17.03.1980

VERLAGECampari Bitter

Der Fiskus will Josef von Ferenczy in die Mangel nehmen: Der listige Literaturgrossist soll sechs Millionen Mark steuern hinterzogen haben. Leidtragende könnten dabei Dutzende von Ferenczy-Autoren werden.
Die idyllische Ruhe in der Portenlängerstraße im Münchner Villenvorort Grünwald wurde, frühmorgens am Dienstag vergangener Woche, jäh unterbrochen: Vor dem Haus Nr. 37 stoppte ein Konvoi von sechs Limousinen. 22 "gutgewachsene Herren" (so der Hausbesitzer) sprangen heraus und stürmten zu der Villa, in der Josef von Ferenczy privat und die Kommanditgesellschaft Ferenczy Presse Agentur (F.P.A.) geschäftlich residieren.
Es waren Beamte von der Steuerfahndung, die, so eine Agentur-Angestellte, "wie ein Feuersturm" wüteten und kistenweise Aktenordner mit Abrechnungen und Korrespondenz abtransportierten.
Steuerfahnder waren es auch, je zwei Mann, die zur selben Zeit die Münchner Privatwohnungen von Andreas Ferenczy und Csaba Ferenczy durchsuchten, beide Söhne von Josef von Ferenczy, F. P. A.-Komplementär der eine, Kommanditist der andere. Um fündig zu werden, versuchten es die Beamten auch bei einem vierjährigen Ferenczy-Enkel: "Wo arbeitet denn dein Papi, wenn er zu Hause ist?"
Worum es ging, das erfuhren Anfang vergangener Woche 51 Buchverlage und Pressehäuser in der Bundesrepublik, die von Ferenczy Senior Literatur gegen Lizenzgebühr beziehen: Vom Zentralfinanzamt München trafen gleichlautende Pfändungsverfügungen ein, mit denen vorerst alle Honorarzahlungen an den juristischen Geschäftspartner, die Ferenczy Verlag AG in Zürich, in die Staatskasse umgeleitet wurden. Der zu pfändende Gesamtbetrag wäre, so der kaufmännische Leiter des Münchner Goldmann-Verlags, Hubert Grevenkamp, "ein ganz schön happiger Brocken" -- sechs Millionen.
Soviel soll das Schweizer Unternehmen von 1969 bis 1979 an Umsatz- beziehungsweise Mehrwertsteuern hinterzogen haben -- eine Firma, mit der der gebürtige Ungar und österreichische Staatsbürger Josef von Ferenczy, 60, in der Bundesrepublik zum Literaturgrossisten für leichten und lockeren Lesestoff aufstieg und sich für illustrierte Blätter schier unentbehrlich machte -- nach der Ferenczy-Devise: "Das Niveau bestimmen die Leser. Durch unsere Eheschließung mit ihnen entstehen nur Wunschkinder."
Der Mann mit dem Menjou-Bärtchen, der nach dem Krieg noch mit Kolonialwaren handelte, vermarktete Landserromantik und Liebesschnulzen, Arztromane, Krimis und mittelharten Sex. Zu seinen Autoren -- derzeit noch über 200 -- zählten so unterschiedliche Schriftsteller wie Heinz G. Konsalik ("Der Arzt von Stalingrad"), Hans Habe ("Ilona") oder Linda Strauss ("Campari Bitter"). Mit Will Berthold machte er "Die Impotenten", mit Michael Horbach "Geld wie Heu".
Das Erfolgsrezept des Ferenczy-Verlags, dem die Münchner Ferenczy Presse Agentur neue Autoren zuführt, besteht schlicht darin, daß sich beide Geschäftspartner, Vertragsschreiber wie Verlagshäuser, gleichermaßen gut bedient fühlen. Die Autoren, weil die wenigsten von ihnen im Alleingang so gute Honorare erzielen würden wie der Marktkenner von Ferenczy; die Verleger, weil von Ferenczy konsumsichere Ware anbietet.
Dafür kassiert das Züricher Unternehmen das Gesamthonorar plus Mehrwertsteuer, behält davon in der Regel 25 Prozent und überweist drei Viertel dem in Ferenczy-Diensten stehenden Verfasser. Bei diesem Abrechnungsmodus aber sei, taxiert nun der Fiskus zu München, eine hochgerechnete "Umsatzsteuerverkürzung in Höhe von ca. sechs Mio DM festzustellen".
Der Ferenczy-Verlag habe zwar seinen Viertel-Anteil ordnungsgemäß im Inland versteuert. Er hätte jedoch -so, vereinfacht, die Begründung der Finanzbehörde -- die Mehrwertsteuer-Pflicht für die 75-Prozent-Einkünfte der Vertragsautoren nicht an diese delegieren dürfen.
Dieser Brauch war indes jahrelang unbeanstandet geblieben: Der Ferenczy-Verlag hatte seinen steuerpflichtigen Autoren stets ihren Anteil "plus Mehrwertsteuer" gutgeschrieben und sie mit einem Stempel darauf hingewiesen, daß sie "ihren Steueranteil bei ihrem Finanzamt" abzuführen hätten -- freilich ohne jede Sicherheit, daß solches auch tatsächlich geschieht. Ferenczy-Anwalt Rolf Beisswingert ist gleichwohl überzeugt: "Dem Fiskus ist nicht eine Mark entgangen."
Wie auch immer, die Sechs-Millionen-Forderung sorgte letzte Woche für Aufregung; Andreas Ferenczy: "Das könnte unser Haus ruinieren." Ferenczy-Autoren sahen sich bereits als Leidtragende der Steueraffäre: Würde die Pfändung der von ihnen erarbeiteten Honorare greifen, dann wären sie erst einmal brotlos geworden.
Überdies droht vielen, die womöglich doch den Steuerbetrag verwirtschaftet haben, eine saftige Nachzahlung, falls der Ferenczy-Verlag von jedem einzelnen die Belege beibringen muß. Ein ehemaliger Ferenczy-Autor: "Da sind bestimmt etliche Kollegen nicht mit der Mehrwertsteuer zurechtgekommen."
Am Freitagnachmittag zeigte sich für die Ferenczys und ihre Lohnschreiber wieder ein Lichtblick. Auf Beschwerde von Anwalt Beisswingert hob die Finanzbehörde die Pfändungen auf, gegen eine zur Sicherheit geleistete Bankbürgschaft, die sich neben der hochgerechneten Steuerschuld von sechs Millionen Mark allerdings eher bescheiden ausnimmt: 1,25 Millionen Mark.
Andreas Ferenczy atmete wieder auf: "Es wird sich zeigen, daß die ganze Sache ein Windei ist."
S.131 Mit Ehefrau auf dem Neujahrsempfang 1980 des bayrischen Ministerpräsidenten. *

DER SPIEGEL 12/1980
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