17.03.1980

SCHALLPLATTENDie Kiste scheppert

Das neue Digital-Aufnahmeverfahren wird als eine Revolution in der Musikindustrie gepriesen.
Eine Show in drei Akten: Zunächst trat das ehrwürdige Cincinnati Symphony Orchestra in der städtischen Music Hall an und spielte, verstärkt um ein Dutzend Blechbläser, brav die Noten.
Dann ließen sich im Glockenturm der nahe gelegenen Stadt Mariemont vier Virtuosen an den Spieltischen nieder und setzten mechanisch und elektronisch ein wildes Geläut in Gang.
Schließlich brachten auf dem Campus des Baldwin-Wallace College in Berea drei Kanoniere des Fünften Virginia-Regiments authentische Haubitzen des vorigen Jahrhunderts in Stellung und feuerten 24 Schuß ab.
Die konzertierte Aktion im US-Bundesstaat Ohio galt einem alten Schinken: Mit symphonischer Hundertschaft, Gebimmel und Böllern huldigte die in Cleveland beheimatete Schallplattenfirma "Telarc" dem Schlachtengemälde "1812" von Peter Tschaikowski.
Mit der bombastischen Vaterlandshymne, die der Russe 1880 zum 25. Thronjubiläum des Zaren Alexander II. komponiert hatte, gelang den amerikanischen Plattenmachern unerwartet ein Volltreffer: Zusammen mit zwei ähnlich lautstarken Tschaikowski-Werken schreckte das Radaustück "1812" alsbald die weltweite HiFi-Gemeinde auf.
Schon auf dem Cover wurden die Käufer der Telarc-Platte 10041 vorgewarnt: Spätestens bei dem Beschuß aus Berea könne der Tonabnehmer aus der Rille tanzen. Tatsächlich hatten die Clevelander das Spektakel in so weitgeschnittene Stereo-Rillen geritzt, daß vor allem superteure Saphire glatt aus der Bahn geworfen wurden.
Doch Telarc ging es bei dem erfolgreichen Ohrenbetäuber, den in Deutschland der Import-Sercive der Teldec vertreibt, weniger um einen Test, wieviel Wuppdich die heimischen Edel-Abtaster verkraften können, ohne verrückt zu spielen, als um ein Stück Zukunftsmusik -- den Einzug des Computers in die Tonaufzeichnung.
Das Echo auf "1812" hat inzwischen die ganze Branche hellhörig gemacht. "Neue Maßstäbe", "einen weiteren Schritt in die Audio-Zukunft der 80er Jahre", jubelt die stets fortschrittsgläubige Teldec. "An Zauberei grenzende Technik", rühmt EMI Electrola. "Jedem, der die Schallplatte schon für tot gehalten hat", raunt der "Guardian", "braucht man jetzt nur ein Wort zuzuflüstern: digital."
Noch vor einem Jahr waren Digital-Schallplatten Mangelware. Nur distinguierte Läden führten sie im Sortiment, oft mehr als doppelt so teuer wie konventionelle LPs. Lieferanten waren meist mittelständische Außenseiter in USA und Fernost. Sie konnten mit der Nachfrage kaum Schritt halten: "Digis" wurden zu Sammlerstücken.
Nun aber hat das digitale Frühlingsrauschen die spektakulären Scheiben schon in die Grabbelkästen einschlägiger Supermärkte gewirbelt, zu nicht mehr überhöhten Preisen. Schon "bis S.260 zu 1500 Stück im Monat wie nichts" setzt etwa der Kölner Verkaufsriese "Saturn" von den digitalen Neulingen ab. Für über 400 Mark trug dort ein rheinischer Klangnarr letzte Woche digitale Kraftpakete zur Kasse: "Sie glauben gar nicht, wie da zu Hause die Kiste scheppert."
Digital verklärt inzwischen der amerikanische Ex-Rocker Stevie Wonder das "Geheime Leben der Pflanzen", wühlt der Inder Zubin Mehta Mahlers spätromantische Symphonik auf, beseelt der Kalifornier Ry Cooder Rhythm & Blues schwarzer Soul-Sänger ("Bop Till You Drop").
Teldec führt Klavierkonzerte von Beethoven, Symphonien von Mendelssohn, das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker und, noch in diesem Monat, die erste Oper ("Fidelio" unter Solti) in Digital-Produktionen vor. Auf neue Bahnen zieht es jetzt sogar den Klangmagier Karajan: Seine neue "Zauberflöte" schwelgt digital.
Bei herkömmlichen Plattenaufnahmen werden die von den Musikern erzeugten Schallschwingungen durch das Mikrophon in elektromagnetische Signale verwandelt und in dieser Form auf Tonband und Platte festgehalten. Bei der Wiedergabe mittels Verstärker und Lautsprecher läuft die Wandlung umgekehrt.
Die digitalen Tonschneider dagegen lassen die übers Mikrophon eingefangenen Spannungskurven durch einen Computer gleichsam pulverisieren: Bis zu 50 000mal in einer Sekunde tastet das Elektronengehirn die Schwingungen ab und speichert die Meßwerte in einer bis zu 16stelligen Kombination von "Null" und "Eins", eben digital (nach englisch "digit" für Ziffer).
Dieser Code muß schließlich über ein spezielles Abspielgerät wieder entschlüsselt und in hörbare Schallschwingungen moduliert werden.
Für EDV-Bach und Computer-Rock verheißen die Ingenieure der Platten-Kundschaft ungetrübten Genuß: Der Klirrfaktor soll ins Unhörbare schwinden, das Bandrauschen und Plattenknistern ersterben. Jedes Bläser-Fortissimo, so die Prophezeiung, werde zu einem unverzerrten Knalleffekt, mulmige Bässe würden satten Tiefen weichen, edle Streicher-Soli in Seiden-Sound glänzen. Verspricht die Industrie.
Nur: Was sie jetzt als Digitalaufnahmen in den Handel bringt, ist kaum die halbe Sache. Bislang haben sich die HiFi-Multis nicht einmal auf eine Norm für die Code-Wandler verständigen können, schon droht ein Typen-Wirrwarr wie bei den Video-Systemen. Abspiel-Apparaturen sind kaum über Labormuster hinaus entwickelt, ihre Produktion noch utopisch teuer. Auch dürften die Fans ihre eben erst erworbenen HiFi-Racks kaum schon wieder zum alten Eisen werfen wollen. S.261
Die Digitalen, die derzeit so geräuschvoll rotieren, sind technische Bastarde: bei der Aufnahme digital, in der Überspielung, Vervielfältigung und Wiedergabe hingegen wie gehabt. Manches, wie Teldecs Mendelssohn-Symphonien, die Debussy-Stücke von EMI Electrola oder Telarcs Alben, klingt überraschend durchsichtig, mit angenehm trockenen Bässen und effektvollen dynamischen Spitzen.
Aber es gibt längst konventionelle Stereos, die diesen Digital-Zwittern ebensowenig nachstehen wie den sogenannten Direkt-Schnitt-Platten, die derzeit auch als Beweisstücke für musikalische Urgewalt die Runde machen.
Während die Tontechniker normalerweise ein Klangbild auf bis zu 36 Tonband-Spuren verewigen und das Ganze zu einem "Master Tape" mixen, ritzen die Direktschneider gleich in die Mutterfolie. So gelangt der Klang ohne kosmetische Fummelei unverfälscht ans Konsumenten-Ohr. Bei den in Japan direkt geschnittenen "Vier Jahreszeiten" von Vivaldi rauschen die Streicher denn auch so wollüstig auf wie sonst nur bei Wagner, und bei der Rock-Jazz-Gruppe "Power" auf "Direct-Disk-Labs" glaubt sich der Hörer ins Triebwerk einer 707 versetzt.
Mätzchen also und viel technisches Getöse, mit dem der eintönig dahindämmernde Stereo-Markt wieder in Schwung gebracht werden soll. Daß auch die Musik, Pop wie Klassik, profitieren könnte, wenn der Schall fortan fleißig durch den Computer gejagt wird, hat bislang nicht einmal die Industrie zu behaupten gewagt.
Telarcs "1812"-Kanonade hat nicht nur die Scheiben im Schulgebäude von Berea zerdeppert, sondern auch die diffuse Weltanschauung der irrationalen HiFi-Gemeinde. Aber den normalen Musikhörer brauchen die Haubitzen aus Ohio nicht so bald aus der Ruhe zu bringen.

DER SPIEGEL 12/1980
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