19.01.1981

SCHACH-WMKnacks gegeben

Ist der SPIEGEL daran schuld, daß der deutsche Weltmeister-Kandidat Robert Hübner das Finale in Meran aufgab?
Drei Märchen erfand der Kölner Immobilienmakler, Schiffseigner und Schachmäzen Wilfried Hilgert, als es darum ging, einen Schuldigen für ein Debakel zu suchen: Im Südtiroler Kurort Meran hatte der dort von ihm betreute Robert Hübner, Deutschlands bester Schachspieler, das Kandidatenfinale gegen den Vizeweltmeister Wiktor Kortschnoi vorzeitig aufgegeben.
Das eine Märchen vom gutmütigen Robert geht so: Hübner habe nach acht von geplanten 16 Partien aufgesteckt "aus Sympathie für den bedauernswerten, weil als Exilrusse vom Schicksal ohnehin hart geschlagenen Gegner, der eine Meraner Niederlage innerlich nicht hätte verkraften können". So erzählte die "Frankfurter Allgemeine" ("FAZ") diese Hilgert-Mär und meinte dazu: "Das sollte wohl der Witz der Woche sein."
Das andere Märchen handelt vom braven Betreuer Hilgert, der als Schutz-Mann für Hübner in Meran "alles von ihm fernhielt, was sein Gemüt nach menschlichem Ermessen hätte beschweren können", lediglich "mit Ausnahme des SPIEGEL und der zu seltenen Gelegenheiten filmenden Fernsehleute". So liest es sich in der "FAZ". Es klingt dort wie Wahrheit und ist doch nur Hilgerts Dichtung.
Dessen liebstes Märchen ist das am weitesten verbreitete. An dem Tage, an dem Hübner aufgab und abreiste, tickerte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) eine Hilgert-Äußerung in die Heimat, und sie stand dann in vielen Zeitungen: "Robert Hübner war vor allem über einen Beitrag im SPIEGEL schockiert." Der habe ihm, so sagte der Manager zu der "Welt", "einen Knacks gegeben". Gemeint war ein Beitrag des Reporters Peter Brügge (53/1980).
Noch drastischer äußerte sich der Schachmäzen, als der Hamburger Schachprofi und SPIEGEL-Mitarbeiter Gisbert Jacoby im Meraner Hotel Palace seinen Weg kreuzte. Hilgert sprach zu Jacoby von dem gescheiterten Kandidaten wie von einem Toten: "Ihr habt Robert Hübner auf dem Gewissen."
Für Hübner selbst war der "Kernpunkt" des Artikels eine Äußerung seines Managers, die dort wiedergegeben wurde: Mit Kortschnoi, "dem alternden Schachdissidenten, werde es von Meran an steil bergab gehen. Der werde ''in Armut verkommen''. Und diese Frau (seine Lebensgefährtin Petra Leeuwerik), die werde ihn dann natürlich verlassen".
Diese Hilgert-Prognose war der Gipfel einer wochenlangen Kampagne, mit der Hübners Betreuer in Meran für einen Nervenkrieg sorgte und sich Tag für Tag in die Zeitung brachte.
Bis dahin hatten die Häuser und Heringe des Millionärs Hilgert ihn nur in Köln und an den Küsten bekannt gemacht. Ursprünglich war er im Hotelfach tätig, wechselte 1955 aber in eine andere Branche über, als er in einer S.87 Düsseldorfer Hotelbar einen Immobilienmakler traf, der -- wie er sich erinnerte -- "furchtbar dumm war und trotzdem irrsinnig viel Geld verdiente".
Der Kölner begann seine Grundstücksgeschäfte mit 5000 Mark und einem alten Opel, machte, so Hilgert, "jedes Jahr über 100 Prozent Umsatzsteigerungen" und besaß zehn Jahre später selbst Häuser mit 1200 Wohnungen.
Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre wurde Hilgert "Seewolf vom Rhein" und "Matjesfürst" genannt, als er die in Konkurs geratene "Glückstädter Heringsfischerei" und eine weitere Reederei kaufte und zeitweilig acht Heringslogger nebst zwei Hecktrawlern ausfahren ließ. Zu manchen Zeiten stammten die meisten Matjesheringe auf den Tischen der Bundesbürger aus Hilgert-Fängen.
Seine Anti-Kortschnoi-Kampagne führte Hilgert nach dem Motto, was den Exilrussen ärgere, werde Hübner nützen. Daß er dabei vor Halb- und Unwahrheiten nicht zurückscheute, zeigte sich insbesondere in einer Pressekonferenz unmittelbar vor Beginn des Wettkampfes.
Er erweckte den Eindruck, Hübner sei vom Weltschachbund und von Kortschnoi zum Beginn des Matches vor Weihnachten gezwungen worden und müsse nun ohne Sekundanten antreten. Dabei stand längst fest, daß der Amerikaner William Martz und der Tscheche Vlastimil Hort vom ersten Tage an dabeisein würden.
Hilgert ließ in der Pressekonferenz offen, ob sich Hübner gegen Kortschnoi in Meran sowjetischer Schachprofis als Sekundanten bedienen würde. Nach seinen mehrdeutigen Äußerungen fragte dpa: "Sowjetische Großmeisterhilfe für Hübner?", und "Bild" wußte schon: "Russen wollen Hübner helfen". Dabei hatte der WM-Kandidat schon lange vorher gegenüber Hilgert klargestellt, daß er sowjetischen Beistand gegen den Exilrussen keinesfalls wünschte.
Hilgerts strategisches Konzept war grundverkehrt. Nur mit einer ganz anderen Strategie wäre zu erreichen gewesen, daß Kortschnoi entweder erst später gewonnen oder sogar verloren hätte. Denn schon in den ersten Meran-Tagen zeigte sich, daß die von Hilgert aufgeheizte Atmosphäre nicht Kortschnoi, sondern Hübner irritierte.
Andere Spieler hätten in solcher Situation ihren Betreuer wahrscheinlich zum Schweigen gebracht oder gefeuert. Aber der nicht nur menschen-, sondern auch konfliktscheue Hübner ließ Hilgert gewähren und versuchte nur vorsichtig und deshalb vergebens, dessen scharfen Kurs zu korrigieren.
Das geschah zum Beispiel, als er am dritten Tag des Matches von Hilgert erfuhr, daß sogar dessen Ehefrau Ingeborg in den Nervenkrieg eingegriffen hatte. Sie hatte es abgelehnt, bei einer zufälligen Begegnung mit Kortschnois Petra Leeuwerik ein paar Grußworte zu wechseln: "Ich wüßte nicht, was wir uns zu sagen hätten." Hübner machte sogleich deutlich, was er davon hielt: "Mit solchen Sachen will ich nichts zu tun haben. Wenn ich das alles miterleben müßte, würde ich wahnsinnig."
Zum Eklat kam es erst, als im SPIEGEL stand, was Hilgert über den nach seiner Meinung nun wohl bald in Armut verkommenden Kortschnoi gesagt hatte. Das war dem Kandidaten dann doch zuviel, und er sprach vom Aufgeben: "Unter diesen Bedingungen kann ich nicht Schach spielen."
Hübner unternahm einen letzten Versuch, diese Bedingungen zu ändern, an denen er -- wie er nun selbst sah -zu scheitern drohte. Mit einer Erklärung, um deren Veröffentlichung er den SPIEGEL bat (1-2/1981), wollte er den Arbeitsfrieden in seiner Delegation wiederherstellen und Kortschnoi deutlich machen, daß ihm, allen Hilgert-Attacken zum Trotz, an einem fairen Kampf lag.
Hübner mißfiel der Artikel auch wegen einiger anderer Punkte. Doch gerade weil sich der Kölner nicht nur zu dem Ausspruch Hilgerts über Kortschnoi äußerte, zeigt seine Erklärung, wie groß die Differenzen zwischen dem Spieler und seinem Manager waren.
Mit seinem Sekundanten erklärte sich Hübner solidarisch: "Herr Hort und ich legen Wert auf die Feststellung ..." Und er bestritt sogar, was niemand behauptet hatte: "Ich halte ihn nicht als Sklaven."
Die Dementis seines Betreuers aber gab Hübner mit einiger Distanz wieder, so daß offenblieb, was er selbst davon hielt: "Herr Hilgert hat mir versichert ..." Und: "Herr Hilgert hat mir ferner erklärt ..."
Und geradezu widerwillig machte sich der WM-Kandidat am Ende seiner Erklärung zur lebenden Litfaßsäule für Frau Hilgert, die nun ihre operettenreife Szene mit Frau Leeuwerik aus der Schachgeschichte radieren wollte: "Von Frau Hilgert bin ich gebeten worden, bekanntzumachen ..."
Er machte bekannt, "daß die vom Verfasser Frau Leeuwerik zugeschriebene Aussage, sie (Frau Hilgert) habe im Hotel ihr (Frau Leeuwerik) mit schlimmen Worten den Händedruck verweigert, nicht den objektiven Gegebenheiten entspricht".
Als Hübner diese Erklärung verfaßte, wußte er zwar, daß Hilgert sich mittlerweile zu dem Artikel vor Fernsehkameras ebenfalls geäußert hatte. Aber die Distanz zwischen beiden war so groß, daß der Betreuer den Spieler darüber, was er dort erklärt hatte, mit keinem Wort informierte.
Und in einem Zeitungsinterview strafte Hilgert den WM-Kandidaten wenig später sogar Lügen. Jene Äußerung über Kortschnoi, die er Hübner eben noch hatte dementieren lassen, gab er selbst nun zu und schränkte lediglich ein, er habe das nicht "in dieser krassen Form" gesagt.
Aber auch das war noch falsch. Die Wahrheit ist: In eben dieser krassen Form hat sich Hilgert nicht nur einmal, sondern mehrfach geäußert. Zu seinen Gewohnheiten gehört es, Sätze, die er für gut hält, oft zu wiederholen.
Dem SPIEGEL sagte er den Spruch wortgleich zweimal auf, erst in der Halle, dann im Foyer des Hotels Palace. In einer Fernsehsendung des Norddeutschen Rundfunks wunderte sich Redakteur Albrecht Fölsing über die Aufregung: "Hilgert hat''s mir ganz genauso erzählt."
Und Fölsing fragte: "Warum umgibt sich Hübner eigentlich mit solchen Managern, die Dinge erzählen, die ihn dann in Panik versetzen, wenn sie in der Zeitung stehen?"
Ja, warum eigentlich?
Hübners Patzer
In der siebten Partie unterlief Hübner der bislang ärgste Patzer seines Schachlebens. Er zog seinen König (siehe Pfeil) und übersah, daß Kortschnoi im nächsten Zug mit seinem Springer auf e3 Schach bieten und zugleich den Turm seines Gegners bedrohen konnte. Der Deutsche wartete den Verlust dieser Figur gar nicht erst ab und gab auf.
S.86 Bei der Eröffnungsfeier zum Kandidatenfinale in Meran. *

DER SPIEGEL 4/1981
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