17.03.1980

JAPAN

Goldener Paukboden

Das Bildungssystem ist weitgehend auf das Prestige der Schulen ausgerichtet. Kreativität bleibt auf der Strecke.

Vor dem Allerheiligsten des Kameidotenjin-Schreins im Osten Tokios erheischten ernst blickende Jugendliche und Eltern durch frommes Händeklatschen die Aufmerksamkeit des Unsichtbaren. Der Schrein ist dem Gott des Lernens geweiht.

"Gott, verhilf mir doch bitte in die Universität", baten die Kinder. Oder: "Wenn ich's wieder nicht schaffe, vielleicht weißt du dann für mich eine bessere Nachhilfeschule."

Im Innern des Schinto-Schreins fleht ein Priester gen Himmel, stellvertretend für Tausende von Bittstellern, die dafür gut 20 Mark pro Person entrichtet hatten. Für an die 80 Mark lassen Großeltern gleich ein ganzes Jahr lang für die Enkel beten, tagtäglich.

Der Bittgang von Millionen Japanern zu Schreinen und Tempeln wie auch zu den Gräbern der Ahnen gilt in diesen Wochen vor allem schulischem Erfolg, gilt -- für Vorschulkinder wie Hochschulaspiranten gleichermaßen -sicherem Geleit durch die alljährliche Prüfungshölle.

Denn Japans Lehranstalten sieben vor der Aufnahme, den Abschluß gibt es so gut wie geschenkt. "Wer den Eintritt in den richtigen Kindergarten geschafft hat", übertreibt nur milde der Pädagoge Masayoshi Munesue, "hat das Ticket für eine Elite-Universität schon in der Tasche."

Und damit ist der Aufstieg in Japans "vertikaler Hackordnung", so Munesue, gesichert. Großunternehmen von Rang und begehrte Beamtenposten stehen fast nur Abgängern der Renommierhochschulen offen, zumal der führenden staatlichen Universitäten.

So werden sich auch in diesem Frühjahr wieder, wenn Firmen und Behörden Neulinge einstellen, Absolventen der besonders prestigeträchtigen Tokio-Universität (Todai) bevorzugt in den Schaltstellen von Politik und Wirtschaft einnisten.

Fast 58 000 Uni-Abgänger haben sich Anfang des Jahres für den höheren Staatsdienst beworben. Nur 1355 Studenten überstanden die erste Hürde. Doch 541 Todai-Leute waren darunter, dazu 206 der ebenfalls ehedem kaiserlichen Kioto-Universität, 102 der Hockaido-Universität. Nur noch die beiden Top-Privathochschulen Waseda (40) und Keio (14) in Tokio brachten mehr als zehn ihrer Schüler durch Vorexamen des Staatsdienstes.

"Der alljährlich plötzlich wie eine Epidemie auftretende Glaube an den Gott", erläutert Todai-Professor Masahiko Mizuno, "ist ein Nebenprodukt unseres Gesellschaftssystems, das die besten Gehaltslisten nur für Zöglinge der Renommieranstalten offenhält."

Entsprechend aberwitzig ist der Run auf die besten Ausbildungsplätze, ist der Ehrgeiz, die eigenen Kinder möglichst gut zu placieren, sie zum Lernen anzutreiben.

Laut einer soeben veröffentlichten Analyse glauben 82 Prozent der japanischen Mütter, denen die Kindererziehung fast allein obliegt, ihren Kleinen schon im Vorschulalter die komplizierte japanische Silbenschrift und Rechnen beibringen zu müssen. Noch im Kindergartenalter werden 20 Prozent der Kleinen täglich ans Klavier gesetzt von den "Kyoiku-Mama", den "bildungsbesessenen Müttern".

Da die Nation sich selbst zu Höchstleistungen aufputscht, gedeiht ein wahrer Wildwuchs an Nachhilfeschulen, nicht wenige davon mit fünfstelligen Schülerzahlen.

Allein die "Juku", Japans private Tutoren-Institute, die auch sonntags ins Klassenzimmer zitieren, sind ein so goldener Paukboden, daß sich sogar Japans größter Einzelhändler, die Supermarktkette Daiei, zum Einstieg in die florierende Bildungsindustrie entschlossen hatte.

Mit Blick auf den "scharfen Wettbewerb bei den Aufnahmeprüfungen", so ein Firmensprecher, wollte Daiei professionelle Tutoren, aber auch "Hausfrauen, Angestellte und andere" für ein landesweit verbreitetes Juku-Netz mobilisieren. Doch es blieb bei dem schönen Plan. Mitte voriger Woche gab Daiei alles wieder auf, die Kritik an der "Kommerzialisierung der Schulausbildung durch ein Supermarktunternehmen" war zu laut geworden.

Andere stört Kritik weniger. Fürs Prüfungs-Büffeln in den meist engen und hellhörigen Wohnungen daheim offeriert ein Sauna-Hersteller eine dem Schwitzkasten ganz ähnliche Isolierzelle -- "zu ungestörtem Lernen", wie die Werbung verspricht. Das tun bereits japanische Grundschüler bis zu elf Stunden am Tag.

"Früher haben wir draußen immer viele spielende Kinder gesehen", schrieb die Tageszeitung "Asahi Shimbun", "wo sind die alle geblieben?"

Schon die Vierjährigen müssen Aufnahmetests bestehen und sich überdies gezielt auf die einzelnen Lehranstalten vorbereiten. Denn jeder Kindergarten, jede Schule, die auf sich hält, setzt eigene Aufnahmenormen.

Das bedeutet: Wer etwa die Aufnahme in die Todai nur knapp verfehlt, kann dann selbst bei drittklassigen Colleges -- wegen anderer Normen -- nicht antreten.

Für dieses Jahr versuchte die Regierung daher, die "von der Todai gekrönte Pyramide", wie Professor Makoto Mori das kopflastige Bildungssystem nennt, abzubauen. In einem egalisierenden Kraftakt ordnete das Erziehungsministerium in Tokio due Gleichschaltung der Uni-Aufnahmeprüfungen im ganzen Land an.

Statt der nach Standesdünkel der einzelnen Hochschulen abgestuften Testfragen gilt jetzt eine einheitliche Prüfungsordnung, die sich strikt an den erlernten Oberschulstoff hält.

In "einer Art Quiz-Programm", wie sich "Asahi" mokierte, schreiben die Prüflinge ihre Antworten auf Formblätter. Im schwerbewachten Tokioter Prüfungszentrum entscheidet ein US-Computer in jeweils 0,2 Sekunden über Erfolg oder Durchfall.

Erst nach dieser Vorlese im Januar darf jede Universität noch einmal selber nachfassen, freilich unter Berücksichtigung der Erstnote. Doch die vormals kaiserlichen Unis ignorieren die für sie ehrenrührige Allerweltsprüfung. Steve Yamamoto, Physikprofessor an der Todai: "Die zweitrangigen Hochschulen haben doch lediglich versucht, die Ersteklassekonkurrenz auf ihr Niveau herunterzuziehen."

Mit einem neuen Konzept -- nach altem Muster -- will Erziehungsminister Senichi Tanigaki Leistung nun wieder auf die alte Zweigleisigkeit verlagern. S.204 Die andeutungsweise Schaffung von Elitekursen bis hinunter in die Grundschulen allerdings hat zumindest bereits den Zorn des Lehrerverbandes Nikkyoso geweckt. Die Lehrerfunktionäre klagen seit langem, daß es so nicht weitergehen könne.

Denn ausgerechnet der vormals amtierende Todai-Rektor Tsutomu Ouchi hat der Nation unterbreitet, daß "Japans Zukunft auf Analphabeten zu fußen beginnt". Erschreckend sei nicht nur der akute Mangel an logischer und kritischer Denkfähigkeit. Die Mehrheit der japanischen Studenten könne noch nicht einmal mehr verständlich japanisch schreiben, vom Verständnis ausländischer Schriften ganz abgesehen.

Einen gewichtigen Grund sieht der Professor im Konkurrenzkampf um Plätze an den Prestige-Hochschulen. Ouchi: "Unter dem Prüfungsdruck stopfen sie sich die Hirne voll mit unwichtigem Wörterbuch-Wissen. Da stumpft eben die Kreativität ab."


DER SPIEGEL 12/1980
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