17.03.1980

Henry forever?

SPIEGEL-Redakteur Heinz P. Lohfeldt über den US-Wahlkampf
Nun wissen wir's also, direkt vom Meister: Henry Kissinger ist entsetzt, entsetzt über Amerikas Führungsschwäche, über Jimmy Carter und seine Außenpolitik der Widersprüche, der Überreaktionen und "nichtssagenden Doktrinen".
Geahnt hatte man das zwar schon immer, und sehr originell ist das Entsetzen nun auch nicht mehr. Anders als die anderen Entsetzten aber weiß Dr. K., wer allein da helfen und die USA sicher durch "die schlimmste Anhäufung internationaler Krisen seit dem Bürgerkrieg" führen kann: ein Secretary of State mit Namen Henry Kissinger.
Der ist davon, natürlich, zumindest seit dem Tage überzeugt, an dem Amerikas Wähler ihn zusammen mit seinem Präsidenten Gerald Ford in Pension schickten.
Doch zunächst einmal ließ er die Nation eine Weile in der selbstverschuldeten Carter-Krise schmoren, schrieb seine Memoiren, analysierte für die Fernsehgesellschaft NBC bei Bedarf die Weltlage oder eröffnete eben auch mal in Düsseldorf die Kunststoffmesse "K 79": "'K 79' -- ich dachte, das steht für 'Kissinger 79'."
Nur Eingeweihten ward deutlich, daß er nebenbei sehr wohl auch fleißig an seinem Comeback arbeitete. Schon beim Schreiben seiner Memoiren lobte er, außer sich selbst, vor allem einen Amerikaner: den "überaus intelligenten" John Connally, "der aussah und auftrat, als sei er zum Führer geboren".
Kein Zweifel, als er das schrieb, wußte Henry bereits, daß John Connally Präsident werden wollte. Und das Rauhbein mit der Silbermähne setzte sich anfangs auch so eindrucksvoll in Szene, daß Amerikas Big Business, Bonns Diplomaten in New York und auch Henry Kissinger den Texaner bereits unterderhand oder auch ganz offen als Nachfolger Carters handelten.
Connallys außenpolitisches Glaubensbekenntnis klang nicht nur nach Kissinger; Frührentner Henry, der Schatten-Außenminister, hatte an der Grundsatzrede mitgearbeitet.
Doch John Connally flog aus dem Nominierungskarussell, kaum daß er zugestiegen war. Von den restlichen republikanischen Kandidaten aber konnte Kissinger kaum genügend Weitsicht erhoffen. Sie haben ganz merkwürdige Vorstellungen von der Außenpolitik, andere nämlich als Henry Kissinger. Und sind deshalb wohl auch als Präsidenten ungeeignet.
Also noch vier Jahre Carter? Vier Jahre Krisen ohne Ende?
Nein, schließlich gibt es bei den Republikanern einen in der Außenpolitik überaus erfahrenen Staatsmann, dem "die Führer der Welt absolut vertrauen und bei dem sie wissen, woran sie sind" -- auch wenn er bislang vor allem als "Präsident Tolpatsch" in Erinnerung geblieben war, als der Mann, der sich beim Aussteigen aus dem Hubschrauber ständig den Kopf stößt oder so ungestüm schwimmt, daß er am Beckenrand nicht mit den Händen, sondern mit dem Haupt anschlägt.
Doch Gerald Ford hat allen anderen eines voraus: Wenn er denn kandidiere und gewählt werde, so hat er die Welt bereits wissen lassen, werde er Henry Kissinger wieder zu seinem Außenminister machen, denn er hält Henry -- trotz Schah, trotz Vietnam -für den vielleicht größten Secretary of State, den Amerika je hatte.
Kaum war Connally raus, versuchte Henry denn auch, Ford reinzuzwingen. Zweieinhalb Stunden lang beschwor er ihn, er sei es "dem Land schuldig", den rechten Ronald Reagan und dann auch Jimmy Carter zu stoppen.
Und der Hobby-Golfer mit der hohen Stirn und dem unschuldigen Gemüt, der nur durchs Watergate ins Weiße Haus gekommen war, fühlte sich geschmeichelt -- obwohl er allenfalls noch eine rechnerische Chance hat, jemals ins Weiße Haus gewählt zu werden.
Da wäre noch ein anderer, vielfach verkannter Staatsmann. Der war bislang noch nicht ansprechbar, sondern bereiste Westafrika und verteilte Souvenirs aus besseren Tagen: Golfbälle mit dem Präsidentensiegel und dem Namenszug Richard Nixon.
Von Heinz P. Lohfeldt

DER SPIEGEL 12/1980
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