17.03.1980

FRANKREICHGroßes Loch

Eine in Augsburg gefundene Meldekarte von 1944 führt die Franzosen zur Frage: War KPF-Chef Georges Marchais ein Kollaborateur der Nazis?
Liegt die Zukunft Frankreichs in Augsburger Akten?" fragte der SPIEGEL im Oktober 1977, "ein Satz nur auf einem Zettel, irgendwo verborgen in deutschen Archiven, das könnte reichen, um Frankreich vor KP-Chef Georges Marchais zu retten."
Das war im Jahr vor den Parlamentswahlen, und selten standen die Chancen besser für Kommunisten und Sozialisten, die Macht im Staat zu übernehmen. Um den linken Vormarsch zu stoppen, wurde schon damals nach dem Beweis gesucht, daß Georges Marchais, Führer der KP, in der Tausende im Widerstand gegen die Nazis ihr Leben ließen, ein Kollaborateur der Nazis gewesen sei -- was Marchais stets bestritt.
Bei Firmen, in Einwohnermeldeämtern und Rathäusern fahndeten Reporter und Privatdetektive nach jenem Papier, mit dem der drohende Wahlsieg der Linken verhindert werden sollte.
Nun, am vorletzen Sonnabend und zwei Jahre nach den französischen Wahlen, druckte das Pariser Nachrichtenmagazin "l'Express" die Kopie eines deutschen Dokuments und die Behauptung: "Der Beweis der Lüge." Hat nun Marchais tatsächlich gelogen?
Im städtischen Archiv zu Augsburg hatten die Reporter die Karteikarte des Georges Marchais gefunden. Auf ihr waren mit Bleistift zwei Daten eingetragen: "10. 5. 43" und "10. 5. 44".
1944 aber, so hatte Georges Marchais immer wieder behauptet, sei er längst nicht mehr in Deutschland, sondern in Frankreich gewesen. "Das ist unser Watergate-Skandal", befand KPF-Experte Nicolas Tandler, der in seinem eben veröffentlichten Buch "Die unmögliche Biographie des Georges Marchais" wie kein Autor vor ihm die Marchais-Widersprüche aufdeckte. "Das ist der Beweis, der fehlte."
Doch bewiesen ist mit der Augsburger Karte keineswegs, daß Georges Marchais 1944 tatsächlich in Deutschland war. Archivdirektor Wolfram Baer hält die Deutung, Marchais habe sich noch im Mai 1944 in Augsburg aufgehalten, für rein hypothetisch. Der Leiter des Augsburger Einwohnermeldeamtes, Wolfhard Böttcher, hält für möglich, daß es sich bei den Dateneintragungen um Termine für die Wiedervorlage von Akten handelt -- Notizen jedenfalls, die über den Verbleib der Person Marchais nichts Schlüssiges aussagen.
Mit der Karteikarte hochgespült wurde darum die Frage, wo sonst Marchais, wenn schon vielleicht nicht in Augsburg, die fragliche Zeit verbracht habe. Und so macht sich Frankreichs Presse wieder auf die Suche "nach den verlorenen Jahren des Generalsekretärs der KP" ("Liberation").
Noch nie hat Georges Marchais widerspruchsfrei geklärt, wo er vom Mai 1943 bis 1945 gelebt hat. Und auch kein Franzose hat sich bislang gemeldet, der zweifelsfrei belegt: Jawohl, Marchais war in der fraglichen Zeit mit mir zusammen und hat dies oder jenes gemacht.
"Ein Loch von 40 Monaten in einer Biographie", kritisierte der frühere "Le Monde"-Chefredakteur Pierre Viansson-Ponte im Marchais-Kapitel seines Buches "Offener Brief an die Politiker", "das ist viel, besonders, wenn diese 40 Monate mit der Schlacht von Stalingrad beginnen, wenn Sie zu einem Zeitpunkt nach Deutschland fahren, zu dem auch die ersten Deportierten-Züge abfahren, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Pflicht zum Arbeitsdienst noch nicht besteht". Eben hier beginnen die Unterstellungen der Marchais-Gegner, aber auch die Widersprüche des Parteiführers Georges Marchais.
Im Verlauf von vier Jahrzehnten verblassen zweifellos Erinnerungen an Einzelheiten. So ist es eigentlich unwesentlich, ob sich Marchais nach seiner behaupteten Rückkehr "einige Monate" (so seine Erklärung im Fernsehen am Freitag vorletzter Woche) oder nur "fünf, sechs Wochen oder zwei Monate" (so im Rundfunk am vorletzten Sonntag) in Paris aufgehalten habe.
Doch ob Marchais 1944 bei Messerschmitt in Süddeutschland gearbeitet oder als Flüchtling in Frankreichs Untergrund gelebt hat, ist wohl keine Frage der Gedächtnisschwäche.
So macht sich Marchais unglaubwürdig, wenn er zuerst behauptet, er sei aus Deutschland geflohen, sich dann aber korrigiert, er sei mit Genehmigung der Deutschen wegen eines Todesfalles in seiner Familie ausgereist.
Die zweite Version bekräftigt seine geschiedene Frau, die vorige Woche in einem Brief an die kommunistische Parteizeitung "l'Humanite" schrieb, sie habe die betreffenden Jahre mit Georges bei dessen Mutter, Freunden und Familienmitgliedern verbracht.
Rätselhaft bleibt aber bei alledem, warum sich der KP-Chef weigert, von sich aus nachweisbar zu erklären, wo und unter welchen Umständen er in diesen zwei Kriegsjahren lebte. S.153
Möglich ist, daß der Parteichef außer einem Strafmandat in Höhe von 60 Franc wegen zu schnellen Fahrens "in keinen einzigen Skandal verwickelt ist" (Marchais).
Nur, so fragen die Franzosen, warum schweigt er dann? Sein Parteiblatt "l'Humanite" hat zwar von "Tausenden von Sympathieerklärungen" für den bedrängten Chef berichtet und auch in einer Schlagzeile "eine neue Zeugen-Aussage" melden können. Doch die besagte lediglich: "Georges Marchais war 1943 in Paris."
Und als gäbe es der Ungereimtheiten noch nicht genug, druckte "Paris-Match" am letzten Donnerstag die Aussage eines Marchais-Bekannten, der ihn im Mai 1945 am Bahnhof von Fresne-la-Mere (Normandie) mit zwei Koffern gesehen haben will. Frage: "Was machst du denn hier?" Angebliche Antwort: "Ich schlage mich so durch, ich mache Schwarzmarkt-Geschäfte."
Als könne er so alle neuen, durch das Augsburger Papier aufgekommenen Zweifel ausräumen, polemisiert Marchais: "Alle Welt weiß doch, daß die Verwaltung in der Bundesrepublik mit ehemaligen Nazis durchsetzt ist."
Wahr ist: Ein Pädagoge einer schwäbischen Kreisstadt suchte 1970 im Einwohnermeldeamt nach Dokumenten über den 1941 in der Augsburger Strafanstalt an der Karmelitergasse umgekommenen Domprediger Adam Birner. Der Rechercheur konnte mehrere hundert Karteikarten sichern. Er übergab sie dem Stadtarchiv.
Eine der Karten war die des "Hilfsarbeiters Marchais, Georges, katholisch. Staatsangehörigkeit: Frankreich".
Der KP-Chef vergangene Woche: "Eine grobe Fälschung." Doch Stadtarchivar Wolfram Baer bleibt fest: "Die Meldekarte ist echt, darüber gibt es keinen Zweifel."

DER SPIEGEL 12/1980
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