17.03.1980

RUHRGEBIETTrist und trostlos

In Duisburg ist die Grenze der Belastbarkeit erreicht: Die Stadt hat die größten Umweltsorgen im Revier, extrem viele Arbeitslose, ist hoffnungslos verschuldet, und immer mehr Bewohner wandern ab.
Die Abwehrkampagne dauerte fast ein ganzes Jahrzehnt, doch nun steht eine Entscheidung bevor. "Uns wird die Luft abgedreht", sagt Duisburgs Oberbürgermeister Josef Krings; er meint das wörtlich.
Seit Anfang der siebziger Jahre wehrte sich die Kommune gegen Pläne des Düsseldorfer Energiekonzerns Veba, nordwestlich der Stadt, im Orsoyer Rheinbogen auf der anderen Seite des Flusses, ein riesiges petrochemisches Werk zu bauen. Dieser Plan scheint vom Tisch, statt dessen droht ein neues, womöglich noch größeres Unternehmen: eine Kohlehydrieranlage von gigantischen Ausmaßen.
Die neue Technologie, deren Probleme freilich "noch längst nicht geklärt sind" -- so Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Friedhelm Farthmann --, versetzt umsichtige Duisburger in Angst und Schrecken. Krings: "Die einzige Frischluftschneise, die wir noch haben, würde zugebaut. Das trifft uns elementar." Und: "Dann laufen mir noch die letzten Leute weg."
Als der OB bei der Neugliederung vor fünf Jahren Bilanz machte, hatte er sich noch gefreut, daß viele, die einst weggezogen, nun wieder heimgeholt worden waren. Krings zählte 608 158 Duisburger, rund 100 000 mehr als vor zehn Jahren. Doch seither werden es wieder weniger. Vertrieben von Dreck, Staub und Gestank, flüchten immer mehr Menschen aus der Stadt: Inzwischen sind nur noch knapp 577 200 übrig. Wer es zu etwas gebracht hat, wandert ab. "Mittleres Management ist hier kaum zu halten", klagt Krings.
Statt junger Aufsteiger zieht es immer mehr Ausländer nach Duisburg -- und hält es dort auch. Weit über 60 000 leben nach bundesdeutschen Maßstäben in Tristesse und Trostlosigkeit, in billigen, oft auch baufälligen Quartieren. Schon ist durchschnittlich jeder vierte Neugeborene türkischer Abstammung, im Stadtteil Marxloh sogar jedes zweite Kind. In vielen Grundschulklassen bilden Deutsche inzwischen Minderheiten. Ganze Stadtteile wie etwa Hüttenheim im Süden sind fest in türkischer Hand.
Hinzu kommt eine ungewöhnlich hohe Arbeitslosenquote von 6,5 Prozent, gut zwei Punkte über dem Bundesdurchschnitt und im Revier der zweitschlechteste Platz. "Das wechselt", sagt Peter Frieburg, Statistiker beim Arbeitsamt, "mal ist Gelsenkirchen vorn, mal wir."
Und kaum eine Chance, den Trend zu stoppen. Die Krise der Stahlindustrie, die seit 1974 anhält und erst allmählich abflacht, schlägt in Duisburg voll durch. Zu einseitig ist die Struktur der Stadt, zu sehr ist sie auf Stahlerzeugung und -verarbeitung ausgerichtet. Hier werden fast vierzig Prozent des Stahls in der Bundesrepublik hergestellt, jeder zweite Arbeitsplatz ist direkt oder mittelbar vom Stahl abhängig.
Mit der Stahlkrise gingen auch die Finanzen der Kommune in den Keller. Die seit Bestehen der Republik regierenden Sozialdemokraten hatten, von einer hilflosen Opposition völlig ungehindert, hemmungslos und ohne Rücksicht auf die Folgekosten in die vollen gegriffen, mit immer neuen, immer höheren Investitionen -- und Schulden.
Nun hat die Stadt zwar mehr Schwimmbäder als das doppelt so große München und mehr kostenlose Büchereien als das weit größere Köln, nur die Zahl der Schwimmer und Leser hat damit nicht Schritt gehalten. Eine U-Bahn wird offenkundig am Bedarf vorbei gebaut und am Ende über eine Milliarde Mark gekostet haben.
Aber auch all die verfehlten Investitionen können die Leute nicht bei der Stange halten, nicht mal die Hunderte von Millionen Mark für neue Sportanlagen und Schulen, die Duisburg investierte. Zu groß ist der Dreck, mit dem die Industrie die Stadt eindeckt.
Vom Süden her, das Rheinufer herauf, ziehen sich Mannesmann und die Krupp-Hüttenwerke, die Duisburger Kupferhütte und "Sachtleben" Chemie, die Erdöl-Raffinerie Duisburg und Thyssens Stahlwerk Ruhrort. Dann schließlich bis hin zur Stadtteilgrenze nach Walsum alles Thyssen -- der Konzern, größter deutscher Stahlproduzent, besetzt allein über tausend Hektar.
Danach kommt Krings' Frischluftschneise, die begrenzt wird von den Blöcken des Kohlekraftwerks Voerde -- zwei stehen bereits, und zwei sind im Bau, alle zusammen sollen über 2000 Megawatt Strom produzieren.
Jahrzehntelang haben sich die Menschen in Duisburg damit abgefunden, daß sie von einem Industriegürtel eingeschnürt wurden und daß ihnen der Dreck die Lungen verpestete. Das Bewußtsein von Umweltbelastungen setzte sich nur langsam durch.
Doch inzwischen sind für die Mehrheit der Einwohner Arbeitsplätze nicht mehr alles. Eine Super-Kokerei, von der Ruhrkohle AG am Stadtrand geplant, stößt auf heftige Ablehnung, obwohl S.128 damit 350 neue Arbeitsplätze geschaffen würden. Die Grenze der Belastbarkeit scheint erreicht.
Deutlich wurde das, als Sozialminister Farthmann für das westliche Ruhrgebiet an 26 Stellen der Stadt Duisburg die Geruchsbelästigung ermitteln ließ. Da fiel die "unangenehme Relation der Gerüche im Urteil der Bewohner" trotz aller Gewöhnung verheerend aus. Die Belästigung reichte -- auf einer Skala von "äußerst angenehm" (=0) bis "äußerst unangenehm" (=8) -- in manchen Gegenden bis hin zu 6,7 im Durchschnitt, knapp unter "sehr unangenehm".
Kaum ein Umweltgift, mit dem die Duisburger nicht mehr oder weniger hautnah in Berührung kämen -- bis hin zum Thallium, dem Grundstoff von Rattengift. Jeden Tag lädt die "Sachtleben" Chemie im Stadtteil Homberg tausend Tonnen thalliumhaltiger Schwefelkiesabbrände auf der firmeneigenen Deponie ab.
Vergeblich hatte der Duisburger Arbeitswissenschaftler Professor Manfred Schweres an die Behörden appelliert, die Halden "wegen giftiger Staubemissionen" abzulehnen: "Wenn wir uns gegen die relativ ungiftigen Staubquellen von Berghalden und Schlacke-Deponien wehren, so müssen wir uns erst recht gegen weitere Aufhaldungen schwermetalliger Abbrände verwahren."
Gewichtigster Schadstoff ist das Schwefeldioxid (SO2), das fast im gesamten Duisburger Norden und in Teilen des Südens jenseits der zulässigen Grenzwerte liegt. Das farblose, aber stechend stinkende Gas verursacht Reizungen von Augen und Atemwegen.
Das Schwefeldioxid, das permanent aus den Schloten der Hüttenwerke in die Duisburger Luft geht, ist -- kombiniert mit einer überdurchschnittlichen Belastung durch Kohlenmonoxyd -besonders für Alte und Kranke riskant.
So wird "die chronische Bronchitis in luftverunreinigten Gebieten" von Duisburg erheblich häufiger festgestellt als im nahen Oberbergischen Kreis: Fast 27 Prozent Bronchitis-Kranke gibt es im Schnitt an der Ruhr, knapp über elf Prozent in der frischen bergischen Luft. In manchem Duisburger Planquadrat klagen mehr als vierzig Prozent über chronische Bronchitis.
Und ob die penetrante Schwefelkohlen-Kombination noch andere Dauerschäden verursacht, hat noch niemand in Duisburg untersucht. Auf "furchterregende Untersuchungsergebnisse" (Farthmann) kamen die Umweltforscher, als sie ausgefallene Milchzähne von rund 800 Kindern auf ihren Bleigehalt prüften. In Duisburg-Ruhrort liegt die Blei-Immission fast am Grenzwert.
Das sind zwar noch keine Verhältnisse wie in Goslar, wo die Bleibelastung durch Hütten die zulässigen Grenzwerte teilweise weit überschritten hat. Aber für Kinder sind auch die Duisburger Bleiwerte fatal: Tests, die von Psychologen ohne Kenntnis der Bleiuntersuchung vorgenommen wurden, ergaben bei Kindern mit höherem Bleidepot "Anzeichen für niedrigere Werte des Intelligenzquotienten". Nun überlegt Farthmann schon, ob Frauen während der Schwangerschaft nicht für eine Weile aus Duisburg und dem westlichen Ruhrgebiet wegziehen sollten.
"Wenn der Ruhrgebietsmensch alles so geduldig erträgt", spottet Wilhelm Knabe, promovierter Ökologe und Landesvorsitzender der Grünen, "mag das daran liegen, daß er so belastet ist mit Blei." Manche Pflanzen ertragen nicht soviel.
Nur noch an wenigen Stellen können sich Kiefern halten. Die Fichte ist praktisch ausgestorben. Im Duisburger Tierpark auf dem Kaiserberg wachsen die Kiefern ab einer bestimmten Größe nicht mehr himmelwärts, sondern schirmartig in die Breite.
Buchen wachsen zwar noch, aber verjüngen sich nicht mehr. Was an Buchen, eigentlich typisch für den Lehmboden an der Ruhr, neu hinzukommt, ist von Menschenhand gepflanzt --Gründe genug, sollte man meinen, um sich den noch grünen Orsoyer Rheinbogen freizuhalten.
Wenn dort wirklich die Veba-Hydrier-Anlage gebaut würde, dann würde alles noch schlimmer. Und manches spricht für den Bau; "rein wirtschaftlich gibt es keinen besseren Standort", weiß selbst Duisburgs Oberbürgermeister. Sogar Arbeitsplätze, wenn auch vor den Toren der Stadt, kämen endlich wieder hinzu.
Die Kohleveredlung wird nicht nur vom Kanzler, der die Umweltschützer und Lokalpolitiker schon vor einer "Kirchturmspolitik" warnte, favorisiert. Für das neue Verfahren spricht, daß mit Hilfe der heimischen Kohle die Abhängigkeit vom Öl langfristig gemildert werden könnte.
Dagegen spricht nicht nur der Aufwand: Um zwei Millionen Tonnen zu hydrieren, verbraucht die Anlage eine Million Tonnen Kohle für die notwendige Energie.
Dagegen spricht vor allem der Ausstoß durch den Kamin: Wenigstens 50 000 Tonnen Schwefeldioxyd würde die Anlage jährlich zusätzlich über Duisburg rieseln lassen.

DER SPIEGEL 12/1980
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