24.03.1980

BANKIERSZu wenig studiert

Privatbankier von Bethmann empfiehlt der Bundesbank ein unorthodoxes Rezept gegen die Inflation: Die Zinsen müssen runter.
Er steht allein -- und er kann nicht anders. Mitstreiter findet Johann Philipp Freiherr von Bethmann, Privatbankier zu Frankfurt am Main, nicht einmal im eigenen Hause.
Doch ebenso unverdrossen wie einsam kämpft von Bethmann für ein neues Verständnis von Geld und Kredit. Denn er ist in "großer Sorge", daß Notenbankiers in aller Welt mit Geld und Zinsen "völlig falsch" hantieren.
"Durch langjährige Beobachtung der wirtschaftlichen Zusammenhänge" verdichtete sich für den Chef des Bankhauses Gebrüder Bethmann zur Gewißheit, was er "zunächst nur vermutet" hatte: Die angeblich gesicherte Erkenntnis der Geldexperten, mit hohem Zins und knappem Geld sei die Inflation zu bremsen, ist in Wahrheit ein verhängnisvoller Irrtum.
Genau das Gegenteil ist nach von Bethmanns Überzeugung richtig: Steigende Zinsen verschärfen den Preisauftrieb, fallende Geldpreise dagegen ziehen auch die Güterpreise mit nach unten.
Und nicht zu viel, sondern zu wenig Geld in der Wirtschaft bringt den Inflations-Motor auf Touren. "Durch Verknappung", so lehrt der Bank-Baron, "wird eine Nachfrage nie gedämpft, sondern nur verstärkt."
Hätte von Bethmann recht, er hätte fürwahr den Nobelpreis für Nationalökonomie verdient. Denn durch die Bethmann-Lehre wäre vor allem der Nobelpreis-Ökonom von 1976, der amerikanische Wirtschaftsprofessor Milton Friedman, widerlegt.
Der US-Forscher, der sich so intensiv wie kaum ein Ökonom zuvor mit den Zusammenhängen von Geld, Volkseinkommen und Inflation beschäftigt hatte, kam zu dem Ergebnis, daß insbesondere die Notenbanken die Inflation antreiben, indem sie allzu sorglos den Geldhahn öffnen.
Die Währungshüter nahmen sich die Schelte Friedmans und seiner Schüler, der sogenannten Monetaristen, so zu Herzen, daß sie ab Mitte der siebziger Jahre öffentlich die Grenzen für die Geldexpansion absteckten. Sie gelobten, je nach Konjunkturlage und Teuerungs-Tempo, die Menge des umlaufenden Bargelds und der Sichtguthaben bei der Zentralbank jährlich nur um eine bestimmte Rate ansteigen zu lassen und somit auch das Wachstum der Sicht-, Termin- und Sparguthaben
( Über Sichtguthaben kann ein ) ( Konto-Inhaber jederzeit, über ) ( Termingelder nach einer vereinbarten ) ( Frist und über Sparguthaben nach ) ( gesetzlicher Kündigungsfrist verfügen. )
von Kunden der Geschäftsbanken einzudämmen.
Nach dem Geschmack der Monetaristen hielten sich die Zentralbankiers allerdings nicht streng genug an ihre eigenen Ziele. Aus konjunkturellen oder außenwirtschaftlichen Gründen ließen sie häufig zu, daß die Geldmenge über das festgesetzte Limit hinaus expandierte.
Bank-Herr von Bethmann dagegen rät den Wirtschaftspolitikern, sich von allen Geldmengen-Fesseln zu befreien. Zu viel Geld in der Wirtschaft sei "völlig ungefährlich", so behauptet er, solange die Zinsen fallen.
Denn allein von billigerem Geld erwartet von Bethmann "Genesung für einen inflationsvergifteten Wirtschaftskörper". Mit "immer stärkeren Dosen der Hochzinsdroge", so warnt er, "nimmt der Inflationsrausch ständig zu".
Mit Verve sucht der 55jährige Autodidakt, der nach Banklehre und einigen Jahren zusätzlicher praktischer Ausbildung S.79 Anfang 1953 gleich als Co-Chef in der Familien-Bank debütierte, Anhänger für seine Lehre zu gewinnen. Dafür nimmt er sogar die Gefahr in Kauf, sich "lächerlich zu machen".
Seit Jahren schon schießt von Bethmann gegen die "ständig verschärfte Kreditpolitik" der Deutschen Bundesbank -- vor allem in selbstverfaßten Zeitungs- und Zeitschriften-Artikeln.
Denn den Herren der Frankfurter Bundesbank-Zentrale, die er "persönlich alle schätzt", ins Gesicht zu sagen, daß nur er allein genug vom Geld versteht, ist dem adligen Bankier doch zu peinlich. "Mein Mut", räumt er ein, "ist am Schreibtisch größer."
Dort legt der dilettierende Geldtheoretiker ("Ich habe viel zu wenig studiert, aber das ist auch manchmal von Vorteil") sich immer weniger Zurückhaltung auf. "Ich werde ungeduldiger", begründet er, daß die Diktion seiner Bundesbank-Kritiken zunehmend schärfer wird.
So beließ er es in einer "Frankfurter Rundschau"-Kolumne vom November 1978 noch bei dem "dringenden Warnruf: Die Zinsen müssen nicht steigen". Wenig später schon bescheinigte er der Bundesbank im selben Blatt, sie habe "beim Stabilitätsziel ein Eigentor geschossen".
Im "Handelsblatt" wetterte er Ende vergangenen Monats dann sogar, die Bundesbank werde "den Sieg über die Inflation" nur "an den Gräbern der Gefallenen" feiern können. Die Hochzinspolitik werde "Hunderttausende von Arbeitsplätzen und Zehntausende von Wirtschaftsexistenzen" kosten.
Zwei Wochen darauf steigerte sich von Bethmann in der Düsseldorfer "Wirtschaftszeitung" noch einmal: Wenn die Bundesbank ihre bisherige Politik nicht ändere, so donnerte er, werde "der Preis für die Wiedergewinnung der Stabilität nicht nur eine ''Krise'', sondern eine Katastrophe" sein.
Lieber noch als in der linksliberalen "Frankfurter Rundschau" würde Christdemokrat von Bethmann, der dem geschäftsführenden Vorstand des CDU-Wirtschaftsrats angehört, seine Thesen in der konservativen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" veröffentlichen. Aber: "Der ''FAZ'' kann ich gar nicht zumuten, solche Ketzereien zu drucken", bedauert er den monetaristischen Kurs der "FAZ".
Dennoch glaubt der Zins-Missionar, bei den Monetaristen zunehmende Unsicherheit beobachten zu können. Während sie anfangs noch schmunzelten, würden sie ihm jetzt aufmerksamer zuhören.
Eigenwillige Positionen hatte von Bethmann schon als Unternehmer und Parteipolitiker oft und gern bezogen. Öffentliche Aufmerksamkeit hatte ihn im Gegensatz zu den meisten seiner Standesgenossen nie gestört.
So predigte von Bethmann, während andere Unternehmer nur noch von sozialer Marktwirtschaft zu reden wagten, der Kapitalismus sei "wie ein Rassepferd". Der Millionen-Erbe mit Schloß (nahe Marburg) plädierte für breitgestreute Vermögensbildung, philosophierte über die Wurzeln des Terrorismus und war mal "linker Vogel" (Eigen-Einschätzung), mal erzkonservativer System-Verteidiger.
Anläufe von Bethmanns zu einer Polit-Karriere scheiterten. Sein Amt als Frankfurter Stadtverordneter gab der Bankier nach kurzer Zeit wegen eines "persönlichen Formtiefs" auf. Zwei Versuche im Jahre 1976, in einem hessischen Wahlkreis als Bundestags-Kandidat aufgestellt zu werden, scheiterten am Widerstand der lokalen CDU.
Daß von Bethmann sich nun als Geld-Theoretiker durchsetzt, ist allerdings auch kaum zu erwarten. Denn seine Thesen treffen -- wenn überhaupt -- nur für sehr kurze Fristen zu.
So kann ein steigender Zins kurzfristig die Nachfrage von Unternehmern und Verbrauchern nach Krediten anheizen, weil diese fürchten, in Zukunft nur zu noch höheren Zinsen pumpen zu können. Ein steigender Zins schürt in diesem Fall die Inflation, ein fallender kühlt sie ab.
"Man kann sich diesen Vorgang in der Wirtschaftspolitik jedoch nicht zunutze machen", erklärt Bundesbank-Vizepräsident Helmut Schlesinger, "das ginge allenfalls wenige Tage oder Wochen gut."
Längerfristig nämlich gilt, daß bei höherem Zins und knapperem Geld immer weniger Bankkunden in der Lage sind, ein Darlehen aufzunehmen. Die Kreditnachfrage sinkt, der Druck auf die Preise vermindert sich.
Das Urteil der studierten Theoretiker über von Bethmann fällt denn auch hart aus. "Der kennt die fundamentalen Zusammenhänge der Volkswirtschaft nicht", meint der Kieler Wirtschaftsprofessor und Monetarist Manfred Willms.
Der Bankier aber übt sich bereits in "praktizierter Theorie". Als einziges deutsches Kreditinstitut verkauft die Bethmann-Bank einen Sparbrief, der mit zunächst sehr hohen, dann aber von Jahr zu Jahr fallenden Zinsen ausgestattet ist.
Für den Fall, daß die Bundesbank nicht auf von Bethmanns Anti-Inflationskurs mit fallenden Zinsen einschwenkt, ist allerdings vorgesorgt: Der Sparbrief enthält eine Mindest-Verzinsungsklausel.
S.77 Über Sichtguthaben kann ein Konto-Inhaber jederzeit, über Termingelder nach einer vereinbarten Frist und über Sparguthaben nach gesetzlicher Kündigungsfrist verfügen. *

DER SPIEGEL 13/1980
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