30.03.1981

„Weltweit Teutonic Unity“

Deutsche Neonazis und die braune Internationale Bei Hunderten von Haussuchungen im Bundesgebiet wurde letzte Woche Nazi-Propagandamaterial beschlagnahmt, das aus dem Ausland stammt. Verfassungsschützer warnen vor einer braunen Internationale, denn Helfer zwischen Libanon und USA bieten westdeutschen Neonazis auch Waffen, Ausbildung und Unterschlupf.
Am Nachmittag des 24. Dezember 1980 näherte sich ein junger Deutscher auf Schweizer Gebiet dem Rhein in der Nähe von Waldshut. Er lud ein paar auffällige Gegenstände aus dem Auto -- Einbruchwerkzeuge, ein Taucheranzug, Schwimmflossen, Päckchen, schließlich ein kleines Schlauchboot zur Beförderung der seltsamen Konterbande.
Den Schweizer Zollbeamten, der das Treiben beobachtet hatte und nun stören wollte, erschoß der Deutsche sofort. Zwei zu Hilfe eilende Polizisten streckte der Grenzgänger ebenfalls ohne zu zögern nieder -- ein Toter, ein Schwerverletzter.
Auf der weiteren Flucht, mit dem Polizistenauto, wurde der Mann von neuem gestellt, nochmals schoß er einen Polizeibeamten an. Dann nahm er sich, in die Enge gedrängt, mit seiner Pistole das Leben. "Der Täter hat das Combatschießen durch und durch beherrscht", bestätigte ein Schweizer Amtssprecher dem rabiaten Rechtsbrecher.
Der Tote vom Weihnachtsabend wurde als Frank Schubert, 23, aus Frankfurt identifiziert. Bei seinen Sachen fanden sich, wohlverpackt, 500 Schuß Munition und eine Neunmillimeter-Pistole, alles kurz zuvor in der Schweiz beschafft.
Auf einem Brief, den Schubert bei sich trug, stand das obskure Datum "7. 12. 91". Deutschen Polizeispezialisten gab dies allerdings so wenig Rätsel auf wie der Mann selbst: Schubert war ein wohlbekanntes militantes Glied der Neonazi-Szene, für die eben die Zeitrechnung mit dem mittlerweile 91 Jahre zurückliegenden Geburtstag Adolf Hitlers beginnt.
Der Vorfall signalisierte, daß Westdeutschlands Neonazis mittlerweile kaum weniger mobil sind als die linke Terrorszene zu Baader-Meinhofs betriebsamsten Zeiten. Schubert ist eine exemplarische Figur. Seine Aktivitäten, sein politisches Umfeld, sein Freundeskreis -- all dies enthält Belege für den hochorganisierten Zusammenhalt der Ultrarechten auch jenseits der Grenzen.
Schubert zählte zur "Volkssozialistischen Bewegung". Laut Verfassungsschutz ist der nur ein paar Dutzend Köpfe starke Zirkel, der zur letzten Bundestagswahl als Partei zugelassen S.78 war, beim Pflegen von Auslandskontakten "recht virulent".
Der Frankfurter Jungrechte war gelegentlich mit ausländischen Sicherheitsbehörden in Konflikt gekommen, etwa als er sich mit Nazi-Emblemen in Paris zeigte. Und als Mitarbeiter des Mainzer Gärtners Kurt Müller, eines bekannten Neonazis ("NS-Gruppe Müller"), hielt Schubert Kontakt mit anderen auslandserfahrenen Müller-Spezis, von denen einige in den Nahen Osten abgetaucht sind. Und für die Frankfurter "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" hat Schubert nach Polizeiansicht Waffenbeschaffung aus der Schweiz organisiert.
Friedhelm Busse, Chef der Volkssozialistischen Bewegung, rief dem Toten nach: "Ich habe an die Zukunft dieses sympathischen Jungen geglaubt" -mit Blick auf die Szene nicht einmal so von ungefähr. Denn in der Tat zeigt die zunehmende Beweglichkeit von Neonazis wie Schubert, daß die braunen Extremisten sich auch außerhalb der Bundesrepublik noch einiges vorgenommen haben.
In großen Mengen versorgen sie sich dort mit Propagandamaterial, das in verschiedenen westlichen Staaten, anders als in der Bundesrepublik, straffrei hergestellt werden darf. Besonders aus den USA stammen jene Posten, die bundesdeutsche Staatsanwälte letzte Woche im Zuge einer großen Rundum-Razzia sicherstellten.
In einer "sehr sorgfältig vorbereiteten Aktion" (Bundesjustizministerium) begannen am Dienstagmorgen bundesweit insgesamt 322 Hausdurchsuchungen bei polizeibekannten Neonazis, darunter der Chef der Recklinghauser Kriminalpolizei Ernst-Albrecht Lohmüller. Lohmüller, der inzwischen vom Dienst suspendiert wurde, hat nach Polizeiangaben auf ein braunes Unterstützungskonto gespendet und in seiner Wohnung neonazistisches Schriftmaterial aufbewahrt.
Bei insgesamt 182 Wohnungen waren die Beamten am Dienstagmorgen an der richtigen Adresse. Neben zwei Dutzend Schußwaffen nebst Munition beschlagnahmten sie auch Unmengen von volksverhetzenden Schriften, teils versandfertig abgepackt und überwiegend made in USA.
Nicht zum erstenmal werden solche Beweise für gut funktionierende braune Hilfe aus dem Ausland gesichtet. Deutsche Sicherheitsexperten jedenfalls schlugen Anfang 1981 angesichts der anwachsend internationalen, immer schärfer bewaffneten Militanz Alarm. Aus einem Papier des Bonner Innenministeriums:
* "In- und ausländische Neonazis verfügen über Waffen, Sprengstoff und militärische Ausrüstungsgegenstände. Die Hinweise, daß in die gemeinsame Planung europäischer Neonazis auch die Beschaffung von Waffen und Sprengstoff einbezogen wird, haben sich verstärkt."
Auf Vortrags- und Kontaktreisen schwärmen sie quer durch Europa und beide Amerikas. Bei italienischen Neofaschisten kungeln sie um eine europäische Dachorganisation, bei belgischen SS-Veteranen wird mehr schwadroniert, Wehrsport in Österreich, Fluchtwinkel in Nahost, Geldbettel in Amerika.
Eine "verschw. Gemeinschaft in 35 Ländern aufgebaut" zu haben, rühmt S.81 sich der ehemalige Rechtsanwalt Manfred Roeder, einer der Reisigsten überhaupt. Der 52jährige Jurist, der sich in den sechziger Jahren als Antiporno-Apostel bekannt machte und vom rechten Rand der CDU stammt, sammelte jahrelang Nazi-Nachwuchs in einer "Deutschen Bürgerinitiative" im Hessischen.
Roeder gilt bei den Strafverfolgungsbehörden als Oberer einer militanten Neonazi-Gruppe, die im letzten Jahr mehrere Bombenanschläge auf Ausländerunterkünfte verübte und dabei zwei Menschen tötete. Er sitzt nun in Untersuchungshaft.
Mit seinen zahllosen Reiseaktivitäten trommelt der rechte Anwalt seit Jahren schon "weltweit Teutonic Unity" (Roeder-Motto) unter das verschworene Publikum zwischen Namibia, Mato Grosso und Ku-Klux-Klan. Roeder ist Wegbereiter einer schwer überschaubaren Prozession von Neonazis, die, so Bundesinnenminister Gerhart Baum, "intensiven Kontakt über die Grenzen hinweg suchen und finden".
Deutsche Ausbilder leiten Jugendlager der spanischen Fuerza Joven im Escorial nahe Madrid. Ein "Kommandeur Walter", früher SS, sorgt unter den Jungfaschisten für Askese und Drill, die neue Nazi-Szene aus Deutschland ist auch präsent und half Walters Mannen auch schon beim Prügeln.
Kein faschistischer Eurotreff ohne namhafte deutsche Beteiligung, kaum eine deutsche Nazi-Organisation, die sich nicht schon an der traditionellen "IJzerbedevaart", einer Wallfahrt für rechte flämische Separatisten, im belgischen Diksmuide beteiligt hat.
Beliebte Anlaufstelle für die deutschen Gäste ist der "Vlaamse Militanten Orde" (VMO), eine rechtsradikale Schlägerorganisation, die gern paramilitärische Lager aufmacht, mit deutschen Gesinnungsgenossen, versteht sich.
Mit VMO pflegen die Deutschen nach Kenntnis der Ermittler "erheblichen Austausch". VMO-Leute weilten im Schloß Ermreuth, Stammsitz der "Wehrsportgruppe Hoffmann", und im belgischen Fernsehen brüstete sich nach dem Münchner Oktoberfest-Attentat der VMO-Kämpfer Michel Graisse, schnauzbärtig wie Wehrsport-Hoffmann selbst, als "Verbindungsmann" zum deutschen Partner.
Ausbildungslager haben auch die österreichischen Freunde zu bieten. Auf einem Wehrhof im niederösterreichischen Waldviertel üben, so beschrieb das Wiener Magazin "Profil", "schlachtenhungrige Operettennazis"; immerhin: eine "militärische Hindernisbahn" und "div. Wehrsportanlagen" halten die Hausherren, eine örtliche Nazi-Kameradschaft, dort auch für ausländische Gäste bereit. Mehrmals machten sich Konvois der "Wehrsportgruppe Hoffmann" in Ermreuth auf den Weg, um im Freundesland "d''Woaheit iwa d''Russn" auszutauschen und feldmarschmäßig durch den Schlamm zu robben. Auch geschossen wurde, auf Bolschewisten aus Pappe.
Hoffmänner übten schon in den spanischen Pyrenäen, boten daheim gleichgesinnten Ausländern, etwa Italienern, Unterweisung in Wehrsport. Chef Hoffmann selbst pflegte Weltkontakte bis nach Rhodesien, wo er nach Erkenntnissen deutscher Verfassungsschützer dem früheren Rassistenpremier Ian Smith Söldnerhilfe angedient haben soll.
Meist wissen die Behörden über das Treiben solcher Grenzgänger nur wenig. S.84 Verfassungsschützer sind ratlos beim Thema Hoffmann: "Er kam nach Hause und erzählte die verschiedensten Variationen." Und was die Angehörigen der seit Anfang 1980 verbotenen Wehrsportgruppe seither so unternehmen, ist den Diensten auch ziemlich unklar.
Die langjährige Bagatellisierung neonazistischer Gewalt durch öffentliche Stellen der Bundesrepublik hat auch im Fahndungsapparat spürbar Informationslücken bewirkt. Im Bonner Innenministerium heißt es: "Gesicherte Erkenntnisse über Wehrsportübungen deutscher Rechtsextremisten im Ausland liegen nicht vor." Daß aber Neonazis "in noch nicht genau bestimmten militärischen Lagern im Libanon" Waffenausbildung bekommen, nehmen die ungewöhnlich schlecht informierten Ermittler "mit großer Wahrscheinlichkeit" an.
Nur selten rekonstruierten die Ämter Hoffmanns sorgsam abgeschottete Aktivitäten hinterher so glatt wie etwa jene zwei Anlaufversuche nach England, die von der britischen Polizei schon in Dover gestoppt wurden. Hoffmanns "rege Reisetätigkeit" in den Nahen Osten ist den Ermittlern zwar auch geläufig. Doch wohin dort seine Wehrsportler gehen und an wen sie die gebrauchten Militär-Autos verscherbeln, an die PLO etwa, entnehmen die Dienste allenfalls den Zeitungen.
Dabei kreuzen sich im Bürgerkriegsland Libanon immer wieder die Spuren deutscher Jungnazis (SPIEGEL 4/1981). Das hat lange Tradition. Schon der mittlerweile 31jährige Ekkehard Weil -- Veteran unter den rechten Terroristen, der 1970 auf den Wachtposten am West-Berliner Sowjetehrenmal schoß -- reiste südostwärts und wurde dabei einmal, 1975, in Jugoslawien verhaftet.
Nach Frankreich tauchte der in Deutschland gesuchte Michael Kühl unter, bis ihn die Pariser Polizei letzten Herbst griff und abschob. Gefährte vor Ort war jener junge Mann, der nach dem Oktoberfest-Anschlag in der Fernsehsendung "Monitor" anonym erschienen war ("Mein Name spielt keine Rolle, ich bin deutscher Nationalsozialist") und getönt hatte, man werde für die "Wiedererrichtung" eines Nazi-Reichs in Deutschland kämpfen. Sein Name: Klaus-Ludwig Uhl. Zusammen mit Kühl wollte er eine neue Organisation aufbauen.
Beschirmt werden die deutschen Untergründler in Frankreich von der Gruppe "Europäischer nationalistischer Bund" (FNE). Anlaufstelle in der Schweiz ist die "Europäische Neuordnung", in Spanien der "Circulo Espanol de Amigos de Europa", unter dem Kürzel Cedade übernational berüchtigt. Und selbst in Dänemark firmiert ein "Dansk Nationalsocialisk Ungdom Forlag" und hält bei Bedarf die Wacht für deutsche Freunde.
England-Reisende gehen zu "British Movement" oder "Column 88", eine Untergrundtruppe, die sich letzten Oktober zu einem mißglückten Briefbombenanschlag auf einen jüdischen Unterhausabgeordneten bekannte. Ex-Anwalt Roeder hielt sich allein in den letzten zwölf Monaten seines Untergrunddaseins in sieben Ländern auf.
Motive der rastlosen Kontaktsuche bundesdeutscher Rechts-Ultras las das Bonner Innenministerium lange Zeit aus einem Gebräu von Vereinsmeierei und psychischer Selbstaufrüstung: Anfang S.86 der 70er sei es jenseits der Grenzen vor allem um "Stärkung des eigenen Ansehens, gegenseitige moralische Unterstützung durch Austausch rechtsextremistischen Schriftgutes und Durchführung gemeinsamer Veranstaltungen" gegangen.
Mittlerweile schlagen die Grenzgänger aus den Auslandslinien schon handfestere Vorteile. Längst kreisen auf dem europäischen Nazi-Karussell Geld, Propagandamaterial, flüchtige Straftäter -- und jede Menge Kampfmittel.
Wie verläßlich die auswärtige Infrastruktur schon arbeitet, erfuhr der rechtsradikale Ex-Anwalt Roeder, als er auf der Flucht vor dem bundesdeutschen Haftbefehl in den Jahren 1979 und 1980 monatelang durchs Ausland reiste.
Während es dem Flüchtling in Westdeutschland an Unterstützung fehlte ("Niemand läßt mich spüren, daß er mitfühlt und mitdenkt"), wechselte er auswärts, durch amtliche Nachstellungen unbehelligt, von einem Unterschlupf zum anderen. Mehrmals weilte Roeder in Österreich, zweimal in den USA, einmal war er in England, ein anderes Mal auf "Mittelost-Mission" -- in Beirut, Damaskus und Teheran.
In Tennessee hat Manfred Roeder "gebetet, daß uns dieselbe Chance gegeben wird wie Chomeini", bei Chomeini dann wurde er aber schon im Außenministerium abgewimmelt: "Ein wohlwollendes Kopfnicken ist die ganze Antwort."
Ein Diplomat der Wiener Sowjetbotschaft, dem Roeder Beistand zur Revolutionierung des Westens anbieten wollte, ließ den Besucher zwar vor, doch er "lachte skeptisch". Von der PLO in Beirut war der Reisende "enttäuscht", vom Ergebnis mancher Spendenwerbung in den USA auch: "Hat ca. 1000 Bücher, die er mir vermachen will."
Roeder unterwegs -- so genau können die Fahnder den inneren und den äußeren Ablauf der Flucht rekonstruieren, weil der Gesuchte Tagebuch führte und es bei der Verhaftung nicht mehr vor der Polizei zu retten vermochte. Den Lesern erschloß sich eine bizarre Reise: In den USA setzt es unterschiedliche Ermunterung; manche Amerikaner spenden bereitwillig, einer gibt 1000 Dollar, einer veranstaltet sogar eine Kollekte -- "$ 358,60 auf den Cent". Eine Frau sagt laut Tagebuch: "Wenn ich wüßte, daß ich morgen sterben muß, würde ich Ihnen alles geben." Roeder: "Aber sie tut es nicht."
Flops werden die Roeder-Reisen nach England und Nahost. Besonders von den Briten nimmt der Besucher vernichtende Eindrücke mit. "In England würde jeder Verfolgte verhungern", zürnt Roeder, der die braune Bewegung des Vereinigten Königreichs in den Händen von "chwulen und Faulen verkommen sieht: Sie wundern sich, daß sie " " keinen Erfolg haben. Ich nicht. Biertrinker, Kettenraucher, " " Junggesellen, Homos, der Chef ein Betrüger, der 2. Mann ein " " Homo ... Beide schlagen sich durch, ohne zu arbeiten. "
Bei Palästinensern und Iran-Revolutionären kommt Rassist Roeder ebenfalls nicht voran, obwohl er sich in Teheran als Antiamerikaner, in Beirut als S.87 Israel-Feind interessant macht: "Ich bin der bestbekannte Antizionist in Deutschland." Die Palästinenser, glaubt Roeder, "halten uns für Nazis" und hören sich Roeders Klagen über Verfolgungen durch europäische Polizeistaatlichkeit "völlig ungerührt" an.
Im Teheraner Außenministerium freundlich ignoriert, bei der "Teheran Times" nicht angekommen ("Der Chef gähnt wiederholt"), scheitert Roeder schließlich auch mit dem Versuch, am 6. Februar 1980 den Besetzern der US-Botschaft eine Sympathieadresse zu übergeben. Die Besetzer nehmen den Brief nicht entgegen.
Da reicht es dem Reisenden, nun, notiert er ins Tagebuch, "können sie mir mit ihrer iranischen Revolution gestohlen bleiben".
Roeders Tagebuch spiegelt zwar mehr eine Reise der komischen Verwicklungen, zeigt aber dennoch die Möglichkeiten brauner Guerilla im Ausland. Denn die amtlichen Verfolger beeindruckte die Vielfalt der Kontaktstellen durchaus. Aus den erbeuteten Aufzeichnungen ergibt sich präzise, daß Neonazi-Funktionäre ungeachtet ihres oft etwas spinnerten Persönlichkeitsprofils mit taktischer Umsicht und konspirativem Geschick ein dichtes Netz von Unterstützern angeworben haben. Das nutzen sie nun systematisch. Roeder ("Der legale Kampf ist vorbei. Nur noch Untergrund!") machte es vor.
Garantiert Widerhall finden Roeder und seine jungen Gesinnungsfreunde in exotischen Ländern mit deutschtümelnden oder exildeutschen Landsmannskolonien, etwa in Namibia. Dort feiern Bevölkerungsteile, so entsetzte sich der frühere UN-Kommissar und Friedensnobelpreisträger Sean MacBride, "noch heute Hitlers Geburtstag, lassen Hakenkreuzfahnen flattern und schwingen Nazi-Fähnchen". Oder in Argentinien, wo der frühere Goebbels-Referent Wilfred v. Oven ("Der 20. Juli -- erlebt im Hause Goebbels") einen "Plata-Ruf" ediert.
Nur selten, daß sich ausländische Ultras einmal an der Nazi-Vergangenheit der deutschen Adepten stören -als spanische, italienische und französische Faschisten 1979 eine Liste für die Europawahl bildeten, lehnten sie die NPD als Partner ab.
Vor allem in Nordamerika aber gibt es eine Fülle von NS-Zellen, denen der Hitler-Gout der deutschen Freunde gerade recht erscheint. Dort besonders ortete der deutsche Verfassungsschutz jene "Agitation aus dem Ausland", die das Verhalten hiesiger Jungbrauner "erheblich" beeinflußt. Dem 28jährigen Amerikaner Gary Rex Lauck aus Lincoln in Nebraska messen die Experten dabei "eine Art Klammerfunktion" zu.
Lauck unterhält vielfältige Beziehungen zur deutschen Rechts-Szene. In der S.88 Bundesrepublik wird er unter anderem wegen Verbreitung verfassungswidriger Propaganda per Haftbefehl gesucht. Trotzdem durfte er unter Zusicherung freien Geleits 1979 einreisen und im Prozeß gegen einen schwerkriminellen Nazi-Zirkel für die Gesinnungsfreunde gutsagen.
Lauck macht auch für deutsche Gäste in den USA die Honneurs, seine wichtigste Funktion jedoch: Er druckt und schickt ihnen Massen von Pamphletschriften und Propagandamaterial, die in der Bundesrepublik nicht straflos hergestellt werden dürfen.
An der "Unmenge üblen Materials" (Verfassungsschutz), das auf diese Weise von mehreren Seiten über die Grenze kam, hat Gary Lauck maßgeblich teil. Säckeweise schickt der Amerikaner Nazi-Embleme und Hakenkreuzaufkleber ("Kauft nicht bei Juden!"), die dann von jungen Aktivisten unter die Volksgenossen gebracht werden. Schon 1978 brachte die Haussuchung bei einem 23jährigen fränkischen Kaufmann gut 6000 Sticker und Poster aus Nebraska zutage.
Laucks "NS-Kampfruf" predigt "Gegenterror und Widerstand um jeden Preis", droht "lügnerischen Journalisten, Richtern und Staatsanwälten", läßt Leserbriefe gegen "bolschewistisches Untermenschentum" oder "Bonner Parlamentslumpen" vom Stapel.
Versuche des Amerikaners, die buntscheckige Neonazi-Szene in der Bundesrepublik durch Gründung von NSDAP-Gauen auch organisatorisch auf Linie zu bringen, scheiterten freilich, wie der Verfassungsschutz meint, "auch an der Eigenwilligkeit seiner deutschen Anhänger".
Wenig Resonanz beim Aufbau von Polit-Zellen fand auch ein Landsmann und Geistesbruder Laucks, der 52jährige Deutsch-Amerikaner George P. Dietz aus West-Virginia. Dessen "Deutsche Befreiungsfront" faßte in der Bundesrepublik nicht recht Fuß. Doch unverdrossen legte sich Dietz mit Hilfe verschiedener Publikationen nach Lauck-Vorbild propagandistisch ins Zeug. Er möchte "der Welt die strahlende Wiedergeburt der Nationalsozialistischen Bewegung mit dem leuchtenden Symbol des Hakenkreuzes über Deutschland verkünden".
Sein Zentralorgan ist die Zweimonatsschrift "Der Schulungsbrief", herausgegeben von einer "NSDAP-Reichsleitung im Exil". Frontberichte und Namensartikel aus der Bundesrepublik werden eingerückt, "judenknechtigen Kollaborateuren" wird angesagt: "Wir werden eines Tages siegen." Vertriebshilfe vor Ort leistete offenbar ein Wiesbadener Dietz-Bruder, bei dem die Polizei umfänglich abräumte, unter anderem neonazistische Hetzschriften und eine Bezieherliste.
Dritter Hauptlieferant von Propagandamaterial aus Nordamerika ist die "Samisdat Publishers Ltd." aus Toronto, die der 41jährige Deutsch-Kanadier Ernst Christoph Friedrich Zündel betreibt.
Zündel fördert den Kampf durch Geldsammlungen in der Bundesrepublik -- allein 100 000 Mark im Jahr 1980 -- und durch Appelle an "Deutsche in aller Welt", Transport- und Unterbringungsmöglichkeiten miteinander abzustimmen.
Der Kanadier versendet Tonkassetten und Schriften mit Nazi-Texten. Mit S.91 seinen braunen "Samisdat"-Rundbriefen bedachte er sogar deutsche Polizeibeamte und Politiker, darunter die SPD-Abgeordneten Hans-Jochen Vogel und Helga Timm.
Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung und wegen Verbreitung verfassungswidriger Propaganda wurden auch gegen Zündel eingeleitet. Spitzenprodukt des kanadischen Versenders: Eine "Tornisterausgabe" von Hitlers "Mein Kampf", auf Bibeldruckpapier zum Stückpreis von 120 Mark.
Nazi-Nostalgie wird auch in anderen westlichen Ländern ungeahndet produziert. Aus Großbritannien kommt gar ein neuer "Völkischer Beobachter" ("VB") über die Westdeutschen. Im Herbst 1980 erschien die dritte Ausgabe, unter der Verantwortung des Anglo-Nazis Michael McLaughlin vom British Movement. Der "VB" an alle: "Keiner, der Kameraden ans Messer liefert, wird mehr sicher sein und seiner Strafe zugeführt werden."
Die meisten dieser Propaganda-Exporteure betrachten sich als der verlängerte Arm ihrer deutschen Kundschafter. Das British Movement diskutiert seine "Strategie mit einflußreichen Einzelpersönlichkeiten in der Bundesrepublik", sagt Mike McLaughlin vom Movement. Er hilft "gern" beim Druck von Broschüren aus, die in Westdeutschland nicht hergestellt werden dürfen, "weil die dortigen Unterdrückungsgesetze das nicht zulassen".
Die braune Internationale funktioniert auf Gegenseitigkeit. McLaughlin: "Wir bieten Hilfe an und können unsererseits mit Hilfe rechnen."
S.86
Sie wundern sich, daß sie keinen Erfolg haben. Ich nicht.
Biertrinker, Kettenraucher, Junggesellen, Homos, der Chef ein
Betrüger, der 2. Mann ein Homo ... Beide schlagen sich durch, ohne
zu arbeiten.
*
S.75 Polizeiphotos. * S.78 Nach der Razzia vom vergangenen Dienstag. * S.86 Mit Sympathisanten nach einer Haftentlassung im Juli 1977 in Flensburg. *

DER SPIEGEL 14/1981
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