04.08.1980

OLYMPIAPannen nicht im Plan

Olympia-Bilanz in Moskau: Das Management funktionierte besser, als viele erwartet hatten, manchmal zu gut. Chauvinismus und Manipulation hatten Hochkonjunktur.
Im Konferenzsaal des Olympia-Pressezentrums ertönten unversehens Stimmen aus dem Kosmos. Die Besatzung des Raumschiffes Saljut 6, alsbald auf einem mächtigen TV-Schirm im Bild, versicherte der Weltpresse, sie verfolge die Moskau-Spiele regelmäßig: "Die Tageszusammenfassung lassen wir uns keinesfalls entgehen."
Wladimir Popow, Olympia-Pressechef und Organisator, genoß den spontanen Beifall der verblüfften Zuhörer des Interviews mit den Olympia-Beobachtern auf höchster Warte.
Ähnlich überrascht hatte die meisten, von früheren UdSSR-Visiten her pannengewohnten Besucher, daß tatsächlich regelmäßig Busse zwischen Hotels, Wettkampfstätten und Pressezentrum pendelten, daß fast alle Telefonate nach angemessener Wartefrist zustande kamen und der Hotel-Service ungewöhnlichen Standard erklomm.
Die Athleten fanden weit bequemere Quartiere vor als etwa in Montreal oder gar im Jugendgefängnis von Lake Placid. Moskaus Wettkampfstätten boten ihnen optimale Bedingungen. Auf den ungewöhnlich dicken Bohlen aus sibirischer Lärche in der neuen Radsporthalle spurteten die Bahnfahrer sämtliche Weltrekorde nieder, sogar die in Mexikos günstiger Höhenlage erzielten.
Schwimmer und vor allem die Gewichtheber feierten auch ohne Amerikaner und Bundesdeutsche geradezu Weltrekord-Orgien. Insgesamt stellten Olympia-Teilnehmer in Moskau mehr als 40 Weltrekorde (Montreal: 35) und mehr als 70 olympische Bestleistungen auf.
Schwimm-Olympiasieger Sergej Fessenko versprach, weiter zu trainieren, "damit ich auch noch gegen die fehlenden Amerikaner antreten kann". Doch, schränkt er ein: "Für mich ist die Goldmedaille ebenso wertvoll, ob es die Amis gibt oder nicht."
Olympiafahnen für westliche Medaillengewinner stiegen in den zu 80 bis 90 Prozent ausgebuchten Olympiastätten oft genug hoch, um den Sowjet-Zuschauern ausreichend den Hauch der weiten Welt ins Bewußtsein zu bringen.
Nur für Kenner verloren einige Wettbewerbe durch den Boykott der Weltelite olympisches Niveau: Im Geländeritt der Military kamen zehn von 28 Kavalieren nicht an. Im Hockey-Turnier boten nur Indien und Spanien Weltformat. Von den weltbesten Spring- und Dressurreitern kam allein die österreichische Dressurmeisterin Elisabeth Theurer. Sie ließ sich vom Exrennfahrer mit der Lauda-Air zum Medaillen-Empfang einfliegen.
Bei den Spring- und Dressur-Reitern blieb außer der Österreicherin jeder ernstzunehmende Medaillen-Rivale dem roten Olympia fern. So wurde im Preis der Nationen nur ein Russe mit dem Parcours so gut fertig, daß er als einziger einen Null-Fehler-Ritt zustande brachte. Die meiste Arbeit verrichteten beim Springreiten die Hindernis-Aufbauer. Sie mußten nach fast jedem Sprung Balken und Klötze neu auflegen.
Die Sportbataillone der DDR stürmten den Kreml auch nicht, wie viele voreilig prophezeit hatten. Niemals spitzte sich die Konkurrenz zum wirklichen Olympia-Duell zu. Die DDR nahm nur an 16 von 21 Sportarten teil und erlebte wie die Sowjetvormacht bittere Enttäuschungen.
Sogar Favoriten wie Diskus-Weltrekordler Wolfgang Schmidt und die Olympiasiegerinnen im Speerwurf, Ruth Fuchs, sowie im Hochsprung, Rosemarie Ackermann, wurden von Stärkeren vom Medaillen-Treppchen geschubst. Mit seinem letzten Wurf verdrängte der Kubaner Luis Delis -- von einem DDR-Trainer vorbereitet --Schmidt vom dritten Platz.
Aber ohne die Sportweltmacht USA, ohne Japaner und eine Bundesriege verstärkte sich die Osttendenz: Das sozialistische Lager heimste mehr als 80 Prozent der Medaillen ein, in Montreal waren es knapp 55 Prozent gewesen. S.133
So quollen die kommunistischen Zeitungen über vom Lob aller Olympiagäste, für die sich ein Dolmetscher fand. Kritische Bemerkungen wurden entweder unterschlagen oder der Befragte wurde disqualifiziert.
Als ein Oberstleutnant I. Sergejew in der englisch-sprachigen "Soviet Military Review" unterstellte, das IOC habe der UdSSR die Spiele übertragen "als Anerkennung für die Verdienste der Sowjet-Union im Kampf für den Frieden", raffte sich IOC-Präsident Lord Killanin vor seinem Abtritt doch noch zu einem Statement auf. "Moskau erhielt die Spiele in Anerkennung seines großen Beitrags zum internationalen Sport", betonte er, "und nicht aus irgendeinem politischen Grund."
Angestauter Groll und der Druck zur Erfüllung des Siegessolls schafften sich simpler Luft. So war der Chauvinismus sowjetischer Zuschauer nur von der Internationale der Fußballfanatiker zu übertreffen. Freundlichen Beifall beschränkten sie vorwiegend auf unterqualifizierte Nachzügler in den Olympiarennen. Sobald ein Ausländer ihren Athleten Medaillen zu rauben schien, pfiffen sie ihn erbarmungslos aus.
Diskuswerfer Schmidt fühlte sich durch Störpfiffe des sowjetischen Publikums so sehr verunsichert, daß er nach dem Medaillenverlust an die Kurvenränge, von denen aus das Pfeifkonzert besonders laut ertönte, lief und wütend mit der Faust drohte -- ein sozialistischer Gruß besonderer Art.
Viermal hob der zuständige, sowjetische Kampfrichter, ohne zu prüfen, die rote Fahne, als der farbige Brasilianer De Oliveira den Absprungbalken beim Dreisprung berührte. "Er hat in Wirklichkeit nur zweimal übergetreten", bestätigte der französische Dreisprungtrainer Regis Prost, was auch auf den TV-Monitoren zu beobachten war.
Joao Carlos De Oliveira sprang zweimal weiter als das siegreiche sowjetische Gespann und mußte sich doch mit Bronze bescheiden. Ebenso verfuhr der Fahnenschwenker mit dem Australier Ian Campbell. Campbell und De Oliveira waren Sprünge von mehr als 17,50 Meter, die zu Gold und Silber gereicht hätten, aberkannt worden.
Die kompaniestarke internationale Funktionärsgilde rührte sich nicht von der Ehrentribüne. Sie rügte nicht einmal, daß die Kampfrichter nach einem Speerwurf des sowjetischen Favoriten Dainis Kula vor 70 000 Zuschauern die Meßlatte glatt einen Meter zu günstig anlegten.
Kula und die beiden anderen sowjetischen Teilnehmer am Speerwurf genossen gegenüber den Werfern aus dem Westen unkonventionelle Windunterstützung. Sobald ein Sowjetmensch den Speer im Stadion zum Wurf ansetzte, öffneten Stadionarbeiter das große Marathon-Tor, den Ausgang zum umliegenden Park, so daß ein regelrechter Windkanal entstand und die Sowjetspeere in bessere Gleitbahnen aufhob als die Wurfobjekte der Rivalen aus kapitalistischen Ländern.
Der sowjetische Kunstspringer Alexander Portnow siegte erst, als er einen verpatzten Sprung wiederholen durfte, weil die Zuschauer ihn gestört hätten. Dem DDR-Springer Falk Hoffmann verwehrte die Jury gleiches Recht. Dennoch siegte er.
Wo Medaillen auf dem Spiel standen, spaltete sich gar die kommunistische Gemeinschaft. "Indem sie flagrant die sportliche Ethik und den olympischen Geist verletzten", schrieb die rumänische KP-Zeitung "Scinteia" über die im Turnfinale zurückgefallene Nadia Comaneci, "raubten die Punktrichter Nadia die Goldmedaille vor aller Augen."
Im Punktgericht bewerteten ein Russe, ein Pole, ein CSSR-Richter und ein Bulgare die Favoritin in der letzten Übung am Schwebebalken, mit der sie ihren Achtkampf beendete. Sie werteten eine Russin zur Siegerin und die DDR-Turnerin Maxi Gnauck zusammen mit der Rumänin auf den zweiten Platz. "Was kann man hier sonst erwarten", wütete Rumäniens Turntrainer Karoly Bela.
Für die letzten Tage der Olympischen Spiele in Moskau setzte das IOC Kontrolleure für die sowjetischen Kontrolleure ein. Doch da hatten die Sowjets schon mehr als 150 Medaillen in Gold, Silber und Bronze gewonnen.
So entlud sich der Frust einiger Athleten oft erst im olympischen Dorf. Als die Disco um 23 Uhr schloß, meuterten angeheiterte Schwimmer und zogen schließlich ins Restaurant. Sie bombardierten anrückende Polizisten mit Lebensmitteln und randalierten. Ohrenzeugen hörten auf französisch: "Freiheit für Afghanistan."
Die Staatsmacht siegte. Sie schaffte die zornigen jungen Leute auf ihre Zimmer.
Zwei britische Schwimmer mußten vorzeitig wegen Trunkenheit heimreisen. Einer hieß Jimmy Carter.
S.132 Von links: Sowjetischer Speerwurf-Olympiasieger Dainis Kula, rumänische Turnerin Nadia Comaneci, brasilianischer Dreispringer Joao Carlos De Oliveira (r.). *

DER SPIEGEL 32/1980
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