17.03.1980

Rettung durch Rentner?

Vom Abstieg bedroht, reaktivierten die Bundesligaklubs Hertha BSC Berlin und Werder Bremen Trainer von gestern.
Sie können noch 100 Jahre alt werden", tröstete der Herzspezialist den Patienten Fritz Langner, 67. Langner druckste: "Schön, aber was halten Sie davon, wenn ich wieder als Trainer in der Bundesliga arbeite?" Der Arzt antwortete: "Ich fürchte, dann werden Sie keine 100 Jahre alt."
Fritz Langner nahm dennoch das Angebot des abstiegsbedrohten Bundesligaklubs SV Werder Bremen an. "Nachdem ich den Schock des Angebots überlebt habe", witzelte der Rentner, "werde ich das wohl auch durchhalten." Langner hatte vor elf Jahren zum letztenmal eine Bundesligamannschaft getrimmt. Der TSV 1860 München entließ ihn damals "aus Altersgründen".
Auch Hertha BSC Berlin holte in größter Abstiegsnot und bei leerer Vereinskasse einen Alt-Trainer zurück: Helmut ("Fiffi") Kronsbein, 65. Kronsbein, der nahe Hannover ein Gästehaus betrieb, hatte von Hannover 96 vor fünf Jahren den Laufpaß bekommen.
Im letzten Herbst hatte Hertha BSC, mit knapp drei Millionen Mark im Debet und in der Bundesliga fast am Tabellenende, Trainer Kuno Klötzer, 57, entlassen. "Wir brauchen einen jüngeren, tatkräftigen Mann", entschied Präsident Ottomar Domrich. Doch es fand sich keiner.
So trat Präsident Domrich selber zurück. Der neue Präsident Wolfgang Holst reaktivierte seinen Freund Kronsbein. Holst, wie Kronsbein Gastwirt, lockte: "Fiffi, nur du kannst uns retten]" Kronsbein bezieht bei Hertha angeblich nur Spesen. Sollte es ihm gelingen, die Berliner vor dem Abstieg zu bewahren, winken ihm wahrscheinlich 100 000 Mark.
Der Mannschaft ließ der Alte gleich Fürchterliches ausrichten: "Ich trainiere streng nach der Gehaltsliste: Wer am meisten verdient, muß am meisten laufen]" Bisher nützte es wenig. Unter Kronsbein gewann die Mannschaft nur zwei der ersten sechs Bundesligaspiele.
Im Pokalkampf schied Hertha sogar gegen die Amateurmannschaft von TuS Langerwehe aus.
Kronsbein und Langner, beide noch Schüler des legendären Josef Herberger, hatten jenem harten Kern von etwa 100 Trainern unter insgesamt 1100 angehört, die bis heute auf der Sporthochschule ein Diplom erworben haben, das auch berechtigt, Bundesligaklubs zu trainieren. Die wirkliche Eignung hing vom Spielglück ab:
Wer siegte, bekam Gehaltserhöhungen, wer verlor, flog raus. Doch meist ersetzte ein Entlassener einen Entlassenen. Insgesamt feuerten die Bundesligaklubs schon 99 Trainer. In der ersten Bundesligasaison 1963/64 stürzten drei Fußball-Lehrer, 1967/68 schon sieben. In den letzten beiden Spielzeiten bekamen acht Trainer vorzeitig ihre Papiere, in der laufenden Spielzeit scheiterten schon sieben Fußballpauker mit Gehältern zwischen 6000 und 30 000 Mark.
Gerade die Bremer griffen schon sechsmal zum "bedauerlichen Mittel" (Werder-Manager Rudi Aussauer). Auch Fritz Langner springt bereits zum zweitenmal bei Werder ein. 1967 hatte er den Klub als Tabellenvorletzten übernommen und ihn bis zum Saisonende auf den 2. Platz gehievt.
Grund genug für Werder Bremen, nach dem entlassenen Wolfgang Weber, 35, den drei Jahrzehnte älteren Retter von 1968 einzustellen. In Notzeiten holten die Bremer oft Trainer im Rentenalter.
Fritz Rebell, damals 64, schlief meist ein, wenn die Sonne im Spiel mal zu warm auf die Trainerbank schien; außerdem verwechselte er oft die Spieler. Willi Multhaup, 1965 mit Werder noch Deutscher Meister, sollte 1970 -mittlerweile selber fast 70 -- die Abstiegsgefahr bannen. Er gab schnell freiwillig auf.
1976 versuchte es Werder Bremen mutig mit einem jüngeren Trainer, dem früheren Nationaltorwart Hans Tilkowski, 41. Doch er trainierte nur einen Winter und einen Sommer. Manager Rudi Assauer, einst in Dortmund Mannschaftskamerad von Tilkowski, drillte die Mannschaft selber weiter. Da er jedoch kein Trainerdiplom für Bundesligamannschaften besaß, verpflichtete er den Diplomtrainer Fred Schulz, 74, als Strohmann. Nach ein paar Spielen setzte sich Schulz, als er seine Rolle begriffen hatte, nicht mehr auf die Bank. Aber Werder kam noch einmal davon.
Assauers nächster Trainerkandidat hieß Wolfgang Weber, der als Nationalspieler 53mal für Deutschland gespielt hatte. Den Trainerlehrgang hatte er mit "sehr gut" absolviert. Doch auch er hielt sich nur anderthalb Spielzeiten. Als Werder ein Heimspiel gegen den ebenfalls abstiegsbedrohten TSV 1860 München 4:6 verlor, forderten die Zuschauer den üblichen Tribut: "Weber, raus]"
Werder reagierte. Nun erinnerten sich die Bremer an ihren bislang "besten alten Mann", so der ehemalige Werder-Kapitän Horst-Dieter Höttges.
"Ich bin kein Strohmann", versicherte Langner den Spielern. "Sobald ich hier den Durchblick habe, kann sich Rudi Assauer ins Büro zurückziehen." Krummbeinig, und ziemlich wacklig auf den Füßen, nörgelte der alte Herr S.231 bald über faule Spieler: "Mein Gott, der Kerl läuft ja im Stehen]"
Das Vorturnen beim Training und die Kommandos von der Trainerbank beim Spiel überläßt der Rentner dem jungen Manager. Neben dem Trainer sitzt, auf Wunsch von Frau Langner, Werders Mannschaftsarzt und kontrolliert den Puls.
Der Einstand für Langner bei Werder jedoch verlief ebenso wie für Kronsbein bei Hertha keineswegs aufmunternd. In Stuttgart verlor Langners "Werder-Truppe" 1:5. Doch die ersten Heimspiele brachten Siege und der Alte Fritz frohlockte: "Absteigen werden andere."
Jüngeren Trainern jedenfalls ist der Einstieg ins Bundesligageschäft bisher selten gelungen. 1978 wurde der 1. FC Köln Deutscher Meister, trainiert von Hennes Weisweiler, 58. Letztes Jahr holte der Hamburger SV den Titel, sein Trainer Branko Zebec zählte auch schon 49 Jahre.
Weisweiler, mittlerweile 60, und Zebec kämpfen auch derzeit um den Titel. Auch im Ausland erfolgt der Rückgriff auf die Trainer-Opas. Der FC Barcelona verpflichtete unlängst den Altmeister Helenio Herrera, 64, der vor mehr als 20 Jahren jenen Abwehrriegel namens catenaccio einstudierte, nach dem sich noch heute Italiens Spitzenfußball richtet.
Von 17 entlassenen Trainern seit 1978 in der Bundesrepublik versahen zehn ihren ersten Bundesligajob.
Vielen "fehlte der Mut zur Offensive", kritisiert Weisweiler die Jungtrainer. "Der verlor zuviel und redete zu wenig", warf der Duisburger Spielmacher Kurt Jara seinem jungen Trainer Heinz Höher vor. Höher wurde beurlaubt. Auch Eintracht Frankfurt will den Vertrag mit dem jungen Trainer Friedel Rausch nicht verlängern. Grund: fehlende Reife.
Der mittlerweile ebenfalls ausgediente Max Merkel, 61, spottete: "Obwohl die Fußballbundesliga stark verjüngt worden ist, sieht sie sehr alt aus."

DER SPIEGEL 12/1980
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