20.02.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteGesetz des Stärkeren

Zwei Diebe räumen ein Café aus, nicht ahnend, dass der Besitzer den Hells Angels angehört.
Der Anruf, der Oktay Arslan aus dem Schlaf und zwei Verbrecher ins Verderben riss, ging gegen 1.15 Uhr ein. Arslan schlummerte neben seiner Frau, als das Handy ging. Er griff im Halbschlaf zum Telefon und hörte am anderen Ende der Leitung die aufgeregte Stimme der Nachbarin seines Cafés. Sie meldete: Oktay, Einbrecher! Einbrecher im Café!
Oktay Arslan, mit einem Mal hellwach, wusste sofort Bescheid. Vor einem halben Jahr schon hatten sie versucht, in sein "Sun-Cafe" einzusteigen, es liegt ein paar Straßen von seinem Haus entfernt, auch damals hatte die Nachbarin Alarm geschlagen, auch damals hatte Arslan nicht gezögert und die Verfolgung aufgenommen, ohne Erfolg. Nur eine Brechstange steckte noch im Fenster. Diesmal aber, schwor er sich, kriege ich sie.
Arslan, 39, zog sich hastig an, stieg ins Auto und gab Gas. Angst hatte er keine. Er fuhr durch dunkle Heimat, Garching an der Alz, bayerische Gewöhnlichkeit nahe Altötting. Es war eine eisige Januarnacht und Arslan dem Verbrechen auf der Spur.
Die Diebe konnten nicht ahnen, wen sie geweckt hatten: Oktay Arslan, Teilzeittürsteher und Jugendmeister im Judo, gehört den Hells Angels an, der berüchtigtsten Rockergang der Welt, auch in der oberbayerischen Provinz gefürchtet. Die Einbrecher hätten sich, keine Frage, unter 8500 Garchingern leichtere Opfer aussuchen können.
"Na ja, Deppen halt", sagt Arslan zwei Wochen später. Er sitzt im Sun-Cafe, einem ehemaligen Sonnenstudio, das er 2007 gekauft hat. "Für die Frau. War ihr Traum, so was Eigenes." Den Traum bevölkern an diesem Nachmittag ein paar müde Männer, aufgereiht an der Bar. Man nickt zum Gruß.
Arslan nimmt weiter hinten auf einer Eckbank Platz. Er trägt den Irokesenschnitt eines Kriegers, den Bart fein gestutzt, vor sich Kaffee, ansonsten Muskeln. Die Schäden des Einbruchs, drei aufgebrochene Spielautomaten, zwei geknackte Darts, eine leere Kasse, sind beseitigt. Das Sun strahlt wieder in Orange.
Unter einer Bedingung, das hatte Arslan vorab am Telefon klargemacht, könne man sich treffen: "Wenn Sie mich als Polizeifreund darstellen, brauchen Sie gar nicht erst hier antanzen."
Ein Hells Angel regelt Probleme auf seine Weise, die Polizei ist weder Freund noch Helfer. Arslan ärgerte sich, dass die Nachbarin nicht nur ihn, sondern auch die Polizei gerufen hatte. "Ich kann meinen Laden allein verteidigen", knurrt der Rocker.
In jener Nacht vor zwei Wochen war also Eile geboten, um schneller zu sein als die Polizei. Um 1.24 Uhr klingelte Arslan bei Matthias Trippelsdorfer durch, einem Supporter der Hells Angels, Rocker-Bewerber sozusagen; er muss allerdings erst noch seinen Motorradführerschein machen. Aber dafür wohnt er in Sichtnähe des Cafés. Trippelsdorfer, 29, ging vor die Tür und sah: "Zwei dunkel gekleidete Gestalten in der Nähe vom Sun. Laufen die Straße runter. Einer mit Sporttasche in der Hand." Kaum hatte er aufgelegt, bog Arslan um die Ecke und sammelte den Kumpel ein. Die Jagd begann.
Eigentlich sei er ein ganz Ruhiger, sagt Arslan. Typ Familienmensch. Sohn von Türken. Seine Frau ist die Tochter eines bayerischen Großbauern. Drei Kinder. Häuschen. Idylle. Und das Leben als Rocker? Traum seit der Kindheit. "Meine großen Brüder hatten eine Mopedklub, zu ihnen habe ich aufgeblickt." Aber die Hells Angels? "Da wird viel Mist geschrieben, Kokain, Schutzgeld, Prostitution, solche Sachen. Für mich ist es einfach der schönste und beste Klub der Welt."
Arslan trinkt aus, eine Kopfbewegung: "Komm!" Er will noch einmal die Strecke herzeigen, auf der die Treibjagd stattgefunden hat. Über dem Fahrersitz seines Autos hängt tarnfarben seine Kutte, Heiligtum jedes Rockers. "Aus Rindsleder. Maßgeschneidert." Der Wagen rollt über den Parkplatz vor dem Café, auf die Straße und gleich rechts in einen kleinen Weg, an dessen Rand eine Scheune steht. "Dahinter haben sie sich versteckt." Er fährt weiter und erzählt, was nun geschah.
"Die Kerle rannten plötzlich los, da über die Wiese. Ich schickte Matthias raus. Sollte sie zu Fuß verfolgen, ich kam da ja mit meinem Wagen nicht lang. Er sprang raus, stürmte los, ich im Auto auf'm Asphalt hinterher. Natürlich ein bisschen zügiger als jetzt. Hab immer zur Seite geschaut, wo die lang sind. Versuchten, über Umwege zu entkommen. Aber auf einmal liefen sie wieder vor mir."
Dann ein Firmengelände. Bauzäune. Bremse. Ende.
"Matthias hatte den einen schon gefasst, der andere hing noch am Zaun. Den hab ich mir geschnappt."
Die Männer leisteten keinen Widerstand. Leerten ihre Taschen, Scheine, Münzen. "Ich war selbst überrascht, wie viel das war." Arslan befahl ihnen, sich vor ihm auf den Boden zu setzen, schimpfte sie "Penner", knipste mit seinem Smartphone Fotos der Unterlegenen, jämmerliche Figuren nun.
Ganz konnte Arslan den Sieg jedoch nicht genießen. Die Ordnungsmacht rückte an, dem Outlaw die Beute wegzunehmen. Die Polizisten nahmen die Einbrecher fest – auch die Fluchtwagenfahrerin, die etwas entfernt vergebens auf ihre Kompagnons gewartet hatte –, sicherten das Geld, sammelten Spuren.
Das Verbrechertrio, vermutet die Polizei, könnte für eine ganze Serie von Einbrüchen in Gaststätten verantwortlich sein. Jedes Mal nach dem gleichen Muster. Jedes Mal klauten die Diebe, was zu klauen war. Und jedes Mal hatten sie Glück und konnten entwischen. Bis sie an Oktay Arslan gerieten.
Er stoppte die Einbruchsserie. Glückwunsch. "Ist mir völlig egal. Deppen halt. Ich wollte nur meinen Laden verteidigen."
Von Moritz Aisslinger

DER SPIEGEL 8/2016
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