17.03.1980

„Wir werden alle getötet, wir müssen fliehen“

SPIEGEL-Redakteurin Ariane Barth über eine kambodschanische Familie
In der Mitte dieser Bambushütte kann man aufrecht stehen. So zu stehen, habe ich im Lager Khao-I-Dang, nach thailändischer Sprachregelung ein "Holding-Center of Kampucheans", als Komfort zu bewerten gelernt. So zu stehen war dem hier gehaltenen Keat Sukun, der offiziell noch nicht einmal ein Flüchtling, sondern nur ein illegaler Einwanderer ist, keine Frage von Menschenwürde, nach der zu fragen er lange verlernt hat, sondern einfach ein Bedürfnis. Dafür hat er Bambus erbettelt und erhalten.
Er baute seine Hütte selbst und höher als all die vielen tausend anderen Hütten, worin sich ein Erwachsener nur gebückt aufhalten kann, wie in einem Stall. Über Bambusständerwerk spannte er aufgeschnittene Reissäcke und Plastikfolie von einem gewissen Blau, das sich durch das ganze Lager zieht und weiter, entlang der Grenze, durch eine Kette von Lagern für mehr als eine halbe Million Menschen.
In dieser einen Hütte, die sechs Meter lang und zweieinhalb Meter breit ist, leben und lagern, schlafen und sitzen auf zwei Bambusrosten über staubig rotem Erdboden zehn Menschen:
* Keat Sukun, 33, mit seiner Frau Ung Yokhan, 32, und den Söhnen Karuna, 6, und Kiriya, 5;
* ein zweites Paar, Men Virak, 28, mit seiner schwangeren Frau Sauv Sithan, 26, sowie deren Schwester Phanary, 33, und deren Bruder S.176 Samhuot, 29, Cousin und Cousinen der Yokhan;
* der Junge Sauv Vanny, 9, ein Neffe, den die Geschwister Sauv mitgebracht haben, und Than Vuthy, 22, ein Neffe, der mit den Keat aus Kambodscha flüchtete.
Zum Clan gehört noch
* Kang Boral, 27, ein Cousin von Vuthy aus einer anderen Linie; er wohnt nicht in der Hütte, als Deutsch-Übersetzer fand er im Lagerkrankenhaus der Malteser Unterkunft und Verpflegung.
Sukun schreibt Namen auf und streicht sie dann durch, das ist das Zeichen für ein Leben, das durch Hinrichtung oder Hunger in Kambodscha endete. Für seine Verwandten sind es neunzehn Striche, im Stammbaum der Eltern, Geschwister und Geschwisterkinder seiner Frau Yokhan werden es sechzehn Striche. Bei den Geschwistern Sauv: drei Striche, einen für die 1977 verhungerte Mutter, noch einen Strich für den im selben Jahr wegen seiner soldatischen Vergangenheit hingerichteten Bruder und den dritten Strich für dessen Sohn, der im Alter von drei Jahren verhungerte.
Bei Virak einen Strich für einen Bruder, der 1974 nach der sogenannten Befreiung seines Dorfes durch die Roten Khmer nicht hatte Soldat werden wollen und exekutiert wurde; außerdem zwei Fragezeichen für seine beiden Brüder, die Ende 1978 unter der Beschuldigung, mit dem vietnamesischen Feind koliaboriert zu haben, von Roten Khmer abgeholt wurden.
Zwei Striche für die 1977 verhungerten Großeltern von Vuthy, einen dritten Strich für seinen Vater Nu, der im selben Jahr umgebracht wurde, weil er ein gehobener Zollbeamter gewesen war, obwohl er in dieser Funktion die Roten Khmer unterstützt hatte; vielleicht noch einen Strich für seine Mutter, die "sehr sehr dünn, lebensgefährlich dünn war", als sie Ende letzten Jahres ihrem Sohn ein goldenes Kettchen mit einem elfenbeinernen Buddha umhängte und ihn fortschickte, das Überleben zu versuchen.
Ich höre die Lebensgeschichte der Toten und der Überlebenden, aber ich höre keine Anklage gegen die Schuldigen. Wie auch? Die politischen Linien durchschnitten die Familien, ihre Toten werden als Opfer von Systemen verstanden, deren zwangsläufige Entwicklung man kennt.
Diese Haltung erlebe ich noch oft im Lager, in einer Szene hat sie sich mir verdichtet: auf der Bank vor dem Deutschen-Roten-Kreuz-Krankenhaus sitzt ein Arzt, neben ihm, an seine Hand geklammert, seine vielleicht schönste und schwierigste Patientin, ein achtjähriges Mädchen, mit einem unentfernbaren Granatsplitter in der Leber. Dem Kriegsopfer gegenüber auf der Bank zwei Krieger, die Beinstümpfe auf Bambuskrücken gestützt. Wessen Soldaten?
Der Arzt weiß es nicht. Er frage, so sagt er, nur nach ihren Wunden, nichts weiter. Soldaten der Roten Khmer, so erfahre ich durch einen Übersetzer. Durch die Roten Khmer, so fügt er hinzu, habe er zwei Kinder verloren. Ich frage, ob es ihm schwerfalle, durch seine Sprachkenntnisse den Roten Khmer zu helfen. Er verneint. Ich frage, ob er Bein um Bein gegen Kind um Kind aufrechne. Nein, sagt er, zuviel habe er durchgemacht, zu Gefühlen des Hasses sei er nicht mehr fähig und vielleicht überhaupt nicht mehr zu kompliziert strukturierten Gefühlen. Man folge wie Tiere einem Instinkt des Überlebens, und dazu gehöre, daß die Vergangenheit versinkt und in der Geschichtslosigkeit nur noch der Augenblick gilt, auf den man unmittelbar reagiert: auch mit Lachen.
Es wird gerade gelacht, amerikanische Ärzte, Kambodschas Kinder huckepack, fechten Kampfspiele aus. Im Hintergrund Artillerie der Vietnamesen, die nahe der Grenze stehen.
Um den Kadaver Kambodscha wird gekämpft. Gegen die vietnamesischen Besatzer kämpfen die Roten Khmer. Gegen die Vietnamesen und die Roten Khmer kämpfen die Weißen Khmer, die es in allen Schattierungen von rechtsreaktionär bis linksliberal gibt, so daß Kämpfe untereinander nicht ausgleiben. Fast jeden Tag werden auf Lastwagen Schwerverletzte aus den bewaffneten Grenzlagern neun Kilometer landeinwärts ins waffenlose Lager Khao-I-Dang transportiert.
Die Hure Politik wurde von zu vielen Herren vergewaltigt, als daß sie noch seufzen kann. Schlachten ihre einen irrsinnigen Abkömmlinge einander ab, so scheinen ihre anderen Erben in einen Kreis der Weisheit einzutreten, wo man die Rache nicht mehr kennt, aber auch keinen Rat mehr weiß. Was wird werden, was soll sein in dem Land? "Wir wissen es nicht", sagt Sukun, "wir verfolgen die Entwicklung, wir sympathisieren mit niemandem, wir stehen nicht rechts, nicht links, wir stehen über den Dingen, so ähnlich hat es de Gaulle S.178 einmal ausgedrückt; aber er stand nicht über den Systemen."
Systeme im Übermaß haben diese Menschen gezeichnet: Feudalismus, Kolonialismus, Imperialismus, Royalismus, Kapitalismus, Neutralismus, Sozialismus und etwas, für das es keinen Begriff gibt, eine Mischung aus Faschismus und Kollektivismus, eine noch nie dagewesene Antizivilisation, eine bäuerliche Zwangswirtschaft, deren Zwingherren gleichsam Volksfeudalisten waren, ein Staatsgewese der Egalität, die auf allgemeiner Rechtlosigkeit beruhte. "Leben lassen", das ist die einzige politische Forderung, die Keat noch an ein System stellt: wenig, doch in denkbaren Ableitungen viel.
In der Saga der großen Familie, für deren Rest Sukun die Hütte baute, verdichtete sich die Geschichte Kambodschas, und die Geschichte Kambodschas wiederum faßt so manches zusammen, was weitläufig und durch Grenzen voneinander getrennt an Gesellschaftsordnungen erprobt wird -im Zeitraffer einer einzigen Generation.
Als Keat Sukun 1947 geboren wurde, war das Königreich Kambodscha wieder von den Franzosen besetzt, nachdem die Japaner den Franzosen das Land abgenommen hatten. Auf dem Thron saß Norodom Sihanouk, 25 Jahre alt. Die absolute Monarchie war gerade abgeschafft. 1947 war das Jahr, da Kambodscha eine Verfassung erhielt, die ein parlamentarisches System vorsah.
Doch die Verhältnisse im Lande waren unsicher. Es gehört zur Familiengeschichte, die dem kleinen Jungen erzählt wurde, daß damals, als Guerillas gegen die Franzosen kämpften, die Mutter auf der Straße von einem Soldaten der Befreiungsbewegung überfallen und vom Fahrrad gerissen wurde. Sie gab dem Mann einen Ring für den Krieg gegen den Kolonialismus und durfte weiterfahren.
Die Franzosen haben dem edelsteinreichen Khmerland wohl Schätze genommen und mit vielen Skulpturen auch Zeugnisse seiner hohen Kultur, aber sie haben ihm auch westliche Bildung gebracht. Davon profitierte zum Beispiel Than Nu, der auf einer Kolonialschule lesen, schreiben und eben Französisch lernte. Auf dieser Bildung beruhte sein Aufstieg aus der Armut zum gehobenen Zollbeamten und ein gewisser Wohlstand, welcher ihm und seiner Frau Dinn ermöglichte, Vuthy, den Säugling notleidender Verwandter, zu adoptieren. Aus dem bürgerlichen Besitz schließlich stammt jener Brillantring, den Vuthy von seiner Adoptivmutter in den Hosensaum eingenäht bekam, bevor er auf die Flucht nach Thailand geschickt wurde.
Noch ein Erbe europäischer Kultur wird in Keats Hütte deutlich. Die kleinen Söhne sind wohlgenährt, die Eltern dagegen sind mager. Das Gegenteil, wohlgenährte Mütter, auf dem Arm ausgezehrte Kinder, sehe ich auffallend oft in den Lagerküchen für Zusatzspeisung. Ich erfahre, daß nach archaischem Brauch in der ländlichen Bevölkerung bei Nahrungsmangel die Kinder zuletzt bekommen, weil sie eher ersetzbar sind. Bei den Keats haben die Kinder in hungriger Zeit stets zuerst bekommen, wie es den westeuropäischen Wertvorstellungen entspricht.
Die Franzosen, die den städtischen Mittelstand prägten, während das Landvolk, vor allem in den unzugänglichen Bergen, seiner eigenen Gesetzlichkeit folgte, verließen ihre asiatische Kolonie 1949. Nach unruhiger Zeit begann in Kambodscha die Zeit der Kinder: Die Bevölkerung vermehrte sich in einer Generation von drei auf acht Millionen. In Sukuns Familie Keat gab es dreizehn Kinder, in Yokhans Familie Ung neun, ihre Cousins und Cousinen, S.179 die Geschwister Sauv, waren sechs und die Geschwister Men sieben.
Das Land, das aufzublühen schien und durch seine Kinder so viele Zeichen des Glücks vorzuweisen hatte, wurde alsbald attraktiv für Eroberer einer neuen Art: Die Amerikaner, die sich 1954 im benachbarten Südvietnam militärisch engagierten, kamen mit ihren Dollar. In das feudalistische System brach der Kapitalismus ein. Ein wirtschaftlicher Wandel, wozu Westeuropa länger als ein Jahrhundert brauchte, vollzog sich in rasendem Tempo.
Das bekam dem Stoffhändler Sauv nicht schlecht. Er wurde alsbald Großhändler. Die Familie wohnte in der Provinzstadt Kampong Tscham mit Aussicht auf den Mekong-Fluß in einem schönen Haus "avec etage", wie die Geschwister betonen. Ungewöhnlich für kambodschanische Verhältnisse wurden die kleinen Mädchen ebenso sorgfältig wie die Jungen erzogen. Im benachbarten Apothekerhaus der Ung Yokhan war es genauso. Der Mittelstand, dem es gut ging, konnte sich eine Emanzipation seiner Töchter leisten, sie wurde geradezu Statussymbol. Die Sauv- und die Ung-Mädchen besuchten alle höhere Schulen, in denen sie eine kleine Minderheit unter Jungen waren.
Für die Bauern dagegen wurden die Verhältnisse schwieriger. Die Eltern von Men Virak konnten ihren Besitzstand in der fruchtbaren Reisprovinz Kampong Tschhnang gerade halten: fünf Hektar Reisland, vier Büffel zum Pflügen, sechs Kühe. Die Familie von Keat Sukun, Apfelsinenbauern in der leicht bergigen und weniger fruchtbaren Provinz Kampong Speu, verarmte völlig. Sukun mußte bereits als kleiner Junge schwer arbeiten, bis er als 14jähriger, damit ein Esser weniger war, zu seinem Onkel geschickt wurde, der in Pnom Penh ein großes Haus mit Dienern führte. Der Junge hatte nur noch kleine Pflichten, wie das Auto zu waschen und der Tante Siphan behilflich zu sein, die gerade eine Polio überstanden hatte und nun gelähmt war.
Die Bauernsöhne Sukun und Virak, beinahe gleich alt, erhielten eine Erziehung, die Welten trennte. Virak, traditionalistisch und buddhistisch geprägt, sollte auf Wunsch seiner Eltern Mönch werden. Es war selbstverständlich, daß er gehorchte. In der Pagode erschlossen die Bonzen, die ursprünglichen Lehrer des Landes, dem begabten Jungen die geistige Welt ihrer Philosophie. Der junge Mann meditierte viel. Politik war zu profan, als daß sie ihn erreichte. An seiner Religiosität prallten wie an einem Schild die kommunistischen Ideen ab, die andere junge Leute beschäftigten.
Virak repräsentierte das Kambodscha von gestern, das es anderswo als hinter religiösen Mauern nicht mehr geben konnte. Sukun dagegen wurde für ein Kambodscha von morgen erzogen. Sein Onkel, Prinz Sisowath Sovannareth, ein Intellektueller und hoher, für das Schulwesen zuständiger Beamter, brachte dem Jungen bei, statt blindlings zu gehorchen, nachzudenken und abzuwägen, soziale Gesinnung und politisches Engagement zu entwickeln. Die Religion spielte im Hause Sovannareth keine Rolle, in die Pagode ging man allenfalls einmal im Jahr zu hohen Feiertagen.
Sukun besuchte ein Gymnasium, an dem die Naturwissenschaften in Französisch unterrichtet wurden. Eines der sieben Mädchen in der Klasse war Yokhan. An derartigen Privatschulen waren viele Kommunisten Lehrer. Von dort stammt die intellektuelle Elite, die einmal die Roten Khmer dirigieren sollte. Daß sie später von der gebildeten Schicht wenig gefürchtet wurden, S.181 mag aus der Schulzeit herrühren. Man kannte sich.
Sukun war gerade sechzehn, da jagte Prinz Sihanouk 1963 die Amerikaner aus dem Land und gewährte den Nordvietnamesen Nachschub-Transit durch Kambodscha. Es entstand, was die Welt einmal den Ho-Tschi-minh-Pfad, die Vietnamesen jedoch Sihanouk-Pfad nennen würden.
Sukun erinnert sich noch genau an ein Gespräch, das er damals mit seinem Onkel führte, der zu jener Zeit Abgeordneter von Sihanouks Einheitspartei war: "Sehr ernst sagte mein Onkel, daß der Vietnamkrieg nach Kambodscha exportiert würde und daß unser Land einer Tragödie entgegenginge. Welches Ausmaß die Tragödie einmal haben würde, das war für ihn natürlich unvorstellbar." Schon damals wußten Politiker wie Sovannareth, daß Ho Tschi-minh nach einem vereinigten Großreich Indochina trachtete (das seine politischen Erben nun wahrzumachen versuchen).
Doch solche weitsichtigen Männer gab es wenig. Das kambodschanische Volk, wie auch der Gymnasiast Sukun, glaubte nicht an Krieg. Es feierte seinen Prinzen, der im Alter von 41 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Popularität war, denn er hatte seine Politik genau aus der herrschenden Stimmung gemacht: Antiamerikanismus, eine Antwort auf die rüden Sitten der wirtschaftlichen Eroberer, gekoppelt mit einer Linkstendenz, die Reaktion auf die wirtschaftliche Fehlentwicklung war.
Das Handwerk verkümmerte und seine Menschen sackten sozial ab, die Armen wurden immer ärmer, die Kleinbauern verelendeten, während die Großgrundbesitzer prosperierten, der unproduktive Zwischenhandel blähte sich mehr und mehr auf, die junge Industrie war weniger auf die Interessen Kambodschas als auf die der fremden Investoren ausgerichtet. Gegen diesen Wust von Strukturschwierigkeiten trat Sihanouk mit buddhistischem Sozialismus an, dessen Kern nun die Gründung von Staatsgesellschaften war.
Eine, die im wirtschaftlichen Schatten stand, war Im, die Mutter von Boral. Sie rackerte als Arbeiterin in einer Baumwollfabrik von Pnom Penh und konnte doch ihrem Sohn keine Schuhe kaufen. Ihr Mann, ein kleiner Bauer, hatte sich aus Verzweiflung über seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu Tode getrunken. Sihanouks Linkswende veränderte Borals Leben. Die Kommunisten, die vordem nur eine kleine Partei waren, bekamen einen unglaublichen Auftrieb, heimliche Sympathisanten wurden nun offene Bekenner. Die Bewegung erhielt von Sihanouk, der sie nicht sonderlich schätzte, den Namen Rote Khmer, und die Bewegung umwarb vor allem die Kinder der Armen.
1963, als sich das Schicksal Kambodschas wendete, wurde Boral mit elf Jahren von einer Privatschule der Kommunisten aufgenommen, die unter der Schirmherrschaft von Hou Youn stand, einem Ideologen der Roten Khmer. Die Kinder sprachen damals, Boral erinnert sich noch daran, von einem Lehrer, der Saloth Sar hieß und sehr beliebt wegen seiner Hilfsbereitschaft und seiner Gerechtigkeit gewesen war. Er hatte Geschichte unterrichtet und ein Fach, das Moral genannt wurde. Als Boral auf die Schule kam, war Saloth Sar gerade verschwunden, es war unbekannt, wohin. Er sollte zwölf Jahre später wieder in Pnom Penh auftauchen, unter einem Namen, der bekannt in der Welt wurde: Pol Pot.
Die kommunistische Schule schickte den musikalischen Boral mit sechzehn zu Klavierstudien an die Musikhochschule von Weimar. Dort blieb er sechs Jahre lang, mit einem Stipendium von 280 Mark im Monat, minus zehn Mark für Wohnung im Heim. Die DDR tat etwas für Kambodschas Jugend.
Auch Sukun wurde, als er gerade Abitur machte, von einem kommunistischen Lehrer ein Stipendium in der DDR angeboten. Er schrieb sich jedoch an der Universität Pnom Penh für Wirtschaftswissenschaften ein.
In jenem Jahr, 1967, verschwanden zwei Rote-Khmer-Führer: Khieu Samphan (der neun Jahre später Pol Pots Staatspräsident werden sollte) und dessen Freund Hou Youn (der zehn Jahre später ein Opfer Pol Pots werden sollte). Gerüchte liefen um, die beiden Männer, die als Abgeordnete von Sihanouks Einheitspartei den Ruf als Helden der Armen hatten, seien von der CIA getötet worden.
Im Hause der Ungs sorgte man sich um Yokhans ältere Schwester Leang, die mit siebzehn den zehn Jahre älteren Hou Youn geheiratet hatte und nun mit drei Kindern ebenfalls verschwunden war. Zurück blieb ihre kleinste Tochter Kosom, 3, die gerade bei den Tanten zu Besuch war.
Die Mordmutmaßungen trugen den Roten Khmer Sympathien ein, die Bewegung hatte neuen Zulauf. Sihanouk dagegen verspielte. Er desavouierte den Sozialismus, den er propagierte, und er desavouierte sich persönlich. Nicht nur, daß er ein Spielkasino eröffnete, er spielte auch in Trivialfilmen mit wie "Blumen von Angkor Wat". "Wir haben uns Sihanouk natürlich alle angesehen", sagt Yokhan, "es war uns unbegreiflich, wie er sich so lächerlich machen konnte."
Verheerend war Sihanouks Glücklosigkeit bei der Auswahl von Führungskräften für die Staatsgesellschaften. Dort herrschte einerseits Korruption, andererseits Sabotage. Die wirtschaftliche Lage des Landes verschlechterte sich, die Anhängerschaft S.183 der Kommunisten vergrößerte sich. Gegen die erstarkende Linke wippte Sihanouk 1969 nach rechts (in seinen eigenen Untergang, wie sich zeigte) und machte den amerikafreundlichen General Lon Nol zum Premier. Im gleichen Jahr bekam der Onkel Sukuns recht: Die Amerikaner begannen, die Nachschubwege der Vietnamesen in Kambodscha zu bombardieren.
Der Ökonomiestudent Sukun erlebte an der Universität von Pnom Penh eine wilde Zeit. Studenten demonstrierten gegen die Bombardements der Amerikaner, mehr noch gegen die Nordvietnamesen und forderten "Raus aus Kambodscha" (während die westeuropäische Linke "Ho Ho Ho Tschiminh" und "Amis raus aus Vietnam" skandierte). Studenten demonstrierten für Sihanouk, weniger für den Sihanouk der Gegenwart als für einen neuen Anlauf zu seiner einstigen Neutralitätspolitik. "Da rief plötzlich einer ''Stürzt Sihanouk''", erinnert sich Sukun, "alle, die das hörten, stürzten sich auf ihn. Der Student wurde blutig geschlagen, die Polizei griff ein, und unter ihrem Schutz wurde der Schwerverletzte ins Krankenhaus gebracht."
18. März 1970: Sukun sah neben der Radiostation Panzer stehen. Was das zu bedeuten hatte, erfuhr er am Nachmittag von seinem Onkel: Blaß und schweißnaß kam der Abgeordnete Sovannareth nach Hause. Er berichtete, er sei am Morgen wie gewöhnlich ins Parlament gegangen. Zu seiner Überraschung und der vieler anderer Abgeordneter sei von Sihanouks Rücktritt die Rede gewesen. Dann seien Soldaten ins Parlament gestürmt und hätten die Flure besetzt. Niemand hätte mehr hinaus gekonnt. Nach Androhung von Gewalt hätten alle Abgeordneten für Sihanouks Sturz gestimmt, er auch, er hätte eben Angst gehabt. Sukun: "Mein Onkel war sehr niedergeschlagen, daß er gegen seine Überzeugung gehandelt hatte."
Nach seinem Staatsstreich rief General Lon Nol die "Khmer-Republik" aus.
Um Propaganda für Lon Nol zu machen, reisten zwei Abgeordnete in die Provinzstadt Kampong Tscham. Dorthin, zu seiner Großmutter, war auch der zwölf Jahre alte Vuthy geschickt worden, damit er sicher wäre vor der politischen Unruhe in der Hauptstadt. Vom Haus seiner Oma aus sah der Junge, wie eine Demonstration von Lon-Nol-Anhängern, geführt von den beiden Abgeordneten, auf eine Gegendemonstration von Sihanouk-Anhängern stieß. Direkt unter dem Fenster kam es zum Gemetzel. Leute Sihanouks töteten die beiden Abgeordneten, viele Menschen wurden verletzt.
Zwei Wochen später brach in Kambodscha der Bürgerkrieg aus.
Statt Unterricht wurde an Vuthys Schule fast nur noch Propaganda für Lon Nol gehalten oder Hetze gegen die drei Feinde, die Roten Khmer, die Sihanouk-Anhänger und die Nordvietnamesen. Die Jugend wurde durch paramilitärische Erziehung gerüstet. Kinder lernten schießen und durch Dreck robben. Vuthy drückte sich, wo er nur konnte, und wurde dabei von seinem Vater Nu unterstützt. Der blieb auch unter der neuen Militärregierung Beamter, aber heimlich arbeitete er für die Roten Khmer. Er war ihr Mann beim Zoll, der Transporte für sie durchließ und gelegentlich Lebensmittellieferungen für das rechte Lager ins linke umdirigierte.
Rasch bekamen die Streitkräfte der Roten Khmer 80 Prozent des kambodschanischen Territoriums unter Kontrolle, allerdings nur die armseligen, gebirgigen und dünn besiedelten Außenländer. Lon Nols Streitkräfte geboten dagegen über das menschenreiche fruchtbare Herzland, die Hauptstadt und die meisten Provinzstädte mit über 60 Prozent der Bevölkerung.
In Pnom Penh erlebte Sukun, wie die hohen Militärs zu absolutistischen Fürsten wurden, in die schönen Häuser einzogen, protzige Autos fuhren und bei Einkäufen aus dicken Geldbündeln zahlten. Von seinen Brüdern, die rangniedere Offiziere waren, erfuhr er, daß viele Kommandeure sich große Geisterarmeen hielten. Für einen Soldaten, der wirklich diente, führten sie hundert auf und kassierten den Sold. Die Korruption drang bis in persönliche Beziehungen. Sukun erhielt von einem Kommandeur den militärischen Rang eines Hauptmanns samt Posten als Führer einer Versorgungseinheit angeboten, sofern er dessen Tochter heiratete, ein auffallend häßliches Mädchen.
Er heiratete statt dessen seine schöne ehemalige Klassenkameradin Yokhan, die Chemielehrerin geworden war. Die Hochzeit wurde groß gefeiert, war aber überschattet von einem Attentat auf Sukuns Onkel Sovannareth, einem erklärten S.185 Gegner und Anprangerer der korrupten Militärs.
Am 4. April 1972 hielten zwei Soldaten das Auto Sovannareths an. Er öffnete vom Fahrersitz aus das Fenster einen kleinen Spalt, das Fenster auf der anderen Seite stand offen. Durch das wurde eine Bombe in den Wagen geworfen. Da am offenen Fenster eine Klasse von Schuljungen vorbeiging, versuchte der verantwortliche Beamte für das Schulwesen, die Bombe auf der anderen Seite durch den Fensterspalt zu werfen. Dabei explodierte sie. Sovannareth verlor beide Beine und Arme, aber ihm wurde das Leben gerettet, da das Attentat unmittelbar vor einem Krankenhaus verübt wurde.
Für seinen Pflegesohn, der öfter erwogen hatte, Politiker zu werden, stand seither fest, daß er sich fernhalten würde von diesem Gewerbe. Sukun machte statt dessen Karriere in der Ölgesellschaft Tela-Khmer und brachte es bis zum Finanzdirektor. Sein klimatisiertes Büro, mit gläsernem Schreibtisch, war größer als die Hütte, in der er einmal zu zehnt wohnen würde.
Der leitende Angestellte verdiente gut, deshalb konnte er für Lebensmittel, die bisweilen in den Geschäften ausgingen, die horrenden Schwarzmarktpreise zahlen. Die Militärs trieben die Preise, sie verpraßten viel Geld, denn sie verstanden eine politische Goldmine auszubeuten.
370 Millionen Dollar bekam der amerikafreundliche General Lon Nol von Nixon. Für die Gebiete, wo die Roten Khmer herrschten, hatte der US-Präsident 540 000 Tonnen Bomben. Aus Feldern wurden Krater.
Im kommunistischen wie im kapitalistischen Kambodscha begann sich der Hunger anzukündigen. Klassenunterschiede verschärften sich. Die Unterschicht aß statt Reis nur noch Reissuppe. Aber die Läden Pnom Penhs waren übervoll von Kunstschätzen und Pretiosen, denn Lon Nols Soldaten verstanden sich auf Plünderungen.
Was für Schlächter sie waren, sah Boral auf Photos im "Paris Match": Soldaten Lon Nols brüsteten sich mit abgeschlagenen Köpfen von Roten Khmer.
In Paris, wo sich der Pianist nach seinem guten Examen als Nachtportier eines Hotels durchbrachte, denn in der DDR war nach Lon Nols Putsch nicht mehr gutsein für Kambodschaner, gab es in den frühen 70er Jahren rund tausend Anhänger der Roten Khmer. In Paris hatten ein Jahrzehnt zuvor die Freunde und späteren Roten-Khmer-Ideologen Khieu Samphan und Hou Youn mit Analysen der desolaten Wirtschaftsstruktur ihres Landes promoviert. Auch Pol Pot hatte dort Elektrotechnik, dann Geschichte studiert. Seit jener Zeit war Paris attraktiv für kambodschanische Linksintellektuelle.
Die Roten Khmer "befreiten", wie es hieß, Quadratkilometer um Quadratkilometer, Dorf um Dorf. Unter Entbehrungen ernährten die Bauern, vornehmlich Frauen, Kinder und Alte, das Heer. Indem die revolutionäre Armee vorrückte, vermehrte sie sich um die wehrfähigen Männer der eroberten Landstriche. Als in der Nähe von Kampong Tschhnang das Dorf befreit worden war, wo die Men-Familie lebte, weigerte sich der Sohn Pean, 20, Soldat zu werden. Er wurde ergriffen, abgeführt S.188 und einige Tage später liquidiert. Nach Pnom Penh drang aus den eroberten Gebieten nur gute Kunde. Sukun: "Wir hörten, die revolutionären Soldaten seien wahrhaft revolutionär, sie hätten eine hohe Kampfmoral bei einer Genügsamkeit bis zum Existenzminimum, sie seien diszipliniert und sozial bis zur Selbstaufgabe."
Die Bewohner in der Hauptstadt wurden seit 1974 durch tagtägliche Bombenangriffe zermürbt. Als Yokhan am 31. März ihren ersten Sohn, Karuna, gebar, schlug unmittelbar neben dem Hospital eine Bombe ein. Auch in der Nähe von Keats Wohnhaus gingen Bomben nieder. Sie galten dem Haus von Lon Nol und wurden von einem seiner eigenen Soldaten abgeworfen. Damit rächte der Pilot seine Frau, die als Sympathisantin der Roten Khmer umgebracht worden war.
Sukun: "Immer wieder davongekommen, wurde uns gleichgültig, wer siegt. Wir erhofften nur noch das Ende des Krieges. Schließlich ersehnten wir die Roten Khmer." Sie ließen auf sich warten, um die Stadt herum gab es schwere Kämpfe, die Bevölkerung floh aus den Kriegsgebieten, Pnom Penh wurde von etwa drei Millionen Menschen überlaufen.
Am 1. April 1975 verließ Lon Nol das Land. Auf die Stadt wurden am Tag zehn bis zwanzig Bombenangriffe verübt. Am 13. April wurde das Personal der amerikanischen Botschaft ausgeflogen. Sukun erhielt von einem amerikanischen Freund das Angebot, mitzufliegen. Er lehnte ab, denn er fürchtete die Roten Khmer nicht: "Ich dachte, was sollten sie mir als Technokraten denn tun? Für mich gab es überhaupt keinen Grund, Angst zu haben." Sein jüngerer Bruder dagegen fürchtete die Kommunisten: Ly, 22, der als Helikoptertechniker zwei Abstürze überlebt hatte, organisierte sich am 16. April eine Maschine und verließ Pnom Penh. Er ist seither verschollen.
Sukun verbrachte den Tag an der Peripherie der Stadt als Sicherheitsbeauftragter für das Tanklager seiner Firma. Er sah, wie Soldaten in Scharen stadteinwärts zogen, Hühner unter dem Arm und Reissäcke auf dem Rücken. Von ihnen hörte er, daß morgen der Krieg zu Ende sein würde und daß sie nicht am letzten Tag sterben wollten.
Ins Haus der Keat kamen am Abend die Schwiegereltern und die Geschwister Sauv. Man setzte sich eng zusammen, schlaflos in dieser Nacht, es krachte unaufhörlich. Sukun: "Gegen acht Uhr morgens bricht die Musik im Radio ab. Lon Nols General Mey Sitschan fordert alle Soldaten in Kambodscha auf, die Waffen niederzulegen. Er sagt, er wolle mit den Roten Khmer verhandeln. Plötzlich unterbricht ihn eine fremde Stimme. Jemand bezeichnet sich als Hoher Kommissar der Roten Khmer des Nordens und sagt: ''Ich komme nicht zum Verhandeln hierher. Ich bin als Sieger da.''"
Wenig später marschierten Rote-Khmer-Soldaten nahe dem Haus der Keat vorbei. Sukun: "Dichtgedrängt standen die Menschen auf der Straße, sie winkten und klatschten Beifall. Aus den Fenstern wurden weiße Fahnen geschwenkt. Die Begeisterung war groß."
Der Mönch Men Virak jubelte an diesem Tag nicht: "Wir Mönche fürchteten die Roten Khmer." Er betete in der Pagode als einer unter 400 Mönchen. Dort hatten außerdem etwa 500 Leute Schutz gesucht. Die Pagode wurde unter Beschuß genommen. Stunden um Stunden hielt das Feuer an.
Gegen 12 Uhr hörte Sukun das Gerücht, ganz Pnom Penh solle evakuiert werden: "Ich hielt das für völlig unglaubhaft."
Der Schwager Hou Youn widersetzte sich der Evakuierung, so erfuhr die Familie später. Aber der Mann der Macht, dessen Namen Pol Pot die Bewohner der gefallenen Stadt noch nicht kannten, wollte den Sieg von der ersten Stunde an nutzen, um das Land nach neuem Bild zu schaffen.
Es war ein Land linker Phantasie: Ein Land ohne Ballungszentren und Entfremdung, gleichmäßig überzogen von Kommunen mit etwa tausend Menschen, ein Land, wo nicht für sinnlosen Tand gearbeitet werden sollte, sondern für die Grundbedürfnisse des Menschen, ein Bauernland also, ein Land des einfachen Lebens, ein Land ohne Klassen und ohne Geld, ein autarkes Land, ein Land, das von der Weltgeschichte und von seiner eigenen Geschichte abgeschnitten werden sollte, damit eine neue Geschichte beginnen konnte, etwas noch nie Dagewesenes.
Ein solches Land wollte Pol Pot sofort, Hou Youn wollte es allmählich, durch Erziehung der Menschen schaffen. Die totale Idee setzte sich folgerichtig in der totalen Ausführungsform durch, und damit nahm der Terror seinen Lauf.
Die Nachbarschaft der Keat wollte davon profitieren, daß Hou Youn zur Verwandtschaft gehörte. Über zehn Familien kamen mit ihren Wertsachen, Schmuck, auch ungefaßten Edelsteinen, wie sie als Anlage üblich waren. Selbst Kinder waren mit Silberzeug beladen. Manche Leute schleppten ihren Fernseher an. Daß Fernsehen bereits am ersten Tag der Roten Khmer abgeschafft worden war, hatte sich noch nicht herumgesprochen.
Die Mönche in der Pagode, die Besitz nicht zu verteidigen hatten, besaßen sie doch nur einen Bettelbeutel, harrten unter Beschuß bis zur Nacht aus. Dann brachen sie aus der Umzingelung. Virak: "Es war eine Flucht über Tote. Wir stiegen und stolperten im Dunklen über die Körper."
In Paris wurde in jener Nacht ein großes Siegesgelage gefeiert. Boral: "Die Kambodschaner füllten ein ganzes Restaurant. Es wurde gelacht und getanzt. Wir haben uns ja so gefreut, daß endlich der Krieg zu Ende war. Am frühen Morgen waren fast alle betrunken."
Am frühen Morgen standen in Pnom Penh zwei Rote-Khmer-Soldaten vor dem Haus von Sukun: "Ich bat sie herein. Uns wurde mitgeteilt, wir sollten die Stadt für drei Nächte verlassen. Ich argumentierte, wir hätten viele Kinder hier und einige seien krank. Außerdem erkundigte ich mich nach S.190 meinem Schwager Hou Youn. Unbeeindruckt erklärten die Soldaten, es würde auf den geschossen, der sich den Anweisungen widersetzt. Wir wurden aufgefordert, nichts abzuschließen, nichts mitzunehmen.
"Ich packte nur ein Moskitonetz für meinen kleinen Sohn ein, einen Kochtopf, 45 Kilogramm Reis und etwas Kochfleisch, dann noch einen Radiorecorder, mehr nicht. Meine Frau, das wunderte mich, suchte Familienphotos heraus und steckte sie in ihre Tasche. Die ungefähr fünfzig Menschen, die in unserem Haus versammelt waren, frühstückten gut, es herrschte eine Art Ausflugsstimmung, die Frauen und Kinder freuten sich auf ein Picknick. Mir jedoch war ungeheuer zumute, ich brachte kaum einen Bissen herunter.
"Plötzlich brach mit einem Abgeordneten, den wir kannten, eine entsetzliche Stimmung ein. Er war wie von Sinnen vor Angst und sagte immer wieder: ''Wir werden alle getötet, wir müssen in ein anderes Land fliehen.'' Mein Schwiegervater sprach besänftigend auf ihn ein. Schwiegervater hatte viel Verständnis für die Roten Khmer. Schließlich gehörten ihnen seine Tochter Leang mit ihrem Mann Hou Youn und sein ältester Sohn Chreang mit seiner Frau Saly an. Wie auch hätte er wissen können, daß zu dieser Zeit seine Enkelin Chantha, ein Kind noch, ins Gefängnis gesperrt und ihr Vater Lim als Offizier zur Exekution bestimmt wurde. Unser Aufbruch war undramatisch. Der Gedanke, daß wir unser Haus nie wiedersehen würden, kam uns nicht."
Die Kinder wurden in drei Autos gesetzt. Die Erwachsenen folgten zu Fuß. Auf den Nebenstraßen konnten die Autos noch fahren, auf der Hauptstraße bewegte sich ein Menschenstrom in nur einer Richtung, und zwar so langsam, daß die Motoren der Wagen versackten. Die Männer schoben die Autos mit den Kindern.
Die Geschwindigkeit der sich vorwärtsschiebenden Menschen verringerte sich noch, als an einer Kreuzung zwei Ströme zusammentrafen. An dieser Kreuzung standen Soldaten und sperrten den westlichen Weg aus der Stadt. Die Keat, die Ung und die Sauv mußten nach Süden.
An dieser Kreuzung schieden sich mit den Himmelsrichtungen die Schicksale. Vier Jahre später erfuhr Sukun, daß seine Eltern und seine Geschwister, die ihren arm- und beinlosen Onkel Sovannareth und dessen gelähmte Frau Siphan im Auto schoben, vielleicht eine Viertelstunde nach ihnen an dieser Kreuzung angelangt waren. Nun sperrten die Soldaten die Straße nach Süden. Die Familie mußte nach Westen.
Um aus der Stadt herauszukommen, brauchte man vier Tage. Von schlechtem Wasser bekamen viele Menschen Durchfall. Sie gingen in ihren Exkrementen. Im Gestank schwärten die Fliegen, am Straßenrand starben Menschen, und es wurden Kinder geboren. Die Familie Keat kam durch das erste Elend, aber sie mußte weiter, einen Weg, der die Eltern und fünf ihrer Kinder in den Tod führte.
Auf dem Weg nach Süden, den Sukun ging, war es leichter, Pnom Penh zu verlassen. Man brauchte für drei Kilometer sechs Stunden. Um fünf Uhr nachmittags lagerte die Gruppe am Straßenrand.
Um Wasser zum Reiskochen zu holen, machte sich Sukun mit dem Topf auf zum Mekong-Fluß, der nicht sehr weit weg war: "Ich sah Schreckliches. Hunderte und Aberhunderte von Toten und Sterbenden lagen am Ufer. Es waren Soldaten in der Uniform Lon Nols. Vielleicht waren sie auf dem letzten Schlachtfeld des Krieges gefallen, vielleicht waren sie auf dem ersten Hinrichtungsplatz der neuen Zeit exekutiert worden, ich weiß es nicht. Ich wollte an Kriegsopfer glauben. Daß hier zwei Systeme, zwei Zeiten zusammenstießen, konnte ich mir nicht vergegenwärtigen. Ich stieg über die Kadaver und konzentrierte mich auf den einzigen Gedanken: Wir brauchen Wasser, wir brauchen Wasser."
Er brachte Wasser, und ein Reismahl wurde gehalten. Dann schoben die Männer die Autos wieder an und schoben sie die ganze Nacht hindurch. Um zehn Uhr morgens erreichte die Gruppe ein kleines Landhaus von Sukun. "Wir richteten uns für drei Tage ein, es kam wieder diese Ausflugsatmosphäre auf, die mir wie aus einem fremden Film vorkam in Erinnerung an die Leichen vom Mekong-Ufer."
Im nächsten Heft
Zwangsarbeit und Zwangsheirat, Hunger und Hinrichtung mit der Axt: "Pol Pot wurde unser grausamer Schicksalsgott."
S.185 Vorn links: Yokhans Nichte Chantha, 1977 im Alter von 13 Jahren hingerichtet wegen "feudalistischen Benehmens"; Brautpaar; Yokhans Neffe Da, 1977 hingerichtet mit drei Geschwistern und Eltern, weil sein Vater, ein Roter Khmer, politisch in Ungnade gefallen war; dahinter links Vuthys Mutter Dinn und deren Mann Nu, 1977 hingerichtet als Zollbeamter Lon Nols. * S.188 Vorn links: Tante Nyri, dahinter Tanten My, Yokhan, Phanary; von rechts: Hou-Youn-Kinder Ratha, Chanmoni, Krasna; vorn: Kosom. *
Von Ariane Barth

DER SPIEGEL 12/1980
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