04.02.1980

KOLONIENParadies von Afrika

Spaniens Ex-Kolonie Äquatorial-Guinea wurde vom Despoten Macias so ruiniert, daß ihre Hauptstadt heute nicht einmal ein Restaurant hat. Jetzt wünscht sich das Land die Spanier zurück.
In der Empfangshalle des Hotels "Bantu" in Malabo hockte eine Runde spanischer Geschäftsleute und verschlang hungrig eine gebratene Zwergantilope, die einer von ihnen auf dem schwarzen Markt erstanden hatte.
Es war für die Spanier die erste Fleischmahlzeit nach einer Woche Zwangsdiät. Denn da sie im Hotel keine Verpflegung bekamen, hatten sie sich eine Woche lang von mitgebrachten Konserven ernähren müssen.
Auch sonst entsprach das "Bantu" nicht ihren Vorstellungen von Komfort: In den Gästezimmern fanden die Reisenden nur leere Bettgestelle ohne Matratzen, waschen konnten sie sich nicht, weil es kein Wasser gab. Dennoch waren die Spanier guter Dinge. "Wir wollen hier ja keinen Urlaub machen", so Carlos Puig, Elektrohändler aus Barcelona, "sondern Geschäfte."
Und ins Geschäft kommen die Spanier in ihrer einstigen Kolonie Äquatorial-Guinea, dem einzigen spanisch sprechenden Land Schwarzafrikas, offenbar wirklich wieder: Als Mitte Dezember das spanische Königspaar nach Malabo reiste, bat Staatspräsident Oberstleutnant Teodoro Obiang Nguema in aller Form, das frühere Mutterland möge doch für mindestens fünf Jahre den Staatshaushalt des afrikanischen Landes aufstellen und das Defizit finanzieren -- ein in der Nachkolonialgeschichte ziemlich unübliches Ansinnen.
"Wir möchten", so stand auf den Begrüßungstransparenten für das Königspaar in den Straßen der Hauptstadt Malabo zu lesen, "daß die Könige von Spanien aus Äquatorial-Guinea das Paradies von Afrika machen."
Der Wunsch ist nicht so abwegig. Denn als der heute total verelendete Kleinstaat zwischen Kamerun und Gabun noch spanische Kolonie war, galt der wirtschaftlich wichtigste Staatsteil, die Insel Bioko, als "Perle Westafrikas".
Deren Einwohner erfreuten sich, nach Südafrika, des höchsten Lebensstandards auf dem ganzen Kontinent, 90 Prozent von ihnen konnten lesen S.159 und schreiben -- mehr als zu jener Zeit im Mutterland Spanien selbst.
Die durchschnittliche Lebenserwartung der damals rund 350 000 Einwohner lag zehn Jahre höher als heute, das Krankenhaus von Bata, der Hauptstadt des Festlandteils, galt als eines der besten in Afrika.
Begünstigt durch die fruchtbaren Böden der Insel Bioko (früher Fernando Poo), auf denen Kakao von hervorragender Qualität gedeiht, wurde das Land fast ohne eigene Anstrengung reich -- die Plantagenbesitzer von Bioko holten sich 40 000 Gastarbeiter aus Nigeria. Befreiungsbewegungen fanden -- anders als in den übrigen Kolonien des Kontinents -- in Äquatorial-Guinea kaum ein Echo.
Als Franco das Land 1968 in die Unabhängigkeit entließ, wurde ein von den Spaniern ausgebildeter Verwaltungsbeamter, Francisco Macias, Präsident und steuerte den Staat alsbald in den Abgrund: Die Kakaoplantagen verwilderten, weil die Fachkräfte abwanderten. Obwohl Macias daraufhin die Bevölkerung zum Kakaobohnen-Pflücken zwangsverpflichtete, sackten die Ernten von 45 000 Tonnen 1969 auf weniger als 10 000 Tonnen ab und das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung auf den niedrigsten Stand ganz Afrikas.
Macias wurde ein Despot, der seine Kollegen Bokassa und Idi Amin an Willkür und Grausamkeit noch übertraf.
So ließ er sämtliche Kühe des Landes schlachten, weil Milch ein spanisches und daher "verwerfliches kapitalistisches Nahrungsmittel" sei. Brot, Butter und Schinken wurden aus dem gleichen Grund verboten, und auch Fisch gab es bald nicht mehr: Der Diktator ließ alle Fischerboote und Kutter zerstören, um die Flucht verängstigter Landeskinder zu verhindern.
Sie flohen dennoch in Massen: Rund 100 000 Äquatorial-Guineer retteten sich nach Kamerun, Gabun oder bis nach Spanien, etwa 50 000 Menschen jedoch, so wird geschätzt, kamen in Macias'' Gefängnissen um.
Als im vergangenen August schließlich Macias'' Verteidigungsminister Nguema gegen den Despoten putschte und ihn wenig später öffentlich hinrichten ließ, gaben Francos Nachfolger in Madrid bereitwillig ihren Segen.
"Eine schreckliche Katastrophe hat unser Land heimgesucht, schlimmer als Krieg, Erdbeben und Epidemien zusammen", erklärte der neue Staatschef, als er die Trümmer des von Macias hinterlassenen Staates übernahm, "wir müssen wieder ganz von vorn anfangen, bei unter Null."
In der Tat: Als wohl einzige Hauptstadt der Welt verfügt Malabo heute nicht über ein einziges Restaurant und erst seit wenigen Monaten wieder über elektrischen Strom. Nur eine Telephonleitung verbindet das seit Jahren hermetisch abgeschottete Land mit der Außenwelt, und die Landeswährung, der Ekuele, wird in keinem anderen Staat anerkannt.
Retter aus der Not soll nun die einstige "madre patria" sein: Wenn es nach Nguema geht, werden die Spanier in Äquatorial-Guinea die Kakao-Industrie und die Landwirtschaft wiederaufbauen, eine eigene Fisch- und Holzindustrie gründen, das Gesundheitswesen neu organisieren, ein Transportsystem schaffen, Schulen und eine Universität errichten, eine Zeitung und einen Fernsehsender sowie eine nationale Nachrichtenagentur aufbauen.
Die Aussicht auf Hilfe aus Spanien hat das erstorbene Geschäftsleben in Äquatorial-Guinea jedenfalls schon spürbar belebt: In Bata hat der aus Gabun heimgekehrte Ricardo Ndongo Mba den ersten Laden des Ortes wiedereröffnet. Vorläufiger Warenbestand der "Galeria Elegancia Tropical": eine schmale Rolle bunten Baumwollstoffs. An einer Straßenecke schenkt der frühere Besitzer der Bar "El Cruce" Schwarzmarkt-Whisky und warmes Bier aus China aus.
"Aus Liebe zu Spanien" hat sich sogar der frühere Militärausbilder der spanischen Fremdenlegion, Angel Palomino, inzwischen erboten, mit einer Hundertschaft Freiwilliger für die militärische Sicherheit Äquatorial-Guineas zu sorgen.
Doch der Ex-Kolonie scheint ein ziviles Anliegen im Augenblick fast noch wichtiger: Äquatorial-Guinea bat die Spanier um einen Fußballtrainer, der eine -- freilich noch nicht existierende -- Nationalelf auf die bevorstehenden Runden im Afrika-Pokal vorbereiten soll. Das erste Spiel -- gegen Kamerun -- ist bereits für diesen Monat angesetzt.
S.159 Text des Spruchbandes: "Wir möchten, daß die Könige von Spanien aus Äquatorial-Guinea das Paradies von Afrika machen." *

DER SPIEGEL 6/1980
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