31.03.1980

Sowjet-Asien: Jagd nach sicheren Grenzen

Die sowjetischen Divisionen, die in Afghanistan einmarschiert sind und sich dort auf Dauer einzugraben scheinen, verteidigen jenseits der Grenzen auch die Sicherheit des eigenen Reiches: Sie schützen den kolonialen Süden der Sowjet-Union mit seinen fast 50 Millionen Moslems gegen den militanten Islam von Persien bis Pakistan.

Sowjetische Militärpolizisten haben im eroberten Afghanistan, der neuesten Erwerbung des Sowjet-Blocks, zu tun. Sie stellten Rotarmisten aus den asiatischen Republiken der Sowjet-Union, die Teile ihrer Ausrüstung verscherbelt hatten, um geistliche Konterbande einzukaufen: Exemplare des Koran, für die daheim auf dem schwarzen Markt bis zu 1000 Rubel bezahlt werden.

Geflüchtete Afghanen berichten, asiatische Sowjet-Soldaten hätten sie ermuntert, gegen die Russen zu kämpfen: "Unsere Väter haben nicht gekämpft, deshalb sind wir heute Sklaven."

Sie erzählen sogar: Als afghanische Dörfler Mitte Januar am nördlichen Stadtrand von Kabul 17 Russen an Bäumen aufhängten, hätten usbekische Sowjet-Soldaten, die unmittelbar danach eintrafen, nicht auf die Menge, sondern nur in die Luft geschossen.

Etliche sowjetische Moslem-Soldaten sind bereits zu den afghanischen Rebellen übergelaufen. Drei Studenten aus Usbekistan, die als Reservisten nach Afghanistan geschickt worden waren, desertierten, als sie merkten, daß sie statt gegen "Imperialisten" gegen moslemische Brüder kämpfen mußten.

So erklärt es sich, daß nach einigen Wochen der Großteil der sowjet-asiatischen Soldaten in Afghanistan durch Truppen aus den europäischen Gebieten Rußlands ersetzt werden mußten.

Einige tausend moslemische Rebellen, schlecht ausgebildet und bewaffnet, liefern der hochgerüsteten sowjetischen Invasionsarmee in Stärke von fast 100 000 Mann auch drei Monate nach Beginn ihres Einfalls immer noch blutige Gefechte.

36 moslemische Staaten verurteilten Moskaus Griff nach Afghanistan auf ihrem Gipfel in Islamabad. Warum, fragt sich die Welt immer noch, forderte Moskau den zu neuem Selbstbewußtsein erwachten militanten Islam derart frontal heraus, dessen Demütigungen die andere Weltmacht, Amerika, seit Monaten geduldig erträgt?

Gewiß bescherte die Invasion Afghanistans der Sowjet-Union im Endeffekt eine günstigere geostrategische Ausgangsposition für eine eventuelle Auseinandersetzung um die Erdölreserven am Persischen Golf. Gewiß auch kann die sowjetische Luftwaffe von jetzt an über dem Nordteil des Indischen Ozeans bequemer aufklären und die dort aufmarschierten Seestreitkräfte S.151 der USA, falls nötig, neutralisieren. Aber das wichtigste, das eigentliche Motiv für Moskau, den Afghanistan-Schlag mit all seinen Nachteilen zu riskieren, war schierer Expansionsdrang denn wohl doch nicht.

Gefährdung des Entspannungsprozesses und der Olympischen Sommerspiele in Moskau, neues ruinöses Wettrüsten gegen den wirtschaftlich überlegenen Westen, Verurteilung durch die bislang gehätschelten Staaten der Dritten Welt sind vielmehr so schwere Schläge gegen die bisherige Außenpolitik des Kreml, daß sich der Schluß aufzwingt: Nur das Gefühl einer existentiellen Bedrohung seines bisherigen, mühsam gehaltenen Machtbereichs kann Moskau zu seinem aberwitzigen Schritt veranlaßt haben, wie auch Sowjet-Kenner Herbert Wehner vorletzte Woche darlegte.

Diese Bedrohung war für die Sowjet-Führer in den Jahren 1978 und 1979 evident geworden. Mit barem Unverständnis und nicht geringer Sorge hatten sie beobachten müssen, wie obskure Mullahs, ohne Divisionen, an ihrer Südgrenze den mächtigen Schah verjagten.

"Was sind das bloß für Leute, diese Schiiten", wunderte sich damals ein hoher ZK-Funktionär gegenüber dem SPIEGEL.

Mullahs, die allein dank der Kraft einer von den Sowjets als mittelalterlich angesehenen religiösen Idee und der Macht des gesprochenen Wortes den Ölstaat Iran an sich rissen; Mullahs, die mit Hilfe fanatisierter Partisanen knapp davor standen, einer von Moskau eingesetzten und mit Moskau verbündeten Regierung in Kabul die Macht zu entreißen; islamische Eiferer, die bestimmende politische Kraft auch in Pakistan -- das alles mußte den nüchternen Technokraten der Sowjetmacht höchst alarmierend erscheinen.

Ein Islam, der entlang der ganzen, Tausende Kilometer langen Südgrenze des Reiches offenbar unaufhaltsam zur S.153 bestimmenden politischen Kraft wird und offen verkündet, daß es für ihn keine gezogenen Grenzen gäbe, war zuviel für ein Imperium, dem territoriale Ausdehnung und gezogene Grenzen stets wichtigste Sicherheitsgarantie waren.

Und in diesem Imperium leben auf einer Fläche größer als Westeuropa (vier Millionen Quadratkilometer) längs der sowjetischen Südgrenze nahezu 50 Millionen Moslems -- fast jeder fünfte Sowjet-Bürger ist Mohammedaner, 5 der 15 sowjetischen Republiken haben Moslem-Mehrheit.

Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat sich die Einwohnerzahl in diesen sowjetischen Moslem-Republiken verdoppelt. Die UdSSR stieg damit hinter Indonesien, Bangladesch, Indien und Pakistan zum fünftgrößten Moslem-Staat der Welt auf. Und bis zur Jahrtausendwende, nicht mal mehr eine Generation entfernt, werden bei gleichbleibenden Wachstumsraten 100 Millionen Moslems knapp 150 Millionen Russen gegenüberstehen.

Was Wunder, daß der Kreml auf Intervention sann, als in Afghanistan Moslem-Rebellen das Moskau-hörige Regime bedrängten.

"Afghanistan, das ist nicht irgendwo weit weg in Afrika. Afghanistan liegt direkt an unserer Grenze]" beschworen sowjetische Funktionäre ausländische Gesprächspartner und zitierten gern einen SPIEGEL-Vergleich einer fiktiven entsprechenden Situation an der amerikanisch-mexikanischen Grenze: Wie würde Washington reagiert haben, wenn ein revolutionäres Regime von Mexiko aus die Hispano-Amerikaner und Schwarzen der USA zum Aufstand ermuntert hätte?

Sakin Begmatowa, sogenannte Außenministerin der Kirgisischen Sowjetrepublik, zog das Beispiel einer Ameisenplage im Grenzgebiet heran, gegen die man einer früheren afghanischen Regierung geholfen habe: "Wir mußten helfen, weil diese Plage auch auf unser Gebiet hätte übergreifen können. Sie bedrohte die Ernte nicht nur in Afghanistan, sondern auf beiden Seiten der Grenze]"

Sowjetische Besatzer in Afghanistan drückten es militärisch-präziser aus. "Wir wollen diese Pest nicht auf unserem eigenen Boden bekämpfen müssen", klärte ein sowjetischer Oberst einen afghanischen Kameraden im Verteidigungsministerium von Kabul auf, der unterdessen in der Bundesrepublik um Asyl nachgesucht hat.

"Bei uns haben wir 50 Millionen Moslems. Und wenn in Afghanistan passiert, was schon im Iran und in Pakistan passiert ist -- was würde dann bei uns passieren? Wir haben schon einmal zehn Jahre gebraucht, um die Mullahs zur Vernunft zu bringen."

Die Verbindungen gerade zwischen den Moslems Afghanistans und denen der sowjetasiatischen Gebiete sind vielfältig: Auf beiden Seiten der Grenze siedeln Tadschiken, Kasachen, Usbeken, Kirgisen, Turkmenen und Belutschen, allesamt Moslems.

Bis in die 40er Jahre dieses Jahrhunderts kümmerten sich die Nomaden wenig um Landesgrenzen, und seit einem Jahrzehnt spielt sich zwischen den Vettern im Sowjetland und in Afghanistan ein kleiner Grenzverkehr ab. Mit Transistorradios und Koran-Exemplaren haben Ausläufer der islamischen Renaissance zumindest die südlichsten Landstriche Sowjet-Asiens längst erreicht.

Das ganze riesige sowjetische Zentralasien aber, von den Kosaken des Zaren später erobert als viele Kolonien des Empire von den Briten, wurde im Gegensatz zu diesen nie entkolonialisiert.

Diese Kolonie gedeiht heute, wirtschaftlich gesehen, prächtig. Zwar nimmt die Wirtschaftsplanung keine Rücksicht auf die Republiken, sie ist auf die Bedürfnisse des gesamten Reiches ausgerichtet. Doch Moskau hat seinen kolonialen Süden in den letzten Jahrzehnten zügig entwickelt. Sowjet-Zentralasien überrundete die Ukraine als Kornkammer des Reiches und die kalte Schatzkammer Sibirien als Rohstoffquelle (vom Öl abgesehen).

Auf schier unerschöpflichen Vorkommen von Kohle und Erz, Kupfer, Silber, Öl und Gas, Blei, Schwefel und Phosphaten bauten die Russen in ihrem asiatischen Süden ein schwerindustrielles Zentrum auf. In Kasachstan befindet sich der sowjetische Weltraum-Bahnhof Baikonur. In und um Karaganda, wo 1930 noch nichts als Steppe war, dann Millionen in Lagern litten und heute eine Stadt von fast 600 000 Einwohnern steht, liegt mehr Kohle als im westdeutschen Revier.

In der weiten Einöde der Republik, früher zu Recht Hungersteppe genannt, wurden 1979 in den unter ungeheurem Aufwand erschlossenen Neuland-Territorien fast 34 Millionen Tonnen Getreide eingefahren, womit die Kasachen im letzten Jahr eine drohende Erntekatastrophe in der gesamten UdSSR abwendeten. Sie erhielten dafür den Leninorden.

Allein die Sowchosen und Kolchosen um die Steppenstadt Zelinograd könnten mit ihrer Weizenernte ein Jahr lang die drei sowjetischen Millionen-Kapitalen Moskau, Leningrad und Kiew ernähren -- oder sich selbst 120 Jahre lang.

Millionen Kriegsflüchtlinge fanden Aufnahme in Zentralasien -- nicht zuletzt viele hunderttausend Deportierte, wie die Wolgadeutschen, Krimtataren und vier weitere von Stalin verbannte moslemische Volksgruppen.

Die Kasachenrepublik, Hauptstadt Alma Ata, wurde damit das Sowjet-Gebiet mit den meisten verschiedenen Völkerschaften -- einhundertundfünf. Darunter sind auch 80 000 Koreaner, die als Seidenspinner und Reisbauern hierherkamen und ihre eigenen Schulen und Zeitungen besitzen, Uighuren, die S.156 aus dem chinesischen Sinkiang flüchteten und die einzige sowjetische Zeitung in arabischer Schrift herausgeben dürfen, Japaner, Polen, Bulgaren, Finnen, Griechen und Kurden.

Die kleineren Republiken Zentralasiens pumpen Öl und Gas in die Industriezentren. Dank intensiver Bewässerung -- Usbekistan hält einen Weltrekord an künstlicher Bewässerung -- produzieren sie bereits neun Millionen Tonnen Baumwolle jährlich, genug für den sowjetischen Eigenbedarf und ergiebigen Export.

Die subtropischen Landstriche liefern Seide und Astrachanpelze, Reis und Früchte, vor allem die berühmten Melonen, von denen es früher hieß, daß eine Melone aus Ferghana eine Sklavin wert sei, und die heute noch auf den freien Märkten in Moskau Spitzenpreise erzielen.

Im Gegensatz zu den Bürgern an den Westgrenzen des Reiches, die nur einen Bruchteil des Lebensstandards der benachbarten Skandinavier oder Westeuropäer erreichen, leben die Sowjet-Asiaten um ein Vielfaches besser als ihre Stammes- und Glaubensbrüder jenseits der Grenzen in den Armenhäusern Afghanistan, Pakistan, den iranischen Wüsten oder Indien.

Sie leben auch nicht schlechter, oft sogar besser als ihre russischen Kolonisatoren. Eine Stickerin in Buchara verdient die gleichen 180 Rubel wie eine Weberin in der Ukraine. Der Kumpel in Karaganda kommt eher zu einem eigenen Wagen als der Arbeiter an einer Papiermaschine in Karelien.

Das Lebensmittelangebot in Taschkent ist im Schnitt sogar besser als in Moskau. Daß es oft monatelang kein Stück Fleisch für den Normalverbraucher gibt, in der russischen Provinz Realität, wäre in Usbekistan undenkbar. Es lebt sich in Taschkent heute besser als in Leningrad.

Die Familieneinkommen der Kolchosbauern in Usbekistan oder Turkmenistan sind bis zu anderthalbmal höher als in der Ukraine oder Belorußland. "Bei uns leben die Hunde besser als da drüben die Menschen", sagen die Sowjet-Asiaten über Afghanistan.

Die französische Autorin Helene Carriere d'Encausse, die in ihrem Buch "Risse im Roten Imperium" die nationalistischen Bestrebungen der Kolonisierten beschreibt, bescheinigt den zentralasiatischen Völkern "eine blühende Prosperität".

Die Lebenserwartung der russischen Asiaten ist unter sowjetischer Herrschaft von 40 auf 70 Jahre angestiegen. Auf je 368 Menschen gibt es dort einen S.159 Arzt -- in Pakistan einen auf 6000 Einwohner.

Doch wie das Beispiel Persien zeigt, das die Sowjet-Führung bis heute weder verstanden noch verdaut hat, spielen materielle Errungenschaften bei Moslems nicht immer die wichtigste Rolle, sie erscheinen den islamischen Fundamentalisten, die der religiösen Renaissance südlich der Grenze den Antrieb geben, gar als Teufelswerk.

Islamisch-nationalistische Ideen sind ohne Zweifel eine Kraft, vielleicht die Kraft, die den in Wahrheit gar nicht so monolithischen Vielvölkerstaat UdSSR erschüttern könnte, um so mehr, als viele Asiaten nicht vergessen können, wie die Russen sie kolonisiert haben.

Getreu den Worten des zaristischen Eroberungs-Propagandisten Katkow, der 1876 schrieb, "wir sind in Asien nicht fremde Abkömmlinge von weither wie die Engländer in Indien, wir sind dort ebenso zu Hause wie in Moskau", meinen auch die Sowjet-Kommunisten, in ihrem asiatischen Süden noch immer eine "Weltmission" zu erfüllen, selbst wenn sie, um das Erreichte zu sichern, ihre Grenzen weiter ausdehnen müssen.

Also fing von neuem die uralte "Jagd nach der sicheren Grenze" an, ein Terminus, mit dem der preußische Historiker Yorck von Wartenburg 1900 Rußlands Expansion in Asien umschrieb.

Der Aufbruch der Moskowiter in jenes asiatische Hinterland, aus dem einstmals die Mongolen herangestürmt waren, die Rußland jahrhundertelang unterdrückten, hatte relativ früh begonnen. Zuerst stießen die Kosaken durch das menschenleere Sibirien bis zum Pazifik vor. Schon 1648 erreichte der Kosak Semjon Denhnew den Ozean im Osten.

Unter Peter dem Großen stießen die Russen erstmals in die riesigen Steppengebiete von Kasachstan vor. Die paar hunderttausend dort umherstreifenden Nomaden, Kasachen der Kleinen, Mittleren und Großen Horde, stellten sich teils freiwillig unter russischen Schutz, der Rest wurde mühelos zersprengt. Insgesamt acht kasachische Aufstände scheiterten blutig.

Wie wenig die Russen von den Völkern an ihren Grenzen wußten, zeigte ihre Behandlung der Kasachen. 120 Jahre lang bestand St. Petersburg darauf, mit den Kasachen-Chanen auf tatarisch zu korrespondieren -- am Zarenhof hielt man alles, was vom Osten kam, für Tataren.

In den leeren Steppen errichteten die Russen Forts zum Schutz vor räubernden zentralasiatischen Nomaden. Für die wiederum waren die russischen Siedlungen und Karawanen willkommene Beute. Sie störten den Handel, verschleppten Russen in Sklaverei.

Der russische Kapitalismus suchte neue Märkte, die Offiziere des Zaren gierten nach Kriegsruhm, nach schneller Beförderung und Georgskreuzen. All das war gegen die undisziplinierten, schlecht bewaffneten und schlecht organisierten Reiterhaufen der zentralasiatischen Chanate leicht zu holen.

Das eroberte Gebiet wurde in einem "Generalgouvernement Turkestan", Hauptstadt Taschkent, zusammengefaßt, erster Generalgouverneur war ein Mann, der Rußlands Besitz in Asien abrundete und durch eine kluge Verwaltung auf Dauer sicherte: General Konstantin Petrowitsch von Kaufmann.

Der einstige Ingenieur-Offizier und Gouverneur in Wilna, Sohn eines Offiziers aus holsteinischem Adel, brachte nach dem Urteil eines britischen Historikers "eine Ära des Friedens und der Sicherheit nach Zentralasien, die dort jahrhundertelang unbekannt gewesen war".

Er organisierte das Gebiet nach dem Vorbild der Zivilverwaltung im alten Rußland, er beließ den Einheimischen ihre Religion, Gebräuche und Gesetze. Es galt weiterhin das islamische Scharia-Recht. Nur Fälle, in die Russen verwickelt waren, wurden nach russischen Gesetzen behandelt.

Angeblich um einen Angriff des Emirs von Buchara zuvorzukommen, eroberte der Gouverneur 1868 das "Goldene Samarkand", die Perle Zentralasiens S.161 und eine der glanzvollsten Städte der alten Welt. Hier zog einst Alexander der Große durch, von hier aus hatte Timur ganz Asien beherrscht.

"Samarkand, die Hauptstadt Timurs, der so grausam gegen Rußland wütete, ist gefallen", begeisterte sich eine Zeitung der Hauptstadt über die späte Rache für die 250jährige Mongolen-Herrschaft über Rußland. Das Emirat von Buchara wurde russisches Protektorat.

Dann wandte sich Kaufmann gen Westen, eroberte die Chanate Chiwa und Kokand. 1879 stießen die Russen vom Kaspischen Meer her gegen die letzte noch unabhängige Ecke Turkestans an der persischen Grenze vor. Doch beim Sturm auf die Turkmenen-Festung von Geok-Tepe hatten die Russen 200 Tote und 250 Verwundete und mußten sich zurückziehen.

Aus Furcht, die Niederlage könne andere Turkstämme zum Aufstand ermuntern, schickte der Zar den schon bewährten General Skobelew mit 11 000 Mann und 20 000 Kamelen gegen die Festung vor. Die Russen stürmten und säbelten alles nieder, was sie antrafen: 6500 Männer, Frauen und Kinder.

Nach diesem Blutbad brach der Widerstand der Turkmenen zusammen. Und der fromme Zar betete: "Gebe nur Gott, daß uns dieser Erfolg nicht weiterreißt."

Er riß weiter -- aber nun nicht mehr sehr weit. Denn als die Russen auch noch Merw eroberten und schließlich die Stadt Kuschka jenseits des Gebirges in Afghanistan einnahmen, sah England sein Kronjuwel Indien bedroht, zumal der Zar das Versprechen gebrochen hatte, wonach er "Afghanistan als gänzlich außerhalb der russischen Einflußsphäre" anerkannte.

Um ein Haar wäre es zum Krieg zwischen den beiden imperialistischen Mächten gekommen. Doch ein Grenzabkommen beendete 1887 den Konflikt -- und bestätigte beinahe alle russischen Eroberungen im Tausch gegen ein britisches Protektorat über Afghanistan.

Damit hatte Rußland in wenigen Jahrzehnten ein Gebiet größer als Westeuropa gewonnen -- um den Preis von insgesamt etwa tausend Toten und 3000 Verwundeten. Es war Weltmacht geworden, Vormacht auf einem Kontinent, wo sich die Russen im Gegensatz zu Europa, das sie immer wieder demütigte, als "Herren" fühlen konnten, so Fjodor Dostojewski: "In Europa waren wir immer die Tataren, in Asien aber sind wir Europäer]"

In den folgenden Jahren strömten endlose Siedlertrecks aus dem Westen Rußlands in die eroberten Gebiete. Der Bau der Transsibirischen, später der Transkaspischen und zuletzt der Turksib-Bahn beschleunigte die Völkerwanderung.

Eine eigens gegründete Wiederansiedlungs-Behörde wählte geeignetes Land für die Zuwanderer aus. Bis 1908 kamen 700 000 Neusiedler in die Steppe.

Natürlich nahmen sie das beste Land. Bald besaßen fünf Prozent der Bevölkerung, fast ausschließlich Russen, 60 Prozent des kultivierbaren Bodens. Die einheimischen Nomaden wurden immer tiefer in die Einöden der Hungersteppe und der Karakum-Wüste getrieben. Die Herden der Kasachen schmolzen dahin, ihre Besitzer verelendeten.

In den Oasengebieten Südturkestans blieben die Europäer dagegen, von den Städten abgesehen, in der Minderheit. Die Zaren-Verwaltung sah bereits "das russische Element verloren in einem endlosen Meer von Einheimischen".

Dennoch wurde auch der Süden wirksam russifiziert -- über die Wirtschaft. Schon immer hatten die Oasenbauern Baumwolle angebaut, Erträge und Qualität jedoch waren gering.

Als der amerikanische Bürgerkrieg die Baumwollzufuhr versiegen ließ, begannen die Russen unter Anleitung des Generals von Kaufmann, in Mittelasien Baumwolle in großem Stil anzubauen. Sie importierten Samen und Maschinen aus den USA.

Daraus entstand eine für Kolonien typische Monokultur, die beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges bereits die Hälfte des riesigen russischen Baumwollbedarfs deckte und heute ein bedeutendes Exportgut stellt.

Das für die Bevölkerung notwendige Getreide wurde aus der Ukraine herangebracht. Als die Versorgung während des Krieges zusammenbrach und die eingeborene Bevölkerung auch noch zu Schanzarbeiten kommandiert wurde, brach 1916 ein Aufstand aus. Er wurde von den Zaren-Generalen, die Waffen an die russischen Siedler ausgaben, grausam niedergeschlagen.

Die Februarrevolution von 1917 traf Zentralasien bereits in völliger politischer Auflösung. Einzelne Führer der Asiaten forderten völlige Unabhängigkeit und träumten von einem freien Großturkestan zwischen Pamir und Kaspischem Meer.

Viele von ihnen setzten ihre Hoffnungen auf die Bolschewiken. Denn die hatten allen vom Zaren unterdrückten Völkern die Freiheit versprochen. Im Dezember 1917 richteten sie einen Aufruf S.164 "an die Moslems von Rußland, Tataren der Wolga und Krim, Kirgisen und Sarten von Sibirien und Turkestan, Türken und Tataren von "ranskaukasien, Tschetschenen und Bergkosaken", in dem es hieß: I"r " alle, deren Moscheen und Altäre zerstört wurden, deren Glaube " " und Bräuche von den Zaren und Unterdrückern Rußlands " " geschändet wurden] Fortan sind Euer Glaube und Eure Bräuche, " " Eure nationalen und kulturellen Einrichtungen frei und " " unantastbar. "

In Russisch-Asien halfen 90 000 deutsche und österreichische Kriegsgefangene, die in den Steppen interniert waren und bewaffnet wurden, den roten Revolutionären im Kampf gegen den nationalen Aufruhr. Bei dieser zweiten Eroberung Zentralasiens für Moskau flossen Ströme von Blut, allein ein Drittel aller Kirgisen wurde ausgerottet.

Der rote Feldherr Frunse, ein im kirgisischen Pischpek, heute Frunse, geborener Moldauer, der Zentralasien für Moskau wiedereroberte, drückte mit den einfachen Worten des Haudegens aus, worum es den Revolutionären wohl vor allem ging. In einem Tagesbefehl im Jahre 1919 verkündete er: "Die ruhmreichen Soldaten der Turkestanischen Front haben Rußlands Weg zur Baumwolle und zum Erdöl freigekämpft]"

1924 wurden die letzten abtrünnigen Chanate, Buchara und Chiwa, wieder heim ins Reich geholt. Und für Sowjet-Asien begann, wie im ganzen großen Land, die Zeit der Unterdrückung.

In einem fast zehnjährigen Kleinkrieg schlug die Rote Armee den Widerstand islamischer Partisanen, der "Basmatschen", die anfangs unter dem türkischen Revolutionär und Abenteurer Enver Pascha kämpften (und teilweise von Afghanistan her unterstützt wurden), blutig nieder.

Die von Stalin auch in der Steppe verordnete Zwangskollektivierung führte zu neuem Blutvergießen und endete mit dem Hungertod von mehr als einer Million Kasachen.

Um alle Großturkestan-Ideen auszumerzen, teilte Stalin Zentralasien in fünf eigenständige Sowjetrepubliken auf, deren Grenzen willkürlich so gezogen wurden, daß keines der Gebilde für sich lebensfähig war und alle von Rußland abhängig blieben: Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgisien.

Eine große Säuberung, der bis zum Ende der 30er Jahre eine ganze Generation einheimischer KP-Funktionäre zum Opfer fiel, löschte den Widerstand aus.

Eines der Opfer, Sadullah Kasim, Vorsitzender des Usbekischen Obergerichts, zog, 1930 zum Tode verurteilt, das Resümee: "Wir waren früher eine einfache Kolonie. Jetzt sind wir eine rote Kolonie geworden."

Am unerbittlichsten bekämpften die Bolschewisten jene Weltanschauung, die in Sowjet-Asien am tiefsten eingepflanzt war: den Islam.

Von Anfang an hatten kommunistische Ideologen die Lehre Mohammeds als feudale Ideologie des arabischen Kapitalismus hingestellt. Der Atheist Professor Lucjan Klimowitsch fällte über die Religion der "siatischen Bürger des Reiches das Urteil: Der Islam ist eine " " antiwissenschaftliche, reaktionäre Weltanschauung, die der " " wissenschaftlichen marxistisch-leninistischen Auffassung " " fremd und feindlich gegenübersteht. Der Islam steht im " " Widerspruch zu der optimistischen und lebensbejahenden " " materialistischen Lehre. Er ist unvereinbar mit den " " fundamentalen Interessen der Sowjetvölker. Er hindert die " " Gläubigen daran, aktive und gewissenhafte Erbauer der " " kommunistischen Gesellschaft zu sein. "

Die sowjetischen Behörden begannen einen systematischen Feldzug zur Ausrottung der Irrlehre. Sie enteigneten das Kirchenland, verhafteten und verurteilten alle Mullahs, soweit sie nicht der Lehre Mohammeds abschworen. Moscheen wurden niedergerissen und durch Lenin-Denkmäler ersetzt oder in Atheisten-Institute, Schulen, Kinos, Klubs und Bibliotheken umgewandelt, Korane und religiöse Schriften verbrannt, Neuauflage verboten.

Gegen den Islam gingen die Kommunisten sogar radikaler vor als gegen die Orthodoxe Kirche. Von 24 000 Moscheen blieben nur 250 -- etwa ein Prozent -- übrig.

Einen Höhepunkt erreichte der Kampf gegen die Religion 1927 mit der "Hudjum"-Kampagne: "Hudjum", Angriff, war das Losungswort für die von der Partei verordnete Emanzipierung der Moslem-Frauen, symbolisiert durch das Ablegen des bis dahin obligaten Schleiers.

Am 8. März 1927, dem Internationalen Frauentag, legten allein in Usbekistan 100 000 Frauen demonstrativ den Schleier, das Symbol ihrer Unterdrückung in der islamischen Männerwelt, ab. Hunderte verbrannten ihre Tücher.

Fanatiker unter den Moslems liefen Amok. Sie schlugen, vergewaltigten, ermordeten S.166 entschleierte Frauen. An jedem folgenden 8. März wurde die Demonstration wiederholt. Die Zahl der "ungläubigen Hündinnen", die oft von ihren eigenen Vätern, Männern, Brüdern umgebracht wurden, wuchs auf über tausend an, bevor sich die Emanzipation durchsetzte.

Um den Widerstand des Islam zu brechen, wurde die usbekische Hauptstadt verlegt, von Samarkand, dessen von drei Moscheen umgebener "Registan"-Platz eine Zitadelle der Religion war, nach Taschkent. Ein "Verband kämpfender Gottloser" rekrutierte Zehntausende Mitglieder und veranstaltete Tausende Schulungsabende. Antireligiöse Museen wurden errichtet -- oft in den ehemaligen Moscheen --, antireligiöse Filme gedreht.

Erst der Krieg unterbrach diesen Feldzug: Stalin brauchte den Islam ebenso wie die orthodoxe Kirche im Überlebenskampf gegen Hitler.

Wie bei den Orthodoxen "rote Popen" fanden sich bei den Moslems "rote Mullahs", die prosowjetische und antinazistische Parolen "im Namen aller Moslems der UdSSR" verkündeten. In den wenigen verbliebenen Moscheen beteten Mullahs für den Sieg der sowjetischen Sache.

Als Belohnung erhielten die regimetreuen Mullahs das Recht, eine eigene Kirchenverwaltung mit vier Muftiaten zu gründen, deren oberster Chef der "Sowjet-Mufti" Ischan Babachan Ibn al-Madschid Chan wurde.

Sein Sohn (und damaliger Vize) Sia ul-Din, der sich bereits russifiziert "Babachanow" nannte, folgte dem Vater, nach dessen Tod mit 98 Jahren, und ist dem Regime als Obermufti aller Sowjet-Moslems allezeit mit regimefreundlichen Erklärungen gefällig -etwa, um den Einmarsch in Afghanistan zu billigen oder mit anti-israelischen Ausfällen davon abzulenken.

Rote Muftis, die je nach Bedarf gegen britische Kolonialisten, amerikanische Kriegstreiber, die Wiederbelebung des westdeutschen Militarismus oder die Unterdrückung der algerischen Moslems wetterten, durften sogar tun, was Atheisten-Funktionäre als "Quelle des Profits für die Feudalisten Arabiens" oder als "von den Imperialisten genutzte Gelegenheit zur Anwerbung von Spionen und Agenten" verunglimpft hatten -- nach Mekka pilgern.

Und sie durften, wie Parade-Mufti Babachanow, zu Hause Moslem-Häupter empfangen, etwa Indonesiens Sukarno und Ägyptens Nasser, oder Moslem-Konferenzen organisieren, wie erst im letzten Herbst, kurz vor Afghanistan, in Duschanbe.

Auch einige Moscheen wurden wiedereröffnet, einige Male der Koran, in geringen Auflagen, gedruckt. Eine eigene illustrierte Zeitschrift, "The Moslems of The Soviet East", wird in einigen tausend Exemplaren vornehmlich an ausländische Besucher verteilt.

Das bunte Blatt zeigt liebevoll restaurierte Moscheen oder die sozialistischen Errungenschaften sowjetischer Moslems: automatisierte Landwirtschaft, S.167 mächtige Industriekombinate, arbeitende Frauen, Riesen-Kraftwerke und Bewässerungs-Projekte. Am Schluß berät Obermufti Babachanow Gläubige, wie lange eine Witwe nach dem Tod ihres Mannes im Haus bleiben sollte.

Doch die Kollaboration mit dem atheistischen Regime hat die roten Imame der Masse der Gläubigen entfremdet. Zwar strömen an islamischen Feiertagen bis zu 10 000 Menschen in die verbliebenen großen Moscheen Zentralasiens. Die meisten aber beten mit illegalen Mullahs, veranstalten heimliche Gebetsstunden und Koranlesungen und pilgern zu den Gräbern islamischer Heiliger.

Obwohl die Sowjetbehörden unter den Moslems amtlich nur etwa so viele Gläubige ausmachen wie unter den Orthodoxen -- "zehn bis zwölf Prozent", antwortete "Moscow News" auf die Frage eines ausländischen Lesers --, bekannten sich bei lokalen Befragungen weit über 50 Prozent der Moslems in Zentralasien und in Aserbaidschan als Gläubige. Und nahezu alle fühlen sich der "Umma" angehörig, der Gemeinschaft aller Moslems auf der Welt.

So gut wie jeder sowjetische Moslem wird bei der Geburt beschnitten und erhält die traditionellen Namen. Geheiratet wird nach Scharia-Brauch, begraben werden Moslems auf ihren eigenen Friedhöfen, in ein weißes Laken gehüllt, die Füße nach Mekka gerichtet.

Selten heiratet ein Sowjet-Moslem eine Russin -- und wenn, dann hat sie sich den Klan-Bräuchen zu fügen, die Kinder werden im Glauben an Mohammed erzogen.

So gut wie nie lassen Moslems eine Heirat der Tochter mit einem Ungläubigen zu, das verbietet die Scharia. In der Ehestatistik der Turkmenischen Republik wurde beispielsweise zwischen 1960 und 1968 kein einziger Fall registriert. Kommen Mischheiraten vor, so sind es solche zwischen Angehörigen der asiatischen Völker untereinander.

Da wird zur Hochzeit auch noch "kalym" verlangt, der traditionelle Brautpreis, der schon mal 20 000 Rubel ausmacht. "Selbst Intellektuelle, die offiziell dagegen wettern", giftete die "Literaturnaja gaseta", "schämen sich nicht, den Brautpreis für die eigene Tochter anzunehmen."

Da gibt es auch noch Vielehen, die vom Gesetz streng verboten sind. Aber niemand kann einem verbieten, sich scheiden zu lassen -- und die Frau zusammen mit der neuen weiterhin in der Wohnung zu behalten.

Nach außen hin demonstrieren die Moslems, zumindest in den Städten, ihren S.169 Glauben nicht. Sie verschanzen sich hinter der vom Koran erlaubten Haltung der "Takija", dem Verbergen religiöser Gefühle, wenn dies dem Glauben nützt. "Die Moslems sind schlau", mutmaßen auch KP-Funktionäre, die erkennen müssen, daß ihnen die Seelen der Kolonisierten fremd geblieben sind.

Nach dem alten turkestanischen Sprichwort "Wenn du auf einer Brücke einem Bären begegnest, nenn ihn Onkelchen, bis du auf der anderen Seite bist", geben sich die sowjetischen Moslems in der Partei, am Arbeitsplatz, an der Uni regimekonform und pflegen ihre Bräuche am heimischen Herd.

Dort leben dann auch gute Kommunisten nach dem Koran. Immer wieder rügen Zeitungen Atheisten-Funktionäre, die tagsüber den Materialismus predigen, nachts aber heimlich den Mullah holen, um beim Sohn einen bösen Geist auszutreiben. Es gibt gar Parteisekretäre, die ihre Frauen streng nach Scharia-Regeln heiraten.

In den Kaukasus-Gebieten, besonders in Aserbaidschan, dem Zentrum der sowjetischen Schiiten (die meisten sowjetischen Moslems sind Sunniten), sowie in Daghestan sind die sogenannten Sufi-Orden weitverbreitet, verschworene Bruderschaften, die heimliche Gebets-Versammlungen und Wallfahrten veranstalten und wegen ihres unverbrüchlichen Zusammenhalts kaum vom KGB zu unterwandern sind.

Das Herz des sowjetischen Islam aber schlägt in der volkreichsten Republik Sowjet-Asiens, in Usbekistan, das mit seinen 15 Millionen Einwohnern drittstärkste Republik ist. Dank der hohen Zuwachsraten -- in Usbekistan gibt es mehr als 1,6 Millionen sogenannte Heldenmütter mit mehr als zehn Kindern -- hat der Anteil der Russen von 1970 auf 1979 von 12,5 auf 10,8 Prozent abgenommen.

Obwohl die Hauptstadt Taschkent, mit 1,7 Millionen Einwohnern schon die viertgrößte Stadt der Union, weithin europäischen Charakter hat, leben die Usbeken in der Altstadt und in ihren Mikro-Rayons, in die kein Russe zieht, in den alten ummauerten Höfen, an ungepflasterten Straßen ohne Kanalisation, und nach hergebrachtem Brauch.

Die Männer tragen die "Tjubetejka", die reichbestickte vierkantige Kappe, auf dem Kopf, die Frauen kleiden sich in traditionelle, grellbunte Stoffe. Sie essen Fladenbrot und lehnen Schweinefleisch ab, sosehr die Partei ihnen auch die Schweinezucht empfiehlt.

Die uralten Siedlungen der Republik, Buchara, Samarkand, Chiwa, sind, trotz aller Wohnmaschinen am Stadtrand, orientalische Städte geblieben.

Da hämmern noch Kupferschmiede, preisen fliegende Händler lauthals i hre Waren an, holen sich Bettler ihre Almosen -- sogleich davongejagt, falls Ausländer aus dem "Intourist"-Bus steigen --, dösen die Männer ihre ausgedehnte Mittags-Siesta auf der "tscharpaj", dem asiatischen Allzweck-Möbel, vor den Teehäusern ab, sind die Frauen für Küche und Kinder da.

Russisch geht's da nicht zu. Und auch, wenn Lenin-Denkmäler vielerorts die Minaretts überragen, verdrängt haben sie die nicht.

Zwar hat Buchara eine Straße, die "Besboschnaja" heißt, die "Gottlose", aber seine alten Mauern beherbergen auch wieder eine Medresse, eine Koran-Hochschule für Geistliche, an der im Schnitt 60 künftige Imame sieben Jahre lang Arabisch, den Koran und die Scharia-Regeln studieren.

Im Hof der Bibi-Chanum-Moschee (am Eingang befindet sich ein Atheismus-Museum) in Samarkand kriechen Frauen um einen marmornen Koranständer S.172 und erhoffen sich davon reichen Kindersegen. Der Busfahrer macht plötzlich Pause und verschwindet hinter dem nächsten Sandhügel, um dort zu tun, was offiziell verpönt ist, weil es den Arbeitsprozeß stört -- beten.

Die einheimische "Intourist"-Dolmetscherin in Samarkand erfüllt zwar ihre Pflichtübung im Preisen der Verdienste Lenins um Sowjet-Asien. Sie spricht aber ebenso unbefangen von der "Annexion" Zentralasiens durch die Russen. Beim Besuch der Grabstätte Timurs vergißt sie nicht die Legende, wonach geweissagt worden ist, daß Grabschändung eine Katastrophe bedeuten werde.

Am 21. Juni 1941 öffneten sowjetische Archäologen das Grab. Am 22. überfiel Hitler Rußland -- für die Asiaten der UdSSR eine klare Sache.

Die Russen fühlen trotz aller aufgepreßten Uniformität, daß sie hier Fremde sind. Sie erzählen voller Ingrimm, es komme schon mal vor, daß ein Einheimischer einem Russen gegenüber bedeutungsvoll die Hand über die Kehle zieht, wenn es an den Grenzen gärt, wie am Ussuri, im Iran oder in Afghanistan.

Zweifellos haben Armee, Polizei, KGB, Partei, Komsomol, junge Pioniere und Gewerkschaften die Bevölkerung fest im Griff -- obgleich die Mitgliederzahlen nirgendwo in Asien russisches Niveau erreichen.

Bei den Russen kommen 74 Parteimitglieder auf 1000 Einwohner, bei den Usbeken nur 35, den Kirgisen 34, Turkmenen 32 und Tadschiken 30. Der zweite Sekretär jeder Parteiorganisation und der Vize jedes Ministers der Republiken ist, unabhängig vom russischen Bevölkerungsanteil, Russe. Für die Sicherheit sind fast nur Russen zuständig.

Doch in vielen Armee-Einheiten stellen moslemische Soldaten schon mehr als ein Drittel der Mannschaftsstärke. "Hinter dem Homo sovieticus", schreibt Helene Carriere d'Encausse, "zeichnet sich schon der Homo islamicus ab." Moskau reagiert auf die vorerst noch wenig faßbare Herausforderung wie immer -- mit Zuckerbrot und Peitsche.

Die Moslems werden plötzlich von der offiziellen Propaganda gehätschelt. Kaum ein Tag, an dem nicht verbreitet wird, wie gut es den Moslems im Schoß der Sowjetmacht ergehe, wie beispielhaft ihr Schicksal für die gesamte islamische Welt sei.

"Natürlich sind wir Atheisten", schrieb die "Literaturnaja gaseta" zu "bösartigen" westlichen Kommentaren, die einen "künstlichen Gegensatz zwischen Islam und Sozialismus" hätten konstruieren wollen. "Aber schon Lenin hat hervorgehoben, daß Sowjetkommunisten 'nie gegen eine Religion Krieg führen'."

Islamische Baudenkmäler, die vor Jahren -- noch unter Chruschtschow -- rücksichtslos niedergerissen wurden, werden nun mit Millionenaufwand restauriert. Kiloweise spendet der Staat Gold für die Kuppeln der Minarette und für Mosaiken.

Islamischen Heiligen wie dem Arzt und Philosophen Ibn Sina (Avicenna) werden zum tausendsten Geburtstag 1980 Denkmäler gebaut und eine Gedenkmedaille gewidmet. Zum Einläuten des 15. islamischen Jahrhunderts wurde ein internationales islamisches Seminar nach Duschanbe (bis vor 19 Jahren: Stalinabad) geladen.

Eine eilig zusammengebastelte Wanderausstellung mit Farbtafeln über das prächtige Leben der sowjetischen Moslems, frisch gedruckten Koran-Bänden und Konterfeis des roten Mufti Babachanow, umgeben von islamischen Größen aus der halben Welt, wird von Moskau aus in die Republiken geschickt.

Babachanow rühmt, der Sowjetstaat "setzt den Moslems und ihren religiösen Aktivitäten keine Grenzen", er sieht auch "keinen Gegensatz zwischen Islam und Kommunismus".

Doch der Ajatollah, dessen Wort mehr gilt in der Welt des Islam, hat klar dekretiert: "Kommunismus und Islam sind unvereinbar."

Die islamische Achmadia-Sekte, in Pakistan beheimatet, prophezeit ihren Anhängern (die in Sowjetisch-Tadschikistan unbarmherzig verfolgt werden), daß es in der UdSSR gewaltige Veränderungen zugunsten des Islam geben werde -- ganz konkret, schon ab 1981.

Unzweifelhaft hat der Vormarsch des Islam in Südasien auch den Sowjet-Moslems neues Selbstbewußtsein gegeben. "Ein kämpferischer Islam stellt die härteste Herausforderung der russischen Herrschaft über diesen Teil der Welt dar", schrieb "U. S. News & World Report".

Gegen diese Herausforderung haben die Russen durch die Afghanistan-Invasion vielleicht ein bißchen Zeit gewonnen. Leichter wurde sie nicht. Denn statt mit knapp 50 Millionen hat Moskau es nun mit 65 Millionen Moslems zu tun.

Trotz der abgedichteten Grenzen schwappt die islamische Renaissance auch über zum weichen Unterleib der Sowjet-Union, und wie alle politischen Zwangssysteme ist auch das sowjetische zuwenig flexibel, auf die für unentbehrlich erachteten Attribute des Überwachungsstaates zu verzichten, etwa in Buchara.

Dort, in einer der beiden Koran-Schulen der UdSSR, werden, vor allem zum Vorweisen für Besucher aus Nahost, Mullahs ausgebildet. Die dazugehörige Moschee ist auch für mohammedanische Laien in Buchara geöffnet. Doch freitags stört die Andacht ein im "Agitpunkt" des nächsten Wohnviertels installierter Lautsprecher, der mit erheblicher Phonstärke Radio Moskau überträgt.

Am Tor der Medresse steht morgens bei Unterrichtsbeginn ein Aufpasser, der sich von den Schülern den Inhalt ihrer Büchertaschen zeigen läßt. Verbotene Literatur wird konfisziert.

Der Kontrolleur hat sich wie ein Moslem gekleidet: Er trägt die landesübliche Kopfbedeckung "Tjubetejka", die von Usbekistan über die Grenze hinweg bis nach Sinkiang, tief in China, getragen wird.

Doch dieser Tjubetejka-Träger hat stahlblaue Augen: ein Russe.

S.164

Ihr alle, deren Moscheen und Altäre zerstört wurden, deren Glaube

und Bräuche von den Zaren und Unterdrückern Rußlands geschändet

wurden] Fortan sind Euer Glaube und Eure Bräuche, Eure nationalen

und kulturellen Einrichtungen frei und unantastbar.

*

Der Islam ist eine antiwissenschaftliche, reaktionäre

Weltanschauung, die der wissenschaftlichen

marxistisch-leninistischen Auffassung fremd und feindlich

gegenübersteht. Der Islam steht im Widerspruch zu der optimistischen

und lebensbejahenden materialistischen Lehre. Er ist unvereinbar mit

den fundamentalen Interessen der Sowjetvölker. Er hindert die

Gläubigen daran, aktive und gewissenhafte Erbauer der

kommunistischen Gesellschaft zu sein.

*


DER SPIEGEL 14/1980
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Sowjet-Asien: Jagd nach sicheren Grenzen