04.02.1980

NEONAZISNicht nur Pinsel

Die rechts-exotische „Wehrsportgruppe Hoffmann“ wurde letzte Woche verboten und aufgelöst. Sechs Jahre lang hatten Staatsstellen gezögert, gegen die Neonazis vorzugehen.
Der Anführer fragt sein Fähnlein: "Was sind wir?" Antwort: "Schwarze Legionäre]" -- "Wofür kämpfen wir?" -- "Gegen Bolschewismus und Kapital]"
Die Gruppe pflegte, wenn sie sich zum "Wehrsport" traf, markige Parolen, ob bei winterlichen Geländespielen zwecks Trainings von "Motmarsch", Tarnung oder "Counter-Ambush", ob vor dem fränkischen Schloß Ermreuth, ehemals eine NS-Gauführerschule und mittlerweile Stammsitz der Militanten.
Seit 1974 tummeln sie sich in der Öffentlichkeit. Ihr Anführer Karl-Heinz Hoffmann, ein 43jähriger Graphiker und Schildermaler, posiert mit Vorliebe unter Hitler-Bildern, Nazi-Insignien und Waffenpomp. Gern läßt er "tote Helden der jungen Nation" auf "Vaterland, wir kommen schon" reimen, selten macht er es kleiner.
Wenn zum Beispiel einer fragt: "Chef, wie lange dauert es bis zur Machtübernahme noch?" sagt der: "Jungs, wir sind schwach, unsere Position ist zur Zeit erbärmlich hoffnungslos." Aber die Jungs lassen sich da nichts vormachen -- "Hoffmann", so einer von ihnen, "will zur Macht".
Das wird nun wohl doch noch dauern. Denn letzten Mittwoch in der Früh wurde die "Wehrsportgruppe Hoffmann" von Amts wegen abgerüstet. 500 bayrische Polizisten filzten bei einer Razzia an 23 Orten zugleich den ganzen rechten Verein. Sie beschlagnahmten beträchtliches "Vereinsvermögen": Karabiner, Handgranaten, Pistolen, eine Zweizentimeterflak, Geländefahrzeuge, Kräder, einen kaputten Schützenpanzer Marke Hotchkiss sowie eine Hitler-Büste. Schloß und Arsenal des nicht im Register eingetragenen Vereins hatte Hoffmann vorwiegend aus Fördererspenden und Pressehonoraren finanziert.
Bundesinnenminister Gerhart Baum hatte Hoffmanns schwarzes Korps als Verein mit verfassungsfeindlicher Zielsetzung verboten -- "ein Signal", so Baum, "daß dieser Staat bereit ist, gegen rechtsradikale Organisationen das Mittel des Verbots anzuwenden".
Hoffmanns Aktivitäten haben nach Ansicht Baums unter den Braunen im Lande zunehmend "Sogwirkung" entfaltet. Die Gruppe kam in jedem Verfassungsschutzbericht der letzten Jahre als "paramilitärisch" vor, bemühte sich bundesweit um Zellengründung, zog Querverbindungen zu all den anderen "Leuten, die 'ne Menge träumen" (ein Verfassungsschützer), biederte sich quer durchs rechte Spektrum an.
Rechte Radikalität trug Hoffmanns Haufen jahrelang ganz offen zur Schau. Mit Schlagringen und Messern halfen sie NPD-Veranstaltungen schützen, überrollten linke Buchhandlungen, prügelten Tübinger Studenten, für Hoffmann "Kommunaken", krankenhausreif. Das Vereinsprogramm war nebulos, aber stramm. Militärische Grundsätze regierten, Hauptziele waren Zerschlagung "der bestehenden Gesellschaftsstrukturen", "Bildung eines autoritären Führerstaats", wie bayrische Verfassungsschützer notierten. Die Beamten haben um Hoffmann eine Garde von 70 "im hohen Maße ergebenen" jungen Männern gezählt, meist aus Mittelfranken und Oberbayern, sowie einen rund 400köpfigen Unterstützerkreis.
Hoffmann will "keine Wahlen mehr", eher schon eine Monarchie, letztlich aber den Führerstatus für sich selbst. Dafür ist er zum langen Marsch bereit: "Früher oder später müssen wir auch hier die bundesdeutschen Gefängnisse durchlaufen."
Großes Brimborium schätzt der Oberwehrsportler auch rein äußerlich. Er schmückt sich mit Nietzsche-Bart, schwätzt über den "Wehrwillen der deutschen Jugend", hält sich ein dreisprachiges Verbandsorgan. Von seinen Anhängern als Führer vorgemerkt, veröffentlichte er beizeiten Konfus-Noten, so ein "1. Manifest der Bewegung zur Verwirklichung der rational-pragmatischen Sozialhierarchie". Unter den Wehrhaftigkeitssymbolen, die Polizisten bei Hoffmann abschleppten, war auch ein fauchender Puma.
Ein Neonazi wie gemalt. Seine "spektakulären Auftritte" (Innenminister Baum) bürgten für internationale Aufmerksamkeit. Kanadische Fernsehleute lud er zum "Winterkampftraining" seiner Gruppe, das italienische Magazin "Oggi" ließ sich bei Hoffmann "eine Diktatur, die den richtigen S.58 Mann an der Spitze hat", verklaren, der Stockholmer "Expressen" erschrak über eine "Privatarmee von 1000 Mann".
Politiker und Ämter blickten jahrelang nicht durch, ob dies nun ein rechtsverdrehter Politclown ist, wie er selbst oft genug demonstrierte, oder ob Schildermaler Hoffmann "mit dem Anstreicher Hitler nicht nur den Pinsel gemeinsam hat", wie der "Vorwärts" raunte. Jahrelang jedenfalls zögerten die Behörden, den Hoffmann-Klub zu verbieten.
Schon 1974, wenige Monate nach den ersten Geländespielen nationaler Jungmannen in den Wäldern Frankens, fiel das dem damaligen Bonner Innenminister Hans-Dietrich Genscher als "außerordentlich bedenklich" auf. Behörden-Reaktionen aber blieben lau: Man werde "sorgfältig prüfen" (Bonn), "aufmerksam beobachten" (München), "die gegebenen rechtlichen Möglichkeiten voll ausschöpfen" (so 1977 Bayerns damaliger Innenminister Seidl), die Hoffmänner "in geeigneter Weise überwachen" (so letztes Jahr Seidl-Nachfolger Gerold Tandler).
Stets aber hatten die Staatsorgane noch Zweifel, ob das Beweismaterial "dicht genug" sei (Bonn), das Münchner Innenministerium sah ohnedies so recht "keine Gefährdung unserer freiheitlich rechtlichen Grundordnung". Amtschef Tandler: Wenn ein Verein sich an die Vorschriften wie "Waffengesetz, das Naturschutzgesetz, die Straßenverkehrsordnung usw. hält, kann die Abhaltung von 'Wehrsportübungen' nicht unterbunden werden".
Zuständig fürs Verbot eines Vereins, der sich etwa gegen die verfassungsmäßige Ordnung richtet, ist laut Vereinsgesetz das Landesinnenministerium. Erst wenn der Verein seine Tätigkeit über die Landesgrenzen ausdehnt, geht die Kompetenz auf das Bundesinnenministerium über. Da traf es sich günstig für die zaudernden Bayern, daß Hoffmanns Schläger Ende 1976 ihre Attacke auf Tübinger Studenten starteten.
Seit einem halben Jahr stand im Baum-Ministerium die Entscheidung fürs Verbot, freilich immer wieder noch als "Ultima ratio" hinausgezögert und auch weil das Material amtlicher Betrachtung "noch nicht konkret genug" schien (so ein Baum-Sprecher).
Auch taktisch galt es Vorsorge zu treffen. So wurde eigens Verfassungsschutzchef Richard Meier befragt, ob etwa auf der Linken eine vergleichbare Gruppierung übersehen worden sei, was Meier aber verneinte. Nun erst glaubten die Bonner ausreichend Belege für die "latente Bereitschaft zur Gewaltanwendung" und damit Grund zum Handeln zu haben. Doch der Vorwurf, "das Rechte immer nur gegen die Rechten zu tun", so CDU-MdB Benno Erhard letzten Mittwoch, blieb dem FDP-Minister dennoch nicht erspart.
Bayerns Innenminister Gerold Tandler rühmt zwar neuerdings die Verdienste seiner Beamten, deren "umfangreiche Erkenntnisse" erst den Schlag ermöglicht hätten. Aber wirklich gewichtige Gründe für die Polizeiaktion mag Tandler immer noch nicht sehen. In Wahrheit, so Tandler, sei nicht die Gefährlichkeit der Gruppe Verbotsgrund gewesen, sondern eher die Sorge ums bundesdeutsche Ansehen -- das werde im Ausland durch die "halbverrückten Spinner permanent diskriminiert".

DER SPIEGEL 6/1980
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