17.03.1980

ÄTHIOPIENNeue Zeit

Mit gigantischen Umsiedlungen versucht die Regierung das Land zu pazifizieren. Der Westen zahlt für die als Grüne Revolution getarnte Aktion.
Es war um die Mittagszeit an einem Tag im letzten Herbst, als die Revolution Tumat erreichte. Erst hörte man nur dumpfes Motorengebrumm. Dann drang markiger Gesang durch das monotone Dröhnen. Refrain: "Wir sind die Revolutionäre. Wir bringen die neue Zeit." Aber erst mal brachten sie nur Elend und Angst.
Der Konvoi der Autobusse war so lang, daß er an beiden Seiten aus dem Ort herausragte, als der Einsatzleiter anhalten ließ: 105 Busse mit vier- bis fünftausend jungen Burschen in Miliz-Uniformen.
Auf Kommando saßen die Jungsoldaten ab und schwärmten auf die Höfe der Umgebung aus. Sie trieben die Bauern und ihre Angehörigen aus ihren Häusern und erklärten die Höfe für Volkseigentum. Am Abend war Tumat sozialisiert. Den Einwohnern vom Stamm der Utta Utti blieb nur der Treck über die Grenze in den Sudan.
Die "neue Zeit" hat in Äthiopien mindestens anderthalb Millionen Menschen entwurzelt, und ein Ende ist noch nicht abzusehen. Mit einer gigantischen Umsiedlungsaktion hat der in Addis Abeba regierende "Provisorische Militärrat" unter Oberstleutnant Mengistu Haile Mariam die nach der Absetzung von Kaiser Haile Selassie verfügte Bodenreform rückgängig gemacht, um, so der Pariser "Monde", "die Geburt einer neuen Kulakenklasse als potentiellen Verbündeten der städtischen Mittelklasse im Keim zu ersticken und die ländliche Bevölkerungsstruktur den Erfordernissen der Revolution anzupassen".
In der ersten Revolutionsphase hatten die Bauern sich vom Grundbesitz der feudalen Großagrarier so viel nehmen dürfen, wie sie ohne fremde Hilfe beackern konnten. Aber Mengistu war das nicht genug. Ende 1978 "läutete er die Alarmglocke" ("Le Monde"): "Wir müssen die Tendenz bekämpfen, den Individualismus unter den Bauern zu fördern."
Störrische Bauern, die sich weigern, die Zwangskollektivierung mitzumachen, werden umgesiedelt. Statt ihrer ergreifen junge Milizionäre Besitz von der Scholle, in der Regel Angehörige des Staatsvolks, der Amharen, zum Teil auch zwangsrekrutierte Einheiten aus entfernten Landesteilen, die gegen Verbrüderungstendenzen immun sind.
Wichtigstes Ziel der Umsiedlungskampagne jedoch ist die Konsolidierung der Vormachtansprüche der Amharen, die Äthiopien seit Ende des 19. Jahrhunderts unter ihrer Knute haben.
Weil es der äthiopischen Armee und ihren über 20 000 kubanischen, sowjetischen und ostdeutschen Verbündeten nicht gelungen ist, die auseinanderstrebenden Teile des ostafrikanischen Vielvölkerstaates mit Waffengewalt zu einen, sollen die Völker am Horn von Afrika jetzt neu gruppiert werden. Ganze Dörfer und Landstriche werden evakuiert und mit Amharen oder loyalen Domestiken aufgefüllt. Die Neubürger sollen als stabilisierendes Element beitragen, besonders sezessionsgefährdete Gebiete zu pazifizieren.
Das Schema ist nicht neu. Schon Amharenkaiser Haile Selassie und sein Vorgänger Menelik II. hatten mehrfach ganze Völkerscharen aus ihren Stammesgebieten vertrieben und durch "Neftenjas", amharische Neusiedler, ersetzt.
Amhare Mengistu ließ die "Neftenjas" 1975 enteignen und das Land unter landlose Bauern verteilen. Doch Reformer Mengistu erntete statt Dank nur neuen Ärger. Die beschenkten Proletarier nutzten in aller Regel die neue Freiheit, um gegen die Zentralregierung zu rebellieren. Auf dem Höhepunkt der Krise befanden sich 11 von 14 äthiopischen Provinzen im Kriegszustand.
Massive Militärhilfe aus der Sowjet-Union und der Einsatz von fast 20 000 Kubanern bewahrten Äthiopien zwar vor dem Kollaps. Aber der Konflikt schwelt weiter. Vor allem die Eritreer im Norden und die Somalis und Oromos im Süden und Südosten können nur mit Hilfe kubanischer Truppen daran gehindert werden, aus der äthiopischen Völkerfamilie auszubrechen.
Der nationale Blutaustausch soll nun helfen, den Widerstand langfristig zu brechen. Insgesamt sollen nicht weniger als drei Millionen Menschen umgesiedelt werden. Das wäre, wenn Mengistu sein Plansoll erfüllt, die größte Völkerwanderung der jüngeren afrikanischen Geschichte. Osman Sabbe, Chef der eritreischen Guerilla-Organisation ELFPF, sieht gar eine Welle von drei Millionen Eritrea-Flüchtlingen auf die arabischen Nachbarstaaten zukommen.
Für die Außenwelt hat Mengistu die Operation als humanitäre Aktion getarnt. Die Umsiedlungsaktion, so heißt es, solle in erster Linie der Wiederholung der Hungerkatastrophe in den Trockengebieten entgegenwirken, die Anfang der siebziger Jahre rund eine Viertelmillion Opfer forderte. Tatsächlich ist Humanität eher Abfallprodukt als Ziel der Kampagne. Immerhin brauchen beispielsweise die 250 000 Bauern aus der Hungerprovinz Wollo, die an die Ufer des Schebelle-Flusses umziehen müssen, den Hunger künftig nicht mehr zu fürchten.
Durch die gemeinnützige Bemäntelung der Umsiedlung ist es der Regierung gelungen, die paramilitärische Aktion auch noch durch die Vereinten Nationen und die Europäische Gemeinschaft subventioniert zu bekommen. Seit 1976 sind insgesamt 300 Millionen Hilfsgelder aus dem Westen nach Äthiopien geflossen. Gut das Doppelte dieser Summe steht abrufbereit. Allein die EG hat einen Kredit in Höhe von 700 Millionen Dollar zugesagt, um Mengistus Grüne Revolution zu fördern. S.159
Äthiopiens östliche Alliierte halten sich auffallend zurück. Die zivile Entwicklungshilfe der Sowjets, die Äthiopien mit Waffen im Gesamtwert von über zwei Milliarden Dollar zur stärksten Militärmacht Schwarzafrikas aufgerüstet haben, summiert sich auf kaum mehr als kümmerliche 50 Millionen Dollar.
Trotz der westlichen Hilfe droht wieder das Hungergespenst im äthiopischen Hochland. Durch die Umsiedlung hat die äthiopische Landwirtschaft weiter an Effizienz verloren. Die Regierung mußte im letzten Jahr 300 000 Tonnen Getreide einführen. Allein der Erzfeind USA stiftet jährlich Korn für 20 Millionen Dollar.
Auch der von der Landwirtschaft abhängige Außenhandel ist stark rückläufig. Die von der Ausfuhrbehörde erfaßte Kaffee-Ernte ging in zwei Jahren von 210 000 Tonnen auf 155 000 Tonnen zurück. Das liegt freilich nicht nur an sozialistischer Schluderwirtschaft. Die Kaffeebauern verschieben ihre Bohnen lieber über die Grenze in den Sudan, statt sie den Ankäufern der Regierung zu staatlich fixierten Ramschpreisen zu verkaufen.
Die Grenzpolizei führt den Kampf gegen den Kaffeeschmuggel nach der bewährten Methode des "Roten Terrors" (amtliche Sprachregelung): Schmuggler werden auf der Stelle erschossen, ihre Leichen zur Abschreckung einen Tag lang zur Schau gestellt.
Die äthiopische Baisse hat sichtbar konjunkturbelebend auf die grenznahen Gebiete im östlichen Sudan gewirkt. In der Grenzstadt Kurmuk werden an Markttagen heute vier- bis fünfmal so viele Rinder gehandelt wie noch vor zwei Jahren.
Wer sein Vieh nicht über die Grenze schaffen kann, der versucht es wenigstens für die eigenen Fleischtöpfe zu retten. Viele Bauern treiben ihre Kühe -- aus Angst vor Verstaatlichung oder Vertreibung -- ins Gebirge und stürzen sie Steilhänge hinunter, um sie legal notschlachten zu können.
Auch die nachrückenden Neusiedler kommen nicht alle aus freien Stücken. Das jugendliche Landvolk muß, weil es an Freiwilligen fehlt, zum Teil in großangelegten Treibjagden für die revolutionären Aufgaben rekrutiert werden. Äthiopische und kubanische Soldaten umzingeln Marktplätze, fischen die einsatzfähigen Männer heraus und bringen sie auf Militärlastwagen ins Lager Tatek Meda, dreißig Kilometer westlich von Addis Abeba, wo sie von Castros Ausbildern für die Pionierarbeit zurechtgeschliffen werden.
"Immer kamen die Amharen und haben uns gejagt und gefangen", sagt Häuptling David Olimi aus einem Flecken bei Gambela. "Wir waren ihre Ware, ihr Geld." Marxist Mengistu, meint Olimi, führe nur weiter, was der Kaiser begonnen habe.

DER SPIEGEL 12/1980
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