17.03.1980

FILMSizilianischer Heiland

„Palermo oder Wolfsburg“. Spielfilm von Werner Schroeter; Deutschland 1980; Farbe; 175 Minuten.
Seine verzückten Verrückten, sein mythenträchtiger Schmuddelkintopp und seine filmischen Prunkgebäude aus lauter Kulturmüll waren jahrelang die wichtigste, anregendste Spielart der ästhetischen Avantgarde.
Er machte Hehres banal und Triviales zur Manifestation großer Gefühle, er komponierte ekstatische, schönheitstrunkene Bilderorgien zu schmachtendem Schlagergeplärre und schmetterndem S.252 Opernpathos; er wußte echte Ergriffenheit, schillernde religiöse Erlebniswelten oder den hochdramatischen Faltenwurf zu intonieren, ironische Brechungen, süffisanten Humor, hemmungslosen Manierismus.
Viel kopiert, dabei weniger als andere geehrt und gefördert, blühte Werner Schroeters Ruhm lange im verborgenen. Nun wird plötzlich so viel, so schwelgend und immer öfter mit retrospektivem Blickwinkel über ihn geschrieben, daß er selber darüber skeptisch werden müßte.
Denn seit "Neapolitanische Geschwister" (1978), einer Art "1900" im Hinterhof, stellt Schroeter seine anarchische Filmästhetik in den Dienst konkreter Handlungen, traditionellen Erzählkinos. Damit reduziert er den phantastischen Assoziationsreichtum seiner theatralischen Wechselbäder und setzt sich Vergleichen aus.
"Palermo oder Wolfsburg", bei der Berlinale mit dem höchsten Preis, dem Goldenen Bären, ausgezeichnet, erinnert an Fassbinders "Katzelmacher" und an Herzogs Kaspar-Hauser-Film "Jeder für sich und Gott gegen alle", auch an Viscontis "Rocco und seine Brüder" sowie Pasolinis "Accattone".
Schroeter erzählt die Geschichte eines sizilianischen Jungen, der seine Heimatstadt verläßt und in Westdeutschland Arbeit sucht. Der naive Träumer verliebt sich in ein schönes, schroffes Mädchen; gedemütigt und verstört, sticht er zwei Nebenbuhler nieder und wird vor Gericht gestellt.
Das Melodrama, voll programmatischer Stilbrüche, gliedert sich deutlich in drei Teile, die im sizilianischen Palma di Montechiaro, in Wolfsburg und im Gerichtssaal spielen: ein ganz und gar unausgewogener Beitrag zum Gastarbeiterproblem, ein flammendes Plädoyer für einen Märtyrer des reinen Herzens im Lande der erkalteten Seelen, ein Nord-Süd-Triptychon.
Palermo oder Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn. Eine Laiengruppe spielt die Passion. Die Jungen beim Musikunterricht üben das hohe C. Eine dicke Frau im Unterrock schimpft auf die Straße herunter, genüßlich und herzerfrischend. Die Atmosphäre ist geschwängert mit Musik, Opern, Schlagern, Volksliedern, und die sizilianische Sonne taucht selbst die Armut und die leise Melancholie des Dorfes in mildes, warmes Licht.
Schroeter illuminiert eine Hommage an seine zweite Heimat, voller Verständnis, Liebe, Achtung, Trauer und fast dokumentarisch. Er führt den schönen, traurigen Nicola vor und seine Familie, seine Freunde. Arbeitslosigkeit, Debatten über die Sklaverei nördlich der Alpen, gute Ratschläge, mediterraner Katholizismus. Die Landschaft ist lieblich, und Nicola reitet aus, sanftmütig auf einem Esel ...
Wolfsburg oder Deutschland, ein Wintermärchen. Der zarte Candide aus dem Mezzogiorno in der fahlen Kälte der VW-Stadt. Gleich auf dem Bahnhof die erste Zurechtweisung. Er wird herumgestoßen, angepöbelt. Er versteht die Sprache und die Menschen nicht.
In einem Vierbettzimmer kommt er unter. Durchs Fenster dringt das peinigende, stampfende Geräusch der Werkhallen. Die kaputte urbane Landschaft ist wie stigmatisiert von einem Brandzeichen in Neon: "VW".
Der Prozeß oder Die verlorene Ehre des Nicola Zarbo. Auch das schöne blonde Mädchen war nur eine Ausgeburt dieser klammen Hölle. Seit dem Mord ist Nicola in mysteriöse Trance verfallen und spricht kein Wort mehr; der Prozeß rauscht wie ein grotesker Mummenschanz an ihm vorbei.
Eine italienische Hure und Kneipenbesitzerin hat einen großen Opernauftritt: "Ihr versteht uns nicht", wirft sie dem Gericht vor, "so wie wir euch nie verstehen werden. Euer Land ist ohne Wärme, Licht, Sonne, Gespräche, Menschlichkeit." Aber es sei sozialhygienisch dem unterentwickelten Süden weit voraus, gibt ein rechtschaffener Beisitzer zu bedenken.
Nicola hat derweil bizarre Visionen: Richter und Zeugen werden zu Horrorfiguren, kreischen und grimassieren schauerlich.
Dazwischen blüht die Erinnerung an die Heimat wieder auf: das Passionsspiel, die Kirche seines Heimatortes, eine Prozession, der Ritt auf dem Esel ... Bilder von poetischer Kraft, trotz der überanstrengten Stilisierung des Helden, dem ab und zu eine Träne durchs stumme Antlitz rinnt, zum Heiland, zur apathischen, anklagenden Ikone.
Das Risiko, den Doppelmord unmotiviert aus einem vagen atavistischen Ehrgefühl und fast gleichgültig sich ereignen zu lassen, kann sich Schroeter leisten, auch die Verzerrung der trauernden Mütter zu Witzfiguren oder die laienhafte Prozeßführung: Wer fragt schon in einem hitzigen, emotionalen Pamphlet nach Wahrscheinlichkeit und rationaler Argumentation?
Schroeter hat sich ein gewichtiges Thema vorgenommen, liefert dazu aber nur Klischees, ob er nun süditalienisches Elend verklärt oder westdeutsche Ödnis verteufelt. Der Film verheddert sich in konventioneller Dramaturgie. Oft sind die Bilder (Kamera: Thomas Mauch) viel sprechender, überzeugender als die Figuren, die Dialoge.
Was außerdem stört, sind stilistische Brüche. Laiendarsteller, die hölzern ihre Texte herbeten, wirken laienhaft. Magdalena Montezuma, ein schriller, exotischer Vogel mit Allüren von antikem Zuschnitt, muß als Verteidigerin seitenlang kreuzbrave Plausibilitäten rezitieren: Die Tragödin als Moderator, das wird quälendes Schülertheater.
Und Sentimentalität, die nicht als zitierte Pose umkippt, vielmehr verstärkt wird durch die Anteilnahme des Zuschauers an einer realistischen Geschichte, wird larmoyant. Früher war der Kitsch ein bevorzugtes Sujet von Schroeters ambivalenten Filmopern -- nun rutscht er selber, unfreiwillig, in die Trivialität. Wolf Donner
S.249 Mit Brigitte Tilg und Nicola Zarbo. *
Von Wolf Donner

DER SPIEGEL 12/1980
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