04.08.1980

„Zufälliger Fußkontakt mit dem Körper“

Gerhard Mauz zum Urteil über den Schauspieler Burkhard Driest in Santa Monica
Man (hier und im folgenden: Mann) liest die Bücher und Zeitschriften, die Frauen für Frauen schreiben und herausgeben -- und man ist irritiert, vor allem dann, wenn es um "Gewalt gegen Frauen" geht. Da liest man zum Beispiel (jedes Zitat stammt aus "iner anderen Veröffentlichung): Gewalt gegen Frauen ist eine " " Selbstverständlichkeit und zeigt sich nicht erst dann, wenn " " es zu Handgreiflichkeiten zwischen Männern und Frauen kommt " ...
" Jede Frau ist tagtäglich mit offener oder versteckter Gewalt " " oder Gewaltandrohung konfrontiert. Statistiken und " " Untersuchungen zeigen, daß nur die Spitze des Eisberges an " Gewalt sichtbar ist ...
" Wir Frauen haben permanent Angst ... Wir haben Angst, " " angemacht, angefaßt, gedemütigt, geschlagen, vergewaltigt zu " " werden, von Männern, die uns wie ein Stück Vieh begutachten, " " anpacken, gebrauchen und wieder fortschicken; von Männern, " " die uns körperlich weit überlegen sind, dieses wissen und uns " " spüren lassen ... "
Man ist nicht nur irritiert, wenn man das liest. Ist man ein Verbrecher allein dadurch, daß man ein Mann ist? Da ist vom "Pfiff auf der Straße" die Rede, von der "gezischten obszönen Bemerkung im "orübergehen". Und dann heißt es doch tatsächlich: Durch diese " " Belästigungen, diese kleinen Vergewaltigungen täglich auf der " " Straße, in öffentlichen Lokalen, im Büro und durch die Angst " " vor echter physischer Gewalt werden wir in Schach gehalten. " " Wir müssen lernen, auch diese Formen von Gewalt zu erkennen " " und abzulehnen ... "
Die Frauen sind die größte Randgruppe der Gesellschaft, freilich ohne den Status einer Randgruppe. Man weiß das. 29 Millionen Männer wurden im letzten Bundestag von 477 Männern 32 Millionen Frauen von 41 Frauen vertreten. Aber die kleine tägliche Vergewaltigung auf der Straße, im Lokal und im Büro: Soll alles, aber auch alles Gewalt sein?
Doch dann findet in Santa Monica in Kalifornien ein Strafprozeß statt. Burkhard Driest, 40, soll Monika Lundi, 39, im Sommer 1979 in Los Angeles vergewaltigt haben. Es geht um zwei Schauspieler aus der Bundesrepublik. Und nun öffnet unsere Presse die Schleusen: "Driest hatte Stiefel an -sonst nichts]" und "Zieh mich an meinen Brustwarzen, das hab' ich gern."
Eine Frau behauptet, vergewaltigt worden zu sein. Der Mann bestreitet das. Es gibt vor Gericht kein heikleres, quälenderes Thema. Doch bei uns liest man: "Der Staatsanwalt unterbricht: 'Hatten Sie nicht Ihre Periode?' Monika Lundi: 'Ja.' 'Bluteten Sie?' 'Ja.' 'Trugen Sie ein Tampon?' 'Ja, das hat er mir herausgerissen.'"
Der Prozeß ist der "Sex-Prozeß in Santa Monica". Es geht um die Frage: "Wo zog er ihr den Slip aus?", denn man muß doch wissen, ob das "auf dem Boden im Wohnzimmer oder im Bett" geschehen ist. Man will ja nur informieren, damit sich jeder eine Meinung darüber bilden kann, wer recht hat, die Zeugin Lundi oder der Angeklagte Driest. Und so betatscht und besabbert man, was sich nur grabschen läßt. Bitte, es ist doch gesagt worden, was wir schließlich nur mitteilen.
Man kommt nur seiner Berichterstatterpflicht nach. Zu der gehört auch, daß man die Widersprüche in den verschiedenen Aussagen von Monika Lundi aufzeigt. Warum ist sie eigentlich spätabends noch in Driests Wohnung gegangen? Die Presse der Bundesrepublik vertieft sich grunzend in die Widersprüche. Und lediglich das "Hamburger Abendblatt" unterschlägt die Fachärztin für Psychiatrie nicht, die von der Anklage präsentiert wird.
Die Ärztin Dr. Adele Hess hat mit mehr als 4000 Vergewaltigungsopfern gesprochen. Sie trägt vor, daß es in der weiblichen Reaktion auf eine Vergewaltigung drei Phasen gibt. Erst in der dritten Phase kann sie versuchen zu objektivieren. Die Widersprüche Monika Lundis sind also nicht unerklärlich.
Aber auch Burkhard Driest erfährt keine Rücksicht, er ist schließlich vorbestraft und damit allemal fast überführt, wenn er beschuldigt wird. 1966 wurde er wegen Bankraubes zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Er ist 1,92 groß, ein Hüne, und was da zwischen ihm und der zierlichen Blondine Monika Lundi gelaufen ist, man muß sich das doch so richtig vorstellen können. Da sind doch nur zwei "Typen" aufeinandergetroffen, bloß keine Grübeleien.
Über den Prozeß gegen Burkhard Driest ist in der Bundesrepublik schlürfend und schmatzend berichtet worden. Nicht einmal klang an, daß es hier um ein Problem geht, das gerade bei uns erbittert diskutiert wird. Im Sommer 1979 verteidigte Nicolas Becker in West-Berlin einen der Vergewaltigung angeklagten Mann -- und noch dazu erfolgreich. Nicolas Becker ist Partner des Rechtsanwalts Otto Schily. Schon das genügt, ihn als "Linken" zu diskriminieren.
Nach der erfolgreichen Verteidigung eines der Vergewaltigung angeklagten Mannes mußte Nicolas Becker eine neue Erfahrung machen. 50 Frauen stürmten sein Büro, streuten Dessous und gossen Parfüm aus, sie photographierten ihn mit einem Schild "Zuhälteranwalt" vor der Brust. "Emma" und "Courage" schlugen zu. In Prozessen "von Männergewalt gegen Frauen" hebe sich die Gegnerschaft zwischen linken Anwälten und rechtsprechenden Organen auf, die "bewährte Männerkumpanei" vereine sich gegen die Glaubwürdigkeit der Frauen.
Sebastian Cobler, Publizist und Jurist in Frankfurt, hat im "Kursbuch 60" unter der Überschrift "So einen verteidigt man nicht]" versucht, die "politische S.63 Schizophrenie" zu therapieren, die ausgebrochen ist. In "Courage" erhält er in diesem Monat die Quittung: "Coblers Artikel ist eine Vergewaltigung."
1965 wurde in Hamburg im Wiederaufnahmeverfahren ein Mann freigesprochen, den zwei junge Frauen der Notzucht beschuldigt hatten und der deswegen zunächst verurteilt worden war. Zwingende Beweise hatten seine Unschuld erbracht. Die jungen Frauen hatten ihn beschuldigt, weil für sie Gewalt gewesen sein mußte, was nicht sie selbst gewesen sein durften vor sich selbst. In Strafprozessen, in denen es um Gewalt gegen Frauen geht, können zwei Wahrheiten aneinandergeraten.
Zu 500 Dollar Strafe ist Burkhard Driest in Santa Monica verurteilt worden. Die -- von ihm eingeräumte --Körperverletzung sei nur von leichter Art gewesen, befand Richter Laurence Rittenband, 74, der auch von einem "zufälligen Fußkontakt mit dem Körper" Monika Lundis sprach und an eine Vergewaltigung (trotz unbestrittener Körperverletzung) nicht glauben mochte (unter anderem auch, weil ein Mann nicht mit Stiefeln ins Bett gehe). Wir können zu dem Urteil nichts sagen, wir waren nicht dabei. Frauen werden darauf hinweisen, daß die leichte Körperverletzung nur zu oft das Ergebnis ist, wenn wegen Vergewaltigung verhandelt wird.
Man kann ihnen nicht widersprechen. Die Berichterstattung über den Prozeß gegen Burkhard Driest hat eine "Gewalt gegen Frauen", eine brutale und schmierige Einstellung zu dem Thema Vergewaltigung offenbart -- nach der man sich dem Satz "Gewalt gegen Frauen ist eine Selbstverständlichkeit" nicht mehr entziehen kann.
In einem Leserbrief in der "Frankfurter Rundschau" vom 9. März 1979 nahmen "Frauen gegen Vergewaltigung", ein "Notruf" in Frankfurt, zu einem Vergewaltigungsprozeß Stellung, in dem sich das Gericht mit der fehlgelaufenen psychosexuellen Persönlichkeitsentwicklung des "ngeklagten befaßt hatte. Da hieß es: Dieses Gesellschaftssystem " " bietet einem Mann, wie diesem Angeklagten, die Möglichkeit, " " das Elend seiner Randgruppenexistenz im Frauenhaß zu " " kanalisieren; und somit verhindert diese patriarchalisch " " konstruierte Gesellschaft, daß er seine Wut gegen das " " richtet, was sein Elend produziert. Um nicht mißverstanden zu " " werden: Dies soll kein lauter Ruf nach "law and order" sein; " " vielmehr haben wir mit dieser Thematik ... große Konflikte. " " Auf der einen Seite unsere direkte Betroffenheit und die " " Bedrohung, die uns wünschen läßt, alle Frauen für immer vor " " Vergewaltigern zu schützen; zum anderen unser politisches " " Bewußtsein, das die Funktion von Gefängnissen im bürgerlichen " " Staat kennt, und auch das Wissen, daß Knast und die " " herrschende bürgerliche Psychiatrie kaum bessere Verhältnisse " " und Einsichten schaffen. "
Darüber muß man reden, nach dem Greuel der Berichterstattung über den Prozeß gegen Burkhard Driest noch dringender.
S.62
Gewalt gegen Frauen ist eine Selbstverständlichkeit und zeigt sich
nicht erst dann, wenn es zu Handgreiflichkeiten zwischen Männern und
Frauen kommt ...
Jede Frau ist tagtäglich mit offener oder versteckter Gewalt oder
Gewaltandrohung konfrontiert. Statistiken und Untersuchungen zeigen,
daß nur die Spitze des Eisberges an Gewalt sichtbar ist ...
Wir Frauen haben permanent Angst ... Wir haben Angst, angemacht,
angefaßt, gedemütigt, geschlagen, vergewaltigt zu werden, von
Männern, die uns wie ein Stück Vieh begutachten, anpacken,
gebrauchen und wieder fortschicken; von Männern, die uns körperlich
weit überlegen sind, dieses wissen und uns spüren lassen ...
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Durch diese Belästigungen, diese kleinen Vergewaltigungen täglich
auf der Straße, in öffentlichen Lokalen, im Büro und durch die Angst
vor echter physischer Gewalt werden wir in Schach gehalten. Wir
müssen lernen, auch diese Formen von Gewalt zu erkennen und
abzulehnen ...
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S.63
Dieses Gesellschaftssystem bietet einem Mann, wie diesem
Angeklagten, die Möglichkeit, das Elend seiner Randgruppenexistenz
im Frauenhaß zu kanalisieren; und somit verhindert diese
patriarchalisch konstruierte Gesellschaft, daß er seine Wut gegen
das richtet, was sein Elend produziert. Um nicht mißverstanden zu
werden: Dies soll kein lauter Ruf nach "law and order" sein;
vielmehr haben wir mit dieser Thematik ... große Konflikte. Auf der
einen Seite unsere direkte Betroffenheit und die Bedrohung, die uns
wünschen läßt, alle Frauen für immer vor Vergewaltigern zu schützen;
zum anderen unser politisches Bewußtsein, das die Funktion von
Gefängnissen im bürgerlichen Staat kennt, und auch das Wissen, daß
Knast und die herrschende bürgerliche Psychiatrie kaum bessere
Verhältnisse und Einsichten schaffen.
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Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 32/1980
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