17.03.1980

BÜCHERFair zu Karla

John le Carre: „Agent in eigener Sache“. Deutsch von Rolf und Hedda Soellner. Hoffmann und Campe; Hamburg; 448 Seiten; 34 Mark.
Daß John le Carre noch einmal auf George Smiley zurückkommen würde, war zu erwarten. Man kennt ja die Geschichte, wie Conan Doyle seinen Sherlock Holmes nicht loswurde. Und schließlich hatte auch der Carre-Holmes seinen Moriarty noch nicht geschafft.
Noch einmal also kommt Smiley, der melancholische Mastermind des "Circus", des britischen Geheimdienstes, aus dem Ruhestand zurück. Noch einmal putzt er die Brillengläser mit dem Krawattenzipfel und zieht zum Kampf mit seinem großen Gegenspieler "Karla", dem sowjetischen Spionage-Chef, der ihm einst einen "Maulwurf" in den Circus pflanzte.
Es könnte nun allerdings wirklich das letzte Gefecht gewesen sein -nicht so sehr wegen seines Ausgangs, sondern weil der Autor diesmal doch deutliche Ermüdungserscheinungen zeigt.
Gewiß, manche der Qualitäten, die Romane des Anti-Bond und Beinahe-Greene John le Carre (vom unvergessenen "Spion, der aus der Kälte S.248 kam" über das Meisterwerk "Dame, König, As, Spion" bis zum überraffinierten "Eine Art Held") so spannend und mehr als spannend machten, finden sich auch im neuen Buch wieder.
Was uns Smiley und seinen Autor, diesen englischen Ex-Diplomaten mit spezieller Deutschland-Erfahrung und allerhand Agentenmenschenkenntnis, interessant und lieb gemacht hat -- die sinistre Skurrilität der Circus-Welt etwa, die Skepsis gegenüber Ratio und Moral des ganzen Geheimgewerbes vor allem --, das bietet auch der "Agent in eigener Sache", im Original "Smiley's People".
Nachgelassen jedoch haben, wir registrieren es bekümmert, die Kraft und Phantasie des Fabelkonstrukteurs und Spannungskünstlers le Carre.
Zu salopp manchmal wechselt und klittert er hier die Erzählperspektiven. Die Intrige, bei der es zunächst um die Einschleusung einer Sowjet-Agentin in russische Emigrantenzirkel zu gehen scheint, bleibt an Raffinesse hinter den Plots seiner früheren Romane zurück. Der Knoten, den er diesmal schürzt, löst sich zu leicht, am Ende auch so rasch, als sei der Erzähler seiner Arbeit überdrüssig geworden.
John le Carres Talent, Figuren und Milieus mit wenigen, oft schön extravaganten Strichen zu zeichnen, Atmosphäre zu inszenieren, leistet nach wie vor Bemerkenswertes -- ob es sich da um schäbige Exil-Existenzen, neblige Londoner Vorstädte oder (wieder mal) einen Showdown an der Berliner Mauer handelt.
Gern lesen wir, zum Beispiel, von der "melancholischen Herbstpracht an den gold-orangenen Ufern der Alster". Oder, gut amüsiert, wie Smiley in Hamburg, dieser "eleganten Hafenstadt, die ihre flatterhafte Seele unter einem Mantel von Englischtümelei verbarg", die "Spielzeugläden für Millionärskinder" wahrnimmt und seinen Leih-Opel in einer "mit gedämpfter Beethovenmusik berieselten Tiefgarage" abstellt.
Und doch: Das neuerliche Remake der Circus-Mythologie, die Reprise der vertrauten Carre-Philosopheme über fadenscheinigen Glanz und fundamentales Elend des Spionagewesens, über Loyalität und Verrat und ewig-"englisches Kuddelmuddel" -- sie schmecken nun doch schon etwas aufgußdünn.
Zu oft auch gibt der Autor seinem Hang zu pompöser Rhetorik nach. Und zu oft verkündet, kommentiert er platterdings, was man sich erzählerisch entfaltet gewünscht hätte: "Zum erstenmal in seiner beruflichen Laufbahn lag Smiley in Führung vor seinem alten Gegenspieler. Andererseits hatte dieser Gegenspieler jetzt ein menschliches Gesicht von bestürzender Klarheit angenommen ..."
Smileys Widerpart Karla, so stellt sich am Ende heraus (und man verrät kaum noch zu viel, wenn man es hier S.249 mitteilt), ist "kein hemmungsloser Fanatiker", kein roter Roboter, sondern ein Mensch in seinem Widerspruch, dem im Kampf der Systeme "ein Übermaß an Liebe" zum Verhängnis wird, Vater- vor Vaterlandsliebe.
Dieses Ende, das der Sieger Smiley ohne Triumphgenuß erlebt, spricht gewissermaßen für die ideologische Fairness des Spionageromanciers le Carre. Die Schwächen des Romans, seines neunten, kann es nicht wettmachen.
John le Carre, nun 48, scheint die Figur und die Welt seines Helden erschöpft zu haben. Mehr können "Smiley's People" wohl nicht hergeben, der Autor wird sich andere suchen müssen.
Seine deutschen Fans dürfen sich inzwischen immerhin auf einen exzellenten Fernseh-Smiley freuen: Alec Guinness in der siebenteiligen englischen TV-Serie nach "Dame, König, As, Spion", voraussichtlich noch in diesem Jahr im ZDF. Rolf Becker
Von Rolf Becker

DER SPIEGEL 12/1980
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