17.03.1980

ÖLINDUSTRIEAbsolute Klarheit

In einer ZDF-Sendung soll diese Woche die Wahrheit über die Gewinne der Ölkonzerne verkündet werden.
Von Mittwochabend dieser Woche an wird Schluß sein mit den Verdächtigungen, Vorwürfen und Verleumdungen gegen die vermeintlich profitsüchtigen Ölkonzerne.
In der ZDF-Sendung "Bilanz" will der Bonner Betriebswirtschafts-Professor Horst Albach ein den vielgeschmähten Ölmultis hochwillkommenes Aufklärungswerk vollbringen.
Nach monatelangen Recherchen im Hamburger Hauptquartier der Deutschen BP sieht sich der angesehene Hochschullehrer bestens gerüstet, als neutraler Gutachter "in der Öffentlichkeit mehr Klarheit über die Probleme der Ölindustrie" zu verbreiten.
Bei dem Ölmulti in der Hamburger City Nord sind sich die Prüflinge schon sicher, wie das Urteil ihres Gastes ausfallen wird. "Wir werden gut aussehen", freut sich BP-Sprecher Jochen Stachow auf das TV-Ereignis.
Völlig unberechtigt, so versicherten die Ölmanager stets, seien sie in den Verdacht geraten, zu hohe Preise zu verlangen. Der Ertrag reiche vielmehr kaum, die langfristige Energieversorgung der Bundesrepublik zu sichern.
Daß Politiker, Journalisten und Kartellbeamte dennoch immer wieder über S.51 die Preispolitik der Konzerne klagten, traf vor allem BP-Chef Hellmuth Buddenberg in seiner Unternehmer-Ehre.
Als das Bundeskartellamt vergangenen Sommer eine Untersuchung gegen die Ölkonzerne mit der Begründung abbrach, ein Macht-Mißbrauch sei einfach nicht zu beweisen, mochte er sich mit diesem Freispruch zweiter Klasse nicht zufriedengeben. Mit einer Art Selbstanzeige drängte er die Berliner Wettbewerbshüter, so lange weiter zu ermitteln, bis die Unschuld der Ölbranche erwiesen sei.
Doch die Berliner wollten sich nicht länger durch den Zahlen-Dschungel komplizierter Konzern-Rechenwerke kämpfen. Der auf Branchen- und Eigen-Reputation bedachte Buddenberg verfiel daher auf einen anderen Dreh, um doch noch zu einem Unschuld-Testat zu kommen.
In einer "Bilanz"-Sendung vom Juli 1979 bot der TV-Gast überraschend an, "eine Gruppe Kritiker unserer Preispolitik nach Hamburg einzuladen mit einem anerkannten Wirtschaftsprüfer ihrer Wahl". Dort werde "dieser Kreis", versprach er, "die Gelegenheit haben, unsere Bücher einzusehen".
Als "Gegenleistung" erbat der Spitzen-Manager, "daß die Gruppe anläßlich einer der nächsten 'Bilanz'-Sendungen wahrheitsgetreu Bericht erstattet".
Das "Bilanz"-Team schnappte bereitwillig nach dem Buddenberg-Köder. Doch die Suche nach einem geeigneten unabhängigen Fachmann für die "Prüfung der Preis- und Versorgungspolitik der Deutschen BP im Jahre 1979" (so der offizielle Untersuchungsauftrag) S.53 geriet schwieriger, als die ZDF-Journalisten erwartet hatten.
Denn die Fernseh-Leute wollten keine private Wirtschaftsprüfer-Gesellschaft für die BP-Inquisition anheuern. Diese hätte allzu leicht in den Verdacht geraten können, den Mächtigen der Ölwirtschaft nicht wehtun zu wollen.
Den meisten der vom ZDF angesprochenen "ersten Adressen" ("Bilanz"-Redakteur Udo van Kampen) unter den Wirtschaftswissenschaftlern aber war der Auftrag wohl zu heikel. Fast alle Professoren lehnten ab.
Erst nach langen Vorgesprächen sagte schließlich der Bonner Ordinarius Albach zu, der sich durch ein Universitäts-Seminar für Unternehmer profiliert hatte und 1978 in den "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" berufen worden war.
Wichtigste Bedingung, die Albach vor Antritt seines Neben-Jobs stellte: Es müsse ihm zugesichert werden, daß er alle Unterlagen einsehen könne, die er anfordern werde -- auch Zahlen und Verträge der BP-Muttergesellschaft in London.
So weit mochte Buddenberg sich dem Professor zunächst denn doch nicht ausliefern. Dann aber räumte er Albach und dessen fünfköpfiger Prüfungsmannschaft die gewünschten Informationsrechte ein.
In manche Firmen-Geheimnisse weihten die BP-Leute den Prüfer zwar "erst beim dritten Nachfassen" (Albach) ein. Aber: "Ich habe so lange insistiert", versichert der Ökonom, "bis ich absolute Klarheit hatte."
Die war in Hamburg allein nicht zu bekommen. Denn entscheidend für das Reinheit-Testat ist bei einem Multi die Antwort auf die Frage, ob denn die Konzernmutter für ihre Lieferungen an die Tochter die eigenen Kosten stets korrekt in Rechnung stellte.
Nur in London war zu ermitteln, ob die BP-Mutter womöglich
* versteckte Rabatte von den Ölländern erhielt, die sie nicht an die Hamburger Tochter weitergab;
* Rohöl und Fertigprodukte für die Tochter fälschlich als teure Zukäufe auf dem freien Rotterdamer Markt deklarierte oder
* der Tochter überhöhte Fracht-Zahlungen abverlangte.
Die Recherchen in Hamburg hatte Albach im Dezember aufgenommen. Für die kniffligen Checks in London nahm er sich nur vergangenen Dienstag und Mittwoch Zeit.

DER SPIEGEL 12/1980
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