17.03.1980

ATTENTATEBrutale Gangart

Nach Anschlägen auf Kasernen haben es IRA-Kommandos nun auf britische Soldaten in Deutschland abgesehen. Die Fahnder kommen nicht weiter.
Der Oberst, ein drahtiger Brite von 43 Jahren, kam gerade von einer Probefahrt mit dem Citroen 2 CV seiner Tochter zurück. Er rangierte die "Ente" rückwärts in die Grundstückseinfahrt seines Einfamilienhauses in Bielefeld, Joseph-Haydn-Straße 2.
Da traten ein Mann und eine Frau aus der Dunkelheit und schossen ihn durch das Wagenfenster dreimal in Brust und Schulter. Vier Stunden später, kurz vor Mitternacht des 16. Februar, war Colonel Mark Coe tot.
Exakt zwei Wochen später traf es abermals einen britischen Soldaten: Militärpolizist Stewart Leach, 22, Münster, stoppte seinen Streifenwagen Ford Cortina vor der Ampel an der Ecke Bröderichweg/Kanalstraße in Münster. Plötzlich stand der Ford im Kugelhagel einer Maschinenpistole und eines Schnellfeuergewehrs. Fahrer Leach sackte, schwer verwundet, zur Seite. Beifahrer John Helly, 25, blieb unverletzt.
Vorigen Montag erwischte es in Osnabrück den 24jährigen Corporal Steven Sims. Bei einem Waldlauf im Heger Holz trafen ihn fünf Schüsse aus einem 9-Millimeter-Revolver, davon einer in den Arm und einer in die Hüfte. Der durchtrainierte Sportler rannte noch 1000 Meter, dann brach er zusammen. Er ist außer Lebensgefahr.
Für alle drei Attentate übernahm die Irische Republikanische Armee (IRA) die Verantwortung. In einem Fernschreiben an die Londoner Fernsehgesellschaft BBC reklamierte sie auch noch zwei weitere Anschläge: die "Hinrichtung" des britischen Botschafters in Den Haag, Sir Richard Sykes, vor genau einem Jahr und den Sprengstofffehlschlag gegen eine britische Militärkapelle in Brüssel im August vorigen Jahres.
Die Angriffe zielten "allein auf britisches Personal und Verwaltungskräfte", die, so der anonyme Übermittler, "unser Volk unterdrücken". An keinem Platz der Welt, ließ die IRA nach der jüngsten Serie in der Bundesrepublik englische Journalisten wissen, könnten sich Soldaten ihrer Majestät künftig sicher fühlen.
Trotz solcher Selbstbezichtigungen tappen die Fahnder nach den Mordkommandos von Bielefeld, Münster und Osnabrück immer noch völlig im dunkeln. "Wir wissen so viel wie am ersten Tag", klagte vorige Woche der Münsteraner Oberstaatsanwalt Johannes Sturm, "obwohl Zeugen praktisch dabeigewesen sind."
In Münster, beim Attentat auf den Militärpolizisten Leach, hatten Passanten die Schüsse nicht einmal wahrgenommen. Als Leach aus dem Auto kippte, dachten sie, wie sie später zu Protokoll gaben, "eher an eine Ohnmacht".
Auch in Bielefeld, bei der tödlichen Salve auf den Colonel Coe, hatten die Nachbarn zunächst nichts Böses vermutet: "Wir dachten zuerst", erzählte einer später, "jemand hätte Knallfrösche gezündet. Als wir dann aber Schreie hörten, wußten wir, daß geschossen wird." Als die Zeugen aus dem Haus stürzten, nahmen sie nur noch ein flüchtendes Auto wahr -vielleicht ein rotes.
Ein bißchen mehr weiß die Polizei über die Schützen auf Waldläufer Sims. Die Täter seien in einem grünen Vauxhall mit einem Zollnummernschild getürmt. Mehr brachten die deutschen und britischen Fahnder, zeitweise an die hundert Beamte, allerdings nicht heraus.
Ihnen half auch nicht die heiße Nachricht aus Dublin, wonach versprengte Reste der Roten-Armee-Fraktion (RAF) einem IRA-Kommando in der Bundesrepublik Unterkünfte und Papiere verschafften. Ein hochkarätiger IRA-Mann hatte dies vorige Woche angeblich kundgetan.
Es könnte der Versuch der IRA sein, die Ermittler zwischen Rhein und Weser zu irritieren. Doch diese Mühe könnten sich die IRA-Strategen auch noch sparen. Denn deutsche Kripo und britische Militärpolizei, nun schon seit eineinhalb Jahren auf der Suche nach irischen Bombenlegern im deutschen Westen, fanden nichts außer ein paar kargen Tips und ein paar dürftigen Spekulationen. Eine Hypothese, das "Westdeutsche Irland-Solidaritäts-Komitee" könnte als Helfershelfer fungiert haben, ließ sich nicht erhärten.
Ungeklärt sind noch immer die Anschläge auf acht Kasernen zwischen Minden und Mönchengladbach innerhalb von zwei Stunden in der Nacht zum 19. August 1978. Schadensbilanz damals: über eine Million Mark.
Das reicht jetzt nicht mehr. "Es sieht so aus", sagt der Bielefelder Staatsanwalt Klaus-Detlef Roewer, "als würde die IRA nun eine brutale Gangart einschlagen."
Es ist deutlich geworden, daß es jeden beliebigen Armee-Angehörigen treffen kann. "Die IRA will unsere Soldaten verunsichern", sagt ein Sicherheits-Offizier in Mönchengladbach, sie verspricht sich eine Demoralisierung der Truppe: Viele von ihnen sollten sich hier vom zermürbenden Dienst an der Bürgerkriegsfront von Nordirland erholen. Gerade auf sie haben es die IRA-Kommandos offenbar abgesehen.
Auf deutsche Beihilfe sind die IRA-Spezialisten dabei nicht angewiesen. Manches spreche dafür, so BKA-Vizepräsident Günter Ermisch, "daß die Täter jeweils einreisen".
Die Kollegen vor Ort teilen diese Einschätzung. "Wir haben keinen Anhaltspunkt", sagt Kriminaldirektor Horst Nestler aus Osnabrück, "daß Deutsche beteiligt waren." Überdies würden Engländer oder Iren in der Garnison gar nicht auffallen, "sie gehören bei uns zum alltäglichen Straßenbild".
Und auch Sprachschwierigkeiten sind kein Handikap. Wer von den Inseln kommt, spricht in aller Regel ohnehin kein Deutsch.
S.133 Von den Sims-Mördern. *

DER SPIEGEL 12/1980
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