31.03.1980

KATASTROPHENGebrochene Hüfte

Jedem Orkan sollten die fünfbeinigen Bohrinseln aus Frankreich widerstehen - letzte Woche brach sich dennoch die „Alexander Kielland“ ein Bein und kenterte.
Alle glaubten, jetzt ist es zu Ende", erinnerte sich der britische Ölarbeiter Tony Sylvester, 35, einer der Überlebenden. "Es krachte fürchterlich, und kurz darauf noch einmal, und dann kippte das ganze Ding um 45 Grad auf die Seite."
Windböen mit Stärke zehn und sechs bis acht Meter hohe Wellen zerrten an den stählernen Aufbauten, als am Donnerstag letzter Woche, 385 Kilometer vor der norwegischen Küste, die Bohrinsel S.239 "Alexander Kielland" kenterte. Es war die bislang schwerste Katastrophe in der Geschichte der Nordsee-Ölförderung.
Die Bohrarbeiter kehrten, gegen 18.30 Uhr, gerade von der Tagschicht auf der benachbarten Förderplattform "Edda" zurück; andere lagen schon in den Kojen, aßen oder hatten mit dem kargen Feierabendvergnügen begonnen: Etwa 50 Männer saßen im Bordkino -- für die meisten von ihnen wurde es zur tödlichen Falle.
"Ein schreckliches Chaos", so Tony Sylvester, brach an Bord aus, als das Unglück geschah: Von den fünf Stützpfeilern der schwimmenden Wohnplattform knickte einer weg; etwa 15 Minuten später kippte der 10 000 Tonnen schwere Koloß samt Wohnaufbauten und Bohrturm ins Meer. Wie ein kampfunfähiger, auf dem Rücken schwimmender Elefant trieb die "Alexander Kielland" im Wasser; das abgebrochene Riesenbein schwamm abseits in der aufgewühlten See.
Zwei Dutzend Schiffe, sechs Hubschrauber und eine Reihe von Beobachtungsflugzeugen beteiligten sich an der Rettungsaktion -- der größten seit dem Zweiten Weltkrieg, wie die Royal Air Force bekanntgab.
Aber nur 91 der 228 Männer, die sich zur Unglückszeit auf der Wohninsel befunden hatten, konnten bis Freitag nacht letzter Woche lebend geborgen werden. 39 Tote wurden aus dem Wasser gefischt. Für die 98 Vermißten bestand nach menschlichem Ermessen keine Überlebenschance mehr. Denn die Hoffnung, einige der Eingeschlossenen S.240 könnten sich in eine Luftblase gerettet haben, zerschlug sich: Taucher stellten fest, daß die Fensterscheiben des in der See treibenden Wracks zerbrochen waren.
"Wir haben nicht die geringste Ahnung, was zu dem Desaster geführt haben könnte", erklärte am Freitag in London ein Sprecher der Ölgesellschaft "Philips Petroleum", die für ihre Arbeiter die Plattform gechartert hatte. Auch die französische Herstellerfirma CFEM, die das fünfeckige, schwimmende Monstrum (Typenbezeichnung: "Pentagon P 89") 1976 in Dünkirchen gebaut hatte, stand vor einem Rätsel. CFEM-Direktor Michel Rivat: "Das Unglück ist uns völlig unerklärlich."
Insgesamt elf Plattformen dieses Typs, sieben davon bei CFEM hergestellt, gäbe es auf der Welt, erläuterte Rivat, und bislang habe es "noch nie Ärger damit gegeben". Die fünffüßige Bohrinsel sei so konstruiert, daß sie selbst 30 Meter hohen Wellen standhalten könnte.
Mit welch extremen Belastungen -für Menschen wie für die Technik -sie es in dieser rauhen Zone der Welt zu tun haben würden, war den "Offshore"-Planern klar, als der große Run auf das unterseeische Öl begann. In immer unwirtlichere Breitengrade und zu immer größeren Meerestiefen wurden Bohrtürme vorgeschoben.
46 schwimmende Bohrinseln und fast drei Dutzend Förderplattformen wurden bislang schon in der Nordsee installiert. Zu den am intensivsten genutzten Gebieten gehört, etwa in der geographischen Mitte der Nordsee, das Bohrfeld "Ekofisk", wo die Fördertürme schon auf Sichtweite beieinanderstehen -- einer von ihnen "Edda", dem S.241 die verunglückte Wohnplattform "Kielland" beigeordnet war.
Eine "Stadt auf Stelzen", mitten im Meer, so nennen Bohrleute das Fördergebiet Ekofisk, wo vor elf Jahren das erste Nordseeöl entdeckt und zwei Jahre später der erste Öltanker beladen wurde. Mittlerweile arbeiten fast 20 000 Männer über den Öl- und Gasfeldern zwischen dem Kanaleingang und den Shetland-Inseln; sie holen derzeit jährlich rund 100 Millionen Tonnen Erdöl und 50 Milliarden Kubikmeter Gas ans Licht. 60 000 Mark und mehr verdienen die Bohrmänner im Jahr, aber es bleibt, wie sie sagen, "die beschissenste Art, nach Öl zu bohren, die es gibt".
Die Männer arbeiten in einem 14-Tage-Rhythmus: zwei Wochen lang je eine 12-Stunden-Schicht pro Tag, dann zwei Wochen Urlaub an Land. Der Dreck und der Lärm am Bohrloch sind kaum vorstellbar, die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung dürftig: Tischtennis, Billard und Bordkino. Alkohol ist an Bord strikt verboten.
Die Unfallgefahr auf den Ölbohrinseln ist zehnmal so hoch wie bei der Arbeit unter Tage. Allein im britischen Teil der Nordsee-Ölfelder gab es schon 70 Tote und 100 Schwerverletzte; am meisten gefährdet sind Taucher.
Die am Meeresboden fest installierten Förderplattformen haben mittlerweile Abmessungen, die über Tage den Kölner Dom oder das Ulmer Münster leicht in den Schatten stellen würden: An die 250 Meter Bauhöhe erreichen die derzeit größten in der Nordsee verankerten Förderplattformen. Mit einem Gewicht von 605 000 Tonnen ist etwa die in Schottland gebaute Plattform "Ninian" die größte bisher von Menschenhand gefertigte bewegliche Konstruktion.
120 bis 140 Leute können auf diesen sturmumtosten Arbeitsplattformen wohnen; aber mitunter, etwa in der technisch schwierigen Anfangsphase der Förderung, werden bis zu 1100 Arbeitskräfte auf der Ölplattform gebraucht.
In solchen Fällen chartern die Ölgesellschaften zusätzliche Wohn-Inseln, fast luxuriös anmutende schwimmende Hotels, die, je nach Seegang, etwa 40 oder 100 Meter von der Förderplattform entfernt verankert werden. Ein stählerner Steg verbindet Förderplattform und Wohn-Insel.
Der Verbindungssteg zur Förderplattform "Edda" brach sofort, als am Donnerstag letzter Woche die "Alexander Kielland" ins Wanken geriet. Die "Kielland", ursprünglich eine schwimmende Bohrplattform, war in Norwegen zu einer Unterkunft für Ölbohr-Arbeiter umgebaut worden.
Dieser Umbau -- ein Sprecher der Herstellerfirma: "Als wenn man einen S.244 PKW in einen Lieferwagen ändert" -könnte ursächlich zu dem Desaster beigetragen haben, so spekulierten Ende letzter Woche die Experten:
* Um die Plattform später wieder als Bohrinsel nutzen zu können, wurde der 200 Tonnen schwere Bohrturm beim Umbau nicht entfernt. Zusammen mit den zusätzlichen Wohnaufbauten könnte dadurch der Schwerpunkt höher gerutscht sein, als ursprünglich berechnet.
* Die vierstöckige Unterkunft füllt nur die eine Hälfte der etwa fußballfeldgroßen Plattform; die andere Hälfte wurde als Hubschrauberlandeplatz genutzt. Dadurch könnte der Schwerpunkt an den Rand der Plattform verrutscht sein.
Ungewiß blieb bis zum Wochenende, wie es überhaupt zum Abbrechen des Pfeilers "D" hatte kommen können. Die Bruchstelle lag, wie ein Experte erläuterte, an dem "kritischen Punkt, sozusagen dem Hüftgelenk, wo der Stützfuß mit der Bohrinsel verbunden ist". Die Vermutung, 30 oder 40 Stahlflaschen mit Acetylen und Sauerstoff in einem Lager über der Säule "D" könnten explodiert sein und den Bruch bewirkt haben, war nur eine von zahlreichen Spekulationen.
Doch auch auf vier Beinen, so die Meinung der Experten, hätte die Insel eigentlich standfest bleiben müssen -es sei denn, der Schwerpunkt hatte sich gegenüber der ursprünglichen Konstruktion verschoben.
Zudem war durch die Aufbauten die Angriffsfläche für den Wind erheblich vergrößert -- beides zusammen kann möglicherweise zu der 45-Grad-Neigung und sodann zum Kentern der schwimmenden Unterkunft geführt haben.

DER SPIEGEL 14/1980
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