17.03.1980

Auftritt der Bankiers: Die Medici

Mit einer Million Besuchern im nächsten Vierteljahr rechnet die Stadt Florenz für die am letzten Samstag eröffnete Monumentalschau „Florenz und die Toskana der Medici im Europa des 16. Jahrhunderts“. 3500 Kunstwerke, auf neun Ausstellungsplätze verteilt, belegen Glanz und Niedergang der Herrscher aus Bankiersgeschlecht.
Der Alleinherrscher könnte sich zu Hause fühlen.
Im Florentiner Palazzo Vecchio ist vieles wieder, wie es war, als Cosimo de''Medici, erster Großherzog von Toskana, in dem trutzigen Bauwerk residierte. Möbel und Statuen, die im 16. Jahrhundert da standen, Teppiche und Gemälde, die damals die Wände schmückten, sind an ihrem alten Platz -- so eine kühne Kulturpolitiker- und Kunsthistoriker-Vision, die sich freilich bei der Vorbesichtigung Ende letzter Woche in einem Chaos unausgepackter Kisten und verhüllter Bildwerke nur mit viel Phantasie nachvollziehen ließ.
Der Palazzo, einst und jetzt bürgerlich-republikanisches Rathaus, dazwischen aber Wohn- und Amtssitz von Monarchen, lädt, wenn erst alles an seinem Platz steht, zu einem Trip in die Vergangenheit ein: Zentrum einer vielteiligen Ausstellung, deren Veranstalter bis Mitte Juni eine runde Million Besucher erwarten: "Florenz und die Toskana der Medici im Europa des 16. Jahrhunderts".
Das Großunternehmen mit 3500 Kunstwerken aus 21 Ländern faßt ein Stück europäischer Vergangenheit auf höchster gemeinsamer Ebene ins Auge. Als 16. Ausstellung in einer Reihe, die, seit 1954, im Namen des Europarats von nationalen Instanzen organisiert wird, soll sie die "kulturelle Einheit" des Kontinents bekräftigen.
Florenz und seine zielstrebigste Aufsteiger-Sippe, die diesmal das Lehrbeispiel abgeben, präsentieren sich dabei prunkvoll und aktiv, einflußreich und anregend für ihre Mitwelt, keineswegs aber von ihrer strahlendsten Seite.
Nicht als Geburtsort der Frührenaissance, die von den Medici des 15. Jahrhunderts mäzenatisch beschirmt worden war, steht Florenz zur Schau und zur Debatte, sondern in einem Zustand von Krise, Unsicherheit und schließlich Niedergang.
1520, im Todesjahr Raffaels, mit dem die Aussteller ihr Epochenbild beginnen lassen, war jener Zustand von Harmonie, die klassische Renaissance-Einheit von Natur und Ideal, wie die Gemälde dieses Künstlers sie einen Moment lang verwirklicht zu haben schienen, für ganz Europa bereits gründlich in Frage gestellt. In England hatte Thomas More seine radikale Gesellschaftsutopie geschrieben, in Florenz Machiavelli seinen pragmatischen Fürsten-Führer, in Deutschland rebellierte Luther gegen die Kirche. Unterdessen saß freilich auf dem Papstthron ein Medici, Leo X., dem das wenig bedeutete.
Seine Wahl 1513 hatte den bis dahin größten Triumph der strebsamen Bankiersfamilie bedeutet. Ihre Hauptfiguren S.239 während des 15. Jahrhunderts waren zwar schon zu dynastengleichen Stadtregenten aufgestiegen, doch -unter einer de jure republikanischen Verfassung -- stets nur auf Widerruf.
1531 dann wurde jedoch durch Gunst des Kaisers und eines zweiten Medici-Papstes, Clemens VII., dessen mutmaßlicher Sohn Alessandro de''Medici als Herzog von Florenz eingesetzt. Sein Nachfolger Cosimo machte Eroberungen, baute die Toskana zum modernen Flächenstaat aus, verschaffte sich den Titel eines Großherzogs und sicherte definitiv (bis zum Aussterben der Medici im 18. Jahrhundert) die Erblichkeit der Herrschaft. Die Bankiers hatten den Thron erobert.
Pietätvoll ließen die Erben zwar postume Bildnisse der großen Medici aus dem vorausgegangenen Jahrhundert malen -- Cosimo den "Alten" und Lorenzo den "Prächtigen". Aber die Künstler, die damit beauftragt wurden, die Manieristen Jacopo da Pontormo und Giorgio Vasari, waren nicht mehr von Renaissance-Idealen beherrscht.
Sie wollten, so der römische Kunsthistoriker und Ex-Bürgermeister Giulio Carlo Argan, von einer "dogmatischen Wahrheit" zu einer "inneren Spannung auf eine unbekannte Wahrheit hin" vordringen. Und aus solchem Bewußtsein der Unsicherheit, besagt die Grundthese der Ausstellung, sei die europäische Moderne entstanden.
Vasari, zugleich der Vater der Kunstgeschichtsschreibung, hatte für Großherzog Cosimo viele Räume im S.242 Palazzo Vecchio zu dekorieren. Für Francesco, den Sohn und Nachfolger dieses Herrschers, entwarf er, noch zu dessen Lebzeiten, ein lichtloses Studierzimmer mit kompliziertem Gemäldeprogramm, das erst nun, wie die Florentiner Veranstalter versichern, wieder nach dem Urplan angeordnet sein soll -- ein Hauptstück jedenfalls für jene Teilausstellung, die den Medici als Auftraggebern und Sammlern gilt.
Den "Primat der Zeichnung" in der Florentiner Kunst des 16. Jahrhunderts postuliert weiter eine Schau im Palazzo Strozzi, dem Stadthaus einer mit den Medici rivalisierenden Familie. Erklärtermaßen greift sie über die Kunst des Hofes auf die der ganzen Stadtgesellschaft hinaus und legt so die Frage nahe, ob nicht insgesamt die Bedeutung just der Sippe Medici für Europa etwas übertrieben wird.
Für den beflissenen Besucher ist damit freilich noch kein Ende abzusehen. An weiteren sieben Schauplätzen werden unter anderem Architektur und militärische Planung ("Macht und Raum"), die "Wiedergeburt der Wissenschaft" und mit dem "Auftritt des Fürsten" die Theaterszene des Cinquecento dokumentiert. So brachten Archivfunde erstmals ans Licht, daß neben dem Hoftheater schon 1576 in Florenz auch eine Komödienbühne existierte, für die man Eintritt zahlte.
Auch hier hatte der allgegenwärtige Großherzog seinen Platz. Selber ungesehen, konnte er aus einem Geheimgemach dem Schauspiel beiwohnen.
S.238 Postumes Porträt von Jacopo da Pontormo. * S.239 "Lavinia am Altar" von Mirabello Cavalori. * S.242 Reiterdenkmal von Giovanni Bologna in Florenz. *

DER SPIEGEL 12/1980
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