17.03.1980

ENERGIEEin wahres Wunder

Mit internationalem, vor allem deutschem Know-how, haben die Südafrikaner die größte Kohleverflüssigungsfabrik der Welt gebaut.
Alles ist anders geworden in der Gegend von Kinross. Da, wo früher braun-weiße Kühe weideten, stehen heute vier riesige Kühltürme und ein meist von Nebel umwölkter, 250 Meter hoher Schornstein. Graugelber Qualm liegt über der Landschaft in diesem Teil von Ost-Transvaal, Republik Südafrika.
Tagsüber donnern dort jetzt Hunderte von Lastwagen über die schmalen Landstraßen, vorbei an verdreckten Sonnenblumenfeldern und versumpften Wiesen. Nachts erschreckt ohrenbetäubender Lärm Mensch und Vieh. Dann nämlich werden etliche hundert Kilometer Rohrleitung mit Feuersbrunst und Druckluft gereinigt.
Es sind die letzten, fieberhaften Vorbereitungen für die Stunde Null bei Sasol 2: Im April beginnt die Produktion in der größten und einzigen kommerziellen Öl-aus-Kohle-Raffinerie der Welt.
Die Landwirte in der Umgebung von Sasol werden dann wohl nicht mehr viel zu gewinnen haben. "Die Liebe zum Vaterland kommt nicht billig", hatte ein Regierungsvertreter auf der letzten Farmerversammlung verkündet. Bauer Leon de Kock, der hier Pinzgauer Rinder züchtet, weiß, was das heißt: "Unsere Tage sind gezählt", jammert er.
Er hat sich damit abzufinden. Denn Sasol 2 ist in der Burenrepublik am Kap der Guten Hoffnung eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung. Sasol 2 soll einen Teil jenes Sprits ersetzen, der seit dem Machtwechsel im Iran, lange Zeit der Öllieferant Südafrikas, nicht mehr fließt.
Wie aus Kohle Benzin zu gewinnen ist, darin hat heute niemand soviel Erfahrung wie die Südafrikaner. Die in aller Welt wegen ihrer Rassenpolitik Geächteten hatten schon vor Jahrzehnten begonnen, sich auf jenen Tag vorzubereiten, an dem die Ölströme einmal versiegen würden.
Seit 25 Jahren experimentieren die Südafrikaner in einer Pilotanlage, Sasol 1 genannt, mit Öl aus Kohle. Und wenn demnächst Sasol 2 die Arbeit aufnimmt, dann geschieht dies zu einem Augenblick, da in der Bundesrepublik sich noch Konzerne wie die Ruhrkohle und die Veba darüber streiten, wer an der Ruhr eine Anlage für die Kohleverflüssigung mit Staatshilfe bauen soll.
"Sasol sieht immer besser aus", rühmte jetzt Johannesburgs "Financial Mail" die mehrheitlich staatseigene "Suid Afrikaanse Steenkool, Olie en Gaskorporasie". Und: "Wir sind allen anderen um ein Jahrzehnt voraus."
Der Zufall verhalf Südafrika zu dem Vorsprung. Vor 53 Jahren hatte die Unionsregierung am Kap in einem Weißbuch den Bau einer Kohlevergasungsanlage angeregt. Eher beiläufig, da eigentlich nur an ölhaltigem Schiefergestein interessiert, erwarb das Mining House Anglovaal fünf Jahre später die Rechte am deutschen Fischer-Tropsch-Verfahren.
Die Chemiker Franz Fischer und Hans Tropsch hatten 1926 am Kaiser-Wilhelm-Institut für Kohleforschung in Mülheim/Ruhr ihre Kohlewasserstoffsynthese entwickelt. Dabei wird Kohle durch hohen Druck und hohe Temperatur in Wassergas (Kohlenmonoxid und Wasserstoff) umgewandelt und unter Einwirkung eines Katalysators in verschiedene Mineralöle zerlegt.
Hitlers Autarkie-Wahn half der Kohleöl-Forschung voran. Doch mit Kriegsende und dem Beginn des Erdölbooms erlosch bald das Interesse am ohnehin nur mäßig erfolgreichen, da zu teuren Kunstöl.
1950 mühten sich die Südafrikaner, diesmal bereits regierungsunterstützt, erneut um Know-how in der Kohleverflüssigung. Mit den einschlägig erfahrenen deutschen Konzernen Ruhrchemie und Lurgi sowie dem US-Konzern M. W. Kellogg wurden die Männer vom Kap handelseinig. Als Arbeitsgemeinschaft (Arge) wirkten die Deutschen fortan bei Südafrikas Kohleöl-Versuchen mit.
Binnen fünf Jahren entstand damals die erste Kohleöl-Fabrik in Sasolburg, einem Städtchen aus der Retorte im Oranje-Freistaat. Umgeben von Kohlevorräten für die nächsten siebzig Jahre, gesegnet mit einem Heer von billigen, weil schwarzen Arbeitskräften und ausgestattet mit etlichen Millionen aus dem Staatssäckel, florierte die Forschung: Ende 1955 floß der erste Sprit. "Wir zähmten das wilde Biest zur schnurrenden Katze", erinnert sich der S.172 Vorstandsvorsitzende Pierre Etienne Rousseau.
Fast zwanzig Jahre lang wurden die kohlegläubigen Südafrikaner von den Käufern des billigen Erdöls belächelt. Tatsächlich wäre Sasol bis 1970 für jeden Privatunternehmer ein Pleiteobjekt geworden. "In dieser Zeit", so Managing Director Joe A. Stegmann heute, "wurde kein Cent verdient, im Gegenteil."
Südafrikas Autofahrer hielten das Benzin aus den blau-weißen Zapfsäulen, das auf Regierungsgeheiß an allen herkömmlichen Tankstellen im weiten Umkreis von Sasolburg verkauft wird, lange Zeit für minderwertig. Es hinterlasse Kohlerückstände im Motor, lautete die gehässige Flüsterkampagne, die von den etablierten Ölkonzernen gefördert wurde.
Das Gegenteil ist nach Meinung der Sasol-Leute richtig. Sie können beweisen, daß ihr Benzin weniger Schwefelgehalt aufweist als Erdöl-Treibstoff. Daher die Sasol-Werbung: "Das Benzin für sauber lebende Motoren."
Die Sternstunde der Sasol-Mannen schlug endlich im Oktober 1973, als die Scheichs zum erstenmal an den Ölhähnen spielten. Früher als jede andere Regierung beantwortete Pretoria die Herausforderung der Araber, die obendrein -- angestachelt von Schwarz-Afrika -- gegen das Apartheid-Land den Ölboykott verhängten.
Die Südafrikaner machten sich 1974 daran, Sasol 2 zu planen. "Wir nehmen den Kampf an", so lautete die trotzige Erklärung der Buren-Regierung.
Auf einem noch größeren Kohlefeld, mit der zehnfachen Benzin-Kapazität von Sasol 1, und für drei Milliarden Rands (gegenwärtig knapp sieben Milliarden Mark) Baukosten wurde das Mammutprojekt gut 100 Kilometer östlich von Johannesburg aus dem Boden gestampft.
Noch vor dem Sturz des Südafrika-Freunds Schah Resa Pahlewi, durch den der Apartheidstaat seinen einzigen nahöstlichen Öllieferanten verlor, entschlossen sich die Südafrikaner gleich noch zum Bau von Sasol 3. Die neueste Ölfabrik wird so groß wie Sasol 2.
Gebaut werden die Betriebe vor allem von Ausländern. Die kalifornische Fluor Corporation -- die in Saudi-Arabien eine Gasverwertungsanlage baut, in der Volksrepublik China eine Kupfermine erschließt und Teile der Alaska-Gaspipeline verlegt -- kam bei dem Großprojekt in Transvaal am besten weg: Als Generalunternehmer erwarb die Firma eines schweizerischen Auswanderers die weltweiten Marketing- und Lizenzrechte für die Sasol-Technologie.
Auf deutscher Seite liest sich die Lieferantenliste wie ein Who is Who der Bonner Wirtschaftsrepublik: Die Deutsche Babcock aus Oberhausen steht an der Spitze mit Aufträgen für knapp eineinhalb Milliarden Mark. Es folgen der Frankfurter Anlagenbauer Lurgi, die Elektromaschinenfirma Linde und das Stahlunternehmen Mannesmann Demag.
"Da haben wir rechtzeitig den Finger am richtigen Loch gehabt", freut sich ein Lurgi-Mann in Johannesburg. Hinderlich ist jetzt ein deutsches Regierungsdekret aus früheren Jahren, wonach die Bonner Hermes-Bürgschaften bei Südafrika-Aufträgen aus politischen Gründen in der Regel auf 50 Millionen Mark je Lieferung begrenzt haben.
Aber so wichtig sind Bürgschaften für die Lieferungen nach Transvaal und anderswo in der Südafrikanischen Republik nun auch wieder nicht. Geld hat die Kundschaft vom Kap genug, auch die 15 Milliarden Mark für die Sasol-Projekte.
Der weltweite Goldrausch sichert dem größten Produzenten des gelben Metalls Spitzengewinne. Der Gestehungspreis einer Feinunze Gold liegt durchschnittlich bei 120 Dollar, die Kunden in Europa oder USA zahlen hingegen momentan um 600 Dollar. Ähnlich gut verdienen die Südafrikaner bei anderen raren Edelmetallen wie Platin oder Vanadium, Chrom oder Uran. Da läßt es sich leicht verschmerzen, daß der südafrikanische Boden offenbar kein Erdöl bringt.
Sasol wird jedenfalls helfen. Ab 1985 kann die Burenrepublik mit dem künstlichen Öl rund die Hälfte ihres Treibstoffbedarfs decken. Und an Nachschub besteht für absehbare Zukunft kein Mangel, die wirtschaftlich nutzbaren Kohlevorräte Südafrikas werden auf 27 Milliarden Tonnen geschätzt (Bundesrepublik: 24 Milliarden).
Allerdings gilt die südafrikanische Kohle mit ihrem hohen Aschenprozentsatz als minderwertig, US-Experten nennen das Zeug abschätzig "kohlenverseuchte Erde". Deswegen auch lassen sich die südafrikanischen Erfahrungen mit Kohleöl nicht ohne weiteres auf deutsche oder amerikanische Verhältnisse übertragen.
In europäischen und nordamerikanischen Versuchsanlagen wird gegenwärtig hochwertige Kohle nach der SRC-Methode (solvent refined coal) direkt verflüssigt. Sasol hingegen wählt den Umweg über die Gasbildung, bevor Öl gewonnen wird.
Als jetzt Sasol-Vertreter versuchten, in den USA ihr Know-how loszuwerden, fanden sie denn auch keine Abnehmer. "Viele Tiger werden wir wohl nicht in die Tanks der Welt packen", befürchtet Johannesburgs "The Star".
Die US-Kohle (und auch die deutsche) ist nämlich viermal so teuer wie Südafrikas schwarzes Gestein, das für etwa elf Mark pro Tonne gewonnen wird. Außerdem hat das Washingtoner Energieministerium politische Einwände: US-Interessenten am Sasol-Verfahren werden belehrt, daß nur "Sklavenlöhne" für schwarze Arbeiter die Wirtschaftlichkeit der südafrikanischen Kohleraffinerien gewährleisten.
Die Geschäftsleitung in Sasolburg äußert sich nur ungern zur Wirtschaftlichkeit. Dafür muß man schon unabhängige Experten bemühen. Die haben errechnet, daß der Barrel-Preis für Sasol-Öl bei 18 Dollar liegt, gut ein Drittel weniger, als das Opec-Kartell im Schnitt zur Zeit verlangt. Managing-Director Stegmann: "Ein wahres Wunder."

DER SPIEGEL 12/1980
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