr mehrere hundert Millionen Mark kassiert, hielt es ebenfalls für opportun, sich alsbald in der Runde blicken zu lassen. Hierfür sagte er sogar einmal seine Teilnahme an einer Sitzung des BDI-Präsidiums ab.
Noch ein halbes Jahr vor der Gründung des Kreises hatten Konzernführer wie Hans Merkle von Bosch, VW-Chef Toni Schmücker oder BMW-General Eberhard von Kuenheim in Anzeigen ("Wir können nicht länger schweigen") zusammen mit 59 anderen Industriellen gegen die Wirtschaftspolitik des Kabinetts Brandt agitiert. Heute rechnet Nau die drei Protestanten zu seinen Gästen.
Schmücker debütierte sogar schon vor fünf Jahren als Redner im SPD-Klub. Von Kuenheim wurde von Nau als Referent für eine SPD-Veranstaltung Mitte Juni in Wien mit Österreichs Kanzler Bruno Kreisky vorgesehen.
Daß es Deutschlands Unternehmer mittlerweile so sehr zur Regierung und deren größter Partei drängt, findet Flick-Gesellschafter Eberhard von Brauchitsch "ganz natürlich".
Wohl wahr: Wer in Bonn und in den Hauptstädten der Länder nicht präsent ist, kommt schwerer an die großen Staatstöpfe, aus denen jährlich Aufträge von weit über 100 Milliarden Mark vergeben werden. Gespräche mit der Regierungs-Spitzengarnitur sind für die Top-Manager denn auch zuvörderst Lieferantengespräche.
Das bekamen auch die Mächtigen von vorgestern zu spüren. Seit gute Sozi-Kontakte etwas gelten, lichten sich die Reihen in dem einst einflußreichen CDU-Wirtschaftsrat.
Dieser vor 16 Jahren gegründete Kampf- und Finanzbund zur Stützung der Union wandelte sich im Jahrzehnt sozialliberaler Herrschaft zu einem betulichen Standesverein. Zuhauf folgten Top-Manager dem Beispiel von Altbankier Hermann Josef Abs, der 1974 aus dem CDU-Wirtschaftsrat ausgetreten war. Übrig geblieben sind in dem 4000 Mitglieder starken Rat hauptsächlich Mittelständler und Freiberufler.
Als besonders schmerzlich empfinden die CDU-Oberen, daß selbst Industrie-Größen wie von Brauchitsch und der zu Jahresbeginn pensionierte Daimler-Chef Joachim Zahn, die noch Vorstandsmitglieder des Wirtschaftsrats sind, den Konkurrenz-Klub besuchen.
Hier, bei Nau, riskieren die Bosse gelegentlich auch ein offenes Wort gegen die Opposition. Als Unionspolitiker wirtschaftliche Sanktionen gegen die Sowjets forderten, äußerten die Industriellen beim SPD-Treffen freimütig ihren Unmut. Mannesmann-Chef Egon Overbeck, der um einen Anschlußauftrag über die Lieferung von 700 000 Tonnen Großrohre an die Sowjets bangte, schimpfte: "Die CDU spinnt wohl. Wir müssen dafür sorgen, daß die Aufträge hereinkommen."
So traulich geht es mitunter bei Nau zu, daß sich der SPD-Senior bereits freundschaftlicher Beziehungen zu einigen Bossen rühmt, wie zu "meinem Freund Zahn" und zu "Gottvater Merkle".
Bosch-Manager Merkle hatte dem Ex-Schatzmeister dadurch besonders imponiert, daß er kurz nach der Nominierung von Strauß zum Kanzlerkandidaten aus der CDU ausgetreten war. Vielen Gästen traut Nau, etwas voreilig, einen Gesinnungswandel zu: Er könne "zwar keinen Eid drauf leisten, doch die meisten, die bei uns waren, wählen nicht mehr CDU".
S.32 V. 1. n. r.: Diether Hoffmann (Chef der Bank für Gemeinwirtschaft), Berthold Beitz (Krupp-Aufsichtsratschef), Bundeskanzler Helmut Schmidt, Johannes Völling (Chef der Westdeutschen Landesbank). *

DER SPIEGEL 12/1980
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