17.03.1980

FERNSEHENVorläufige Niederlagen

„1848“. Dreiteilige Dokumentarspiel-Reihe von ZDF, SRG und ORF. 17. März, 21.20 Uhr: „Der Galgensteiger“. 20. März, 22.05 Uhr: „Die Paulskirche“. 23. März, 20.15 Uhr: „Feuer]“.
Diese Woche wird es ernst: Drei Abende lang erteilt die ehrgeizige Dokumentarspiel-Abteilung des ZDF Nachhilfe in Demokratie-Geschichte. Thema: die bürgerliche Revolution von 1848, und zwar, wie die Mainzer S.245 stolz melden, erstmals "aus supranationaler Perspektive".
Will sagen: Mit kräftiger ZDF-Unterstützung haben der österreichische und der schweizerische Rundfunk je ein Teilstück zu einer Trilogie beigesteuert, die den Umsturz in den drei deutschsprachigen Ländern abhandeln und, so das ZDF, durch den Blick "in gute Vergangenheit der Gegenwart beruhigende Kontinuität" geben soll.
Den ersten Auftritt in diesem Spiel ohne Grenzen haben die Schweizer -in Übereinstimmung mit der historischen Chronologie: Als nämlich in Berlin und Wien im Frühjahr 1848 auf Barrikaden gekämpft wurde, konstituierte sich die Schweiz bereits neu als Bundesstaat.
Erster Nationalratspräsident wurde Rudolf Steiger, ein ehemaliger Armendoktor aus Luzern, der 1845 mit einem Umsturzversuch in seiner Vaterstadt den Auftakt zur "Revolution" eidgenössischer Machart gegeben hatte.
Den Aufstieg dieses gescheiterten Revoluzzers, dem schon der Galgen sicher schien, malt der Schweizer "1848"-Beitrag "Der Galgensteiger" (Buch Andre Kaminski, Regie Xavier Koller) in arg behäbiger Bilderbogen-Manier: Die importierten DDR-Stars Hilmar Thate und Angelica Domröse müssen sich mit markigen Politparolen plagen, die eidgenössischen Komparsenscharen sorgen für pittoreskes Schlachtgetümmel.
Mit Pulverdampf und Barrikaden wartet auch das "1848"-Teilstück aus Österreich auf, doch den Auftrag zu belehrender Geschichtsschreibung haben Thomas Pluch (Buch) und Reinhard Schwabenitzky (Regie) mit List unterlaufen: Der Held ihres Films "Feuer]" ist weniger Macher als Opfer der großen Ereignisse.
Historisch belegt ist dabei nur der Ausgangspunkt der Geschichte: Der Wiener Hofburg-Oberfeuerwerker Pollet weigerte sich am 13. März 1848, die Kanonen seiner Batterie auf heranstürmende Demonstranten abzufeuern.
Die Flucht des Staatskanzlers Metternich und seines Kaisers, der Rausch des Lumpenproletariats auf den Barrikaden und das Ende vor den Erschießungspelotonen des Fürsten Windischgrätz geben nur die historische Kulisse ab, vor der sich das (erfundene) Schicksal eines unfreiwilligen Revolutionshelden abspielt:
Pollet wird von engagierten Revolutionären wie von berechnenden Mitläufern benutzt, gefeiert, weitergereicht, doch nie verstanden -- und Kurt Weinzierl macht daraus eine glaubhaft menschliche Figur, durch die Schulbuch-Historie als Geschichte von Menschen erkennbar wird.
Die Mainzer selbst hatten weit Erhabeneres im Sinn, nämlich "den Inhalt, den Gehalt von Texten in die Köpfe von Zuschauern zu bringen". Dazu hat Regisseur Carlheinz Caspari ein schon 1973 zur 125-Jahr-Feier des Paulskirchen-Parlaments entstandenes Lesebühnen-Szenarium von Walter Boehlich auf den Bildschirm gebracht, das in streng dokumentarischen Ausschnitten Rede an Rede reiht. Das wird in gepflegter Diktion vordeklamiert, und eine akademische Gebrauchsanweisung dazu liefert der Geschichtsprofessor Lothar Gall im Biedermeierkostüm. S.246 Dem Zuschauer-Appeal dieses Exerzitiums in politischer Rhetorik können die "1848"-Planer in Mainz selbst nicht sehr getraut haben: Sendebeginn ist 22.05 Uhr.
"Kommendes kündigt sich in den vorläufigen Niederlagen nur um so mächtiger an" -- so das ZDF zur groß gedachten "1848"-Unternehmung. Zu Geschichts-Erkenntnis, gar aus "supranationaler Perspektive", mag es nicht reichen, aber doch auch zu Erkenntnis: Aus der Schweiz eine vaterländische Kostüm- und Phrasen-Parade, aus Österreich das Hohelied des "apolitischen" kleinen Mannes, aus Deutschland lupenreiner Schulfunk in Starbesetzung -- so, ganz unter der Hand, tun die drei "1848"-Stücke kund, wie Nationalmentalität das nationale Geschichtsbewußtsein färbt.
S.246 Vorn: Hilmar Thate als Steiger. *

DER SPIEGEL 12/1980
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