17.03.1980

SCHULENKünstlich beatmet

Mit preisträchtigen Schülerwettbewerben will Bayerns Kultusministerium das Wissen über die „östlichen Nachbarn“ fördern. Doch die Tendenz der Aktion eignet sich eher zur Pflege von Ressentiments.
Es schien, als wollten Bayerns Bildungspolitiker die Landeskinder auch mal mit sozialistischen Staaten vertraut machen. Denn es sei doch "ein Jammer", klagte das vom Münchner Kultusministerium herausgegebene Elternberatungs-Blatt "Schule & Wir", "wie fremd unserer Jugend die Nachbarländer im Osten geworden sind, seit der Eiserne Vorhang mitten in Europa niederging".
So emphatisch begründete das Ministerium von Professor Hans Maier einen Schülerwettbewerb "Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn", der im vorigen Schuljahr gestartet wurde und im Februar in die zweite Runde ging. Schülern der neunten und zehnten Jahrgangsstufe aller Schularten soll ein "großes Fragebogen-Quiz", begleitet von einschlägigen Sendungen, "ins Bewußtsein rücken, daß wir Bayern in der Mitte Europas leben und das deutsche Volk allen Nachbarn gegenüber verpflichtet ist" (Minister Maier).
Das klingt nach einem bayrischen Beitrag zu Annäherung und Entspannung. Und gewiß wird es dem Wettbewerb auch kaum an Teilnehmern mangeln. Die Schüler haben fünf Wochen "Zeit, die Köpfe rauchen zu lassen", und dann winken ihnen "tausend tolle Preise", vom Farbfernseher bis zu "spannenden Büchern" ("Schule & Wir").
Ob beim Ost-Quiz aber auch reale Kenntnisse von den sozialistischen Anrainern der Bundesrepublik, von deren Gesellschaftssystem, "Umwelt und Lebensbedingungen" (Maier) zu gewinnen sind, scheint fraglich. Denn die Tendenz der Testaufgaben, das verdeutlicht der Wettbewerb erst so recht in der ersten Fortsetzung, eignet sich eher zur Förderung von Ressentiments und zur Pflege deutschtümelnder Geschichtsbetrachtung.
So erfahren Bayerns Schüler aus den Testmaterialien beispielsweise über die Tschechoslowakei: Der 1918/19 gebildete Staat "verweigerte den etwa 3 1/2 Millionen Deutschen das Selbstbestimmungsrecht", und: "In der CSSR leben noch heute etwa 125 000 Deutsche S.92 ohne muttersprachlichen Unterricht und nennenswerte kulturelle Möglichkeiten."
Über die "deutschen Ostgebiete unter polnischer bzw. russischer Verwaltung" wird mitgeteilt: "In diesem Gebiet leben auch heute noch viele Deutsche. Ihre Kinder müssen ohne deutsche Schule und deutsche Sprache im öffentlichen und kirchlichen Leben aufwachsen; viele beantragen die Aussiedlung."
Das hätten sie wohl besser schon früher tun sollen, jedenfalls nach Ansicht der Quiz-Autoren, die zwischen den Zeilen durchblicken lassen, wie schön es hüben und wie schlecht drüben sei: "Zwischen 1950 und 1975 fanden 470 000 Deutsche aus Pommern, Ostpreußen und Schlesien im freien Westen eine neue Heimat. Aber noch immer leben 650 000 östlich von Oder und Neiße."
Gefragt sind im Schülerwettbewerb auch ein paar wertfreie geographische Fakten ("Wie heißt die Hauptstadt Weißrußlands?") oder ein bißchen Wirtschaftsstruktur ("Welche Industrie herrscht in Lodz vor?").
Aber bedeutsamer an den östlichen Nachbarn sind anscheinend -- "von der grauen Vorzeit bis in unsere Tage" -- der "größte deutsche Dichter des Böhmerwaldes" oder ein "weltberühmter deutscher Astronom", der "Mittelpunkt eines alten deutschen Siedlungsgebietes etwa 75 km westlich Brünn" und der "deutsche Name für das heutige Cluj (sprich: Klusch) in Siebenbürgen" sowie eine "Vertriebenensiedlung bei Erlangen, die durch Musikinstrumentenbau bekanntgeworden ist".
Genau wissen will das Kultusministerium schließlich, wo die Sowjet-Union 1953, 1956 und 1968 "in Ostblockländern militärisch eingegriffen" hat, wie "die Westmächte der russischen Blockade West-Berlins" begegneten und wann die DDR "mit der Errichtung der Mauer durch Berlin" begann.
Schullehrer, die diese Nachbarschaftsideen ihren Schülern verabreichen sollen, reagierten häufig "empört bis amüsiert", so ein Münchner Geschichtslehrer: "Da soll wohl den Jugendlichen verstaubtes großdeutsches Bewußtsein eingehaucht werden. Aber was sagt denen schon Tannenberg und Rübezahl." Eine Kollegin aus Mittelfranken: "Ein Schmarrn, diese uralte Heimwehstrategie."
Die Lehrer-Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) will "Protestmaßnahmen" ergreifen gegen "dieselbe reaktionäre Politik des bayrischen Kultusministeriums wie bei der Ablehnung der deutsch-polnischen Schulbuchvereinbarungen". Von neuem werde, so die GEW, "die dahinsiechende Fiktion von Deutschland in den Grenzen von 1937 künstlich beatmet".
Kein Wunder, denn das preisträchtige Schüler-Quiz wurde von einer Abteilung des Kultusministeriums ausgeheckt, die außer Bayern kein anderes Bundesland aufweisen kann: dem mit 75 000 Mark Jahresetat ausgestatteten Referat "Ostkunde". In dem Ressort bestimmen seit eh und je die vom früheren Ministerpräsidenten Alfons Goppel zum "vierten Stamm" -- neben Altbayern, Franken und Schwaben -- erhobenen Vertriebenenverbände die Richtung; bei Schülerwettbewerben ebenso wie bei einschlägiger Lehrerfortbildung oder Schulbuchthemen.
So erschließt sich, warum beispielsweise die bayrischen Volksschüler sogar aus aktualisierten Schulbüchern über die Sowjet-Union kaum mehr erfahren als Banales: "Auch die Menschen der Sowjetunion sind Menschen wie du und ich. Sie lachen und weinen; sie haben liebe Angehörige, Freunde und Nachbarn."

DER SPIEGEL 12/1980
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