17.03.1980

TV-GERÄTEÄrgerliche Vielfalt

Mit einem gemeinsam entwickelten TV-Aufzeichnungsgerät wollen Grundig und Philips die System-Vielfalt beenden und den Japanern Marktanteile abjagen.
Ein "Wunder" steht den Verbrauchern ins Haus, eine "Sensation" zumindest, die "Wende" ist nah -"eine neue Video-Zeit" bricht an.
Das Gerät, das die Phantasie der Werbetexter so beflügelt, ist eine gemeinsame Entwicklung der deutschen Grundig AG und der niederländischen Philips GmbH: "Video 2000", ein Fernseh-Aufzeichnungsautomat, der in diesen Tagen auf den Markt kommt.
Besucher der Funkausstellung in Berlin konnten das Modell schon im Sommer vergangenen Jahres bestaunen -- kaufen allerdings nicht. Wunder dauern eben etwas länger.
Videorecorder, seit acht Jahren in unterschiedlicher Ausführung auf dem Markt, scheinen zu einem der beliebtesten Erwachsenen-Spielzeuge zu werden. Auf Tage im voraus kann der Fernsehfan das Gerät so einstellen, daß es bestimmte Sendungen aufzeichnet, die er sich später ansehen will. Viele Geräte können den Krimi im ersten Kanal festhalten, während die Sportsendung im zweiten Programm auf dem Bildschirm flimmert.
"Video 2000" soll neben diesen technischen Raffinessen einen weiteren Vorteil bieten: eine Aufzeichnungsdauer bis zu acht Stunden. Alle anderen Produkte schalten nach höchstens vier Stunden ab.
Ob damit für die europäischen Hersteller schon die Wende erreicht wird, scheint ungewiß. Sicher ist, daß die Europäer bereits viel zu lange gewartet haben. Philips, Grundig und deren Lizenzpartner geraten auf dem vielversprechenden Markt gegenüber der Konkurrenz immer mehr ins Hintertreffen.
Und die kommt, wie schon so oft, aus Fernost. Die Japaner, fürchtet der Fachverband Unterhaltungselektronik im Zentralverband der Elektrotechnischen Industrie (ZVEI), könnten mit Videorecordern ähnlich erfolgreich werden wie schon mit Photoapparaten, Elektronenrechnern und Quarzuhren.
Speziell die deutsche Industrie, meint Verbandsgeschäftsführer Peter Bergmann, brauche eine Atempause: "Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel."
Rund 175 000 Deutsche legten sich im vergangenen Jahr einen TV-Aufzeichner zu. Doch nur etwa 60 000 kauften ein Gerät europäischer Provenienz, die anderen wählten Japaner.
Für die deutschen Hersteller und ihre europäischen Konkurrenten ein böses Zeichen. Denn über den künftigen Marktanteil bei Videorecordern, die eines der interessantesten Geschäfte der Branche versprechen, wird im wesentlichen schon heute entschieden.
Anders nämlich als etwa bei Plattenspielern oder Tonbandgeräten gibt es für die Videorecorder keine weltweit genormte Technik. Der Verbraucher steht verwirrt vor einer Vielzahl ganz verschiedener Systeme, die sich durch Bandgeschwindigkeit, Spurlage und Kassettengröße unterscheiden (siehe Graphik).
Die Kassetten des einen Systems lassen sich auf keinem anderen abspielen, sie sind nicht kompatibel. Wechselt der Besitzer einer Videoanlage das System, dann sind alle vorher bespielten Bänder wertlos.
So bleiben die meisten Recorderkäufer Stammkunden eines bestimmten Herstellers -- es sei denn, sie wechseln verärgert das System, weil ihre alten Bänder nicht einmal auf den neuen Geräten desselben Herstellers laufen.
Zunächst scheint ein Ende der ärgerlichen Modellvielfalt nicht abzusehen. Schon hat BASF ein neues System angekündigt, das Ende dieses Jahres auf den Markt kommen soll.
Das von einer BASF-Tochter in Amerika entwickelte System LVR (Longitudinal Video Recording) ermöglicht den Bau besonders kompakter Geräte. Ein weiterer LVR-Recorder, der aber nicht mit dem BASF-Gerät vergleichbar ist, wird vom Jahresende an von der japanischen Elektronik-Firma Toshiba gebaut.
Dennoch sind sich Fachleute darüber einig, daß auf Dauer nur ein oder zwei Aufzeichnungssysteme überleben werden. Entsprechend emsig bemühen sich die System-Entwickler, möglichst viele Lizenzpartner zu gewinnen.
Am erfolgreichsten war dabei bisher der japanische Elektronikkonzern Matsushita. Für das 1977 von seiner Tochterfirma JVC entwickelte Video-Home-System (VHS) hat Matsushita (13 Milliarden Mark Jahresumsatz) weltweit schon 22 Lizenznehmer unter Vertrag. Allein in Deutschland verkaufen außer JVC sechs japanische und vier deutsche Firmen, darunter Saba und Telefunken, Geräte nach dem VHS-Standard.
Auch die Nummer zwei auf dem Weltmarkt, Sony, gewann für ihren 1975 vorgestellten Betamax bereits acht Partner. Zu den wichtigsten Abnehmern der Japaner zählen in Deutschland die Großversender Quelle und Neckermann.
In den USA haben sich die beiden japanischen Systeme schon durchgesetzt. Denn die amerikanischen Elektronikkonzerne, die 1951 die Möglichkeit der magnetischen Bildaufzeichnung entdeckten, überließen die Entwicklung von Heim-Videomaschinen der Konkurrenz aus Fernost.
Die Europäer dagegen möchten nicht kampflos aufgeben. Denn lange Zeit waren insbesondere deutsche Unternehmen den Japanern in der Videotechnik voraus. So entwickelte der Telefunken-Ingenieur S.48 Eduard Schüller schon 1953 ein Aufzeichnungsverfahren -die Signale werden zur optimalen Bandausnutzung schräg gespeichert --, nach dem heute noch alle Heim-Videogeräte arbeiten.
Als erste Firma in Europa bot das deutsche Unternehmen Loewe-Opta 1961 ein nach dem Schüller-Verfahren arbeitendes Gerät an. Ende der sechziger Jahre vereinfachte Philips die Handhabung der noch riesigen Apparate. Wie schon zuvor beim Tonband konnten nun Kassetten statt der offenen Spulen verwandt werden. Im Mai 1972 brachte Philips schließlich das erste Farb-Videogerät auf den Markt.
Doch der Pionier, drei Jahre weltweit ohne Konkurrenz, verstand den Vorsprung nicht zu nutzen. Acht Jahre nach dem Beginn der Video-Ära kann das Philips-System mit den japanischen Geräten kaum mithalten. Ebenfalls abgeschlagen ist Philips-Partner Grundig.
Beide Firmen machten einen entscheidenden Marketingfehler: Ohne Rücksicht auf die Erstkäufer veränderten sie ständig ihre Geräte in wesentlichen Punkten. Aber alles, was sie als technische Verbesserung anpriesen, verunsicherte nur die Kundschaft. Die Japaner dagegen änderten lediglich Details -- ihr einmal gewähltes System behielten sie bisher bei.
Hinzu kam, daß sich das eilig entwickelte Grundig-System SVR (Super Video Recording) als sehr reparaturanfällig erwies, während das solidere Philips-System VCR (Video Cassette Recording) potentielle Käufer durch hohe Bandpreise schreckte.
Beide Firmen konnten zudem nie in großen Serien produzieren und dadurch ihre Apparate verbilligen. Denn den größten Markt für Unterhaltungselektronik, die USA, ließen sie völlig unbeachtet.
Schlimmer noch: In Amerika vertreibt die Philips-Tochter Magnavox Videogeräte nach dem japanischen VHS-Standard. "Philips und Grundig", resümiert ein Branchenkenner, "haben von Anfang an in zu kleinen Dimensionen gedacht."
So hatten die japanischen Konkurrenten in der Bundesrepublik leichtes Spiel. Während die Japaner und ihre deutschen Lizenznehmer -- allen voran Saba -- im vergangenen Jahr per Luftfracht die gefragten Geräte herbeischafften, mußten Philips und Grundig mit ansehen, wie ihre Altgeräte nach VCR- und SVR-Norm verramscht wurden. Die letzten der einst stolze 2800 Mark teuren Maschinen sind inzwischen für 1700 Mark zu haben.
Da half es auch wenig, daß Grundig Anfang Februar, gerade noch rechtzeitig zur Winterolympiade, die ersten Geräte des Typs "Video 2000" verkaufte. Obwohl sich inzwischen auch Siemens entschlossen hat, Grundig-Recorder in sein Programm aufzunehmen und Fachleute dem System höchsten technischen Standard bescheinigen, dürfte der Vorsprung der Japaner vorerst kaum aufzuholen sein.
Denn noch haben die 18 Lizenznehmer von "Video 2000" zu geringe Marktanteile. Die Fabriken in Wien (Philips) und Nürnberg (Grundig) werden erst allmählich die Kostenvorteile einer Großserienproduktion erreichen.
Die Japaner dagegen haben parallel zu ihrem Markterfolg inzwischen eine riesige, teilweise automatisierte Fertigungskapazität aufgebaut. Bereits Mitte vergangenen Jahres lief etwa bei Sony in Tokio der millionste Recorder vom Band.
Heute werden in Japan in einem einzigen Monat mehr Videorecorder gebaut, als in Deutschland während der vergangenen acht Jahre verkauft wurden. Und eine Monatsproduktion der S.50 zehn japanischen Videofabriken würde ausreichen, den für 1980 prognostizierten Deutschland-Absatz von etwa 250 000 Geräten zu decken.
Trotz der enormen Fertigungsvorteile haben die Japaner ihre Aufzeichnungsmaschinen bislang nicht billiger als die Konkurrenzprodukte verkauft. Die Spitzenmodelle der Japaner, etwa das "HR 3660" von JVC oder das "SL-C 7" von Sony, sind rund 200 Mark teurer als das neueste Grundig-Gerät "2x4" ("Video 2000"). Einen Preiskampf könnten Sony und Matsushita daher wohl durchstehen.
Gefährlich könnte es für die japanischen Anbieter erst werden, wenn ihnen deutsche Lizenznehmer davonlaufen und auf das neue Europa-System "Video 2000" umsteigen. Dann könnte das ganz große Geschäft mit TV-Bandmaschinen für die Europäer beginnen. Viele noch zögernde Verbraucher könnten sich schließlich zum Kauf entscheiden, weil sie ein Ende der verwirrenden Systemvielfalt erwarten.
Ausgeschlossen scheint auch dieses Wunder nicht. Selbst erfolgreiche Verkäufer japanischer Ware, wie die Firma Saba, halten sich offen. "Wir sind", erklärt Saba-Sprecher Hans-Joachim Runge, "mit keinem System verheiratet."

DER SPIEGEL 12/1980
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