09.06.1980

GORLEBENSehr behutsam

Die „Freie Republik Wendland“ ist nicht mehr: Die Polizei räumte das Bohrgelände bei Gorleben - und es ging, wider Erwarten, friedlich zu.
Zwar sangen sie: "Komm, reiß doch du auch ein paar Steine aus dem Sand", aber dann ließen sie sich widerstandslos davontragen oder beiseite schleifen oder verließen "erhobenen Hauptes", so einer von ihnen, das Waldgelände bei Gorleben, wo sie 32 Tage lang die geplante Tiefbohrstelle 1004, für sie die "Freie Republik Wendland", besetzt gehalten und mit Hütten bebaut hatten.
Und auch die Gegenseite zeigte, alles in allem, daß eine massenhafte Demonstration, wie die auf 1004 nicht unbedingt mit chemischen oder anderen Keulen zu Ende gebracht werden muß. "Ich darf Sie", hallte es über die Lautsprecher der Polizei, "freundlichst auffordern, den Platz zu verlassen", und wenn danach auch nicht alles so freundlichst zuging, so war doch, wie der niedersächsische SPD-Chef Karl Ravens formulierte, wenigstens "der Wille zur Vermeidung von Gewalt auf beiden Seiten vorhanden".
Anders als einst in Brokdorf und Grohnde, wo Atomgegner und Staatsmacht in blinder Wut aufeinander eingedroschen hatten, war im Wald bei Gorleben die ausgesprochene Übereinstimmung spürbar, daß es mit dem Kopf durch die Wand nicht gutgehen kann: Der Tag X war nun mal gekommen, und hüben wie drüben herrschte Bereitschaft, "die Aktion zu einem gemeinsam tragbaren Ende zu bringen", so das letzte "Konsenspapier" der Bohrplatzbesetzer.
"Keiner von uns übt Gewalt gegen euch aus", rief dann auch eine junge 1004-Sprecherin den heranrückenden Uniformierten zu, "wir sind unbewaffnet, wir sind schutzlos." Und Beamte ihrerseits trugen dem, so gut es ging, Rechnung. Da stieg einer sogar drei Meter hoch in eine Kiefer, auf die sich drei Demonstranten gehockt hatten, verhandelte geduldig wie ein Londoner Bobby mit ihnen und ließ sie eben sitzen, weil sie gern noch sitzen bleiben wollten.
Doch ganz ohne Knüppel geht so eine Chose wohl noch immer nicht. Und warum eine Kohorte von Beamten sich die Gesichter schwarz getüncht hatte, blieb ebenso unerfindlich, wie es vielleicht auch überflüssig war, daß Hubschrauberschwärme knapp über den Platz dröhnten, "um uns zu erschrecken", wie die Demonstrantin meinte.
Immerhin, daß die Räumung der Tiefbohrstelle, auf der sich am vergangenen Mittwoch, als die Polizei kam, mindestens 2000 Atomgegner versammelt hatten, so beinahe reibungslos vonstatten gehen würde, war nicht vorauszusehen gewesen.
Seit dem 3. Mai, als der Platz, an dem zwecks Erkundung des Gorlebener Salzstocks auf Eignung als Lagerstätte für Atomabfall die nun schon dritte Bohrung bis auf etwa 2000 Meter niedergebracht werden soll, von Demonstranten zur "Freien Republik Wendland" umfunktioniert wurde, war dort unablässig und ohne eindeutiges Ergebnis diskutiert worden, ob am Ende "ausschließlich passiver Widerstand" (so der "Sprecherrat" der Besetzer) geleistet werden oder ob man sich nicht doch zu "einer spektakulären phantasievollen und möglichst effektiven Verteidigung" (so eine Göttinger Gruppe) verstehen sollte.
Jedenfalls bot der niedersächsische Innennminister Egbert Möcklinghoff (CDU) eine Streitmacht von "etwa 3500 Beamten vor Ort plus Reserve an anderer Stelle" aus anderen Bundesländern auf -- als gelte es, den ganzen Landkreis Lüchow-Dannenberg aus Feindeshand zu befreien. Aber es ging lediglich gegen "zu 80 Prozent harmlose, ganz liebe Leute", so eine amtliche S.53 Auskunft, die nach Möcklinghoff den Eindruck zu erwecken suchten, "rechtschaffen, ärmlich, der Natur verbunden und gewaltlos" zu sein.
Nicht anders verhielten sie sich denn auch, als um 6.05 Uhr am Mittwoch früh die ersten Vorausabteilungen der Polizei den Platz 1004 mit dem Auftrag Möcklinghoffs erreichten, "sehr behutsam" vorzugehen: "Sicherheit und Ruhe geht vor Schnelligkeit."
Wenige Stunden zuvor, knapp vor Mitternacht, hatte die "Turmgruppe" der Besetzer, die das "passive Konzept" in Frage gestellt hatte, erklärt, auch sie werde sich nun daran halten: "Von uns fliegen keine Mollys", und "Wir werden weder das Leben der Räumungstruppen noch der Besetzer gefährden."
Als die Polizei zunächst die besetzte Lichtung mit Stacheldraht umzäunte, gab es zwar Demonstranten, die dabei "nur an das Sportstadion in Santiago de Chile denken" konnten; aber dann setzten sich alle auf dem Dorfplatz in den Sand, ließen bunte Luftballons steigen und teilten mit: "Eh wir jetzt bald getrennt werden, singen wir ein Lied."
Sie sangen Biermann und das unvermeidliche "We shall overcome", skandierten "Hey, Cops, schmeißt die Knüppel weg", und als die Menge intonierte "Wir woll'n keine Polizisten, wir woll'n keine Staatsgewalt, Bullenterror, Bürokraten, eure Herzen, die sind kalt", mahnte über den Platzlautsprecher eine Mädchenstimme, doch "mal zu versuchen, daß wir jetzt ein ruhigeres Lied singen, nicht so'n aggressives Lied, mit dem wir uns in noch größere Ängste versetzen".
Mit einer Ruhe und Genauigkeit, die professionellen Reportern manchmal schwerfällt, schilderten die ebenfalls schon eingeschlossenen Berichterstatter vom "Radio Freies Wendland" auf UKW, 101 Megahertz, die jeweilige Lage. So 11.10 Uhr: "Jetzt kommen sie ... Einer nach dem anderen wird weggetragen ... Ich hab' noch nicht gesehen, daß jemand geschlagen worden ist." Und: "Interessant, daß jetzt die Sonne rausgekommen ist, komischerweise."
Während Bulldozer vom Platzrand her schon die Holzhütten zum Einsturz brachten und wie Sperrmüll vor sich herschoben, machte in der Platzmitte die Parole die Runde: "Wenn Leute sich nicht festhalten wollen, dann sollen sie's nicht tun", und so zogen --Frauen und Kinder zuerst -- die ersten Scharen freiwillig von dannen.
Die seltsame Mischung aus Militanz und Mitgefühl, aus kämpferischem Aufbegehren und friedvollem Sichdreinfinden, die das Geschehen vielleicht zum Musterbeispiel wirkungsvoller Demonstration einander gegnerischer Ziele machte, dokumentierte, als das Ende abzusehen war, auf 101 Megahertz der Sender 1004: "Also, Radio Freies Wendland bricht jetzt die Sendung ab. Venceremos. Tschüß."

DER SPIEGEL 24/1980
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