24.03.1980

Ein Haus „am Wundrand unserer Gesellschaft“

SPIEGEL-Redakteur Peter Stolle über die Fernsehmisere des Senders Freies Berlin
Es kommt der Tag, sagt ein Satiriker, da sendet das deutsche Fernsehen seine Verwaltung direkt. Der ARD-Sender Freies Berlin ist dieser Vision nah: Dort schickt die Bürokratie ihre Lichtgestalten live ins Programm.
Wenn auf dem ARD-Schirm das Signum "SFB" erscheint, entfaltet das Fernsehen den Charme eines Einwohnermeldeamtes. Dann kommt, beispielsweise, der Moderator Peter Pechel, der unauffällig bis zur Selbstaufgabe das Ost-West-Magazin "Kontraste" bearbeitet.
Diensthabender des SFB-Referats Unterhaltung ist seit Menschengedenken der Bigband-Vorsteher Paul Kuhn ("Es gibt kein Bier auf Hawaii"), der immer so welk in die Kamera blinzelt und wohl am liebsten die hochverdiente Pension verzehrte. Unentbehrlich ist auch der "Stachelschwein"-Spätinsulaner Wolfgang Gruner, der die Abteilung Berliner Schnauze verwaltet. Dies sind tragende Säulen eines Senders, dem das ARD-Fernsehen vorwiegend Beiträge mit hoher Einfaltsquote verdankt.
Der SFB ist, letztes Jahr, bundesweit mit der Operette "Wie einst im Mai" in Erscheinung getreten, mit der "Weltmeisterschaft der Amateure in den Formationstänzen" und einem ungarischen Volkstanzgastspiel. Er ist, zur Bundesgartenschau, "Von der Spree an den Rhein" gezogen, hat Schweizer Folklore mit den "Huser-Buebe", Alt-Berliner Possen präsentiert ("Kyritz --Pyritz") und einen "Musik-Jahrmarkt Berlin" inszeniert: Solche kläglichen Televisionen festigten den Ruf des SFB, die provinziellste ARD-Anstalt zu sein.
Entschlossen ignoriert das SFB-Fernsehen die Attraktionen der Kulturmetropole, des Amüsier-Eldorados und Wissenschaftszentrums West-Berlin. Vom Reservoir an Künstlern und Gelehrten in der Stadt, von der weitverästelten Subkultur nimmt dieser Sender Krähwinkel kaum Notiz. "Wenn hier was los ist", sagt ein Redakteur, "dann kommen die Westdeutschen und mischen das auf."
Das "Fabrik"-Experiment junger Berliner, die auf dem Ufa-Gelände alternative Lebensart praktizieren, bringt demnächst der NDR ins ARD-Programm. Der Berliner SPD-Matador, Wissenschaftssenator Peter Glotz, war dem WDR ein großes TV-Porträt wert. Und den Berliner "Nonsens"-Hallervorden beförderte der Südfunk Stuttgart, nicht etwa der SFB, zum hochverehrten Lachsack. Die Belegschaft des monströsen Fernsehzentrums am Theodor-Heuss-Platz schläft fest.
Mit 1400 Bediensteten, davon 230 Redakteuren und Reportern, und einem Etat von 225 Millionen Mark gehört der Stadtfunk zu den mittelgroßen ARD-Instituten, vergleichbar etwa dem Hessischen Rundfunk. Der SFB produziert drei passable Radio-Programme, eine betuliche regionale TV"Abendschau", Bildung für den Dritten TV-Kanal und acht Prozent des bundesweiten ARD-Fernsehens.
Intendant Wolfgang Haus, 52, vormals SPD-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, amtiert seit 1978. Die Verträge mit Programmdirektor Erich Proebster und Chefredakteur Peter Pechel laufen nächstes Jahr aus. Diese Schaltstellen will Haus neu besetzen. Er weiß, wie es ums SFB-Fernsehen bestellt ist, er will "die schlummernde Innovation" wecken, das schlimme Sender-Image liften. Aber er lebt mit einem Rundfunkrat, der sich noch kleinkarierter gebärdet als die Aufseher anderer ARD-Anstalten.
24 gesellschaftlich-relevante Damen und Herren aus Politik, Wirtschaft und Kultur kontrollieren den Sender. SPD- und CDU-Politiker und ihre Sympathisanten haben sich in zwei gleich starken "Kungelkreisen" organisiert. Freilich kommt es, wie Insider berichten, "aus Mangel an wirklichen Gegensätzen nie zu grundsätzlich streitigen Diskussionen", denn "in der Berliner Politik tut man sich eigentlich nichts".
Der Honoratiorenclub fühlt sich mehrheitlich als Meldestelle für kommunistische Störfälle. Da regt sich noch der kämpferische Frontstadtgeist, der den modernen Zeiten ein trotziges "Berlin bleibt doch Berlin" entgegenhält. Bei geringsten Anzeichen geistiger Beweglichkeit im Sender läuten die Räte aufgeregt die Freiheitsglocke.
So brach unterm Funkturm das schiere Entsetzen aus, als die "Abendschau" letztes Jahr ein Volksfest der SEW-Zeitung "Die Wahrheit" besichtigte. "Bratwurst, Reibekuchen" werde verkauft, berichtete der Reporter, der Pionierchor "Rote Sternchen" habe gesungen, eine böhmische Kapelle lustig geblasen. Das Filmchen, 188 Sekunden lang, wurde debattiert, als ginge es um den Bestand der freien Welt.
In der Hörfunk-Popshow "s-f-beat" entdeckte ein CDU-Ratsherr "einen idiotischen Wortbeitrag", in dem "sogar Rülpser über den Sender" gingen. Im Dritten TV-Kanal sei -- andere Klage -- der Kandidat Strauß mit "bevormundenden Witzchen" verunglimpft worden.
Ein kritisches Feature ("Berlin --Ansichten über eine Stadt") löste "Unmut" aus, weil "hier nur Negativ-Bilder gezeigt wurden". Der flegelhafte Stierkämpfer, der kürzlich in der Bremer Talk-Show "III nach neun" Israels Begin S.228 "ein Schwein" genannt hatte, entfachte so ungeheure Entrüstung, daß die Ratsrunde am liebsten wohl zum Kniefall an die Klagemauer gepilgert wäre.
"Wenn ein solcher Mann als Schwein bezeichnet wird", zürnte der katholische Prälat Klausener, "halte ich dies für eine Sauerei." Die Moderatoren, allesamt "linke Leute", sollten unverzüglich "zurückgezogen werden".
Programmchef Proebster beeilte sich, dem verantwortlichen Intendanten Schröder die "Empörung der Berliner Bevölkerung" zu übermitteln und die strenge Frage zu stellen, "welche Vorkehrungen" er getroffen habe, "damit so etwas nicht mehr passieren" kann. Proebster darf so was wirklich reinen Herzens fragen, in der öffentlich-rechtlichen Geisterbahn SFB wär' das nicht passiert.
Denn der Sender versteht sich als staatstragendes, konservatives Repräsentationsmedium -- getreu der Maxime des Rundfunkratsvorsitzenden Karl-Heinz Schmitz, CDU: "Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit." Daß couragierter Journalismus unter solchen Freiheitsglucken verdorrt, ist logisch.
In kaum einer anderen TV-Anstalt ist das Betriebsklima so schwunglos, so resignativ wie im Berliner Fernsehturm. Hier herrschen längst profillose Beamte, hier hat mitunter das Personal den dringenden Wunsch: "Zumachen und anzünden."
Chefredakteur Peter Pechel (Senderjargon: "Pepe, der Pechredakteur"), ein kultivierter, umgänglicher Endfünfziger, ist ein braver Programmverwalter, eine wahrhaft graue Eminenz. Sein Kollege Proebster, 50, in der deutschen Presse als hartleibiger Leserbriefschreiber gefürchtet, verlangt zwar von seinen Redakteuren unentwegt "Programmtaten", blockt aber belebende Initiativen ab, bevor es zu inhaltlichen Gesprächen mit den Machern kommt.
Proebsters Augenweide ist die konventionelle Literaturverfilmung ("Deutschstunde"). Seinen Führungsstil unterstreicht Proebster mit unnachsichtigen Hinweisen darauf, daß "im SFB der Dienstweg einzuhalten ist". Es mehrten sich die Fälle, so Proebster ungnädig in einem Hausrundschreiben, "in denen der Intendant direkt angeschrieben wird"; in "unser aller Interesse fordere ich Sie daher auf, Informationen stets über die Abteilungsleiter, die Hauptabteilungsleiter und die Programmdirektion an den Intendanten zu geben".
Den Dienstweg im SFB regelt im übrigen eine gespenstische Vorschriftensammlung, die dem Juristen und SPD-Rundfunkrat Diether Huhn "vollkommen abenteuerlich" vorkommt. Da werden "Richtlinien über die Verwahrung von Gegenständen und die Meldepflicht bei Verlust und Schäden" ausgegeben oder "Richtlinien für die Führung von Personengruppen". Eine "Staatsbehörde", sagt Huhn, "könnte nicht schlimmer sein." Ein Fernsehsender, der Aktenträger züchtet, produziert notgedrungen Gilb und Muff.
Im Bereich Fernsehspiel gilt im SFB als ästhetisches Bravourstück eine Freilicht-Inszenierung von "Nathan der Weise". Noch heute brüstet sich Proebster mit einer "außerordentlich stark beachteten Fernsehinszenierung" der Hauptmannschen "Weber", die der SFB im Juni '71 ausgestrahlt hatte. Nur ausnahmsweise unterläuft den Berlinern ein so kühnes Projekt wie die Broch-Verfilmung "Esch oder die Anarchie". Die SFB-Unterhaltung, Domäne des treuen Paul Kuhn, ist von unüberbietbarer Sterilität. Eine einzige Muppet-Show hat mehr Witz als 25 Jahre SFB-Entertainment.
In der Politik tut sich der Berliner Bildfunk, neben den drögen "Kontrasten", mit dem Barras-Experten Lars Griepe hervor, der mit "getragenem Heldenpathos" (Branchendienst "epd") die Waffengattungen der Bundeswehr ins rechte Licht rückt: "Fallschirmjäger", "Leopard", "Phantom". Griepes "Berufsziel", so ein Kritiker, "ist offensichtlich Kriegsberichterstatter". Zweifellos versteht sich Griepe als Hüter der Nato-Ostflanke.
Solche Männer sind der diskrete Schwarm der Bürokratie, solche Kerle schätzte auch der Haus-Vorgänger Franz Barsig, SPD, der den SFB in zehn langen Amtsjahren in totale Lethargie trieb. Wie Zerberus wachte der Amateurflieger Barsig (Kosename: "Der schnelle Franz") darüber, daß Linke oder Liberale nicht Macht über sein Programm erhielten. Wenn Barsig S.230 SFB-Sendungen lauschte, fragte er sich, "ob ich noch normal bin ... oder ob bei mir bestimmte Lücken im Wissen, Begreifen oder gar im Gehirn vorhanden sind, die mich das nicht mehr begreifen lassen". Die Frage wurde nie geklärt; fest steht aber, daß Berlins Regierender Bürgermeister Stobbe den schnellen Franz 1978 mit den Dankesworten verabschiedete, er habe "dafür gesorgt, daß der SFB einen großen und festen Beitrag zur politischen und geistigen Kultur unserer Stadt leisten konnte". Seh'n Se, das ist Berlin.
Als der Historiker Haus, nach dieser anrührenden Zeremonie, den "Sender Franz Barsig" übernahm, fand er in der Intendanten-Suite eine rote Fahne, die sein Vorgänger beim Sturm auf die benachbarte, verhaßte Film- und Fernsehakademie erobert hatte. Dann spätestens muß Haus das Ausmaß an "Verklemmung und Entmutigung im SFB" überwältigt haben. Da hat er gern "die Hand abgenommen von den Schleifrädern der heißen Politik" und ist "an einen Wundrand unserer Gesellschaft gesprungen", in den SFB.
Auf dem ruht nun seine heilende Hand, dort will er "entkrampfen, lockern, Freiräume schaffen" und den SFB zu einem geachteten ARD-Haus machen, von dem "Besonderes erwartet werden kann". Im SFB, sagt er, soll wieder "die kritische Befragung des Vorhandenen möglich sein". Ein Mann also mit einer "Lederhaut gegenüber politischen Pfeilen" (Selbsteinschätzung), ein tatkräftiger Liberaler oder doch wieder nur ein dröhnender TV-Technokrat, der hinterrücks Maulschellen verteilt?
Im Sender herrscht gedämpfte Zuversicht. Das Klima sei entspannter geworden, berichten Mitarbeiter. Der Intendant schätzt direkte Kontakte zu den Machern, ruft sogar -- Proebster, erwache] -- unter Umgehung des geraden Dienstwegs schlichte Redakteure zu Hause an.
Zur Wiederbelebung des Senders hat Haus mit der lang verfemten Film- und Fernsehakademie die experimentelle Filmreihe "Projektionen" eingebracht und die TV-Kontakte zur DDR verstärkt. Unter Haus kam, bei Barsig undenkbar, die "Tornado-Revue" live ins TV-Programm, ein Berliner Kabarett bunter, linker Vögel.
Aber die Mutprobe des Intendanten naht, wenn '81 die Direktorensitze vakant werden. Den Chefredakteur Pechel möchte Haus, sagt er, am liebsten durch den linksliberalen ZDF-Mann Hanns-Werner Schwarze ("Kennzeichen D") oder durch Bonns TV-Diva Friedrich Nowottny ersetzen. Sein Traumkandidat für die Programmdirektion ist der "III nach neun"-Erfinder Dieter Ertel, der jetzt in der WDR-Hierarchie residiert. Ob diese Wunschliste dem Rundfunkrat zusagt?
Der CDU-Freundeskreis, mit dem Haus nicht schlecht harmoniert, hat mit dem blassen Pepe keine Sorgen und würde gewiß nicht Schwarze auf dem Posten dulden. Mit den Konservativen jedoch darf sich der Anstaltschef nicht anlegen, wenn er die ersehnte Wiederwahl nicht gefährden will. "Wenn Haus großes Theater kriegt", sagt ein SPD-Rundfunkrat, "behält er lieber die Leute, die er hat."
Und mit dem, was er hat, ist der SFB-Hausherr eigentlich ganz zufrieden: "Jetzt, nach zwei Jahren, fühle ich beim Durchkneten des Teigs: Da ist was Gutes gebacken worden."
Bis jetzt waren's kleine Brötchen.
Von Peter Stolle

DER SPIEGEL 13/1980
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