17.03.1980

GESELLSCHAFTSchön fett

Eine US-Soziologin untersuchte das Schicksal dicker Frauen: Sie sind, auch beim eigenen Geschlecht, fast überall geächtet.
In einem schlankheitsbesessenen Land wie den USA sind "fette Frauen" sozial gebrandmarkt. Sie gelten "als unweiblich, auf der Flucht vor der Sexualität, unsozial, außer Kontrolle, feindselig und aggressiv". Bei den Dünnen rufen sie "Schrecken, Verachtung, morbide Faszination, Schamgefühl und moralische Entrüstung" hervor.
Zu diesem Fazit gelangte die kalifornische Soziologin Marcia Millman, 33, S.279 in einer Studie: Zwei Jahre lang hatte sie dicke Frauen über deren alltägliche Erfahrungen befragt.
"Such a pretty face" -- zu deutsch, frei übersetzt: "Aber ein hübsches Gesicht hat sie" -- lautet der Titel des jetzt erschienenen Millman-Buches, das im Untertitel seinen Inhalt verrät: Was es heißt, "fett zu sein in Amerika, vor allem wenn man eine Frau ist".
( Marcia Millman: "Such a pretty face". ) ( W. W. Norton, New York; 252 Seiten; ) ( 10,95 Dollar. )
Als "scharfsichtig und würdevoll" bezeichnet die Feministin Gloria Steinem das Millman-Werk, dessen Lektüre sie jeder Frau empfiehlt, die jemals unter Qualen und Entsagungen "Gewicht zu verlieren suchte -- mögen es die ewigen letzten zehn Pfund oder die ersten 50 gewesen sein".
Lob und Empfehlung der Steinem nehmen sich verspätet und verschämt aus. Denn die Frauenbewegung ist zwar gegen den "Schönheitswahn" zu Felde gezogen -- dagegen, daß Frauen nur nach ihrem Äußeren beurteilt werden. Doch die dicken Frauen, bemängelt Marcia Millman, seien dabei von Steinem & Co. mehr oder minder ausgeklammert worden.
Dicke Lesbierinnen beispielsweise müßten häufig erfahren, daß sie in ihren Zirkeln das gleiche Mauerblümchendasein führen wie im heterosexuellen Alltag. "Frauen", zitiert Millman eine Betroffene, "scheinen mich als schwesterliche Eunuchin anzusehen. Unsere Einstellung ist in Ordnung, doch unsere Körper existieren nicht."
Anders als fette Männer können dicke Frauen offenbar nicht auf die Nachsicht der dünnen Umwelt zählen. Ihr gesellschaftlicher Spielraum wird immer enger. Sie schließen sich Gruppen Gleichgesinnter an wie den "Weight Watchers" oder den "Anonymen Übergewichtigen", um es -- noch einmal -per Diät oder Verhaltenstherapie zu versuchen. Doch auch dieser Versuch endet meist mit Enttäuschungen: Höchstens eine von zehn hat das entbehrungsreich Abgehungerte ein Jahr später noch nicht wieder drauf.
Endgültige Zuflucht bietet für viele Dicke schließlich die "National Association to Aid Fat Americans" ("Naafa"). Diesen Verein hatte vor nunmehr elf Jahren ein normalgewichtiger New Yorker Elektriker gegründet, dem der Sinn nach dicken Frauen stand und der Schwierigkeiten hatte, solche kennenzulernen.
Naafa-Clubs gibt es mittlerweile in ganz Amerika. Ihre Slogans lauten: "Fett kann schön sein" und "Eine Abmagerungskur löst nicht automatisch die Probleme der Dicken". Einmal wöchentlich veranstaltet etwa die New Yorker Naafa einen meist gutbesuchten Tanzabend. Darüber hinaus versorgen die Dicken-Clubs ihre Mitglieder mit Nachrichten über neue Behandlungsmethoden der Fettsucht, geben Tips, wo es überbreite Sitze in Theatern und Flugzeugen gibt, und veröffentlichen Adressen von Ärzten, die fette Menschen unvoreingenommen behandeln.
Daß gerade Mediziner in übergewichtigen Patienten "Ungeheuer und Abartige sehen" (Millman), erlebte beispielsweise die 26jährige und 250 Pfund schwere New Yorkerin Doreen Katz. Sie war zum Arzt gegangen und hatte um ein Hustenmittel gebeten. Erst nach längerer Diskussion über Doreens Leibesfülle händigte der dünne Doktor das Rezept aus. "Dieses eine Mal", so der Schlußkommentar des Mediziners, "bekommen Sie die Tropfen. Doch wenn Sie in den nächsten zwei Wochen nicht 20 Pfund abgenommen haben, brauchen Sie hier nicht wieder zu erscheinen."
Solche Erfahrungen tragen dazu bei, daß die Dicken allmählich dem Druck nachgeben, aus der Welt der Dünnen möglichst zu verschwinden. Irgendwann auf ihrem Leidensweg schlägt die "Angst vor der Zurückweisung" (Millman) durch. Die Fülligen beginnen sich zu verstecken und entwickeln dann mitunter seltsame Verhaltensweisen.
Die eine, Judith R., ging nach einer Party, "auf der sich wieder kein Mann um mich gekümmert hatte", zunächst zum Kühlschrank, um "mich über meine Einsamkeit hinwegzutrösten". Claire Stewart kaufte sich in der Mittagspause "Süßigkeiten, die ich auf der Toilette verschlang". Joan Bauer blieb abends länger als ihre Eltern und Geschwister auf, "um unbeobachtet essen zu können".
Und eine andere Dicke erzählte der Soziologin Millman, daß sie sich "schämte, in Restaurants zu bestellen, worauf ich wirklich Appetit hatte".
Auch kaufte sie nur im Dunkeln ein. Und weil sie die "Bemerkungen und das anzügliche Grinsen" von Kassierern und Kunden fürchtete, verteilte sie ihren Einkauf auf mehrere Geschäfte in der Nachbarschaft.
Dabei achtete sie noch darauf, daß in ihrem Einkaufskorb neben dem Kuchenpaket stets ein Bund Petersilie und neben den Tüten mit Kartoffelchips eine Gemüsezwiebel liegt: "Ich bin bedacht, immer auch etwas Normales einzukaufen."
S.279 Marcia Millman: "Such a pretty face". W. W. Norton, New York; 252 Seiten; 10,95 Dollar. *

DER SPIEGEL 12/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 12/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GESELLSCHAFT:
Schön fett

Video 05:23

Filmstarts der Woche Herbigs Holzhammer-Humor

  • Video "Filmstarts der Woche: Herbigs Holzhammer-Humor" Video 05:23
    Filmstarts der Woche: Herbigs Holzhammer-Humor
  • Video "Eine Stimme gegen Rechtsextreme: Trumps Kabinettsmitglied zitiert Martin Niemöller" Video 01:50
    Eine Stimme gegen Rechtsextreme: Trumps Kabinettsmitglied zitiert Martin Niemöller
  • Video "Zeitrafferflug A350-900: Take-Off eines Hightechjets" Video 01:21
    Zeitrafferflug A350-900: Take-Off eines Hightechjets
  • Video "Extremsport am Abgrund: Grat nochmal gut gegangen" Video 01:23
    Extremsport am Abgrund: Grat nochmal gut gegangen
  • Video "Mutter des Opfers von Charlottesville: Ihr habt sie nur noch größer gemacht!" Video 01:18
    Mutter des Opfers von Charlottesville: "Ihr habt sie nur noch größer gemacht!"
  • Video "Begegnung mit einem Elch: Ganz in Weiß" Video 01:18
    Begegnung mit einem Elch: Ganz in Weiß
  • Video "Gewalt in Charlottesville: Donald Trump verteidigt Rechtsextremisten" Video 02:23
    Gewalt in Charlottesville: Donald Trump verteidigt Rechtsextremisten
  • Video "Mont Blanc: Auf dem Weg nach oben - Folge 3" Video 03:20
    Mont Blanc: Auf dem Weg nach oben - Folge 3
  • Video "Küstenwache gegen Hilfsorganisationen: Die Retter sollen nicht mehr retten" Video 02:32
    Küstenwache gegen Hilfsorganisationen: Die Retter sollen nicht mehr retten
  • Video "Elche in Brandenburg: Von Weitem denkt man erst mal: Da steht ein Pferd" Video 02:20
    Elche in Brandenburg: "Von Weitem denkt man erst mal: Da steht ein Pferd"
  • Video "Choleraepidemie im Jemen: Dramatischer als alles, was ich je gesehen habe" Video 03:03
    Choleraepidemie im Jemen: "Dramatischer als alles, was ich je gesehen habe"
  • Video "Rechtsextreme in den USA: Was ist die Alt-Right-Bewegung?" Video 03:52
    Rechtsextreme in den USA: Was ist die Alt-Right-Bewegung?
  • Video "Wegen Charlottesville: Demonstranten stürzen Konföderierten-Denkmal" Video 00:38
    Wegen Charlottesville: Demonstranten stürzen Konföderierten-Denkmal
  • Video "Indonesien: Tanz der Rekorde" Video 01:26
    Indonesien: Tanz der Rekorde
  • Video "Erdrutsch und Überschwemmungen: Mehr als 350 Tote in Sierra Leone" Video 02:00
    Erdrutsch und Überschwemmungen: Mehr als 350 Tote in Sierra Leone