26.05.1980

FILMSzenen einer Ehe

„Lena Rais“. Spielfilm von Christian Rischert. Bundesrepublik 1979. 116 Minuten, Farbe.
Da ist etwas zwischen uns, murmelt Lena Rais und entzieht sich ihrem Mann. Sie will sich aussprechen, aber sie findet die Worte nicht. Ja, ja, red nur, konzediert Albert Rais etwas unwirsch die lästige Verzögerung, öffnet aber schon den Hosengürtel. Kurz darauf ohrfeigen sie sich, drohen, brüllen; sie versucht die Wohnung zu verlassen, er hält sie gewaltsam zurück.
Szenen einer Ehe im deutschen Arbeitermilieu. Er ist Maurerpolier, sie Postsortiererin, 15 Jahre verheiratet, drei Kinder, eine viel zu enge Neubauwohnung, Eigenheim-Pläne. Albert: "In fünf Jahren, da steh'' ich so da]" Lena: "In fünf Jahren bin ich Schrott."
Christian Rischerts Film setzt ein mit unsicheren, zögernden Gesten des Innehaltens: Wie aus jahrelanger Betäubung zurücktaumelnd, erkennt Lena Rais, daß sie so nicht weiterleben kann und will. Sie ist ohne Sprache für ihre unerfüllten Wünsche und Sehnsüchte, für ihre Verzweiflung und ihre Ängste. Noch ungläubig, wie überrascht, registriert sie ihren neuen Zustand, wehrt sich zum erstenmal, geht vorsichtig in die Defensive.
Lena (Krista Stadler) protestiert gegen ihren deprimierenden Alltag und ihre Quasi-Leibeigenschaft mit unüblichen, scheinbar unsinnigen Aktionen. Sie überschwemmt die Wohnung mit Blumen, legt sich einen riesigen Hund zu, leistet sich ein neues Kleid ("Na ja, ein bißchen scharf für ''ne saubere Hausfrau").
Verstört und natürlich bedroht durch diese Ausbruchsversuche, reagiert der Mann (Tilo Prückner) mal larmoyant und mal brutal, mit Beleidigungen, mit Panik, mit fast rührender und unfreiwillig komischer Entrüstung: "Ein Hund im Schlafzimmer] Sind wir jetzt alle pervers?" Wo sie, selber irritiert, sich und ihn befragt oder stumm Widerstand leistet, poltert er unbeholfen jede behutsame Annäherung kaputt.
Albert Rais ist ein Psychokrüppel, schwer gestört, unfähig, sich und seine Gefühle auszudrücken. Rischert findet zwingende Bilder und Momente dafür: Albert weckt seine Frau, indem er ihr mit gekrümmtem Finger auf die Stirn tickt, so wie man an eine Tür klopft; er kann mit Frau und Kindern nur auf dem Umweg über Geld kommunizieren, verteilt kleine Summen am Frühstückstisch oder legt der Kranken das Wirtschaftsgeld auf den Nachttisch, als wolle er sich Solidarität und Zuwendungen erkaufen; mit hysterischem Eifer erklärt er den Kindern die Nervenkrankheit der Mutter als Tumor (so hat, was nicht sein darf, wenigstens einen Namen) und die mögliche Operation, als zerlege er ganz akkurat ein Brathähnchen.
Zwanghaft und fast pausenlos bramarbasiert dieser Verdrängungs-Akrobat, mahnt, schimpft, befiehlt, doziert, stammelt atemlos, flüchtet sich in leere Wortkaskaden und kaschiert damit seine ständige ängstliche Abwehr. Er ist krank und redet sie langsam krank. Die S.217 Qualität des Drehbuchs von Manfred Grunert ist das an Carl Sternheim und Georg Kaiser erinnernde hastige Stakkato der Dialoge, die, je eruptiver sie hervorbrechen, desto schmerzhafter die quälende Sprachlosigkeit der Figuren offenbaren.
Mit verzweifelter Wut stürzen sie sich, Prückner vor allem, in immer neue Tiraden, verheddern sich, stolpern weiter, bis die letzten Brocken in fahrigen Gebärden der Hilflosigkeit und in verzweifeltem Ringen um Worte absterben, ersticken: Sprache als Auswurf verkorkster Seelen. Glücklicherweise wird das nie pathetisch, sondern mit trockenem Humor und sarkastischen Pointen durchsetzt und schafft so heilsame Distanz zum Geschehen.
Das Buch ist in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur entstanden. Rischert, Jahrgang 36, fast nur als Dokumentarist bekannt, knüpft mit "Lena Rais" an seinen ersten Spielfilm "Kopfstand, Madam]" von 1966 an. Souverän kontrastiert er die verbalen und szenischen Aufregungen mit leisen Sequenzen, oder er kurbelt sie zu grotesk turbulenten Delirien hoch, nach denen die Akteure, wie Überlebende einer Sturmflut, erschöpft und ausdruckslos in den Ecken ihrer verstopften Wohnhöhlen kauern.
Aggressionen werden dabei nicht abgebaut, sie entladen sich nur, bekommen neue Nahrung. Bei einem geselligen Abend mit zwei befreundeten Paaren erscheint Lena in ihrem neuen Kleid. Gleich wollen die Männer von Albert Details seines ehelichen Sexuallebens wissen, er tanzt demonstrativ sexy, aber eben entlarvend unerotisch mit ihr, ein anderer macht plumpe Anträge, die Frauen werden böse: der sanfte Terror scheinfreundlicher Kollegialität, perverse Koalitionen gegen die jeweils Schwächsten das erbarmungslose Verdikt gegen jede Verletzung der gültigen Tabus und Rituale.
Krista Stadler und Tilo Prückner stehen das emotionale Wechselbad dieser Beziehung bewunderswert durch. Er ist im Grunde die schwache Figur, flatternd vor Angst, mit Macho-Attitüden seine Erbärmlichkeit bekämpfend, bedrohlich und bemitleidenswert. Sie dagegen strahlt die Kraft der Unterdrückten aus, keine Nora, keine moderne Emanzipierte, sondern eine Frau, die sich wie von einem lästigen Druck befreit, die nicht akzeptiert, sie sei frigide, weil sie noch nie einen Orgasmus hatte, die schließlich empört aufschreit, ob denn "Liebe immer nur Beschiß?" und sie nichts als ein "Putzlumpen" sei.
Lena hat ihren Mann verlassen, ist zu einer Freundin gezogen, die Kinder will sie nachholen. Der Film ist zu Ende, denkt man. Da riskieren Grunert/ Rischert mit einer neuen Figur eine verblüffende tragikomische Wendung. In einer Therapiegruppe lernt Lena einen versoffenen Schriftsteller kennen, einen zarten, klugen, anrührenden Mann (Nikolaus Paryla), der sie zu ihrem Alleingang ermuntert.
Die Konfrontation dieses kläglichen Trinkers mit dem um sich schlagenden verlassenen Ehemann, seine Zweck-Allianz mit Lenas ebenfalls ständig beduselter Freundin und schließlich die wunderbar gelöste Schlußszene, in der sie sich mit skeptischem Optimismus auf ihre neue Freiheit einläßt, während der Schriftsteller wie ein tapsiger Clown seine Reise in die Entzugsanstalt vorbereitet, das ist weniger das Satyrspiel nach der Tragödie als das liebenswürdige, nachdenkliche Finale eines anstrengenden Sozialdramas; die geschickte Balance von Komik, Trauer und "himmelschreiender Gemütlichkeit" lullt nicht ein, sondern macht Mut.
Macht vor allem den Frauen Mut. Die Männer in diesem Film sind ziemlich schrecklich, die Frauen dagegen, vor allem die Titelfigur, sind sympathisch, stark, entschlossen, viel ehrlicher und freier gegen sich und andere. "Lena Rais" ist eine Rarität im neuen deutschen Kino, ein überzeugender Frauenfilm, von Männern gemacht.
Wolf Donner
S.215 Mit Krista Stadler (r.) und Kai Fischer. * S.217 Mit Krista Stadler und Tilo Prückner. *

DER SPIEGEL 22/1980
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