17.03.1980

JAGDFeuer frei

Jäger ohne Reviere fordern Jagdrecht für alle: Sie wollen das geltende Pachtsystem abschaffen.
Zehntausende von grünen Habenichtsen, ohne Jagdrevier und Jagdgelegenheit, wissen nicht, wo sie hinschießen sollen. Denn in der Bundesrepublik hat, beklagt Rechtsanwalt Bernhard Rüsch aus Burscheid, "der Geldadel" die Privilegien des alten Adels übernommen -- "die alleinige Befugnis ... zum Ausüben der Jagd".
"Schluß mit der Neofeudalisierung der Jagd]" und "Jagdrecht für alle Jäger]" lauteten denn auch die Parolen in einem Reformplan, der vergangene Woche in Bonn veröffentlicht wurde: Drei Jäger ohne Reviere -- der Bonner Versicherungskaufmann Hans-Jürgen Müller-Hirschmann, Jurist Rüsch und der Bonner Diplom-Landwirt Rolf Kloke -- haben ihn ausgedacht, um die Feuerkraft zielloser Ballermänner auf Jagdherrn und Pachtsystem zu lenken.
Mit der Reform, vorgetragen von einem neuetablierten "Bund Deutscher Jäger" (BDJ, vormals "Verein revierloser Jäger"), soll "mehr Liberalisierung innerhalb des deutschen Jagdrechts" (BDJ-Präses Müller-Hirschmann) verwirklicht werden -- oder: Den "relativ kleinen, kapitalkräftigen Eliten" soll das "Jagdvergnügen" vermiest, S.82 das Jagdausübungsrecht in gegenwärtiger Form entzogen werden.
Sodann soll, laut BDJ-Katalog, das bisherige System der Einzelpächter durch eine -- dem Naturhaushalt angeblich viel bekömmlichere -- Verpachtung der Jagdreviere an neu zu gründende Jagdvereine mit zehn oder gar 15 Pächtern ersetzt werden. Statt pächterischer Willkür, die laut Rüsch "mit mehr oder minder großer Selbstherrlichkeit" entscheidet, wer zu teils "entwürdigenden Bedingungen die Jagd überhaupt ausüben darf", schwebt den Rebellen Paradiesisches vor: Alle Jäger sollen schußbereit durch Flur und Tann pirschen dürfen.
Ungleiche Gegner sind da in Streit geraten: Der BDJ hat einstweilen kaum tausend Mitglieder, im "Deutschen Jagdschutz-Verband" (DJV), Vertreter des geltenden Pachtsystems, sind dagegen 218 000 der 260 000 Jäger vereinigt.
Das weidmännische Dilemma wird seit langem beklagt: Jahr für Jahr wächst die Anzahl der Jagdscheininhaber, die Jagdfläche (rund 24 Millionen Hektar) hingegen schrumpft beinahe täglich. Ein Jagdrecht, das seit den Zeiten des Reichsjägermeisters Hermann Göring im Prinzip nicht geändert wurde, regelt den Jagdbetrieb bis ins kleinste -- nur nicht die Pachtpreise, und die klettern unaufhörlich. Für die rund 38 000 Jagdreviere ermittelte der BDJ bis zu 64 Mark jährlichen Pachtzins je Hektar für Gemeinde-, gar 120 Mark für Staatsjagden.
Derartiger "Wucher", kritisiert DJV-Präsident Egon Anheuser, ging einher mit Preisen bis zu 35 000 Mark jährlich für "Begehungsrechte", quasi eine Unterverpachtung, die das Jagdgesetz bei bestimmten Reviergrößen erlaubt. Doch sogar der Oberjäger der Nation konnte nicht verhindern, daß sich einzelne Pächter durch "Strohmänner" oder "Familienreviere" weit größere Jagdareale erschlichen, als ihnen das Jagdgesetz höchstens zugesteht (1000 Hektar).
Außer Pächtern und Subpächtern können schätzungsweise rund 100 000 revierlose Jäger einigermaßen regelmäßig in heimatlichen Fluren weidwerken, weil sie mit einem Revierpächter befreundet sind oder nach seinen Weisungen Hilfsdienste leisten. Rund 80 000 Jagdscheininhaber sind demnach auf Dauer vom Jagdglück verlassen.
Erfahrene Jäger mit und ohne Revier bezweifeln, ob die Reformpläne des BDJ den Pachtzins wohl drücken und mehr Schießwütigen die Reviere öffnen könnten. Vereinsjagd "nach Vorbildern im Ostblock", auch in Kärnten schon erprobt, so konservative Weidmänner, passe hier nicht in die Landschaft.
"Die Verpächter", so Karl Grund, Geschäftsführer des Landesjagdverbandes Hamburg, "werden von mehr Pächtern auch mehr Geld verlangen." Mehr Pächter im Revier, fürchtet Hans-Jürgen Arendt aus dem niedersächsischen Garlstorf, "werden das Wild noch mehr zusammenschießen". Und auch wenn das Wild nicht unter Dauerfeuer komme, wäre Schaden zu erwarten: "Man kann", gab ein Berufsjäger zu bedenken, "Reviere auch durch bloßes Rumrennen kaputtmachen."
S.82 Rüsch, Müller-Hirschmann, Kloke. *

DER SPIEGEL 12/1980
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