17.03.1980

SCHWEIZWeitgehend gelockert

Ein Unternehmer suchte per Anzeige eine Frau, die ihm ein Kind gebären sollte - gegen eine Million Franken.
Jung" und "kinderliebend" wünschte sich ein "seriöser Selbstinserent" in Zürcher und Liechtensteiner Zeitungen seine Zukünftige. Ob "Witwe oder Mädchen -- auch mit Kind --" war dem 56jährigen erfolgreichen Schweizer Unternehmer Alfred Erhart einerlei. Denn er wollte die Dame "zwecks Partnerschaft und gemeinsamer Leitung eines finanziell unabhängigen und blühenden Großunternehmens" kennenlernen.
Eine intime Dauerbeziehung hatte der verheiratete Inserent nicht im Sinn. Daß aber die Partnerschaft nur wenige Monate halten und jetzt -- fünf Jahre später -- vor dem Zürcher Obergericht in einem Betrugsprozeß enden würde, hatte der Besitzer der florierenden "Universal Flugreisen AG" nun doch nicht gewollt. Verurteilt wurde allerdings nicht der untreue Ehemann, sondern seine Freundin, die um ihre Hoffnung auf eine dauerhafte Bindung getäuscht worden war.
Bei der Dame handelt es sich um die Liechtensteinerin Gertrud Nutt, damals 34, kaufmännisch ausgebildet, strebsam und ledig. Als sie im Herbst 1974 auf die Anzeige des unbekannten Großunternehmers antwortete, enthüllte der Dr. rer. pol. ein delikates Problem: Er sei schon verheiratet, aber seine Frau sei in einem Alter, "wo sich, medizinisch nachgewiesen, keine Schwangerschaft mehr einstellt".
Um aber die vielen Millionen, die er vor allem in Hotels auf Mallorca investiert hatte, auch für die Zukunft zu erhalten, suche er eine Partnerin, die bereit sei, Mutter eines gemeinsamen Kindes zu werden und sich von diesem in Spanien entbinden zu lassen.
Der Grund: Damals wurde in Madrid an einem Gesetz gearbeitet, das Ausländern verbieten sollte, an spanischen Aktiengesellschaften zu mehr als 50 Prozent beteiligt zu sein. Erhart fürchtete, daß er bald die Hälfte seiner Hotelkette an Spanier abtreten müsse. Mit einem spanischen Sprößling -- kalkulierte der Selfmademan -- wäre die Gefahr gebannt.
"Es braucht vielleicht etwas Courage, um sich aus den Fesseln des Herkömmlichen zu befreien", machte Erhart der Interessentin Mut, "aber die heutige Gesellschaftsordnung hat sich doch schon weitgehend gelockert."
Gertrud Nutt hatte Mut. Am 11. Januar 1975 schloß sie mit dem verheirateten Multimillionär, der bereits erwachsene Kinder Schweizer Nationalität hatte, einen Vertrag. Kernsatz: "Um für sein Kind zu sorgen, überträgt Herr Dr. Erhart bei Schwangerschaftsnachweis eine Million Franken an Fräulein Nutt und sein Kind, was als Geschenk zur Geburt des gemeinsamen Kindes zu betrachten ist."
Schon bald fand der Unternehmer weit mehr Gefallen an der Dame, als nach den vertraglich bedingten Verpflichtungen nötig gewesen wäre: Zärtlich abgefaßte Briefe wurden gewechselt, auch trafen sich beide häufig und unternahmen gemeinsame Reisen.
Prompt lag im Februar 1975 der Schwangerschaftsnachweis vor, und Alfred Erhart überreichte seiner Freundin einen Zahlungsauftrag in Höhe von einer Million Franken. Nach Darstellung des Unternehmers wollte Gertrud Nutt die Million aber lieber per Scheck, weshalb er auch noch Schecks ausgestellt und die Partnerin gebeten habe, das andere Papier zu vernichten.
Sogleich löste die werdende Mutter die Schecks ein, bewahrte aber den Zahlungsauftrag bei sich auf.
Im Oktober 1975 wurde in Spanien die gemeinsame Tochter Veronica geboren und erhielt auch, wie beabsichtigt, die spanische Staatsbürgerschaft. Und da der Vater bei den spanischen Behörden behauptet hatte, geschieden zu sein, wurde in die Geburtsurkunde sowohl der Nachname der Mutter wie der des Vaters eingetragen.
Doch schon kurz nach der Geburt -so erinnert sich heute die Mutter -habe sich ihr Liebhaber mit dem Hinweis zurückgezogen, ihm sei es nur um eine geschäftliche Beziehung gegangen, was die Mutter "als die Enttäuschung ihres Lebens" empfand.
Ob als Trostpflaster oder aus Rache -- jedenfalls wollte die enttäuschte Frau im Dezember 1977 in einer Zürcher Bank auch noch den alten, von ihr mit einem neuen Datum versehenen Zahlungsauftrag einlösen. Ihr Versuch, sich die Mutterschaft mit einer zweiten Million vergolden zu lassen, schlug lediglich fehl, weil Erharts Konto gerade nicht gefüllt war.
Die Angeklagte beharrte vor den Richtern darauf, die Schecks seien zusätzliche Geschenke Erharts gewesen -- "aus Großzügigkeit". Gegen das Urteil, 14 Monate Gefängnis auf Bewährung wegen Urkundenfälschung und Betrugsversuchs, wurde Berufung eingelegt. Auch muß noch gerichtlich geklärt werden, wieweit Tochter Veronica an den Millionen ihres leiblichen Vaters erbberechtigt sein wird.
Wie immer der Streit ausgeht, die Million, die der Unternehmer für das uneheliche Kind ausgab, war eine Fehlinvestition: Das spanische Gesetz für Beschränkung fremden Aktienbesitzes trat nie in Kraft.

DER SPIEGEL 12/1980
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