26.05.1980

HAMBURGRoter Platz

Mit Eifer bekämpft die Hamburger Springer-Presse, was sie einst selbst gefordert hat: die Verschönerung des Rathausmarktes der Hansestadt.
Die Hamburger und ihre Regierung litten unter einem Schandfleck im Zentrum der Hansestadt, und am meisten litt das "Hamburger Abendblatt".
Ein volles Jahrhundert lang war ausgerechnet der Rathausmarkt abwechselnd komisch oder kaputt gewesen, S.116 mal Standplatz einer monströsen Kaiser-Wilhelm-Figur, dann wieder Straßenbahnhaltestelle und Autoverkehrsknotenpunkt -- entweder laut und ungemütlich oder langweilig und leer.
Der große Platz, so urteilten die Baubehörde und mit ihr die Bürger in einer Umfrage, würde in seinem provisorischen Zustand "weder dem städtebaulichen Anspruch noch der symbolischen Bedeutung als politisches Zentrum einer Weltstadt gerecht".
Springers "Abendblatt" nahm sich der Sache an. In großangelegter Leserumfrage mit angeschlossener Malaktion ermittelte die Redaktion im Jahre 1976: 84 Prozent der Leser hielten das "gesichtslose Geviert" für das "Herz der Stadt" und wünschten sich dort einen "Hauch von Paris".
Vier Jahre später vermittelt das Blatt erneut Volkes Stimme: "91 Prozent", meldete es nun, lehnten eine Neugestaltung der Fläche ab. Andere Hamburger Springer-Zeitungen zogen mit. Die "Welt" registrierte "Erregung" über "Pharao Klose", und zwar gleich in ganz Norddeutschland, und "Bild" meldete einen "Proteststurm gegen Kloses Roten Platz".
Die Absicht der Baubehörde, die Platzfläche mit roten Granitplatten auszulegen und so gegen die graue Randbebauung freundlich abzuheben, lieferte den Konzernblättern das vorläufig letzte willkommene Reizwort in einer grotesken Kampagne gegen den sozialdemokratischen Bürgermeister.
Hans-Ulrich Klose kriegt's täglich und so dicke, als hätte er Giftmüll vors Rathaus gekippt. Das reicht vom Vorwurf des Amtsmißbrauchs ("Prestigeobjekt", "Wahlschlager") bis zur Beschwörung des drohenden "Staatsbankrotts". Dabei sind Springers Spalten offen für alle, die es den Rathaus-Sozis mal geben wollen -- Einzelhändler und Steuerzahler, Bürger- und Mieterverein, Denkmalschützer und Fremdenführer, Hausfrauen, Pensionäre und natürlich die oppositionelle CDU.
Das las sich Ende 1977 noch ganz anders, als die Baubehörde den preisgekrönten Entwurf aus einem bundesweiten Architektenwettbewerb präsentierte und für Umbau und Gestaltung 20 Millionen Mark veranschlagte.
"Das Geld dürfte gut angelegt sein", lobte damals das "Abendblatt", denn Hamburg bekäme "etwas ganz Feines" zwischen Rathaus und Jungfernstieg: einen Fußgängerbereich mit Terrassen und Arkaden, Baumreihen und Kandelabern -- alles "auch mit jener Würde", die ausdrücklich gewünscht worden war (SPIEGEL 50/1977).
Dem Klose-Plan, den Rathausmarkt zu einem "Identifikationspunkt für alle Hamburger" zu machen, wurde dankbare Zustimmung zuteil. "Schlag auf Schlag" sollte es mit der Realisierung gehen, versprach der Leiter des Landesplanungsamtes, Tassilo Braune. Doch erst mal gab's Schläge.
"Hände weg von unserer Treppe", lautete vor einem Jahr die erste Warnung im Leserforum des "Abendblatt". Und auch Kultursenator Wolfgang Tarnowski machte namens der Denkmalschützer Front gegen den Plan, eine viertelkreisförmige Wassertreppe an der Kleinen Alster durch eine tribünenartige Freitreppe bis zum Jungfernstieg zu verlängern. Tarnowski drohte, "dieses in der Welt einmalige Baudenkmal" dürfe "nicht angetastet werden".
Nachdem die Kulturobleute nur mit Mühe besänftigt waren, holte der Kommerz zum Schlag aus. Bei einer Kaufleute-Versammlung in der Handelskammer wurde die Losung laut: "Der neue Rathausmarkt zerstört den Jungfernstieg, unsere Prachtstraße, um die uns die ganze Welt beneidet."
Gemeint war jene gewöhnlich gut gelüftete Geschäftsstraße an der Binnenalster, über die künftig der vom Rathausmarkt verbannte Omnibusverkehr abgeleitet werden soll. Als "Geschäftsleute, die das Bild der City prägen", protestierten die Einzelhändler gegen eine drohende "Strangulierung des Individualverkehrs", der Klose-Plan sei Pkw- und somit wirtschaftsfeindlich.
Zuletzt kamen auch noch Hamburgs Fremdenführer zu Wort; sie lehnten den Plan als "touristenfeindlich" ab, weil ihre Rundfahrtbusse später nicht mehr bis vors Rathaus rollen können.
Die Starrolle des Gegenspielers kam freilich dem CDU-Oppositionsführer in der Bürgerschaft zu: Jürgen Echternach unterstellte Klose "Wahnwitz" -die geplante Umgestaltung würde den Rathausmarkt "eher noch mehr" verschandeln; sie sei vor allem "finanziell völlig unakzeptabel". Anfang Mai hatte der Senat den Umbau endgültig beschlossen und dabei den Kostenvoranschlag den gestiegenen Preisen angepaßt: 38,5 Millionen Mark.
"Wie man immer wieder sieht", rückte das "Abendblatt" in die Leserecke ein: Sozialdemokraten könnten "mit Geld nicht umgehen", schon gar nicht mit dem Geld anderer. Tenor der meisten Einsendungen: Hamburg habe zur Zeit kein Geld für solche "Fußbodenkosmetik" (Echternach).
Bürgermeister Klose hingegen offenbart eine andere Auffassung von Geldmoral: "Hamburg ist kein Armenhaus." Und vor allem: Hamburg dürfe diesen Eindruck nicht erwecken.

DER SPIEGEL 22/1980
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