17.03.1980

FILMEine Sache des Geldes

„... und Gerechtigkeit für alle“. Spielfilm von Norman Jewison; USA 1979; Farbe; 119 Minuten.
Es geht um einen von Al Pacino gespielten US-Anwalt namens Arthur Kirkland, um einen jungen Strafverteidiger, der sich, so Regisseur Norman Jewison, "wirklich für die Wahrheit und für die Gerechtigkeit einsetzt". Die inoffizielle Premiere des Films für die Bundesrepublik fand in der vergangenen Woche hautnah statt -- nämlich in "Santa Fu", in der Hamburger Strafanstalt Fuhlsbüttel.
Wo gibt es für den Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit ein so sachverständiges Publikum wie in "Santa Fu"? In "Santa Fu" ist unlängst ein Häftling in Untersuchungshaft gekommen, weil er einen Mithäftling erschlagen haben soll. Gegen vier Angehörige des Aufsichtsdienstes von "Santa Fu" wird derzeit ermittelt: Sie sollen Alkohol an Häftlinge verkauft haben, die Flasche Whisky zu 150 Mark. Und die 65 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilten Männer, die zur Zeit in "Santa Fu" einsitzen ...
"Santa Fu" -- das ist Hauptkampflinie, das strotzt vor Werbeträchtigkeit, wer hier einen Film startet, in dem es um Wahrheit und Gerechtigkeit geht, der hat das Rennen schon gewonnen. Dieter Donner ("Autorenagentur und Medienberatung"), der den Film für die Warner-Columbia betreut, muß geschnurrt haben wie ein Kater im Sahnebad, als ihm die Organisation dieses Spektakels gelungen war.
Berichte in der Hamburger Presse, im NDR, auch das Fernsehen fehlt mit NDR-Nordschau und ZDF-Länderspiegel nicht. Ah, das ist Promotion, vielleicht schafft man es noch, daß andere Strafanstalten nachziehen: Wie wäre es mit einer Vorstellung im Hochsicherheitstrakt in Moabit?
"... und Gerechtigkeit für alle" hat mit Wahrheit und Gerechtigkeit in den Gerichtssälen soviel zu tun wie Bettfedern mit einem Schleifstein. Al Pacino als Strafverteidiger Arthur Kirkland leidet auf das hilfloseste am Unrecht in dieser Welt. Er leidet, leidet und leidet so fabelhaft, daß er für die tatsächlich Leidenden nur das Falsche tun kann.
Seine Verzweiflungsausbrüche sind überwältigend. Einmal demoliert er den Cadillac eines Kollegen, der ihn schlecht vertreten hat.
Daß sich der Verteidiger Arthur Kirkland in einer Strafsache, die ihm so sehr am Herzen lag, nie hätte vertreten lassen dürfen -- kein Thema für diesen Film, in dem es genügt, gegen das Unrecht zu sein. Kein Thema für einen Film, der im hysterischen Geschrei über das Unrecht eine bewundernswerte Aktion wider das Unrecht sieht.
Mit diesem Film soll ein Geschäft gemacht werden. Er spekuliert auf das rüdeste auf das Unbehagen am Urteilen und Strafen, das in den vergangenen Jahren aufgebrochen ist und das sich trotz Rückfällen in die Selbstgerechtigkeit hartnäckig weiter regt.
Mitunter hat man das Gefühl, Norman Jewison könnte wenigstens geahnt haben, vor welchem Stoff er stand. Mitunter spürt man das Röcheln der heißgelaufenen Justizmaschinerie, eines vor der Explosion stehenden Apparats, der nicht mehr bewältigen kann, was alles in ihn hineingestopft wird. Da sitzt etwa der Richter Rayford, gespielt von Jack Warden, in der Verhandlungspause auf dem Sims über der Straßenschlucht und verzehrt sein Frühstück -- ein Mann, der zerbrochen ist, ein Selbstmordkandidat, der noch richtet, während er längst den Stab über sich selbst gebrochen hat.
Doch dergleichen flackert nur auf. Von der Welt, in der eines Tages die eine Hälfte der Menschen über die andere Hälfte zu Gericht sitzen und sie aburteilen und einsperren wird, handelt dieser Film nicht. Al Pacinos Strafverteidiger Arthur Kirkland läßt sich zu einer Verteidigung erpressen -- und er zerbricht an diesem Mandat. Kreischend verlangt er die Verurteilung des Mannes, für den er eintreten sollte, es ist eine Schande.
Vor allem ist es schändlich, so etwas Strafgefangenen vorzusetzen. Natürlich hatte man ein Alibi: Anschließend durften die Inhaftierten diskutieren. Einen Strafverteidiger, zwei Strafrichter, einen Oberstaatsanwalt und sogar einen Universitätsprofessor hatte man herbeigeschafft. Und da ging es nun um die Gerechtigkeit und darum, was sich dieses sachverständige Publikum darunter vorstellt. Es ist brav diskutiert worden, niemand wurde laut, wie wäre das nach so viel Hysterie auf der Leinwand auch möglich gewesen?
Ob Gerechtigkeit auch "eine Sache des Geldes" sei, wurde erwogen. Sorgsam Dosiertes hörte man. Einer, der seit siebzehneinhalb Jahren einsitzt, sagte: "Ich glaube, daß wir Ihr Brot sind." Es wußte keiner etwas darauf zu sagen. Die Kriminalität ist in so vieler Hinsicht unser Brot -- auch dadurch, daß sie Ängste nährt, die uns Untätigkeit und Härte gestatten.
Aber die Presse berichtet über die Premiere in "Santa Fu", auch der Rundfunk und sogar das Fernsehen. Die Strafgefangenen haben Gelegenheit gehabt, auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Doch bedarf es wirklich eines so miesen Anlasses, damit sie sich behutsam zeigen dürfen?
Was hätten sie alles zu sagen gehabt, der etwa, der seit siebzehneinhalb Jahren büßt. Hätte er nicht gern über den Brief der katholischen Geistlichen an den Strafanstalten der Bundesrepublik gesprochen, in dem es heißt, daß 15 Jahre unter bestimmten Voraussetzungen genug sind? Und da saß Denis Pecic. Er ist als Häftling an einem Alternativ-Kommentar zum Strafvollzugsgesetz beteiligt, kein Wort darüber.
Aber es ging ja um eine Promotion, um den Start eines Films. Wie stehen sie zur Gerechtigkeit? "Sie ist eine Fiktion", brav, die Dekoration der Promotion-Szene hat Dekoration zu bleiben. Die "fehlende Chancengleichheit ist das Problem", wie klug. So startet man einen Film erfolgreich.
Gerhard Mauz
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 12/1980
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