17.03.1980

SATIRESimples Ende?

Ein Abenteurer will in Frankfurt den „Simplicissimus“ wieder gründen. Sein unvermuteter Gegenspieler: ein industrienaher Kölner Verlag.
Wann genau Friedrich Georg Joachim Conrad aus Leipzig beschloß, Verleger zu werden, ist sein Geheimnis.
Er war tätig in Antiquitäten- und Investmentgeschäften, handelte mit Lizenzen und Verlagsobjekten, war Orchesteragent und PR-Mann: Ein Tausendsassa mit wechselndem Glück und gelegentlich hohen Schulden -- ständig vermittelnd, gründend, kaufend und verkaufend. S.273
Noch heute unterhält er unter dem Signum "cct" ein Unternehmen in London, wohl mehr eine Briefkasten-Firma, neuerdings mit einer deutschen Dependance im Frankfurter Westend.
Nach Kairo verlegte er sein Glanzstück: Er erfand Gedenkmedaillen für die Sängerin Umm Kultum (SPIEGEL 7/1975), die panarabische Piaf vom Nil (Nasser: "Meine Geheimwaffe"), und verhökerte davon angeblich 1,2 Millionen Stück. Slogan: "Umm has the golden voice, Conrad has the golden coins." Der Nachweis steht aus.
Auch von Conrads engen Kontakten zum saudi-arabischen Königshaus weiß jedenfalls der "Doyen" der deutschen Nahost-Korrespondenten, Heinrich Kaster, nichts: "Den Namen hab' ich nie gehört." Deutsche Geschäftspartner raunen: "Conrad hat sich im Orient angewöhnt, seine Schneiderrechnung nicht zu bezahlen. Aber er ist ein faszinierender Mann. Sie müssen ihn kennenlernen."
Auch als Verleger reklamiert Conrad Meriten: Er will die Gattung des Postermagazins als neuartiges Medium erfunden haben. Unstrittig ist nur: Er vermittelte dem Grossisten Hans Bachmann aus Bad Vilbel die Rechte für die deutschsprachige "Playgirl"-Ausgabe.
Ein Hallodri oder ein genialer Impresario?
Sein Lebenswerk möchte der kosmopolitische Glücksritter nun ausgerechnet damit krönen, "dem deutschen Leser das Lachen wiederzugeben", durch Wiederbelebung eines "prominenten S.274 Namens" der deutschen Satire -- des "Simplicissimus".
Zum Vergnügen der Branche steht er mit diesem Wunsch nicht allein. Seit 1967 nämlich vergeht kaum ein Jahr, da nicht aus irgendeiner Ecke der Republik Anspruch auf den traditionsreichen Zeitschriften-Namen erhoben wird. Die Sachlage gleicht einem Irrgarten.
Zum illustren Kreis der Titelanwärter gehören oder gehörten:
* das breitgefächerte Münchner Verlagsimperium des Herbert Fleissner (Langen-Müller, Herbig, Nymphenburger und andere);
* die Süddeutsche Verlagsgruppe ("Süddeutsche Zeitung", Südwest Verlag, List Verlag und andere);
* der Münchner Zeitungs-Verlag ("Münchner Merkur", "tz");
* der Hamburger Zeitschriftenplaner Wolfgang Bieler, neben Bachmann Mitinhaber der Frankfurter Condor Print & Verlags GmbH + Co. KG (rund 50 Periodika);
* dessen Konkurrent Gerhard Sondermann, Inhaber des Hamburger Fachverlages und Mehrheitsgesellschafter bei "Titanic";
* die Wiesbadener Verlagsunion, eine Tochter des Hamburger Heinrich-Bauer-Konzerns (Vertrieb von 222 Periodika);
* der Branchenberater und Informationshändler Bodo Harenberg ("Buch-report").
Seit 1976 wittern die Branchenfüchse wieder Morgenluft für Satire. Und einige haben inzwischen auch gehandelt.
Sondermann riskierte die sicher spektakulärste Neugründung auf dem Satire-Markt, "Titanic"; Bachmann baute mit Geld und neuer Konzeption "Kaputt-Klimbim" aus, weshalb Kollegen ihm seine gegenwärtige "Simpl"-Enthaltsamkeit nicht abnehmen. Verleger Klaus Recht hat das rüde "Mad" zur erfolgreichen deutschen Jugendzeitschrift aufgemöbelt.
Hans A. Nikel, Herausgeber des ergrauten "Pardon" (gegründet 1962), war dieser Nach-Apo-Satire-Generation nicht gewachsen: "Opa Nikel" hat sich in den melancholischen Höhenflug der "Transzendentalen Meditation" zurückgezogen.
Den wackeren Neu-Verleger und "Simplicissimus"-Wiedertäufer Conrad dagegen kann die aufmarschierte Konkurrenz nicht schrecken. Er setzt auf Überrumpelung.
Ohne sich länger um die prekäre "Simpl"-Rechtslage zu scheren, gründete er mit lächerlichen 20 000 Mark eine neue Simplicissimus Verlag GmbH, Sitz: Frankfurt am Main, Westend.
Anzeigen in Fach- und Publikumspresse suchten: "die besten Journalisten, S.275 die besten Karikaturisten, die besten Illustratoren". An Setzer, Drucker und einen Vertrieb ergingen Aufträge; zwei freiberufliche "Redaktionsleiter" aus dem Werbefach akquirierten Texte und Zeichnungen und entwarfen nach dem Vorbild des US-Intellektuellen-Magazins "The New Yorker" das Gesicht des neuen "Simplicissimus".
Doch gar so intellektuell wird das Unternehmen nicht angegangen, und auch nicht allzu professionell. Conrad arbeitet erst einmal mit Amateuren. Sein edel gedrucktes 100-Seiten-Heft wird von Kunst-Studenten und Hobby-Zeichnern zusammengetragen und hat in der ersten Nummer nur zwanzig unbezahlte "Nostalgie-Anzeigen, von Persil undsoweiter". Die Mitarbeiter treffen sich mit Schülerzeitungs-Pathos in der noblen Bürgervilla zum Brainstorming und nehmen, nach des Verlegers Wunsch und Willen, "die Welt mal auf die leichte Schulter". Denn mit Politik will Weltenbürger Conrad in seinem "Simplicissimus" "überhaupt nichts zu tun haben". Der neue "Simpl" wird ein Schmunzelblatt.
Ende dieses Monats erscheint die erste Nummer, in einer Auflage, so Conrad, von 100 000 Stück, zum Preis von sechs Mark, vorerst monatlich, ab Herbst -- wenn alles klappt -- wöchentlich.
Der Spott der Zunft über diesen Parforce-Ritt wich schnell pragmatischen Erwägungen, nicht ohne Zynismus: Conrad, so spekulieren selbst seine Geschäftsfreunde, ist im Poker um den begehrten "Simpl" jedenfalls ein "Katalysator der Rechtslage".
Denn mancher der zahlreichen Titel-Stürmer ahnt, daß seine verbrieften Rechte und Ansprüche nicht mehr wert sind als das Papier, auf dem sie stehen; und daß er, schlimmer noch, allenfalls David ist vor einem wartenden Goliath S.276 -- der deutschen Industrie, verkörpert im Kölner Informedia-Verlag, Geschäftsführer: Klaus Kunkel.
Die Kölner traten als "Simpl"-Aspiranten schon in einer "ranchendienst-Meldung vom 18. März 1976 in Erscheinung: Ein " " Industrie-Simpl scheint zu werden, was gegenwärtig zwischen " " Köln und München ausgebrütet wird. Die Titelrechte des alten " " "Simplicissimus" ... waren zum 1. 1. 76 frei, und es bediente " " sich Klaus Kunkel, ein vielbeschäftigter Mann: " " Verlagskoordinator des Instituts der deutschen Wirtschaft, " " Verlagsleiter des Deutschen Instituts-Verlags, " " Geschäftsführender Gesellschafter des Informedia-Verlags, " " alle in Köln. Kunkel gründete eine neue Simpl Verlag GmbH mit " " der Informedia Verlag GmbH als Gesellschafter. Es trifft " " sich, daß Maria Saare, letzte Geschäftsführerin des alten " " Münchner Simpl-Verlags, in der Informedia-Geschäftsleitung " " sitzt. Im Herbst soll an einer Simplicissimus-Ausgabe erprobt " " werden, ob sich der ehrwürdige Titel noch einmal zu einer " " Dauereinrichtung machen läßt. "
Als Chefredakteur des angekündigten "Industrie-Simpl" wurde im Wahljahr 1976 der ehemalige stellvertretende "Quick"-Chefredakteur und zwischenzeitliche Springer-Mann Egon Fein genannt.
Informedia-Chef Kunkel hatte schon einmal zur Bundestagswahl, 1972, eine Zeitschrift herausgebracht: "aktiv". Sie sollte, so Kunkel, "langfristige Öffentlichkeitsarbeit für Unternehmer" betreiben. Kunkel befand: "Kein Kampfblatt"; ungefragt belieferte Arbeitnehmer: "Ein Arschwisch."
Das Haus des solchermaßen eingeführten Zeitschriftenaktivisten ist heute Inhaber des Warenzeichens "Simplicissimus", eingetragen beim Deutschen Patentamt in München, Rolle Nr. 954 411. Kunkel wähnt sich damit als Titan gegenüber allen anderen "Simpl"-Interessenten.
Bisher hat er von seinem Warenzeichen keinen Gebrauch gemacht. Aber immerhin: Ein Unternehmer-Ideologe als Halter jener berühmten roten Dogge, die die Macht, staatliche wie wirtschaftliche, eigentlich in ihre Schranken verweisen sollte?
So überraschend das scheint, neu ist die Liaison von Industrie und "Simpl"-Satire nicht.
1896 von dem ehrgeizigen jungen Verleger Albert Langen gegründet, verdiente sich der "Simplicissimus" durch seine Kritik an Thron und Altar den Ruf eines kritischen, bissigen Bildungsbürger-Magazins. Seine scharfe Attacke gegen Kaiser Wilhelms Orient-Auftritt im Jahre 1898 brachte ihm Beschlagnahme und eine Verhaftung ein, schnell aber auch eine Verdoppelung der Auflage.
Doch im Sommer 1914 heulte die rote Bulldogge mit den nationalistischen Kriegswölfen -- angeführt von dem längst berühmten jüdischen Chefzeichner Th. Th. Heine, der die neue Linie sogar gegen Chefredakteur Ludwig Thoma durchsetzte. Thoma, konsequent, wollte das Blatt in der Notstandssituation einstellen; nach 1918 zog er sich resigniert vom "Simpl" zurück.
In der Inflationskrise versuchte der Philosoph Oswald Spengler ("Der Untergang des Abendlandes"), den "Simpl" an den Konzern-Krösus Stinnes zu vermitteln. Noch widerstand die Redaktion unter ihrem Chefdenker Hermann Sinsheimer: "Eine Politik der Mitte betreiben zu müssen ist für ein satirisches Blatt die einzige unmögliche Situation."
Sinsheimer hielt Balance, indem er unterschiedliche Geldgeber an das Blatt band. Als er 1929 ging, kaufte sich unter dem Druck der teilhabenden Redakteure allerdings doch schrittweise die Ruhrindustrie in das einzige bedeutende Satire-Magazin ein.
1933 gelang dem Nazi-Gauleiter Julius Streicher spielend die Gleichschaltung des finanziell weiterhin kränkelnden "Simpl"-Verlages mit der NS-Presse. Th. Th. Heine mußte ins Exil; damit wurde Olaf Gulbransson der Star der Redaktion.
1945 galt der "Simpl" infolge seiner Angliederung an den namhaften Knorr & Hirth Verlag, den später der NS-Propagandakonzern Eher ("Mein Kampf", "Völkischer Beobachter") schluckte, als Feindvermögen. Dessen Betreuung und Abwicklung oblag der bayrischen Finanzverwaltung. Und noch heute erklärt der Freistaat Bayern, "alle Verlagsrechte, insbesondere das Urheberrecht am Sammelwerk und das Titelrecht" zu besitzen. Ein "Simpl" für Ministerpräsident Franz Josef Strauß?
Von Bayerns Besitz-Ansprüchen unbeirrt, verstand es der Karikaturist Olaf Iversen, 1954 in München den "Simpl" neu zu begründen. In Finanznöte geraten, schlingerte sein "Simpl" jedoch 1957 erneut in die Fänge der Industrie S.277 -- diesmal in Gestalt eines "Förderkreises" vom "Industrie-Verband", wie ehemalige Mitarbeiter erzählen.
1967 wurde das Unternehmen von der langjährigen Geschäftsführerin Maria Saare, heute in der Geschäftsführung von Kunkels Informedia-Verlag, liquidiert. Und bis heute behaupten sowohl der Zeitungs-Verlag des "Münchner Merkur" als auch der Verleger Herbert Fleissner, aus dieser Liquidation die Titelrechte erworben zu haben.
Immerhin besteht jetzt die Chance, daß Newcomer Conrad durch seinen unbekümmerten Vorstoß eine Schneise in das Dickicht schlägt. Ob er dabei gegen den Mächtigsten der Runde der "Simpl"-Statthalter überleben kann, erscheint fraglich: Beim BDI-nahen Informedia-Verlag liegt auch schon eine "Simpl"-Nullnummer in der Schublade.
S.276
Ein Industrie-Simpl scheint zu werden, was gegenwärtig zwischen Köln
und München ausgebrütet wird. Die Titelrechte des alten
"Simplicissimus" ... waren zum 1. 1. 76 frei, und es bediente sich
Klaus Kunkel, ein vielbeschäftigter Mann: Verlagskoordinator des
Instituts der deutschen Wirtschaft, Verlagsleiter des Deutschen
Instituts-Verlags, Geschäftsführender Gesellschafter des
Informedia-Verlags, alle in Köln. Kunkel gründete eine neue Simpl
Verlag GmbH mit der Informedia Verlag GmbH als Gesellschafter. Es
trifft sich, daß Maria Saare, letzte Geschäftsführerin des alten
Münchner Simpl-Verlags, in der Informedia-Geschäftsleitung sitzt. Im
Herbst soll an einer Simplicissimus-Ausgabe erprobt werden, ob sich
der ehrwürdige Titel noch einmal zu einer Dauereinrichtung machen
läßt.
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DER SPIEGEL 12/1980
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