17.03.1980

Nachts kommt alles runter

Bleiverseuchung in Goslar: Seit 450 Jahren vom Gift berieselt Vieh und Pflanzen sind vergiftet, Menschen haben Blei im Blut: Schwermetall-Schauer aus Schloten und von Halden anliegender Hütten verpesten in und um Goslar Land, Luft und Leute. Nun sollen, mit einem Millionenprogramm, die ersten Opfer evakuiert werden: vom Nordrand des Harzes weg - "möglichst in die Heide".

In der Kielschen Straße von Oker, Stadtteil von Goslar am Harz und auch Sommerfrische, gibt es Häuser und einen Bürgersteig nur auf der einen Seite. Auf der anderen, Hunderte von Metern weit und haushoch, liegen Schlacken und Aschen auf Halde.

Hingeschüttet wurde da, was bei der Verhüttung des Erzes übrigbleibt, das seit mehr als tausend Jahren drüben aus dem Rammelsberg geholt wird; bislang rund zwanzig Millionen Tonnen waren das, aus denen Blei, Zink und Kupfer, Silber und Gold gewonnen wurde. Auch anderes, Cadmium beispielsweise, fiel an.

Die meisten von denen, die in der Kielschen Straße und der Flußstraße leben, 750 Leute in 240 Haushalten, sind, wie sie sagen, "auf der Halde groß geworden", die braun und leer und tot vor ihren Fenstern aufragt -vielleicht gar todbringend, was nun nicht mehr auszuschließen ist.

Daß die Blätter der paar Bäume, die sich da behauptet haben, braun werden, lange bevor der Herbst beginnt, daß der Kirschbaum zwar blüht, aber "eines Nachts kommt alles runter", wie ein Eingesessener erzählt -- nichts Neues bis hin nach Harlingerode, wo am Ende der Halden die Zinkhütte qualmt.

Daß freilich zumindest das Obst und das Gemüse, das sie essen, so viel Blei und Cadmium enthält, daß ihnen vom niedersächsischen Sozialministerium, zuständig für Umweltschutz, "Verzehrseinschränkungen" empfohlen werden mußten, wurde den Halden-Anwohnern erst vor zwei Jahren, daß überdies die Luft, in der sie leben, Schadstoffe in einer Konzentration enthält, die "gesundheitliche Beeinträchtigungen" zur Folge haben muß, erst vergangenes Jahr offenbart, durch eine Publikation des Ministers Hermann Schnipkoweit, gelernter Hauer.

Was zwischen den Zeilen und in den Tabellen des himmelblau eingebundenen Schnipkoweit-Berichts noch Schlimmes verborgen war, wurde schließlich Ende Februar ruchbar: Das private "Institut für angewandte Ökologie" in Freiburg kam nach Analyse der ministeriellen Untersuchung zu dem Ergebnis, "daß das Ausmaß der Schwermetall-Katastrophe im Raum Goslar ... immer unvorstellbarer und unfaßbarer wird" (SPIEGEL 10/1980). "Blutiges Blei" wurde im Goslarer Odeon-Theater gerade gespielt.

Da im "Belastungsgebiet" vor allem die Blutbleiwerte der Kinder "jenseits S.64 aller Toleranzwerte" lägen, forderten die Öko-Wissenschaftler nicht nur, "jede landwirtschaftliche Nutzung" schleunigst zu unterbinden, sondern auch "die sofortige Schließung aller bleischaffenden und bleiverarbeitenden Unternehmen" in der Gegend.

Den unheilvollen "Schwermetall-Kreislauf" zwischen Umwelt und Mensch zu unterbrechen, sah das Öko-Institut nur zwei Möglichkeiten: das "gesamte schwer belastete Erdreich" abzutragen oder die Bevölkerung, 26 694 Menschen, um Hütten und Halden herum umzusiedeln, die schon nichts mehr dabei finden, daß es sie ständig im Hals kratzt, daß es ihnen dann und wann eben wie Blei in den Gliedern liegt.

Im Lande Ernst Albrechts abermals eine Sache "fast so groß wie Gorleben"? Diesmal hätte es die Regierung des sieggewohnten CDU-Politikers in Hannover gern ein paar Nummern kleiner. Den rundum alarmierenden Resultaten aller Messungen zum Trotz verkündete sie am Mittwoch vergangener Woche in einer "Aktuellen Stunde" des Niedersächsischen Landtags, "daß gegenwärtig von einer akuten Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung keine Rede sein kann", die Vorschläge des Öko-Institutes seien deshalb "nicht begründbar und vertretbar".

Vielmehr, so Sozialminister Hermann Schnipkoweit, sei alle Aufregung durch "die verzerrende Berichterstattung in weiten Teilen von Presse, Rundfunk und Fernsehen" entstanden, und Ministerpräsident Albrecht, der sich gerade darauf präparierte, seinen mit Gerhard Stoltenberg in Kiel ausgehandelten Entwurf eines Staatsvertrages über eine gemeinsame Rundfunkanstalt der Länder Niedersachen und Schleswig-Holstein in erster Lesung einzubringen, nickte nachdrücklich mit dem Kopf.

Aber mit seinen Beschwichtigungen kam Albrechts "Schnipko" nicht weit. Immer wieder mußte er einräumen, "daß die allgemeine Immissionsbelastung in Oker und Harlingerode ... zweifellos sehr hoch ist", und als Trost fiel ihm dazu nur ein, daß die amtlichen Richtwerte für die höchstzulässige Belastung allesamt eben "keine Rechtsverbindlichkeit" besitzen -- als seien die Zustände am Harz per Höchstmengenverordnungen zu ändern.

Schon seit Korea, Anfang der fünfziger Jahre also, als der große Boom auch den Ausstoß der Hütten am Harzrand in die Höhe trieb, konnte man sich, sagt Landrat Wilhelm Baumgarten, in Harlingerode zu Haus, "ausrechnen, wann hier der letzte Baum dahin sein würde". Nun, drei Jahrzehnte danach, geht es nicht mehr um Bäume allein. Zur Debatte steht, den allgemeinen Notstand auszurufen und Stadtteile zu evakuieren.

Blei, Plumbum, so weich, daß es sich mit dem Fingernagel ritzen läßt, und so giftig, daß, wenn es nur intensiv genug wirkt, schwere, sogar irreparable Gesundheitsschäden entstehen, hat in letzter Zeit rund um die Welt immer häufiger Alarm ausgelöst. Auch in der Bundesrepublik ist der Gift-Fall am Harz nur der bislang letzte in einer Serie ähnlicher Skandale.

Seit die Vokabel Umweltschutz geläufig wurde und 1971, nach der Verabschiedung des Benzin-Blei-Gesetzes, so etwas wie Bleibewußtsein entstand, machten Horrormeldungen über die Verseuchung ganzer Regionen oft genug Furore.

Doch ob in Berlin-Marienfelde, wo vergangenes Jahr ein Spielplatz neben der Akkumulatoren-Fabrik "Sonnenschein" gesperrt werden mußte, weil "alles voller Blei war" (Professor Hans-Ludwig Thron vom Bundesgesundheitsamt), oder in der Westerwald-Gemeinde Krautscheid, wo 1975 im Umkreis eines Varta-Schmelzbetriebs die bis dahin höchsten Blutbleiwerte in Westdeutschland gemessen wurden -stets bagatellisierten Behörden und Politiker die Bleibefunde auch dann noch, wenn Menschen und Vieh schon klinische Vergiftungssymptome aufwiesen.

In Niedersachsen, wo das Blei von Goslar nun Schlagzeilen macht, muß die Landesregierung schon seit 1972 empörte Landwirte beschwichtigen, denen Blei die Viehbestände dezimiert: 130 Kühe gingen zugrunde; im Bremerhavener "Zoo am Meer" starben bis vergangenen Monat rund 40 Tiere, zumeist Flughunde, den Bleitod, vermutete Ursache: die Emissionen einer Preussag-Hütte in Nordenham an der Unterweser.

Weil eine Filteranlage ausgefallen war, rieselte da wochenlang Bleistaub auf Weiden wie Wohngebiete; die zulässigen Imissionswerte wurden um das 14fache überschritten.

Mediziner untersuchten 1600 Nordenhamer Kinder und stellten bei jedem vierten "Bleibelastungen" fest. Überhöhte Schwermetall-Konzentrationen S.67 fanden sich in Haaren und Harn, Blut und Knochen.

Ermittler des Bundesgesundheitsamtes untersuchten die bleiverseuchten Gebiete und warnten: "Zur Vorsicht mahnt die Tatsache, daß die ... drei Totgeburten sämtlich auf Entbindungen von Gastarbeiter-Wöchnerinnen aus den stärksten Belastungszonen entfielen."

Doch das niedersächsische Sozialministerium spielte, damals wie heute, alle Alarmsignale herunter. In Nordenham, beruhigten die Hannoveraner die Öffentlichkeit, seien "keine Erkrankungen in der Bevölkerung" nachzuweisen.

Wie in Nordenham, so ein Jahr später im rheinischen Stolberg: Dutzendweise fielen auf den Wiesen der 60 000-Einwohner-Stadt Kühe und Kälber um. Bleikranke Kinder mußten zu Kuren nach Wyk auf Föhr verschickt werden. Wieder fand sich Blei in Haaren und Knochen der Anwohner.

Nach der Auswertung von 16 000 Todesfällen ergab sich, daß die durchschnittliche Lebenserwartung der Stolberger knapp zwei Jahre geringer war als die ihrer Mitbürger im benachbarten Landkreis. "In Stolberg", urteilte die "FAZ", "lebt man gefährlich."

Doch im Düsseldorfer Sozialministerium fiel die Bleibeurteilung anders aus: "Die Schwermetall-Belastung der Stadt", befand Staatssekretär Paul Arnold Nelles, "ist nicht akut bedrohlich."

Ähnlich sah die Einschätzung der rheinland-pfälzischen Beamten aus, als 1975 im Westerwald-Dorf Krautscheid Kühe vor die Hunde gingen und der Aachener Medizin-Professor Hans Joachim Einbrodt bei Kindern "ganz klare Bleivergiftungen" diagnostizierte.

Menschen und Vieh hatten mit Atemluft und Nahrung jenen Bleistaub aufgenommen, den eine Schmelzanlage des Batterieherstellers Varta über das Land verteilte. Nach der Untersuchung der Westerwald-Wiesen urteilte das Mainzer Gewerbeaufsichtsamt: "Von einer weidewirtschaftlichen Nutzung der werksnahen Belastungszone ist dringend abzuraten."

Eilfertig zahlten die Varta wie auch die Konkurrenzbetriebe in Stolberg und Nordenham Entschädigungen für tote Kühe und verseuchte Weiden. Ermittlungsverfahren gegen das Unternehmen wegen Verdachts auf Körperverletzung und Tierquälerei wurden dagegen eingestellt -- "da zur Tatzeit noch keine gesetzlichen Handhaben bestanden, um gegen die Verantwortlichen ... wegen des schädlichen Bleiausstoßes vorzugehen".

Die Rechtslage, die damals die Verursacher vor Strafe schützte, hat sich S.70 seither kaum geändert. Noch immer gibt es keine justitiablen Grenzwerte zur Beurteilung der Frage, ob und wann ganze Landstriche verpestet oder einzelne Bürger in ihrer Gesundheit beeinträchtigt sind.

Wie schlimm es in und um Goslar steht, läßt sich aber trotzdem ermitteln -- beispielsweise anhand jener Höchstwerte, die ein Änderungsentwurf der Bundesregierung für die "Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft" vorsieht. Danach sollen auf jeden Quadratmeter Boden täglich nicht mehr als 0,5 Milligramm Blei und 0,0075 Milligramm des gleichfalls giftigen Cadmiums rieseln dürfen.

Doch am Harz gehen, wie Untersuchungen im vergangenen Jahr ergaben, regelrechte Schwermetall-Schauer nieder:

* 95 Prozent aller Bleimeßwerte lagen höher als demnächst erlaubt;

* bei vierzehn Prozent aller Messungen wurde sechsmal soviel Blei gefunden, wie die geplante Verordnung zugesteht;

* alle ermittelten Cadmium-Werte lagen über der vorgesehenen Grenze, 85 Prozent der Proben wiesen mehr als das Zehnfache der Richtwerte auf.

Gleichwohl freute sich Sozialminister Schnipkoweit am Mittwoch vergangener Woche im niedersächsischen Landtag über einen "erfreulichen Rückgang der Belastung", den er vor allem "auf die Verbesserung der Filteranlagen" zurückführte.

Wohl investierten die Hütten am Harz in den vergangenen Jahren tatsächlich Millionen für bessere Bleifilter und begannen mit dem Bau einer Lagerhalle für Schlacken; wohl gingen, vielleicht dadurch, die Schwermetall-Werte in den letzten Jahren stetig zurück.

Doch vergiftet ist die Region so oder so. Bleiwerte in Obst oder Gemüse sind, wie der Minister vor dem Landtag einräumen mußte, noch immer "stark erhöht" und liegen erheblich über den Margen des Bundesgesundheitsamtes. Bodenproben ergaben, daß "Toleranzwerte nicht eingehalten werden". In Leber und Nieren von Schlachtvieh fanden sich Schwermetall-Anteile, "die beim Siebenfachen der Richtwerte" (Schnipkoweit) liegen.

Und in den Leibern der vom Blei befallenen Bürger sieht es kaum anders aus. Fazit einer Untersuchung vor Ort: "Der durchschnittliche Blutbleiwert ... ist etwa doppelt so hoch wie in anderen Teilen Niedersachsens." Bei Erwachsenen wurden Überschreitungen der vom Rat der Europäischen Gemeinschaften festgelegten Werte (35 Mikrogramm Blei pro 100 Milliliter Blut) gemessen; bei Kindern lag die Belastung noch "deutlich höher".

Daß die niedersächsische Landesregierung reichlich Mitverantwortung für S.74 den schädlichen Bleiüberschuß in Menschen, Vieh und Pflanzen trägt, steht außer Frage. Schon seit zwölf Jahren ist die Metall-Malaise am Rand des Harzes in Hannover bekannt, aber längst nicht gebannt. Seit 1968, als Messungen erstmals belegten, wie dick die Luft über Oker ist, verlegten sich die Landespolitiker auf eine Strategie, die sie, wie CDU-Abgeordneter Kurt-Dieter Grill bekundete, noch immer verfolgen: "messen" und "abwarten".

Denn außer wiederholten Messungen -- oberflächlich untersucht wurden nur 288 von rund 27 000 bedrohten Bürgern -- und beruhigenden Worten gab es nichts weiter. Ein vergangenes Jahr von Bundesinnenminister Gerhart Baum vorgeschlagenes "umfassendes Sanierungsprogramm", für das er auch finanzielle Hilfe anbot, kam nicht zustande. Alarmierende Daten, die zu schnellem Handeln drängten, behandelte Minister Schnipkoweit wie geheime Verschlußsachen.

Einen Goslarer Bürger, der 1978 um Ergebnisse von Pflanzenuntersuchungen gebeten hatte, ließ er abkanzeln wie einen Untertanen aus der Zeit, in der das Blei noch per Hand aus dem Rammelsberg gekratzt wurde. "Der Bericht", wurde dem Anfragenden mitgeteilt, könne nicht zugestellt werden, da die Daten darin "ohne spezifische Kenntnisse ... nicht sachgerecht eingeordnet werden können" und mithin "für den Nichtfachmann völlig zusammenhanglos erscheinen müssen".

Bis heute weigert sich Schnipkoweit, eine Studie des Technischen Überwachungs-Vereins sowie detaillierte Ergebnisse der Blutprobenuntersuchung zu veröffentlichen. Gleichwohl beteuert er: "Die Landesregierung hat nichts verheimlicht, nichts vertuscht, nichts unter Verschluß gehalten."

Was die "Bunte" zu der Zeile "Unser täglich Blei gib uns heute" inspirierte, hatte einst Goslar zum strahlenden Mittelpunkt des Reiches werden lassen. "Der Berg", wie die 636 Meter hohe Erhebung am Südrand der Stadt nur genannt wird, spendete Silber und anderen Reichtum in solcher Fülle, daß die Kaiser -- Heinrich II. (973 bis 1024) als erster -- dort ihre Pfalz errichteten und Hof hielten.

Entdecker des Bodenschatzes war -der Überlieferung nach -- ein Ritter namens Ramm gewesen, dessen Pferd auf der Hirschjagd mit seinen scharfen Hufen das gleißende Erz zum Vorschein brachte. Bald wurde an diesem "Ausbiß", dem an die Oberfläche des Rammelsberges tretenden Teil des Lagers, mit Tagebau, bald auch mit unterirdischem Abbau begonnen.

500 Jahre später, 1527, wurde in Oker die erste Bleihütte errichtet, und so unerschöpflich, wie der Berg erschien, so unentwegt gab es immer neue Produktionsrekorde bei der Verhüttung der Erze.

Lange ist da allerdings nichts mehr zu holen. In spätestens acht Jahren, so schätzen die Experten beim Grubenbesitzer, dem Mischkonzern Preussag, ist das Erz im Harzberg fast völlig abgebaut und nur noch in so geringen Mengen vorhanden, daß weiteres Schürfen unrentabel wäre.

Noch aber gehören die Gesteine, aus denen die Preussag jährlich 23 000 Tonnen Bleikonzentrat gewinnt, mit einem Metallanteil von 20 Prozent zu den reichsten Erzlagern der Welt: Sechs bis sieben Prozent Blei, durchschnittlich zwölf Prozent Zink und ein S.76 Prozent Kupfer liegen in dem dunkelgrauen Mineralgemenge.

Von den etwa 50 weiteren Mineralen, die im Rammelsberg stecken, erfreuten zwei Edelmetalle die wechselnden Grubenbesitzer: 15 Tonnen Silber und -- ein Unikum in der Bundesrepublik -- immerhin noch 120 Kilo Gold fallen jährlich ab.

Trotz allem technischen Fortschritt, trotz aufwendiger Absaugvorrichtungen und abgekapselter Transportbänder ist die Bleigewinnung jedoch riskant genug geblieben. Daran hat -- für Oker -- auch nichts geändert, daß die Preussag ihr Rammelsbergblei seit 1970 nicht mehr an Ort und Stelle verhüttet, sondern nach Duisburg an die "Metallgesellschaft" verkauft; statt dessen werden im Preussag-Hüttenwerk Harz bleihaltige Abfälle, vor allem Autobatterien, aufbereitet.

Und außerdem: Mit der Verhüttung von Blei geht das so seit 453 Jahren, die Filtertechnik aber ist -- so Jörg Stegmann von der Preussag -- erst "eine Erfindung der Jahrhundertwende", und so liegen die bleihaltigen Substanzen grad so herum, "wie sie früher von der Windrose mal verteilt worden sind".

Nur der Wind braucht mal aufzufrischen, dann wird wieder aufgewirbelt, was irgendwann emittiert worden war und sich irgendwo immitiert hatte. "Das kriegt man hier nicht mehr auseinander, was von heute und was von damals ist", sagt Stegmann.

Manches freilich ist unzweifelhaft von heute. Zu allem Überfluß nämlich hat sich vor drei Jahren an Fluß- und Kielscher Straße in Oker eine Halde mit 650 000 Tonnen entzinkter Schlacke entzündet und qualmt noch immer, obschon fast zwei Meter dick Sand darübergedeckt wurde. Stegmann: "Der Brand ist unter Kontrolle, aber mehr würde ich auch nicht sagen."

Was der Halde entströmt, ist überwiegend Schwefeldioxid, aber da die Schlacken in Jahrzehnten aufgeschichtet wurden, weiß niemand ganz genau, was da alles noch liegt. Drei bis fünf Prozent Blei, so wird geschätzt, sind sicher dabei.

Als das Freiburger Öko-Institut seine alarmierende Analyse des Bleifalls Goslar bekanntgab, sprach Sozialminister Hermann Schnipkoweit im Fernsehen erst einmal: "Und dann natürlich müssen eben die Kinder auch darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie sich nach dem Spielen am Erdboden sehr sorgfältig die Hände waschen müssen ... und all diese Dinge."

Drei Tage später fand er dann, daß es mit Waschen wohl doch nicht getan ist, und machte plötzlich zehn Millionen Mark locker für Leute, die nicht länger Blei atmen und essen mögen. Rund 60 Okeraner haben sich zur Umsiedlung bisher gemeldet, einer mit der Bitte, weit weg, "möglichst in die Lüneburger Heide", verbracht zu werden.

Und auch sonst wird allmählich Ernst gemacht: Um "vor potentiellen Gefahren zu schützen", hat das Deutsche Rote Kreuz einen Blutspendetermin, der für diese Woche in Oker angesetzt war, abgesagt.


DER SPIEGEL 12/1980
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