11.08.1980

Erst stirbt der Seehund, dann der Mensch

Nordsee in Not: Ölpest, Chemiemüll, Überfischung, Wattzerstörung

Sie schippen Strandburgen und schippern zu den Seehundsbänken, pulen Krabben und sammeln Muscheln -- in fünfzig Kurorten, von der holländischen bis zur dänischen Grenze, erwarten Millionen Badegäste, was die Fremdenverkehrsverbände auch im Sommer ''80 verheißen: "Gesundheit und Vergnügen" an der deutschen Nordseeküste.

Um "weit weg von schlechter Luft und unreinem Wasser" (Sylt-Reklame) zu urlauben, nehmen viele der deutschen Nordsee-Touristen selbst widriges Wetter gern in Kauf. Inflation und Infektgefahr in Europas Süden haben manch einem die sonnigeren Gestade verleidet.

"Die Leute wissen schließlich, wie es an den Mittelmeerstränden aussieht", frohlockt Gerd Kramer, Geschäftsführer des Fremdenverkehrsverbandes Schleswig-Holstein, der an der Nordseeküste "weit stärkere Nachfrage als 1979" registrierte.

Den Seebädern zwischen Borkum und Keitum kommt mehr denn je zugute, daß rund um die rot-weißen Leuchttürme "die Welt noch in Ordnung" scheint, wie das Damenblatt "Brigitte" meint: kaum Betonburgen wie an der Ostsee; nirgendwo zentimeterdicker Ölschlamm wie in der Bretagne; im Badewasser offenbar kaum Kot wie an der Cote.

In den Werbeschriften ist die Nordsee noch so klar, so blank wie in jenen uralten Märchen, in denen Nixen -"ei ei leilei, ei ei lulu" -- ihr "kristallnes Gemach" besingen, "Perlmutter das Dach", und in denen der Meermann Ekke Nekkepenn verrät, was auf dem Meeresboden lagert: "Gold und Silber."

In das sagenhafte Bild paßt, was "Bild" noch im Juni meldete: Bei Test von 27 westdeutschen Badegewässern habe die Nordsee bestens abgeschnitten -- "überhaupt keine gefährlichen Keime". Ein Prüfer: "Das Wasser kann man trinken."

Daß Badegäste immer mal wieder zur Terpentinflasche greifen müssen, um sich vom angeschwemmten Teer zu reinigen; daß im Spülsaum, zwischen Seesternen und Tang, vielerorts Plastikmüll, Glasscherben und ölverschmierte Möwenkadaver lagern -- solche Schönheitsfehler haben es jahrelang nicht vermocht, das saubere Image der großen Klaren im Norden einzutrüben.

Daß ganze Strandabschnitte -- einer auf Föhr, zwei an der Eider, drei auf Amrum, vier auf Sylt -- wegen Wasserverschmutzung für Badende gesperrt werden mußten, steht schließlich in keinem Glanzpapierprospekt. Und daß auch an der Nordsee Salmonellen und Kolibakterien "unmittelbar mit Kot oder Urin an den Strand" gelangen oder "mit Abwassereinleitungen ins Meer eingebracht" werden, ist in wissenschaftlichen Abhandlungen bislang mehr versteckt als veröffentlicht worden.

Der gängige Glaube, Meeresluft sei "gesund", Meerwasser aber "am allergesündesten" (Helgoland-Werbung), indes ist nun binnen weniger Wochen ins Wanken geraten. Wie nie zuvor häuften sich, just zur Saison, schlechte Nachrichten über das Lieblingsmeer der Deutschen:

* In Bonn präsentierte der "Rat von Sachverständigen für Umweltfragen" ein 1022-Seiten-Gutachten mit der Warnung, "täglich" könne eine S.59 Ölpest mit "katastrophalen" Folgen die Deutsche Bucht heimsuchen, die ohnehin durch eine Vielzahl anderer Faktoren "als Ganzes erheblich gefährdet" sei.

* In Den Haag begann ein Prozeß, in dem niederländische Umweltschützer dem westdeutschen Chemie-Multi Bayer untersagen lassen wollen, weiterhin jährlich Hunderttausende Tonnen Müll von "mittlerer Giftigkeit" in die Nordsee zu pumpen.

* In Hamburg klagen Elbfischer gegen die Bundesrepublik Deutschland, die es zuläßt, daß bei Helgoland Klärschlamm und giftiger Chemiemüll versenkt werden.

* Die Bundesforschungsanstalt für Fischerei meldete, in Nordseezonen mit hoher Abfallbelastung seien Plattfische "massenhaft mit Geschwulsten" behaftet, Zoologen berichteten über Seehunde mit tellergroßen, offenen Bauchgeschwüren.

* Im Hamburger Vorort Finkenwerder kündigte der Küstenfischer-Verband eine spektakuläre Protestaktion an: Eine Kutterflotte soll einen hanseatischen Klärschlamm-Transporter am Auslaufen in die Nordsee hindern.

* In Rotterdam legte im Juli der Klipper "Avontuur" zu einer Segeltour entlang der holländischen, deutschen und dänischen Küste ab; in allen angelaufenen Häfen informierte die Crew, darunter Vertreter von dreißig Naturschutzverbänden, über die Gefährdung der Nordsee.

* In Schleswig-Holstein machen Naturschützer Front gegen gigantische Deichbauprojekte; Zehntausende von Einwendern fürchten, durch derlei Landgewinnung werde das "Weltwunder Wattenmeer" vernichtet und das gesamte "Ökosystem Nordsee" gestört.

"Nach den Flüssen und Seen", warnte Bremens Umweltsenator Herbert Brückner, "droht jetzt auch das Leben im Meer umzukippen." Der Kieler Meereszoologe Eberhard Drescher hört unter Wasser eine "biologische Zeitbombe" ticken.

Doch so schrill der jähe "Alarm für die Nordsee" ("Hamburger Abendblatt") auch klingt -- die Vorstellungskraft von Laien scheint noch immer überfordert durch die Vision, ausgerechnet die unbändige "Mordsee", die jahrtausendelang Menschen verschlang, könne nun, umgekehrt, durch Menschenhand zum toten Meer werden.

"Kannst du di dat vörstellen", markiert der Hamburger Heimatschriftsteller Wilhelm Mohr diese Mentalität, "dat uns feine grote Nurdsee mit dat S.60 veele Woter nu ok sogoar al krank warrt un ehr Woter jo al so schlecht un giftig is? Nee, wat? Mann, wat''n Woter, wat''n Woter, dinkst du]"

Ist denn nicht in der Tat die riesige See zwischen Kanal und Kattegat, Cuxhaven und den Shetland-Inseln -mit 525 000 Quadratkilometern mehr als doppelt so groß wie das Bundesgebiet -- nach wie vor das fischreichste Gewässer der Welt?

Vor allem aber: Werden die 54 Billionen Tonnen Salzwasser nicht immer wieder von Stürmen aufgemischt und, zweimal täglich, durch die Flut aufgefrischt, die so viel Ozeanwasser in die Deutsche Bucht drückt, daß Gifte rasch bis zur Unkenntlichkeit verdünnt werden?

Meereskundler wissen es besser: Die Selbstreinigungskraft der Nordsee wird in allen Anliegerstaaten, Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich, England, Norwegen und Dänemark, erheblich überschätzt.

Denn das Schelfmeer -- Durchschnittstiefe 80 Meter, über der Doggerbank nur 20 Meter -- wirkt, verglichen mit dem Atlantik (3500 Meter), flach wie ein Suppenteller. Die Zuflüsse, ob Rhein oder Weser, Elbe oder Themse, speisen die Nordsee längst nicht mehr mit sauberem Süßwasser, sondern stündlich mit tonnenschwerer Schmutzfracht. Und auch Frischwasser aus dem Ozean kann den hochgiftigen Dreck, von Arsen bis Zyankali, kaum kompensieren.

Zwar wird der Wasserspiegel an der Nordseeküste durch Ebbe und Flut ungleich stärker bewegt als an der Ostsee. Aber auch wenn hohe Nordseewellen trecken an den Strand, werden die Wassermassen kaum ausgetauscht. Meeresforscher vergleichen den Vorgang mit Windspiel im Weizen: Die Wogen laufen weiter, die Halme bleiben stehen.

Zudem ist das EG-Meer gespickt mit so vielen Bohrinseln, befahren von so vielen Großtankern und Chemiegift-Transportern wie kaum ein anderes Gewässer der Erde. Die südliche Nordsee säumen Welthäfen wie London, Antwerpen, Amsterdam, Rotterdam, Bremen und Hamburg, umgeben von Kraftwerken und von Industriegebieten, die allein an Westdeutschlands Küste in wenigen Jahren soviel Quadratkilometer einnehmen sollen wie das Ruhrrevier.

Die Nordsee mitsamt ihrem sensiblen, bis zu fünfzig Kilometer breiten Wattensaum ist denn auch, folgert der Wilhelmshavener Meeresbiologe Dieter Dörries, entgegen landläufiger Meinung ein "überaus empfindliches System", in dem bereits minimale Eingriffe enorme Folgen zeitigen können: "Jede Störung einzeln genommen mag sie noch verkraften, aber alles zusammen ist zuviel."

Selten freilich waren in den letzten Jahren die Warnsignale der Natur so dramatisch, daß sich die Politiker der Anrainerstaaten zu drastischen Reaktionen gezwungen sahen. Oft sind Veränderungen von Flora und Fauna allenfalls unter dem Elektronenmikroskop oder mit dem Gaschromatographen erkennbar.

Nur Experten wissen, daß radioaktive Stoffe aus den Abwässern französischer und britischer Wiederaufbereitungsanlagen (La Hague am Kanal, Dounreay in Nordschottland und Windscale an der Irischen See) sich längst auch vor der Elbmündung nachweisen lassen. Cäsium und Strontium werden binnen 15 Monaten von der Bretagne bis zur deutschen Küste verdriftet; strahlende Partikel gelangen durch das Skagerrak sogar in die Ostsee.

Höchstens Meereskundler horchen auf, wenn etwa Wattwürmer in der Wesermündung hohe Konzentrationen irgendeines Industriegifts aufweisen. Nur von Ökologen werden derlei Beobachtungen S.62 als Vorboten kommenden Unheils gewertet.

Denn wenn dieser Wattwurm Teil einer zum Menschen führenden Nahrungskette ist, in der sich von Glied zu Glied der Schadstoffgehalt erhöht, sind Katastrophen möglich wie in den fünfziger Jahren im japanischen Minamata: Dutzende starben, Tausende erkrankten nach dem Verzehr von Fisch, in dessen Organen sich Quecksilber zu tödlichen Dosen angereichert hatte.

Wo die Warnzeichen augenfälliger sind als beim Kleingetier, bemühen sich die Verursacher seit Jahren um Verharmlosung und Vertuschung. Da lassen europäische Chemieunternehmen giftige Rückstände angeblich nach Singapur verschiffen, wo sie niemals eintreffen. Da werden Reporter, die im Morgengrauen auslaufende Müllschiffe ablichten wollen, beharrlich an der Arbeit gehindert. Und da lassen Kapitäne verbotswidrig in Küstennähe den Bilgenschlamm aus dem Schiffsbauch pumpen oder Tagebücher fälschen, um zu verbergen, daß sie Öl- und Chemikalienreste tonnenweise auf offener See ablassen.

Mit Verniedlichung und Geheimnistuerei behandeln Politiker aus Bund und Land noch immer militärische Giftstoffe, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in rostenden Wracks auf dem Meeresgrund liegen. Allein in der Nordsee sind wenigstens zwanzig Kampfstoff-Frachter mit insgesamt 65 000 Bruttoregistertonnen versenkt worden.

Die Regierenden, die offenbar auch eine "Beunruhigung des Fremdenverkehrs" ("Die Welt") fürchten, deklarieren die verrottenden Phosgen- und Tabun-Behälter als harmlos, scheuen sich aber zugleich, "die mit einer Bergung -- soweit diese überhaupt technisch möglich ist -- verbundenen Risiken in Kauf zu nehmen", wie letztes Jahr die Bundesregierung erklärte.

Die seekranken Fische, die deutschen Fischern immer häufiger ins Netz gehen, bekommt ohnehin kaum eines Kunden Auge zu sehen: Schollen mit roten Geschwüren ("Himbeerkrankheit") und Aale mit kopfgroßen Tumoren ("Blumenkohlkrankheit"), Stinte mit Flossenfäule oder Makrelen mit Löchern im Leib. "Manchmal", sagt der Hamburger Fischer Heinz Oestmann, "müssen wir dreißig Prozent aussortieren."

Hinreichend Aufschluß über Ausmaß, Ursachen und Folgen der Meeresverschmutzung vermögen nicht einmal Fachwissenschaftler zu geben. Der Umwelt-Sachverständigenrat, der sich "höchst komplexen Vorgängen und Faktoren" konfrontiert sah, war weitgehend "auf Schätzungen und Hochrechnungen angewiesen". Weil es an großangelegten internationalen Meß- und Überwachungsprogrammen mangelt, fehlten den Forschern vielfach "zuverlässige und aussagekräftige Zahlen".

Weitgehend unerforscht sind die Auswirkungen der allermeisten Chemikalien auf das maritime Leben, vollends unbekannt ist oft ihr Zusammenwirken. "Bei 40 000 chemischen Stoffen, die unsere Umwelt belasten, können wir", sagt der Kieler Zoologe Drescher, "nie sicher sein, wie die einzelnen Substanzen miteinander reagieren."

Deshalb konnte Bonns Agrar-Staatssekretär Georg Gallus noch Anfang dieses Jahres auf eine Abgeordnetenanfrage -- ebenso scheinheilig wie wahrheitsgemäß -- mitteilen: "Ein unmittelbarer Zusammenhang von Abfallstoffen und der Zunahme von Fischerkrankungen konnte bisher wissenschaftlich noch nicht zweifelsfrei bewiesen werden."

Forschungsdefizite und Naturgesetzlichkeiten fügen sich, so scheint es, zu einem wissenschaftlich-politischen Dilemma. "Solange katastrophale Ereignisse und alarmierende ökologische Funktionsstörungen noch nicht aufgetreten sind", warnen die Umwelt-Gutachter, "fehlt es möglicherweise an dem notwendigen Problemdruck, um geeignete umweltpolitische Maßnahmen rechtzeitig in die Wege zu leiten."

Liegen Beweise für die Gefährdung des Meeres aber erst einmal vor, die ins öffentliche Bewußtsein durchschlagen, könne es schon zu spät sein. "Schädigungen, die das Ökosystem Nordsee im ganzen verändern", wären, so die Gutachter, "weitgehend irreversibel". S.63

Die Katastrophe kann sich stündlich ereignen. Purer Zufall, daß der größte anzunehmende Unfall auf See, die Explosion eines Supertankers vor der deutschen Küste, noch nicht passiert ist, daß Watt und Wasser nicht längst unter einem tödlichen Ölteppich erstickt oder durch Chemiegifte verseucht sind.

Zwar versprach die Bundesregierung noch 1978, nach dem Öldesaster vor der Bretagne, an der deutschen Nordseeküste könne "eine Katastrophe des Ausmaßes des ''Amoco Cadiz''-Unfalls ... nicht eintreten". Die Umweltgutachter aber scheinen da der Wirklichkeit näherzukommen: Ein "Unfall eines Öltankers oder eines Chemikalientransporters" könne sich "täglich ereignen"; das Ausbleiben des maritimen GAU ist für die Sachverständigen "außerordentliches Glück".

Nirgendwo auf der Erde ist das Risiko einer Ölhavarie so hoch wie zwischen Elbe und Themse. Auf der Nordsee, dem Gewässer mit der weltweit stärksten Frachter-Frequenz,

* werden jedes Jahr rund eine halbe Milliarde Tonnen Rohöl und Erdölprodukte transportiert,

* ereignen sich 50 Prozent aller Kollisionen von Schiffen über 500 Bruttoregistertonnen.

Tausende Kilometer Pipelines machen zudem das Meer unsicher. Ölpest droht auch von Bohrinseln, die schon mal kentern, wie im März vor Norwegen (123 Tote), oder das Öl nicht halten können, wie vor drei Jahren die Ekofisk-Plattform "Bravo".

Welche Folgen der Ernstfall an der deutschen Nordseeküste haben könnte, beschrieben Bonns Umweltsachverständige anhand der "Torrey Canyon", eines 60 000-Tonnen-Tankers, der am 18. März 1967 vor der Felsenküste von Cornwall auf- und ausgelaufen war. 119 000 Tonnen kuwaitisches Rohöl wurden mit sogenannten Dispergatoren, Chemikalien zur Ölverdünnung, im Wasser verteilt.

Kleinlebewesen wie Napfschnecken und Seepocken starben ab, Tausende Möwen fanden mit verklebtem Gefieder den Öltod. Zwei Jahre dauerte es, bis sich Tier- und Pflanzenwelt an jenen Küstenstrichen, an denen schieres Öl an Land geschwappt war, halbwegs von der schwarzen Pest erholt hatten. Wo überdies Chemikalien eingesetzt worden waren, verging gar ein Jahrzehnt -- das Gegenmittel hatte den Schaden noch erhöht.

Ungleich schlimmer wären die Folgen, wenn Ölschlamm das Wattenmeer im Südosten der Nordsee überziehen würde. Denn diese Region zwischen dem dänischen Esbjerg und dem holländischen Den Helder ist weltweit einmalig: In Schlick und Prielen, wo es nur so krebst und krabbelt, sind Rast- und Nistplätze für Millionen bedrohter Vögel, Brutstätten und Kinderstuben für ungezählte Nordseefische. Öl wäre das Ende.

Zwar wird der Schmierstoff, ganz natürlich, durch Bakterien abgebaut, tragen Verdunstung, Verdriftung und Lösung des Öls zur mählichen Reinigung bei. Doch bis auch die letzten Teerklümpchen ("Asphaltene") zersetzt sind, vergehen Jahre, in denen ganze Gattungen von Lebewesen dezimiert oder ausgerottet werden.

Gegen den Öltod gibt es noch immer kein Mittel. Neben dem Einsatz giftiger Chemikalien, wie sie in sieben deutschen Nordseehäfen für den Alarmfall gelagert werden, könnte nur das Abschöpfen des Öls helfen. An geeigneten Schiffen aber fehlt es den Wasserschützern vom "Ölunfallausschuß See/Küste", einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die bei Ölflut einspringen soll.

Bislang verfügen die Wasserwächter gerade über einen Katamaran, der allenfalls fünfzig Kubikmeter Öl pro Stunde absaugen kann und der bei hoher S.64 See ganz passen muß. Ein neuer Saugschifftyp, die "Ölsau 1", die am Tag 15 000 Kubikmeter schlucken soll, ist frühestens in einigen Jahren einsatzfähig. Wenn bis dahin irgendwo auch nur 20 000 Tonnen Öl auslaufen, prophezeit Karl-Otto Zacher, Leiter des Wasser- und Schiffahrtsamtes Cuxhaven und Chef des Ölunfall-Meldedienstes, "sind wir hilflos: Dann können wir nur noch beten."

Darin müßten die amtlichen Aufpasser Übung haben: Im Schnitt alle sechs Monate schrammen Supertanker vor Wilhelmshaven knapp an der Katastrophe vorbei.

Vollbeladen rammte etwa 1974 der 200 000-Tonner "Al Fountas" aus Kuweit die Pier in Wilhelmshaven. Ein Ölunfall wurde in letzter Minute durch Alarmeinsatz von Schleppern vermieden. Sie zogen das angeschlagene Schiff in tieferes Wasser, bevor sich der Öljumbo bei Einsetzen der Ebbe an den Trümmern des Löschkopfes den Rumpf aufreißen konnte.

Vor Wilhelmshaven bei Tonne Q schob sich 1977 der liberianische 200 000-Tonnen-Tanker "Energy Vitality" auf eine Sandbank, nachdem der chinesische Rudergänger eigenmächtig ein falsches Manöver gefahren war. Glück gehabt: Nur weil das Hindernis an dieser Stelle platt war, blieb der Tanker heil, auf einem Buckel wäre er geborsten -- ähnlich wie die "Energy Concentration", die im Juli im Rotterdamer Hafen durch einen Löschfehler in der Mitte auseinanderknickte und sank; nur Zufällen war es zu verdanken, daß lediglich zehn Tonnen Öl ausliefen.

So flach ist das Fahrwasser vor Wilhelmshaven, daß Tanker nur exakt auf dem Höhepunkt der Flut genügend Wasser unterm Kiel haben, um zur Pier gelotst werden zu können. Und so eng ist die Rinne (300 Meter), daß ein Öltanker (Länge: mehr als 350 Meter), der aufläuft und sich querlegt, zerbrechen muß.

Doch selbst wenn vorerst schlagzeilenträchtige Havarien wie vor der Bretagne ausbleiben, wird die Nordsee stetig weiter in die Ölkrise treiben: Jedes Jahr strömen rund eine Million Tonnen Öl von Bohrinseln und aus lecken Pipelines, aus Häfen, Industriebetrieben und Flüssen ins Meer. "Der größte Teil der Ölverschmutzung", meldet Bonns Innenministerium, "entsteht nicht durch die großen Tankerkatastrophen."

Allein beim Auswaschen von Tankertanks geraten nach Experten-Schätzungen alljährlich Hunderttausende von Tonnen Restöl und Chemikalien, insgesamt mehr als tausend giftige Substanzen, ins Wasser. Zwar stehen in Nordseehäfen Entsorgungsanlagen für derlei Rückstände bereit, doch mancher Schiffsführer erspart sich die Gebühr fürs Abpumpen.

Wer seinen Dreck verbotswidrig auf See -- wo Tankreinigung nur in bestimmten Zonen gestattet ist -- abläßt und durch Manipulation im Öltagebuch ordnungsgemäße Beseitigung vortäuscht, wird selten erwischt. Das Deutsche Hydrographische Institut (DHI) in Hamburg, zuständig für die Ahndung von Ölvergehen auf hoher See, hat bislang noch nie eine Buße verhängt. "Nur wenn ein besoffener Seemann auspackt", sagt ein DHI-Fahnder, "erfahren wir mal was."

Wachsamer sind die Niederländer, die in Umweltfragen durchweg sensibler reagieren als ihre östlichen Nachbarn. Ein staatliches Überwachungssystem, dem auch die Königliche Luftwaffe angehört, liefert jährlich zwei- bis dreihundert Meldungen. Rund hundert Ölsünder können von den fliegenden Holländern überführt und bestraft werden.

Machtlos sind Meeresschützer hingegen, wenn sie Nordsee-Verschmutzern anderer Art begegnen: Schiffen, die mit behördlicher Erlaubnis Schadstoffe auf See verbrennen oder versenken ("verklappen"). Pro Jahr werden mehr als 50 Millionen Tonnen Chemieabfälle, Klärrückstände und teils giftige Baggerschlämme in die Nordsee gekippt -- eine gewaltige Masse Dreck, die einen Güterzug füllen würde, der länger ist als der Äquator.

Zu den tückischsten Stoffen zählen Experten das Seveso-Gift TCDD, das schon in unvorstellbar geringen Konzentrationen extrem gefährlich ist. Dieses sogenannte Ultragift sowie jährlich 80 000 Tonnen diverser Chlorkohlenwasserstoffe werden in der Nordsee auf Spezialschiffen wie dem Singapur-Pott "Vulcanus" verbrannt, angeblich rückstandsfrei. Sollte ein TCDD-Transport jemals etwa in einem Hafen verunglücken, S.65 warnt Fritz Vahrenholt, Fachgebietsleiter im Berliner Umweltbundesamt, dann "hätten wir unser eigenes Seveso".

Als gefährlich werten Wasserkundler aber auch das Geschäft der Schmutzschiffe "Midgard" und "Titan", die frühmorgens am Kai der "Kronos-Titan"-Werke im niedersächsischen Nordenham in See stechen, um 14 Meilen nordwestlich von Helgoland eine 60 Grad heiße, gelbliche Brühe abzulassen -- jährlich 750 000 Tonnen Rückstände aus der Produktion des Weißmachers Titandioxid, der zur Herstellung von Zahnpasta, Wandfarben und Waschmitteln verwendet wird.

Darüber hinaus läßt die Kronos-Titan, eine Tochter des US-Konzerns "National Lead", jährlich 450 000 Tonnen Chemieabfall vor der holländischen Küste verklappen -- ähnlich wie Bayer-Leverkusen, das 40 Kilometer vor dem holländischen Seebad Scheveningen pro Jahr 280 000 Tonnen Rückstände aus der Lackproduktion verquirlen läßt; weitere 500 000 Tonnen kippt die Duisburger "Pigmentchemie" vor Holland ins Meer.

Aber auch westdeutsche Kommunalpolitiker bedienen sich seit Jahrzehnten der "Kloake Nordsee" (Fischereiverband). Fünfmal in der Woche pumpen Hamburger "Ködeldamper", wie der Volksmund sie nennt, mehr als 1000 Tonnen Schlamm aus den Faultürmen des Klärwerks Köhlbrandhöft in die Nordsee. "Manchmal", berichtet Elbfischer Oestmann, "ziehen wir unsere Netze nur noch durch Scheiße."

Oestmann und seine Kollegen stoßen sich weniger an den erkennbaren Bestandteilen ihres schwarzen, stinkenden Fangguts als an den unsichtbaren Ingredienzen des Hamburger Schlamms: diverse Schwermetalle, darunter Quecksilber und Kadmium.

Über die Folgen der Klärschlamm-Verklappung gutachteten die Umwelt-Sachverständigen: "Zunehmender Sauerstoffmangel im Sediment, Verarmung der Bodentierwelt, Anreicherung schwer abbaubarer Stoffe." Auch das "gehäufte Auftreten von Fischkrankheiten in diesem Gebiet" könne darauf zurückgeführt werden.

Ähnliches scheinen bei Helgoland die Titanabfälle aus Nordenham zu bewirken. Fischer berichten jedenfalls, daß das Meer nach Abfalleinleitung schäumt und sich über viele Stunden hinweg kilometerweit gelb verfärbt. Die erhitzte Säure töte binnen Sekunden im Oberwasser schwimmende Fische und Plankton, Eisenflocken trübten die Fluten und setzten sich fest in den Kiemen.

Schaden stiftet bei der Verklappung weniger der Hauptbestandteil der Flüssigkeit, die verdünnte Schwefelsäure (Sachverständigenrat: "Keine wesentlichen Beeinträchtigungen der Meeresökologie"), als das, was die Soße an sonstigen Substanzen enthält: Gefährlich seien "die in der Dünnsäure als Beimengung jeweils enthaltenen Schadstoffe", häufig Eisensulfat, organische Chlorverbindungen sowie Schwermetalle, die sich in Meeresorganismen anreichern und über die Nahrungskette Menschen gefährden können.

Bonns Gutachter fordern, jegliche Abfall-Verklappung in der Deutschen Bucht solle "unterbleiben"; auch der grenzüberschreitende "Sondermülltourismus" sei zu "unterbinden". Verboten gehöre, meinen die Wissenschaftler, die Versenkung von Chemie- und Klärmüll schon dann, wenn "eine schädliche Wirkung zu befürchten ist, ein konkreter Nachweis jedoch noch aussteht". Nur so könne dem Umstand Rechnung getragen werden, "daß immer wieder neue Erkenntnisse über Schadstoffwirkungsbeziehungen im Meer gewonnen werden".

Die Chancen, daß die Wissenschaftler-Wünsche Wirklichkeit werden, haben sich, so scheint es, in den letzten Wochen ein wenig verbessert: Seit Naturschützer in Holland wie in Westdeutschland Prozesse und Proteste gegen die Nordseeverschmutzung anzetteln, ist das Thema zum Politikum geworden.

Den Anfang machte die internationale Umweltschutzorganisation "Greenpeace", die in früheren Jahren mit einem Zweimastschoner Atomtestgebiete im Südpazifik blockiert und mit Schlauchbooten gegen die Ausrottung der Wale wie das Abschlachten von Robben protestiert hatte: Im Mai hinderten die Greenpeaceler im Rotterdamer Hafen sechzig Stunden lang die Bayer-Müllschiffe "Käthe H." und "Rosemarie S." am Auslaufen.

Erst als der Leverkusener Konzern die Umweltschützer verklagte und ein Gericht ein Strafgeld von 20 000 Mark pro Tag androhte, gaben die Protestler auf. Die pazifistischen "Regenbogenkrieger" (Eigenbezeichnung) hatten ohnehin erreicht, was sie wollten: Öffentlichkeit.

Der Hamburger Fischer Oestmann, der mit seinen Kollegen eine Müllschiff-Blockade nach Amsterdamer Muster angekündigt hat, versucht seit dem Frühjahr, auf dem Rechtsweg ein sofortiges generelles Verklappungsverbot zu erzwingen: "Wi wüllt keen Schiet in de Nordsee." Mit demselben S.66 Ziel prozessieren in Holland zwei Naturschutzorganisationen, die staatlich subventionierte "Stiftung Natur und Umwelt" und die "Werkgruppe Nordsee", gegen das niederländische Verkehrsministerium.

Während der Spruch des Haager Gerichts erst in einigen Wochen erwartet wird, haben Hamburger Richter bereits im März vorläufig entschieden: Oestmanns Eilantrag auf umgehenden Verklappungsstopp wurde abgewiesen; dem Fischer sei es bis zum Abschluß des Hauptverfahrens zuzumuten, in weniger verseuchte Seegebiete auszuweichen. Oestmann legte Beschwerde ein.

Die deutschen Fischer und die holländischen Umweltschützer berufen sich auf eine internationale Vereinbarung, die 1972 in Oslo getroffen wurde. Das Versenken von Abfällen ("Dumping") ist nach dieser "Oslo-Konvention" in der Nordsee nur gestattet, wenn

* die Stoffe "nicht ohne Beeinträchtigung des Wohls der Allgemeinheit" oder "nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand an Land beseitigt werden können" oder

* "zwingende öffentliche Interessen" die Abfall-Einleitung "erfordern" und

* "keine nachteilige Veränderung der Beschaffenheit des Meerwassers zu besorgen ist".

Mit dem Hinweis auf angeblich "unverhältnismäßig" hohe Kosten einer Müllbeseitigung an Land hat Bonn bislang immer wieder Ausnahmegenehmigungen zur Verklappung erteilt. Neuerdings aber räumt Innenminister Baum ein, daß die "Einleitung und Einbringung chemischer Abfälle und Schlämme" einen Umfang erreicht habe, "der nicht länger hinnehmbar ist".

Baum will die Klärschlamm-Verklappung in der Nordsee "bis 1981" eingestellt sehen. Und mit seinen Kollegen Hauff (Forschung), Gscheidle (Verkehr) und Ertl (Fischerei) ist der Umweltminister einig geworden, daß die Versenkung von Titanrückständen zunächst "schrittweise verringert" und "spätestens bis 1987 beendet" werden soll.

Technisch, wissen Experten, ist es kein Problem, den Klärschlamm an Land unschädlich zu machen und auch die Chemie-Abfälle zu entgiften. Titanhersteller in Frankreich und Italien etwa arbeiten längst mit einem umweltfreundlichen Verfahren zur Rückgewinnung der überschüssigen Schwefelsäure, das nur einen Nachteil hat: Es ist rund 15 Prozent teurer als das Verklappen im Meer.

Kronos-Titan hat sich, wie Oestmanns Anwälte herausfanden, schon 1976 ein Verfahren zur Abfall-Aufarbeitung an Land patentieren lassen. Und letztes Jahr bereits bewilligte Forschungsminister Hauff einen Antrag, die Entwicklung umweltfreundlicher Methoden mit einem staatlichen 2,5-Millionen-Mark-Zuschuß an die Kronos-Titan zu fördern. Die Firma jedoch entschied plötzlich anders: Die Titan-Manager verweigerten die Annahme des Geldes -- offenbar weil, wie Bonner Beamte vermuten, der Mutterkonzern in den USA die deutsche Tochter aus Kostengründen zurückgepfiffen hatte.

Ob es Bonn gelingen wird, das geplante Verklappungsverbot durchzusetzen, steht dahin. Bislang haben die Unternehmen Forderungen nach einschlägigen Auflagen mit einem allzeit wirksamen Argument abzuwehren verstanden: Solange Ersatzverfahren nicht einsatzbereit seien, bedeute Verklappungsstopp sofortigen Produktionsstopp -- 1400 Arbeitslose bei Kronos-Titan, 4000 bei Bayer-Leverkusen.

Zwar bemühen sich Nordrhein-Westfalens Offizielle, auf die Bayer-Drohung gelassen zu reagieren. "Das ist ja nichts Neues", ließ Kölns Regierungspräsident Franz Josef Antwerpes verlautbaren, "daß bei Umwelt-Auflagen immer gleich mit Entlassungen gedroht wird." Und selbst zehn Bayer-Betriebsratsmitglieder verurteilten öffentlich den "erpresserischen Versuch der Bayer AG, mit der Gefährdung oder Vernichtung von 4000 Arbeitsplätzen zu drohen, um ungehindert weiter Umweltverschmutzung betreiben zu können".

Die Betriebsratsmehrheit aber machte sich in einer Gegenerklärung die Unternehmensversion zu eigen, daß "eine Neutralisierung der Dünnsäure technisch natürlich möglich" sei, Bayer aber dafür "noch keine Lösung gefunden" habe. Aus diesem Grund, appellierten die Betriebsräte an Kanzler Schmidt, möge die Bundesregierung gegenüber Holland auf eine Verlängerung der Verklappungserlaubnis hinwirken, die zunächst bis zum 21. März 1981 befristet ist.

Um Druck auf die holländischen Richter bemühten sich derweil die Bayer-Chefs mit der Ankündigung, ihre Gifte gegebenenfalls -- wie bis 1969 geschehen -- bei Leverkusen in den Rhein zu leiten und damit quer durch die Gemüseanbaugebiete der Niederlande zu schwemmen. Einen entsprechenden Antrag hat die Bayer AG vorsorglich auch der Düsseldorfer Landesregierung vorgelegt -- was prompt Proteste von Wasserwirtschaftlern und Umweltschützern auslöste.

Stoffe, die sogar in der weiten Nordsee Schäden verursachten, seien "im S.67 Rhein um ein Vielfaches gefährlicher", warnt Hansgeorg Winter, Präsident der internationalen Dachorganisation der Rhein-Wasserwerke. Eine Gefährdung der Trinkwasserversorgung sei nicht auszuschließen. Auch für NRW-Landwirtschaftsminister Hans-Otto Bäumer hat "die Gesundheit des Menschen Vorrang"; Bayers Dünnsäure dürfe daher "auf keinen Fall in den Rhein" abgelassen werden.

Auch ohne zusätzliche Giftfracht ist Deutschlands stärkster Strom derart verseucht, daß Fachleute in ihm einen der Hauptverursacher der Nordsee-Verschmutzung sehen. Laut Bonns Landwirtschaftsministerium ist die Gefährdung dieses Meeres sogar "hauptsächlich" auf den "Schadstoffeintrag durch Flüsse" zurückzuführen, "insbesondere durch Elbe, Weser, Rhein und Themse".

"Die Sanierung der Binnengewässer", folgern die Sachverständigen, "ist eine unabdingbare Voraussetzung für den Schutz der Nordsee." Daher müßten "an der Quelle" der Meeresverschmutzung alle Umweltgesetze "schnell und strikt" genutzt und "gezielt weitergehende Reinigungsmaßnahmen" durchgesetzt werden.

Keine einfache Sache. Die Weser etwa fördert täglich bis zu 40 000 Tonnen Salzlauge aus DDR-Betrieben zu Tal. In der Elbe, in der nach dem Ersten Weltkrieg noch Lachse schwammen und in der sich die Zahl der Nutzfischarten mittlerweile von 23 auf drei verringert hat, nimmt die Zahl der Industriebetriebe stetig zu; jüngst erst hat die Brunsbütteler Schelde-Chemie, eine Tochter der Firmen Bayer und Ciba-Geigy, jährlich 400 000 Tonnen Abwässer aus der Säureproduktion angekündigt. Der Rhein spült rund 60 000 chemische Stoffe und Verbindungen aus Fabriken zwischen Basel und Krefeld ins Meer, unter anderem, aufs Jahr gerechnet, 3150 Tonnen Chrom, 1520 Tonnen Kupfer, 12 300 Tonnen Zink und 350 Tonnen Arsen.

Obendrein werden in die Nordsee jährlich insgesamt 800 000 Tonnen chemisch gebundenen Stickstoffs und 60 000 Tonnen Phosphor geschwemmt -- großenteils ausgewaschene Mineraldünger sowie verflüssigte Fäkalien aus der Landwirtschaft und aus Städten wie Hamburg und Bremen, die ihre Abwässer teils gar nicht oder nur mechanisch klären. In den Gewässern regt die Überdüngung mit P hosphor und Stickstoff das Wachsen von Plankton und Algen an, die beim Absterben Sauerstoff binden. Massenhaftes Fischsterben, wie zuletzt im Juni in der Elbe, ist vor allem in den Sommermonaten die Folge.

"Besondere Gefährdungspotentiale" sieht der Sachverständigenrat in den Schwermetallen und insbesondere in den Chlorkohlenwasserstoffen aus Lösungs-, Reinigungs-, Holzschutz- und Pflanzenschutzmitteln, die durch Regen oder durch die Kanalisation in die Flüsse und schließlich ins Meer gelangen.

So finden sich in Nordseefischen Anreicherungen der Pflanzenschutzmittel Hexachlorcyclohexan (HCH) und Hexachlorbenzol. Ringelrobben und Seevögel sind sogar mit dem in Europa kaum noch verwendeten Insektenkiller DDT und dem Kunststoff-Weichmacher PCB verseucht. Bei Möwen machten Helgoländer Forscher Giftkonzentrationen aus, die "um das Zehnfache" die bei Lebensmitteln zulässigen Höchstmengen übersteigen. Bei Eissturmvögeln waren die Grenzwerte sogar "um das Hundertfache" überschritten.

Industriegifte machen Forscher auch für den vom Sachverständigenrat notierten "Rückgang der Bestände des Seehundes" verantwortlich. Im holländischen Teil des Nordseewatts sank die Zahl der Seehunde von 3000 im Jahre 1956 auf rund 400.

Der Biologe Peter Reijnders vom Staatlichen Institut für Naturforschung auf der Insel Texel sieht die Hauptursache im giftigen PCB (polychlorierte Biphenyle). Von diesem Stoff haben niederländische Seehunde zehnmal soviel im Körper gespeichert wie ihre deutschen und dänischen Artgenossen, deren Geburtenziffer (30 Prozent) noch weit über der in Holland registrierten liegt (16 bis 19 Prozent).

"Bei hohen Konzentrationen von chlorierten Kohlenwasserstoffen", hat Professor Sebastian Gerlach, Direktor des Bremerhavener Instituts für Meeresforschung, festgestellt, "gerät der Fortpflanzungszyklus in Unordnung."

PCB, das unter anderem in Transformatoren verwendet wird, unterliegt in den Niederlanden bereits einem Produktionsverbot, wird von den Holländern aber weiterhin aus der Bundesrepublik (Bayer-Leverkusen) und aus Frankreich importiert und verarbeitet. Der Rhein entleert ins Wattenmeer weit höhere Mengen von PCB als Ems, Weser und Elbe.

"Ein Verbot von Produktion und Verarbeitung von PCB, wie es auch in S.70 den USA und Schweden bereits erlassen wurde, ist dringend erforderlich", sagt Forscher Reijnders, "sonst ist der Seehund 1984 bei uns ausgestorben."

"Wenn der Seehund stirbt", erinnerten holländische Zeitungen jüngst an ein friesisches Sprichwort, "ist es auch um den Menschen geschehen." Apokalyptische Ahnungen befielen auch die Redaktion der linken Berliner "Tageszeitung": Wenn sich nichts ändere, würden bald "auch die Menschen wie tumorgeschädigte Makrelen und Aale herumlaufen".

Panikmache? In den Niederlanden beispielsweise ist PCB bereits in der Muttermilch nachgewiesen worden: Nach einer Untersuchung des staatlichen Zentralbüros für Statistik nehmen Babys täglich 13 Milligramm PCB auf; eine Norm der Weltgesundheitsorganisation (WHO) läßt als Höchstdosis ein Milligramm zu.

Doch nicht nur Chemiegifte, Rohöl und Faulschlamm machen Fischen, Vögeln und Säugern das Überleben schwer. Auch durch andere Eingriffe wird die Artenvielfalt im Lebensraum Nordsee dezimiert.

Die nationalen Fangflotten der Nordsee-Anrainer ziehen jährlich rund drei Millionen Tonnen Fisch aus dem Wasser -- doppelt soviel wie noch vor vierzig Jahren und mehr, als manche Arten durchs Laichen ausgleichen können.

Längst ist der Hering rar, die Seezunge selten. Immer weiter und immer tiefer müssen Fischer ihre Fanggründe ausdehnen, immer perfekter werden die hochtechnisierten Fangmethoden.

Was zum Raubbau im Meer führt, ist weniger der gestiegene Appetit auf Rotbarschfilets und Rollmöpse. Seit dreißig Jahren steigert die Industriefischerei beständig ihre Fangquoten. 1979 wurden zwei Drittel der Fänge (1950: zwei Prozent) zu Fischmehl und Fischöl für die Viehfutter- und Margarineproduktion verarbeitet.

Bei ihrem Unterwasser-Kahlschlag rottet die Fischwirtschaft ganze Populationen aus. "Besonders spektakulär", fanden die Umweltgutachter, "ist der relative wie absolute Rückgang der Heringsfänge, deren Anteil am Gesamtfang von über 50 Prozent ... auf knapp zehn Prozent im Jahre 1974 und nahezu null im Jahre 1977 absank."

Schon vor fünfzehn Jahren verschwand die Laichpopulation der Doggerbank-Heringe als "Folge von Überfischung" (Gutachter). Der Fischereiausschuß der EG-Kommission ermittelte vergangenen Oktober: "Von den elf wichtigsten Beständen sind zwei (Hering und Makrele) in Gefahr des Zusammenbruchs des Nachwuchses."

Zu dieser Gefahr trägt bei, daß Laich- und Aufzuchtplätze an der Küste lebensgefährlich verschmutzt und eingeengt werden. Denn der meiste Dreck landet in einem Gebiet von "herausragender ökologischer Bedeutung" (Umweltsachverständige): im Watt, wo nun, bei Friedrichskoog, sogar Öl gefördert wird und, wie bei St. Peter Ording, Yachthäfen entstehen sollen.

Durch Landgewinnungs- und Deichbauprogramme droht dem Salzwasserwatt entlang der Küsten, was dem Süßwasserwatt an der Unterelbe durch Flutschutz- und Wasserbaumaßnahmen in den letzten Jahrzehnten bereits widerfahren ist: Vernichtung.

Nachdem immer mehr Seiten- und Altarme von der Elbe abgeschnitten, Flußteile begradigt und schilfbewachsene Uferstreifen zerstört worden sind, finden Fische dort nur selten noch jene Laich- und Futterplätze, die sich ihnen einst boten. Auf einem einzigen "uadratmeter Süßwasserwatt zählten Zoologen 18 800 Strudelwürmer," " 48 200 Fadenwürmer, 61 200 Rädertierchen, 164 000 " " Ringelwürmer, 129 000 Tubificiden, 29 800 Kleinkrebse, unter " " anderem Wasserflöhe, 3600 Zuckmückenlarven, 2400 " " Gnitzenlarven. "

So wie die Wattzerstörung an der Elbe zum Verschwinden der meisten Flußfischarten beigetragen hat, rechnen Naturkundler mit katastrophalen ökologischen Folgen, wenn stärker noch als bislang in jene einzigartigen Zonen eingegriffen wird, in denen zu Urzeiten das Leben vom Wasser aufs Land gestiegen ist. Was Küstenbewohner, um den blanken Hans zu trutzen ("De nich will dieken, mutt wieken"), jahrhundertelang unternommen haben, kann nun die ganze Region unheilbar schädigen.

Seit rund vierzig Jahren nehmen in den Niederlanden, seit 25 Jahren auch in der Bundesrepublik Eindeichungen S.71 "gigantische Ausmaße" (Umweltgutachter) an. Im Ijsselmeerbereich wurden bis heute 166 000 Hektar Neuland gewonnen, weitere 60 000 Hektar sollen folgen. Im Bereich der Lauwerszee wurden 9000 Hektar vom Wattenmeer abgeschnitten.

An der bundesdeutschen Küste sind, ohne Rücksicht auf internationale Übereinkommen und deutsche Naturschutzgesetze, drei folgenschwere Großprojekte geplant:

* Vom dänischen Emmerleff-Kliff bis zum Hindenburg-Damm zwischen Sylt und dem Festland sollen 2000 Hektar Schlickwatten und Salzwiesen hinter einem neuen zwölf Kilometer langen Deich verschwinden.

* Im Norden der Insel Nordstrand sollen mit sechs Kilometer Seedeich rund 4700 Hektar Neuland gewonnen werden.

* In Niedersachsen, bei Emden, droht die Eindeichung der Leybucht, der letzten noch offenen Salzwasserbucht an der südlichen Nordsee.

Betroffen sind 1500 im Watt heimische Tierarten, dazu Millionen Vögel seltener Spezies, denen das Watt als Brut- und Rastplatz dient; im Frühjahr und Herbst sind die Wattenmeere die vogelreichsten Gebiete der Erde. Für Pfeifenten und Austernfischer, Kleinspinnen und Flohkrebse, Jungschollen und Robbenbabys ist der Lebensraum zwischen Land und Wasser unersetzbar.

Vom Aussterben bedroht sind Dutzende von Pflanzengattungen und für den Nahrungskreislauf unersetzliche Kleinstlebewesen. Binsenquecken und Strandroggen, Silber- und Borstgras hätten kaum eine Überlebenschance hinterm Deich. Und allein das Verschwinden einer Salzpflanzenart, so ermittelten die Umweltsachverständigen, "zieht im Durchschnitt den Ausfall von acht bis 16 Tierarten nach sich, die auf diese eine Pflanzenart spezialisiert sind".

Obgleich Umweltgutachter vor dem "schwersten Eingriff in das Ökosystem des Wattenmeeres" warnen und fordern, "bestehende Planungen für großflächige Vordeichungen rückgängig" zu machen, ist der "Mord am Watt" (Protest-Parole) zumindest nördlich von Sylt längst beschlossen.

Zwar lief erst kürzlich das gesetzlich vorgeschriebene öffentliche Anhörungsverfahren in Husum. Doch verhindern können die protestierenden Naturschützer, darunter Kanzlergattin Loki Schmidt und TV-Tierfreund Bernhard Grzimek, den deutschen Teildeich kaum mehr. Denn die Kieler CDU-Landesregierung hat sich schon vor zwei Jahren gegenüber Bonn und Kopenhagen verbindlich festgelegt; der dänische Teil des Damms ist fast vollendet.

Die Auseinandersetzung um das deutsch-dänische Gemeinschaftswerk demonstriert augenfällig, daß der "German Ocean", wie die Briten die Nordsee nennen, allenfalls in internationaler Kooperation zu retten wäre. Bislang jedoch haben die Nordseeanrainer nur wenig Bereitschaft gezeigt, Abkommen zum Schutz des Meeres zu ratifizieren, auszuführen und einzuhalten.

Eine "nicht zu verantwortende Regelungslücke", rügt der Sachverständigenrat, klaffe etwa in den Vorschriften über Chemikalientransporte zur See: Die Verhandlungen würden "in eine ungewisse Zukunft hinein fortgeschleppt". Richtlinien, mit denen die Verklappung von Titan-Abfällen bis 1985 um 95 Prozent reduziert werden sollten, seien "am Widerstand der Bundesrepublik Deutschland und Großbritanniens gescheitert".

Ein vor sieben Jahren ausgehandeltes internationales Übereinkommen zur "Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe" ist, so das Gutachten, "völkerrechtlich noch nicht in Kraft getreten". Auch Bonn hat es bislang nicht ratifiziert, ebensowenig wie eine 1974 formulierte Konvention gegen die Meeresverschmutzung vom Land aus. "Schleppender, als dies dem Schutz der Nordsee dienlich ist", verlaufe auch die Entwicklung entsprechender EG-Richtlinien.

Wo hingegen präzise Regelungen bestehen, sind vielfach "die Strafen unzureichend, wie auch die Überwachungsmöglichkeiten S.72 nach wie vor unzulänglich sind". Derlei "Vollzugsdefizite" machten die Sachverständigen unter anderem bei einer international vereinbarten "Schwarzen Liste" von Giften wie DDT und Quecksilber aus, die grundsätzlich nicht mehr ins Meer abgegeben werden sollen. Die Einhaltung dieser Liste sei vor allem "in Großbritannien auf strikte Ablehnung gestoßen". Andere Länder hätten sich der englischen Haltung angeschlossen, weil ihrer Industrie sonst "Wettbewerbsverzerrungen" gedroht hätten.

"Die kleinen Umweltsünder hängt man, die großen läßt man laufen" -zu diesem Fazit kamen denn auch deutsche Meeresforscher und Umweltjuristen, die kürzlich erstmals, in Bremerhaven, ein gemeinsames Kolloquium abhielten. Staatsanwälte, berichteten die Teilnehmer, ließen sich häufig von Großbetrieben hinters Licht führen, Strafanzeigen gegen Wasserverschmutzer würden nur selten gestellt.

"Dann lieber gar kein Umweltrecht als dieses", zürnte der Bremer Rechtsprofessor Otto Backes. Abhilfe sei allenfalls möglich, wenn der Staat "auf Kontrollen spezialisierte Behörden" schaffe oder "die Beamten selbst unter Strafe stellt, wenn sie strafbares Verhalten nicht anzeigen".

Anderenfalls könnte sich wohl ereignen, was der Hamburger Läster-Barde Hans Scheibner in seinem Lied "De Fischer un sin Fru" voraussagt, einer modernen Fassung des alten Grimmschen Märchens.

So wie sich die habgierige Fischersfrau Ilsebill von einem sprechenden Butt erst eine Hütte und dann ein Schloß schenken läßt, verlangt im Scheibner-Song ein plattdeutscher Bürgermeister vom Zauberfisch ein Kernkraftwerk und einen Containerhafen, einen Autobahnzubringer und eine stinkende Aluminiumhütte.

Sein allerletzter Wunsch -- das Rad dieses Fortschritts wieder zurückdrehen zu können -- indes wird dem Küstenpolitiker nicht mehr erfüllt: Das Wasser ist inzwischen umgekippt, der märchenhafte Fisch, der menschliches Schicksal zu wenden vermochte, auf einmal "sehr tot und grau".

Dichtung beiseite -- schon heute ist jeder fünfte Butt, den der Hamburger Fischer Oestmann fängt, von krebsartigen Wucherungen befallen. Wo vor der Elbmündung der schwarze Klärschlamm im Meer versinkt, "stinken die Fische fürchterlich, wenn man das Netz an Bord holt, man ist kurz vorm Kotzen".

Vor zehn Jahren, erinnert sich Oestmann, "mußte man suchen, wenn man ''n kranken Fisch finden wollte. Da war unterm Zentner einer krank". Heute ist für den Fischer der Tag abzusehen, "da ist hier der letzte Butt kaputt".

S.70

18 800 Strudelwürmer, 48 200 Fadenwürmer, 61 200 Rädertierchen, 164

000 Ringelwürmer, 129 000 Tubificiden, 29 800 Kleinkrebse, unter

anderem Wasserflöhe, 3600 Zuckmückenlarven, 2400 Gnitzenlarven.

*

S.59 Verklappung von "Dünnsäure" bei Helgoland (o.); Meervogel mit verklebtem Gefieder auf Sylt (u.). * S.62 Oben: bei Brokdorf/Elbe; * unten: von der "Blumenkohlkrankheit" befallener Aal, von der "Himbeerkrankheit" befallener Butt. * S.64 In der Bretagne. * S.65 Durch ein "Greenpeace"-Schlauchboot. *

DER SPIEGEL 33/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 33/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Erst stirbt der Seehund, dann der Mensch