17.03.1980

ISRAELStärke zeigen

Die Regierung gerät in der Palästinenserfrage immer mehr in die Defensive. Der als Falke bekannte neue Außenminister Schamir soll das ändern.
Eine so schlechte Presse hatte Washington in Israel schon lange nicht mehr. "Wenn Carter uns schon einen Schlag versetzt", zürnte die Tel Aviver Tageszeitung "Maariv", "dann soll er doch nicht anschließend heuchlerisch lächeln." Viele Israelis empfinden es als "beschämendes Manöver" (so ein Beamter im Jerusalemer Außenministerium), daß die Regierung der Vereinigten Staaten im UN-Sicherheitsrat den Judenstaat für seine Siedlungspolitik verurteilte, um zwei Tage darauf ihr Votum betreten als "Kommunikationsfehler" zu entwerten.
Die Israelis haben Grund, eine Tendenzwende der amerikanischen Israel-Politik zu befürchten. Denn soviel ist sicher: Die USA werden künftig ein weit weniger bequemer Alliierter sein, als sie es in den vergangenen dreißig Jahren waren. Die Panne im UN-Palast war erst der Anfang.
Zwar muß Carter bis zu den Präsidentschaftswahlen noch auf die jüdische Wählerlobby Rücksicht nehmen. Aber langfristig, so glaubt man in Jerusalemer Regierungskreisen, will Carter Israel als Verbündeten gegen Ägypten austauschen. Offensichtlich will Washington nach dem Zusammenbruch der iranischen Monarchie nun Ägypten die Rolle des Nahostpolizisten zuschanzen.
Letzte Woche meldete die israelische Botschaft in Washington, die Amerikaner seien drauf und dran, einen Teil ihrer Auslandshilfe für Israel an den Nil umzuleiten, um gegen die aggressive Siedlungspolitik der Regierung Begin zu protestieren. Dazu kommt, daß die amerikanischen Waffenlieferungen an die Ägypter nach Auffasung der Israelis weit umfangreicher sind, als zur ägyptischen Landesverteidigung vonnöten ist. Und so gut stehen die Israelis -- trotz Botschafteraustausch und kleinem Grenzverkehr -- noch nicht mit Ägypten, um das nicht als Bedrohung zu empfinden.
Nicht genug damit. Auch über den Beziehungen Jerusalems zu seinen westeuropäischen Freunden hängen drohende Wolken. Der Sympathievorschuß des jüdischen Staates ist drastisch geschrumpft, seit Menachem Begin und seine Panjudaisten in Jerusalem regieren.
Das Bekenntnis zum Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser durch den französischen Staatschef Valery Giscard d''Estaing hat den jüdischen Ängsten neuen Auftrieb gegeben. Begins Botschafter in Paris, Meir Rosenne, sieht darin eine "Entwicklung, die letztlich die Existenz Israels gefährdet".
Letzte Woche kam es noch schlimmer. Nach einem Telephonat mit seinem Freund Giscard erklärte Bonns Kanzler Helmut Schmidt, zwar sei eine Anerkennung der "Palästinensischen Befreiungsorganisation" (PLO) durch die Bundesregierung "nicht heute und nicht morgen" zu erwarten. In der Beurteilung des Selbstbestimmungsrechts aber gehe er mit Giscard konform.
Auch die konservative britische Regierung liebäugelt mit einer Kehrtwendung in der Nahostfrage. Die Briten erwägen einen Antrag auf Änderung der UN-Resolution 242 von 1967, der die Forderung nach Lösung des palästinensischen Flüchtlingsproblems durch die Forderung nach "Anerkennung der Rechte der Palästinenser" ersetzen soll; S.148 in Israel kursiert schon die düstere Vision eines PLO-Staates mit Autonomiestatut für die jüdische Minderheit.
Doch solange die Regierungskoalition in Jerusalem hält, werden Menachem Begin und sein neuer Außenminister Jizchak Schamir das zu verhindern wissen. Schamir gilt selbst im orthodoxen Freundeskreis um Begin als Falke. Er trat Montag letzter Woche sein Mandat an in der festen Absicht, aus dem Ministerium "für Protokolle und Empfänge" (so Schamir-Vorgänger Mosche Dajan) wieder ein Instrument offensiver Außenpolitik zu machen.
Der neue Außenminister ist strikt gegen die Gründung eines Palästinenserstaates, weil es, wie er neulich seinem britischen Kollegen Lord Carrington anvertraute, "schon einen Palästinenser-Staat gibt, nämlich Jordanien". Er hat auch nie einen Hehl daraus gemacht, daß er die Vereinbarungen von Camp David für einen Schwächeanfall der israelischen Politik hält. Unter seiner Führung soll Israel in seiner Außenpolitik nun wieder Stärke zeigen.
Jizchak Schamir zählt zum ganz harten Kern der Pioniergeneration. Er hat die radikalzionistischen Frontkämpfervereine Irgun und Stern durchlaufen, nachdem er 1935 von Polen ins Gelobte Land umsiedelte. Zweimal wurde er von der britischen Mandatsverwaltung als Terrorist interniert. Zweimal brach er wieder aus, das erstemal aus einem Internierungslager in Eritrea, ein anderes Mal aus dem Gefängnis in Masra südlich der libanesischen Grenze.
Nach der Gründung Israels ging der drahtige, breitschultrige Mann mit den buschigen Brauen wieder in den Untergrund -- als Mitglied des Geheimdienstes Mossad, der jahrelang den Gegenterror der Israelis gegen die Araber organisierte.
Parlamentarier ist Schamir erst seit 1973. Nach Begins Wahlsieg im Mai 1977 avancierte er auf den Posten des Knesset-Sprechers. Schon dort brachte er mit harter Hand Querulanten zur Räson. Weil "letzten Endes die Demokratie selber ausgehöhlt werden kann, wenn politische Randgruppen zu viele demokratische Freiheiten mißbrauchen", knipste er der Opposition im Parlament einfach die Mikrophone aus.
Außenpolitisches Profil erlangte Jizchak Schamir, als er seinen Schwur brach, sich niemals "mit den Söhnen der Nazis" einzulassen, und als erster führender Politiker von Begins Cherut-Partei in die Bundesrepublik reiste.
Gegenüber den Arabern freilich hält Schamir zuviel Entgegenkommen für gefährlich. Trotz der israelisch-ägyptischen Annäherung steht er eisern zu seiner wichtigsten Lebensmaxime: "Die ganze Welt ist gegen uns."
S.145 Mit Regierungschef Begin. *

DER SPIEGEL 12/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 12/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ISRAEL:
Stärke zeigen

Video 00:49

Volvo Ocean Race Beinahe-Crash mit Zuschauerbooten

  • Video "Volvo Ocean Race: Beinahe-Crash mit Zuschauerbooten" Video 00:49
    Volvo Ocean Race: Beinahe-Crash mit Zuschauerbooten
  • Video "Sexuelle Übergriffe: So sehen wir das" Video 10:37
    Sexuelle Übergriffe: So sehen wir das
  • Video "Cliff Diving: Spektakuläre Sprünge aus 27 Metern Höhe" Video 00:55
    Cliff Diving: Spektakuläre Sprünge aus 27 Metern Höhe
  • Video "Zuzugsstopp für Flüchtlinge: Die Aufteilung ist schlecht" Video 04:57
    Zuzugsstopp für Flüchtlinge: "Die Aufteilung ist schlecht"
  • Video "Webvideos der Woche: Der will nicht nur spielen!" Video 05:07
    Webvideos der Woche: Der will nicht nur spielen!
  • Video "Liberale Moschee Berlin: Beten gegen den Hass" Video 03:27
    Liberale Moschee Berlin: Beten gegen den Hass
  • Video "Chelseas Aufholjagd: Contes Joker sticht" Video 02:58
    Chelseas Aufholjagd: Contes Joker sticht
  • Video "Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer" Video 07:01
    Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer
  • Video "Messerattacke in München: Polizei nimmt Tatverdächtigen fest" Video 01:42
    Messerattacke in München: Polizei nimmt Tatverdächtigen fest
  • Video "Mehr als 100 Festnahmen: Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien" Video 01:06
    Mehr als 100 Festnahmen: Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien
  • Video "Entmachtung der katalonischen Regierung: Die Straßen in Barcelona sind voll" Video 01:46
    Entmachtung der katalonischen Regierung: Die Straßen in Barcelona sind voll
  • Video "Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten" Video 01:43
    Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten
  • Video "Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer" Video 01:18
    Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer
  • Video "Neues Asterix-Heft spielt in Italien: Kommerz, Korruption - und Wagenrennen" Video 01:58
    Neues Asterix-Heft spielt in Italien: Kommerz, Korruption - und Wagenrennen
  • Video "Katalonien-Konfikt: Die aufgeheizte Stimmung ist gefährlich" Video 02:01
    Katalonien-Konfikt: "Die aufgeheizte Stimmung ist gefährlich"