17.03.1980

Syrien: Neuer Krisenherd in Nahost

In den größten Städten Syriens flackern Unruhen auf, in der Hauptstadt Damaskus werden mehr politische Morde verübt als in Italien oder der Türkei. Vor vier Jahren zogen syrische Truppen in den Libanon, um den Nachbarn zu pazifizieren. Heute zieht Damaskus seine Truppen zurück, weil sie keines der gesteckten Ziele erreicht haben. Die Saudis stellen ihre Zahlungen ein, die Sowjets wittern eine Chance. Wird Syrien ein neuer Libanon?
Assad ist die Hoffnung der arabischen Volksmassen", malten syrische Gefreite an Beiruts Häuserwände. Doch die Hoffnung scheint zu trügen.
Syriens Präsident Hafis el-Assad, mit zehn Jahren Amtszeit einer der dienstältesten arabischen Staatschefs, steckt in der größten Krise seiner Regierungszeit. In den wichtigsten Städten seines Landes, jahrelang eher ein stabilisierender Faktor im unruhigen Nahostspiel, brachen Unruhen aus.
In der nordsyrischen Millionenstadt Aleppo zogen Demonstranten durch die Straßen und setzten Regierungsgebäude, die Büros der syrischen und sowjetischen Fluggesellschaften sowie die meisten Kinos in Brand. Die Polizei schoß scharf, und mehr als 300 Menschen starben.
In der zentralsyrischen Stadt Hama fanden Kämpfe statt, und die Regierung verhängte eine zwölfstündige Ausgangssperre. Die Geschäftsleute schlossen ihre Läden, um gegen das brutale Vorgehen der Polizei zu protestieren.
Doch die Ausschreitungen gingen weiter. Die Armee setzte Panzer ein und riegelte Aleppo ab. In Hama hinderte sie gläubige Moslems am Freitagsgebet.
Selbst auf die Hauptstadt griffen die Unruhen über. Im Vorort Maidan el-Scheich starben bei einem Feuergefecht ein Dutzend Polizisten. Heute gibt es in Damaskus mehr politische Morde als in der krisengeschüttelten Türkei: Täglich sterben fünf Damaszener eines gewaltsamen Todes.
"Damaskus ist in Gefahr", mahnt die Stadtverwaltung in einem Appell an die Staatsbürger. Der sonst eher wortkarge Staatschef selbst hält fast täglich eine Ansprache an die Nation. "Ab heute werden wir mit niemandem mehr Gnade walten lassen, der sich unseren fortschrittlichen Zielen in den Weg stellt", droht Assad.
Unterdessen rüstet das Land zum Kampf: Die Berufsgenossenschaften planen, Volksmilizen zu bilden, die Arbeiter- und Bauernsyndikate verteilen Waffen, um "die Banden der Saboteure und Kriminellen zu liquidieren".
"Daß es erst heute kracht", sagt ein syrischer Offizier im Libanon, "ist seltsam. Denn Grund zum Aufstand haben wir schon lange."
Es sind viele Gründe, die zum Aufstand führten. Die Inflationsrate stieg auf 30 Prozent, und eine hohe Arbeitslosigkeit hat zur Folge, daß Syrer selbst im zerbombten Libanon Jobs suchen.
Hinzu kommt, daß sich die politische Führungsschicht zunehmend isoliert. Staatschef Assad ist Mitglied der Alawitensekte, die vielen Syrern suspekt erscheint, weil sie sich mit Geheimnissen umgibt. Beispielsweise erschließen die Sektenmitglieder ihre Lehre nur einer ausgewählten Oberschicht. Sie haben Christliches und Islamisches vereint.
Assad aber stützt sich immer mehr auf seine Glaubensbrüder -- sogar auf seine Verwandten. So befehligt der Präsidentenbruder Rifaat el-Assad eine aus Alawiten bestehende Sondertruppe, die -- oft auch in Zivil -- hochstehende Persönlichkeiten beschützt, aber auch die Armee kontrolliert. Assads Leuten werden Autodiebstähle, Vergewaltigungen und der Vertrieb von Haschisch angelastet. "Die letzte Stütze S.145 des Regimes" nennt ein syrischer Exilpolitiker in Beirut den Präsidentenbruder.
Hauptgrund für die Schwächung des Regimes aber ist zweifellos das syrische Engagement im Libanon. Vor vier Jahren wurden die Syrer als Friedensstifter mit Blumen begrüßt, heute sind sie verhaßt, weil sie den Libanon wie ein Protektorat behandelten.
Bis heute weigert sich Syrien, diplomatische Beziehungen mit dem Libanon aufzunehmen, "weil das unter Brüdern nicht not tut", wie ein Regierungssprecher verkündete.
Auch militärisch war Syrien nicht erfolgreich. Obgleich die syrische Armee wochenlang die Maronitenhochburg im Beiruter Stadtteil Aschrafie mit Stalinorgeln beschossen hatte, konnte sie den Widerstand der Christen nicht brechen.
Auch mit den Palästinensern wurden die Syrer nicht fertig. Zwar duldeten sie ein Blutbad unter anti-syrischen PLO-Gruppen im Palästinenserlager Tel Satar, konnten aber den Widerstand der stärksten PLO-Gruppe, der Fatah um Jassir Arafat, nicht brechen.
Der Protektor Syrien war nicht in der Lage, das Vorrücken der Israelis bis zum Litani zu verhindern und auch nicht die Bildung eines israelisch ausgehaltenen "freien Libanon" längs der israelischen Nordgrenze.
Die Libanon-Expedition hat nicht nur die Moral der Armee, sondern auch die der Bevölkerung beeinträchtigt. "Wir mußten die Särge unserer gefallenen Soldaten nachts heimlich über die Grenze schaffen", gesteht ein syrischer Verbindungsoffizier in Beirut.
So war es nicht verwunderlich, daß sich Syriens wichtigster Geldgeber, Saudi-Arabien, weigert, das kostspielige syrische Libanon-Abenteuer weiter zu finanzieren. "Seit drei Monaten kommt aus Riad kein lumpiger Piaster mehr", klagt ein Präsidenten-Intimus, der Einblick in die Staatskasse hat. Staatschef Assad beorderte daraufhin seine Truppen aus Beirut zurück.
Durch die Aufgabe des Libanon hat Syrien keine Möglichkeit mehr, in etwaigen Friedensverhandlungen mit Israel ein Faustpfand anzubieten. "Die Syrer kamen doch nur in den Libanon", sagt ein PLO-Führer, "um uns Palästinenser kleinzukriegen und besser verhandeln zu können. Jetzt ist Damaskus praktisch aus der Nahostpolitik ausgeschieden."
Doch die Sowjet-Union drängt offensichtlich auf den Abschluß eines Freundschaftsvertrages. Die syrische Regierung akzeptierte den sowjetischen Einmarsch ins muslimische Afghanistan und läßt erstmals seit Jahren verhaftete Kommunisten frei. In Moskau soll sogar schon ein Tonband liegen, auf dem Assad die Russen um Hilfe bittet.

DER SPIEGEL 12/1980
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