17.03.1980

GESTORBENHeinz Linge

Heinz Linge, 67. "Bis zum Untergang" (so der Titel seiner Memoiren) hielt Hitlers Kammerdiener seinem Herrn die Treue -- und darüber hinaus: Noch in seinen Erinnerungen, die Ende März auf den Markt gebracht werden sollen, weist Linge empört Vermutungen anderer Autoren zurück, er habe -- wenigstens kurz vor Hitlers Selbstmord -seine Zweifel gehabt. Wie krank, vergreist und verbraucht der Feldherr gewesen sei, so Linge, habe er "natürlich täglich gesehen", aber "dies machte mein Vertrauen in das Genie des Führers nicht wankend". 1934 wurde der gebürtige Bremer unter 50 Soldaten der Leibstandarte in einem mehrtägigen Test für den Dienst am Führer ausgesucht und in Kurzlehrgängen zum Butler gedrillt. Später beförderte ihn Hitler selbst zum Leiter seines persönlichen Dienstes -- zuletzt im Rang eines Sturmbannführers. Vom gemachten Bett bis zu blitzblank geputzten Schuhen war Linge für alles verantwortlich, was dem Wohl des Führers diente. Linge profitierte davon: "Im Umgang mit mir", lobte sich der Kammerdiener später, "verzichtete Hitler auf die Distanz, die er sonst gegenüber jedermann grundsätzlich gewahrt sehen wolte." Hitlers private, menschliche Seite, Linge will sie entdeckt haben: "Niemals war er da auf Pose bedacht, niemals das 'Denkmal', die Statue, die er seit Anbeginn seiner politischen Laufbahn selbst geschaffen hatte." Auch seinen letzten Dienst erfüllte der SS-Offizier mit Akribie: Nach dem Selbstmord des Führers verbrannte er im Park der Reichskanzlei die Leiche Adolf Hitlers und die Eva Brauns. Nach seiner Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft 1955 verkaufte Linge seine Erlebnisse an Zeitungen. Als Buch wollte er seine Memoiren erst jetzt herausbringen, weil er nun "nicht mehr fürchten muß, noch einmal in Gefängnisse und Straflager gesteckt zu werden". Sie wären wohl auch früher kaum Anlaß dazu gewesen. Vorletzten Sonntag starb Heinz Linge, bis 1978 als Kaufmann tätig, in einem Hamburger Krankenhaus.

DER SPIEGEL 12/1980
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