17.03.1980

RUNDFUNKStunde der Propagandisten

Die „Stimme Amerikas“ hat ein neues Zielgebiet entdeckt: die islamische Welt. Die Ätherschlacht um Persien hatte sie verloren.
Die US-Botschaft war ein Schlangennest ... die amerikanischen Geiseln halfen dem verräterischen Schah, das iranische Volk zu knechten ... der Schah muß her ... die Geiseln gehören vor Gericht ... Tod den Yankee-Spionen."
So schallt es den Persern täglich entgegen -- Originalton Radio Teheran.
Doch abends um 9.30 Uhr klingt es anders: Da erzählt das Ehepaar Cooke aus Ellicott City in Maryland, wie sehr es den lieben Sohn Donald, 24, vermißt, der in der Botschaft in Teheran festgehalten wird. Da vernehmen die Iraner, daß auf einer Farm in Iowa neben den Eltern und einer Schwester ein paar Katzen auf die Geisel Katharina Koos, 41, warten. Da hören die Untertanen des Ajatollah, was der eigene Rundfunk verschweigt: Selbst moslemische Brudernationen verurteilen die Teheraner Botschaftsbesetzung.
Das Kontrastprogramm läuft auf der Kurzwelle im 25-Meter-Band. Der Sender ist die "Stimme Amerikas" -- und die funkt nicht nur nach Persien: Afghanen erfahren aus Washington vom Partisanenakt gegen die russischen Besetzer. Sowjet-Bürger bekommen in ihrer eigenen Sprache die Afghanistan-Debatte der Uno präsentiert.
Denn wenn Kulturhäuser in Flammen aufgehen und Botschaften geschlossen werden, wenn Dialoge abbrechen und diplomatische Beziehungen vereisen -- dann schlägt die Stunde der Funk-Propagandisten im Westen; zum Ärger der Herrschenden in den Staaten mit gleichgeschalteten Medien.
"In unser helles und sauberes Sowjethaus", beklagte sich einmal die "Prawda", "schleicht sich ein Fremder ein. Er spricht unsere Sprache und verbreitet Lügen und Verleumdungen." Jetzt wurde ZK-Sekretär Boris Ponomarjow konkreter: "Es gibt keinen Konflikt zwischen Afghanen und unseren Soldaten, wie das sogenannte 'Stimmen' zynisch behaupten."
Die fremden Stimmen sprechen in vielen Sprachen, und sie dringen in viele Häuser -- nicht nur in der Sowjet-Union. Sie können gestört werden, aber nicht gestoppt. Der neue Kalte Krieg wird auch im Äther ausgefochten. Washingtons "Voice of America" (VOA) ist eine der lautesten Stimmen. Ihr neues Hauptzielgebiet ist die islamische Welt.
Die "Stimme Amerikas" sendet:
* in Persisch, Dari und Tadschikisch nach Persien und Afghanistan. Das Programm soll von zwei auf sechs Stunden ausgedehnt werden;
* in Türkisch, nicht nur für mehr als 40 Millionen Türken, sondern auch für Millionen Iraner. Gegenwärtig sind es 30 Minuten, bald soll es eine Stunde lang sein;
* in Urdu und Bengali, das über 165 Millionen Menschen in Pakistan, Bangladesch und Indien sprechen. Die Sendungen sollen von einer Stunde auf anderthalb Stunden erweitert werden;
* in Usbekisch, das vor allem in asiatischen Teilen der UdSSR verstanden wird, und in Armenisch. Auch diese Funkdienste sollen ausgedehnt werden.
Für die Programmerweiterungen benötigt der Sender zu 2142 festangestellten Mitarbeitern 54 zusätzliche Kräfte. "Leute zu finden, die exotische Sprachen beherrschen und zudem auch für den Rundfunk geeignet sind, ist das große Kunststück", weiß VOA-Aufsichtsrat Hans N. Tuch.
Die erweiterten VOA-Programme sollen 1,7 Millionen Dollar kosten. Insgesamt S.157 stehen dem Sender im Finanzjahr 1980 bereits 85,5 Millionen Dollar zur Verfügung, 13 Millionen Dollar mehr als im Vorjahr.
Trotzdem liegt die Stimme Amerikas im Ätherwettstreit mit 822 Wochenstunden nur an vierter Stelle, hinter der UdSSR (2003 Sendestunden pro Woche), China (1427 Stunden) und Ägypten (949 Stunden), das Nasser zur Rundfunkgroßmacht geführt hat. Die Deutsche Welle sendet 578 Stunden, Englands BBC 728 Stunden.
Die VOA-Programme gehen aus der Washingtoner Zentrale per Satellit oder Radiowellen an 101 Transmitter, von denen 68 im Ausland stehen -etwa bei München, in Griechenland, Liberia, auf den Philippinen und Sri Lanka. Von den Transmittern werden die Sendungen direkt in die Zielgebiete weitergestrahlt.
In einer normalen Woche, so schätzt die VOA-Führung, hören in aller Welt gut 80 Millionen Menschen ihre Programme. In Krisenzeiten schalten sich mehr Hörer ein. In Staaten mit kontrollierten Medien finden Bürger in den Fremdsendern sogar Neuigkeiten aus der eigenen Umwelt.
So erinnert sich der jetzt in Großbritannien lebende Sowjet-Dissident Wladimir Bukowski, daß er nach einer Verhaftung in Moskau von einem Gefängnisbeamten begrüßt wurde: "Genosse Bukowski, ich wußte, daß Sie kommen würden ... Ich habe es in der 'Stimme Amerikas' gehört."
Russisch hat mit 14 Stunden täglich -- vor Mandarin-Chinesisch und Arabisch -- das ausgedehnteste VOA-Fremdsprachenprogramm. Insgesamt spricht die "Stimme Amerikas" gegenwärtig in 38 Sprachen.
Begonnen hatte sie in Deutsch, als die Vereinigten Staaten am 24. Februar 1942 in den Zweiten Weltkrieg eintraten. Der neu gegründete Regierungssender verkündete in der Sprache des Feindes: "Jeden Tag zu dieser Zeit werden wir zu Ihnen über Amerika und den Krieg sprechen. Die Nachrichten mögen gut oder schlecht sein, wir wollen Ihnen die Wahrheit sagen."
Amerika verbreitete seine Wahrheit vor allem in Krisenzeiten: Auf dem Höhepunkt des Weltkrieges sendete die VOA in 40 Sprachen, nach Friedensschluß nur noch in 24. Während des Koreakrieges folgte eine Programmerweiterung auf 46 Sprachen, 1953 eine Reduzierung auf 34 Sprachen.
Das Vietnam-Engagement brachte südostasiatische Dialekte ins Programm, die Revolution in Lissabon einen portugiesischen Dienst -- Washington fürchtete, daß der portugiesische Nato-Partner abdriftete zu den Kreml-Kommunisten.
Die haben Amerikas Stimme bis zur Unterzeichnung des Atomstopvertrages zwischen Chruschtschow und Kennedy 1963 mit Störsendern bekämpft. Dann folgte Störsenderpause. Nach dem Russeneinmarsch in Prag 1968 begann das Heulen und Pfeifen im Äther erneut. Seit 1973 schweigen Moskaus Störsender.
Mit einem Ende der Detente mögen sie ihre Tätigkeit wieder aufnehmen -was freilich auch eine Kostenfrage ist: Denn Störsender zu betreiben und sie auf die wechselnden Frequenzen der einkommenden Sendungen einzustellen, kommt so teuer wie der Betrieb normaler Sender.
Ein solcher Sender, die von der Sowjet-Union aus operierende "Nationale Stimme des Iran", hat offenbar die Krise in Persien mit angeheizt. Er meldete beispielsweise am 14. Dezember 1978, als der Schah noch in seinem Reich weilte: "Ein Strom von Blut fließt in unserem Heimatland. Sie töten und morden wahllos auf Befehl des Schah und auf Befehl Carters ... damit die hemmungslose Plünderung des Öls weitergehen kann."
Später verteidigte der Sender, der von Persiens Moskau-treuer Tudeh-Partei bemannt wird, die Geiselnahme als "entscheidende Antwort auf die offene und geheime Verschwörung des US-Imperialismus".
Als der Iran verloren war, begann auch in den Vereinigten Staaten eine Diskussion über die "Stimme Amerikas", die in den Jahren der scheinbar sicheren Herrschaft des befreundeten Schah-Regimes keine Sendungen in Persisch ausgestrahlt hatte.
Die New Yorker "Daily News" bescheinigte der VOA "Kehlkopfentzündung in bezug auf den Iran" und zitierte einen Angestellten des Senders: "Irans Revolution ist im Äther entschieden worden, bevor der Mob Teherans Straßen eroberte." Neben Propagandasendungen aus der UdSSR hätten die Botschaften des Ajatollah per Radio und Kassette aus dem Exil die bestehende Iran-Ordnung sturmreif gemacht.
Die "Stimme Amerikas" fand ihre persische Sprache erst im Mai des letzten Jahres wieder, drei Monate nach der Machtübernahme der Revolutionäre in Teheran begann sie ein tägliches Programm auszustrahlen.
Der Kolumnist Carl T. Rowan, der einst als Direktor der US Information Agency für die VOA mitverantwortlich war, warnte indes vor übertriebenen Hoffnungen: "Eine Menge Leute sollten gelernt haben, daß Rundfunksendungen und aus Flugzeugen abgeworfene Handzettel ... falsche politische Entscheidungen nicht revidieren können."

DER SPIEGEL 12/1980
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