17.03.1980

EISKUNSTLAUFGeschenkt wird nichts

Nachdem die Dortmunderin Dagmar Lurz letzte Woche abgetreten ist, läuft im bundesdeutschen Eiskunstlauf nichts mehr.
Vom Pflichttraining kommend, traf Dagmar Lurz, 21, vor dem Dortmunder Eisstadion schon wieder auf einen Photographen. Sie fluchte leise und flüchtete hinter den Rücken ihres schmalschultrigen Freundes.
Dabei war der Knipser nur ein Schmalfilm-Amateur, der aus bescheidener Distanz seine Kamera hinhielt. Der Dortmunder Rentner wird nun seiner Salzgebäck-Runde die Eisdame so S.233 präsentieren, wie sie sich auf Kufen oft gezeigt hat: ein bißchen muckschig.
Künftig werden die Photographen Dagmar Lurz in Frieden lassen. Vorige Woche, bei der Eiskunst-Weltmeisterschaft zu Hause in Dortmund, ging ihre Karriere zu Ende, die neben fast belanglosen deutschen Meisterschaften international von Zweit- und Drittplacierungen gekennzeichnet war, aber zum Schluß doch noch die größte Anerkennung brachte. 1980 gewann Dagmar Lurz ihre einzige Olympiamedaille, in Bronze.
Die WM war ein Championat der Aussteiger. Nicht nur Dagmar Lurz trat ab, auch für Jan Hoffmann aus der DDR und für den britischen Olympiasieger Robin Cousins war es der letzte große Auftritt. Das sowjetische Superpaar Irina Rodnina und Alexander Saizew kam wegen einer Verletzung ohnehin nur noch zum Schaulaufen.
Weltmeisterschaften im Olympiajahr sind sportlich nur noch Anhängsel, und daß sie in Dortmund für die Veranstalter dennoch zum größten Meisterschafts-Geschäft wurden, war der einheimischen Lurz und ihrer Bronzemedaille aus Lake Placid zu verdanken.
16 Jahre lang ist Dagmar Lurz auf dem Eis gewesen, "bis auf sonntags", seit ein Onkel, selbst ehemaliger Läufer, dem stillen Mädchen und der Familie eingeredet hatte, daß aus ihr was werden könnte. An die Zeit ohne Schlittschuhe kann sie sich nicht mehr erinnern, da war sie Kleinkind. Fünf, mitunter bis zu sieben Stunden hat sie später täglich trainiert, zuletzt bei dem autoritäreren, manchmal polternden Bundestrainer Erich Zeller, der sie nach eigenem Urteil zur "technisch besten Läuferin der Welt" ausbildete.
Aber das hat, aufs Ganze gesehen, auch nicht ausgereicht. Immer wieder mußte sich das Arbeiterkind aus dem Ruhrgebiet anhören, daß sie keine Ausstrahlung habe -- was immer das auch sein mag. Zuschauerliebling war sie allenfalls in Dortmund, und die Preisrichter haben sie manchmal ganz offenkundig benachteiligt. "Warum der Amerikaner in Lake Placid mir eine 5,1 gab, hab' ich bis heute nicht verstanden", sagt sie. Die Höchstnote ist 6,0, und alle anderen Preisrichter gaben ihr 5,4 bis 5,6.
Daß sie die deutschen Meisterschaften im Abonnement gewann, schien ihr zum Schluß selbstverständlich, und als sie -- im Januar -- gegen ein Gör von 14 Jahren in Schwierigkeiten kam, hätte sie fast resigniert: "Nach einer Niederlage hätte ich sofort aufgehört."
Die Frage hatte sich öfter gestellt, zum Beispiel 1973 nach einem schweren Autounfall. Damals "habe ich mir überlegt, daß ich weiter nur zur Schule gehen wollte", denn "für den Sport gibt mir später keiner was".
Und statt nach der mittleren Reife beim Onkel ins Malergeschäft einzusteigen ("der hätte mich doch nur aufs Eis geschickt"), wechselte sie zum Dortmunder Mallinckrodt-Gymnasium, einer katholischen Klosterschule, geführt von Ursulinen-Schwestern. Da wurden die Mädchen schon mal heimgeschickt ("Zieh dir erst mal eine Strickjacke an"), weil sie im Sommer nur ein T-Shirt anhatten.
Nach einem 2,4-Abitur bekam sie, trotz Numerus clausus, sogar einen Medizin-Studienplatz in Köln. "Das erste Semester war schlimm", sagt sie, 52 Wochenstunden habe sie gebüffelt.
Das paßt zur Vita des Mädchens aus dem Revier -- Vater bei Hoesch am Hochofen, Mutter hilft in einer Bäckerei. Und ein bißchen Legende ist auch dabei: Daß Mutter Lurz nach der Schule immer mit dem Henkelmann wartete, damit ihr Kind auf dem Weg ins Eisstadion nicht zuviel Zeit verlöre, ein Proletarierkind auf dem Weg nach oben, geschenkt wird nichts.
Nach all den Jahren der Plackerei fände es Karl-Heinz Lurz deshalb nur normal, wenn die Tochter nun einen Revue-Vertrag akzeptieren würde: "Wenn du da in einem Jahr soviel verdienen kannst wie andere in ein paar Jahren, mach das."
Aber sie will nicht; allenfalls mal ein Schaulaufen. Wichtiger ist ihr eine neue Karriere, möglicherweise als Krankenhausärztin.
Nach dem Ausscheiden von Dagmar Lurz wird der bundesdeutsche "Eissprunglauf" (Trainer Zeller) wieder ins Mittelmaß absinken. Das letzte Paar von internationalem Format läuft zwar noch, aber beim Eiszirkus: Kilius/ Bäumler, Veteranen von 1964.

DER SPIEGEL 12/1980
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